Toccata 02/2022

an: Bachs Goldbergvariationen. Die "Aria mit verschiedenen Veränderungen" soll für den russischen Grafen Hermann Carl von Keyserlingk und dessen jungen Cembalo-Virtuosen Johann Gottlieb Goldberg komponiert worden sein, angeblich zur Schlafförderung. Dieses in sich absolut stimmige Kunstwerk, mit seiner hochkomplexen kompositorischen Struktur, macht sich Jean Rondeau mittels seiner Neueinspielung bei ERATO ganz zu eigen und erforscht souverän und eigenwillig die Tiefen dieser Variationen. Er orientiert sich an Bachs Originalmanuskript mit all dessen Notizen und Korrekturen und exakten Wiederholungen. Rondeau horcht hinter jede einzelne Note und versucht sich eine eigentlich unmögliche Unbefangenheit zu bewahren; bei all den maßstabsetzenden Aufnahmen von Glenn Gould bis Rosalyn Tureck, von Pierre Hantaï bis David Fray sicher keine Leichtigkeit. Bei den ruhigen Veränderungen lässt Rondeau sich viel Zeit, während er bei den schnelleren Partien durchweg forsch und vorwärtsdrängend agiert. Dowlands "Times stands still" könnte das Motto von Jean Rondeaus Interpretation sein. Wir können ihm beim Denken und Fühlen zuhören, erst ins Heiße, dann ins Kalte springend, und - bei allem Experimentieren - ist Rondeau für mich ganz nah dran an der Musik und nie in Gefahr, artifiziell oder extravagant zu wirken. Die natürliche Akustik der Église Notre-Damede-Bon-Secours in Paris und die exzellente Aufnahmeleitung von Aline Bondiau unterstützen auf ideale Weise Rondeaus Interpretationsansatz. Sein Cembalo - ein farbenreiches Instrument von Jonte Knif und Arno Pelto aus dem Jahre 2006 nach deutschen Modellen - blüht unter den Händen von Jean Rondeau regelrecht auf. Vielleicht keine Bach-CD für jedermann, aber ganz sicher ein Muss für den undogmatischen Cembalo-Connasseur! Wolfgang Reihing Johann Sebastian Bach: Goldberg Variations. Erato, 0190296508110. Aufnahme: April 2020, ! & © 2021 (2 CD). Barocke Blockflötenkonzerte vom Feinsten Das Zustandekommen der soeben beim niederländischen Label Challenge Classics erschienenen CD "Thomascantors in dialogue" mit dem jungen Alte-Musik-Ensemble The Counterpoints XL, verdankt sich einem Online-Wettbewerb namens "Huiskamerchallenge" des Radiosenders ClassicNL für Musiker, die sich 2020 pandemiebedingt in häuslicher Isolation befanden. Der Blockflötenspezialist und Counterpoint-Mitbegründer Thomas Triesschijn gewann den Hauptpreis mit seinem Video-Beitrag, dem Allegro für fünf Flöten und b.c. von Boismortier, wobei er selbst fünf mal auf der Blockflöte und einmal auf dem Cembalo in verschiedenen Kostümen spielte. Der Hauptpreis beinhaltete ein Aufnahmeprojekt bei Challenge Classics, eben die nun vorliegende CD. Thomas Triesschijn begann im Alter von sieben Jahren sein Musikerdasein mit Chor- und Blockflötenunterricht und studierte anschließend am Königlichen Konservatorium in Den Haag. Im Jahre 2016 schloss er sein Masterstudium an der Universität der Künste Utrecht ab. Noch während seines Studiums gründete Thomas Triesschijn zusammen mit der Cembalistin Aljosja Mietus ein Duo, das sich mittlerweile zum Quartett The Counterpoints erweitert hat, bzw. zu Counterpoints XL in größerer Besetzung. Gleich die Counterpoints-Debüt-CD "La Querelleuse" mit Kammermusik von Georg Philipp Telemann wurde im Juni 2019 mit dem "Gramophone Editor's Choice" geehrt, was dem jungen Ensemble enorme Aufmerksamkeit