Toccata 02/2022

Jean-Marie Leclair: Violinsonaten Der franzo sische Geiger und Barockkomponist JeanMarie Leclair (16971764) arbeitete zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn als Ta nzer und Ballettmeister in Lyon und Turin, bevor er sich im Alter von ca. 30 Jahren ganz der Violine, seinem Lieblingsinstrument, verschrieb. Nach seiner Zeit als „Ordinaire de la musique du roi“ am Hofe Ludwigs XV. in den Jahren 1733-1737, wirkte er in den Niederlanden und in Spanien, bevor er im Jahre 1748 als musikalischer Direktor und erster Violinist am Privattheater des Herzogs Antoine VII. de Gramont bei Paris eine hoch dotierte Stelle antrat. In seinen letzten Lebensjahren sonderte sich Leclair - der zeitlebens als “schwieriger Charakter” galt - zunehmend von der Gesellschaft ab und fand im Oktober 1764 einen nie aufgekla rten gewaltsamen Tod. Leclair, der als der Begründer der französischen Violinschule gilt, verband geschickt italienische Virtuosität mit dem kantablen und tonschönen Spiel seiner französischen Vorbilder. Er begegnete in seiner Turiner Zeit (ca. 1722-30) dem berühmten Geiger und Corelli-Schüler Giovanni Battista Somis, bei dem er sein Violinspiel vervollkommnete und damit begann, vier Bände à 12 Sonaten für Violine und Basso Continuo zu veröffentlichten. Der erfahrene Barockgeiger David Plantier präsentiert gemeinsam mit seinem Ensemble Les Plaisirs du Parnasse auf seiner Neuaufnahme beim belgischen Label Ricercar eine repräsentative Auswahl von fünf Sonaten aus den insgesamt 48 Violinsonaten Jean-Marie Leclairs. Auf seiner Violine, einer Guadagnini aus dem Jahr 1766, musiziert Plantier mit tänzerischer Eleganz und dezenter Artikulation. Er bewätligt mühelos die hohen technischen Anforderungen und scheut sich nicht den musikantisch-volkstümlichen Passagen einen rauere Tongebung angedeihen zu lassen und damit vom französischen Ideal des schönen Klangs abzuweichen. Seine langjährigen Kammermusikpartner von Les Plaisirs du Parnasse musizieren auf höchstem Niveau und mit eindrucksvoller Artikuklation. Ein hinreissendes Plädoyer für Leclairs anspruchsvolle und unterhaltsame Kammermusik! Wolfgang Reihing Jean-Marie Leclair: Violin sonatas. David Plantier, Les Plaisirs du Parnasse. Ricercar, RIC 431. Aufnahme: April 2021, !& © 2021 (1 CD). Venezianische Triosonaten von Vivaldi und Reali Das große Verdienst der neuen CD des Barockensembles "Le Consort" bei Alpha Classics besteht in der Wiederentdeckung des nahezu unbekannten venezianischen Geigers und Komponisten Giovanni Battista Reali (1681–1751), der neben dem drei Jahre älteren und berühmteren Antonio Vivaldi zu seiner Zeit als bedeutender Violinvirtuose gefeiert wurde. Immerhin war Venedig im 18. Jahrhundert ein bedeutendes kulturelles Zentrum, sozusagen eine “Stadt der Kunst”, deren Künstler einen großen Einfluss auf europäische Kollegen ausübte. Über Reali selbst ist wenig bekannt, nur dass er Geiger am Teatro San Fantin war und ab 1727 als Kapellmeister des Herzogs von Guastalla wirkte. Théotime Langlois de Swarte und Sophie de Bardonnèche an der Barockgeige, Hanna Salzenstein am Barockcello und der umtriebige Justin Taylor am Cembalo bilden seit einigen Jahren den Kern von “Le Concert”. Sie sind durch außerordentlich lebendige und improvisationsfreudige Konzerte und Aufnahmen aufgefallen und sind auch in anderen Ensembles gern gesehene Solisten oder Kammermusiker. Die