bescherte. Durch den Radiopreis konnte sich das Ensemble nun einen lang gehegten Traum erfüllen: Musik für Solo-Blockflöte und Orchester aufzunehmen, und zwar mit Werken von vier Komponisten, die sich nach dem u berraschenden Tod des bisherigen “Leipziger Musikmeisters” Johann Kuhnau am 5. Juni 1722 als dessen Nachfolger beworben hatten: Johann Sebastian Bach, Georg Philipp Telemann, Johann Friedrich Fasch und Christoph Graupner kamen in einem langwierigen Findungsprozess in die engere Auswahl. Wer die Stelle dann letztendlich erhielt - wenn auch als 4. Wahl - ist dem informierten Musikliebhaber hinlänglich bekannt. Den Counterpoints bei ihrer kreativen Auseinandersetzung mit den sehr individuellen Blockflötenkonzerten zuzuhören - darunter das rekonstruierte Konzert BWV 1053R von J.S. Bach - ist ein außerordentlich großes Vergnügen! Mit mitreissendem Spielwitz, präziser Intonation und intelligenter Phrasierung, verleihen sie jedem Werk eine enorme Lebendigkeit und Frische, wie sie nicht oft zu hören ist. Thomas Triesschijn mit seinem verführerischen Blockflötenklang phrasiert ausgesprochen phantasievoll und nie vordergründig virtuos. Er gibt nicht den kecken Solisten, sondern stellt unter Beweis, dass er sich als integren Ensemblespieler versteht. Eine durch und durch fesselnde Aufnahme! Wolfgang Reihing Thomascantors in dialogue. Telemann, Fasch, J.S. Bach, Graupner. Thomas Triesschijn, The Counterpoints XL. Challenge Classics, CC 72903. Aufnahme: August 2021, !& © 2022 (1 CD). Mirabilia Musica Mit großer Neugierde erwartete ich eine Neuerscheinung des Labels Ramée, auf der das etablierte Baseler La Morra Ensemble Musik aus dem spätmittelalterlichen Krakau unter die Lupe nimmt. Die Musikgeschichte Krakaus reicht weit zurück bis in das Jahr 1100 und auch im 21. Jahrhundert ist Musik jeder Coleur überall präsent: Klassik, Klezmer, Jazz, Pop - und Straßenmusik prägen heute die reichhaltige und lebendige Kulturlandschaft. Bis 1596 war Krakau politische, wirtschaftliche und kulturelle Hauptstadt Polens. Aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts haben die beiden La MorraGründer - die Cembalistin und Blockflötistin Corina Marti und der Lautenist Michal Gondko - zwei überlieferte Handschriften aufmerksam studiert und eine aparte Auswahl an geistlichen Vokalwerken zusammen gestellt. Einflüsse italienischer und französischer Kompositionen dieser Zeit sind unüberhörbar, andererseits stoßen wir immer wieder auf kokales Kolorit, geprägt von oft archaisch klingender Polyphonie. Es sind auf dieser CD auch etwas komplexere Werken zu hören, z.B. von Mikołaj Radomski, einem mysteriösen polnischen Komponisten, von dem man außerhalb der Handschriften nichts erfahren kann. Das Ensemble setzt sich aus vier betörenden Singstimmen und drei erfahrenen Instrumentalisten zusammen. Gemeinsam und im Wechsel beleucht La Morra diese ganz besondere Klangwelt mit natürlichem Ausdruck und großer Spielfreude, dabei sehr gut aufeinander eingespielt und stilistisch über jeden Zweifel erhaben. Ein begeisternder Einblick in das Musikleben des spätmittelalterlichen Krakau jenseits aller Mittelalter-Klischees! Wolfgang Reihing Mirabilia Musica - Echoes from Late Medieval Cracow. La Morra, Corina Marti, Michal Gondko. Ramée, RAM 2008. Aufnahme: Dezember 2020, ! & © 2021 (1 CD). 21 TOCCATA - 118/2022 CD-TIPPS

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