Gegenüberstellung der beiden “Konkurrenten” Vivaldi und Reali macht den besonderen Reiz der neuen Aufnahme aus. Beide Komponisten beziehen sich in ihren Opus 1 auf die 48 Triosnaten des innovativen Arcangelo Corelli und entwickeln diese Form jeweils behutsam weiter. Eingerahmt von den temperamentvollen Folia-Variationen beider Komponisten, bezaubern im Mittelteil die intimer gehaltenen Sonaten, die von den Musikern lustvoll ausgehorcht und mit feinfühliger Phrasierung gestaltet werden. Es ist eine große Freude, dem Wettstreit der beiden Violinen und der Interaktion mit den agilen Musikerfreunden zu folgen. So entsteht ein unwiderstehlicher Sog, der dazu führte, dass ich mir die Scheibe mehrmals anhören musste. Ein Füllhorn venezianischer Kammermusik mit zahlreichen Ersteinspielungen. Wolfgang Reihing Specchio Veneziano: Reali, Vivaldi. Le Consort. Alpha Classics, 771. Aufnahme: März 2021, ! & © 2021 (1 CD). Mare Balticum Vol. 4: Pommern Das aufwändige CD-Projekt “Mare Balticum” des Baseler Ensemble Peregrina - alle beim audiophilen Label TACET erschienen - findet mit der soeben erschienenen vierten Folge seinen krönenden Abschluß. “Mare Balticum” möchte das musikalische Erbe der Ostseeregion des zwölften bis fünfzehnten Jahrhunderts beleuchten und politische und kulturelle Gemeinsamkeiten der mittelalterlichen Länder Dänemark, Finnland, Schweden, Deutschland und Polen erfahrbar machen. Der lokale Charakter einer bestimmten Küstenregion der Ostsee wird in ihrem historischen und kulturellen Kontext mit großer wissenschaftlicher Sorgfalt sowie unter Berücksichtigung der jeweiligen landesspezifischen Heiligen und Regenten erforscht. Die vierte Folge bringt uns nun die mittelalterlichen Musikkultur des nördlichen Teils von Polen und Deutschland des 14.- und 15. Jahrhunderts nahe. Die CD ist in sieben Teile gegliedert: Kompositionen, die bedeutenden historischen Persönlichkeiten gewidmet sind (z.B. dem pommerschen Bischof Otto von Bamberg und dem Minnesänger Wizlav von Rügen), wunderschöne Stella-Maris-Vertonungen, Ausschnitte aus der Bordesholmer Marienklage, fünf marianische Stücke und vier weihnachtliche Gesänge aus norddeutschen Frauenklöstern. Die erlesenen Sänger um Ensembleleiterin Agnieszka Budzi ska betören durch perfekte Intonation und berückende Schlichtheit des Vortrags, finden stets ihren ganz eigenen natürlichen Rhythmus. Die meist einstimmigen Werke werden - neben rein vokaler Darbietungen - in vielen Stücken von Fidel, Flöte und mittelalterlicher Laute farbenreich begleitet. Hier fügen sich Bapstiste Romain, Mara Winter und Marc Lewon harmonisch in den ausgeglichenen Gesamtklang ein, der vom TACET-Inhaber und Aufnahmeleiter Andreas Spreer vorbildlich eingefangen wird. Wer die Möglichkeit besitzt, MehrkanaltonAufnahmen auf seiner Anlage abzuspielen, kann mit erweitertem Genuß in die gleichzeitig ferne und nahe Musikwelt eintauchen. Wolfgang Reihing Mare Balticum Vol. 4: Pomerania - Music from Northern Germany and Poland (14th-15th century). Tacet, S 273. Aufnahme: März 2019, ! & © 2021 (1 SACD, Tacet Real Surround Sound). Rondeau-Variationen Nach langer und intensiver Auseinandersetzung mit dem Tastenwerk von Johann Sebastian Bach, traut sich der vielseitige und progressive Cembalist Jean Rondeau an einen Meilenstein der Musikliteratur herTOCCATA - 118/2022 CD-TIPPS 20

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