Toccata 02/2022

And the sun darkened - Musik für die Passionszeit New York Polyphony BIS - 2277 (2018; 59') Victoria: Passion - Officium Hebdomadae Sanctae La Capella Reial de Catalunya, Hespèrio XXI, Jordi Savall AliaVox - AVSA9943 (3 CDs) (2018, Live-Mittschnitt; 3.22') F Couperin: Leçons de Ténèbres. Sophie Junker, Florie Valiquette (Sopran), Orchestre de l'IOpéra Royal, Stéphane Fuget Château de Versailles Spectacles - CVS034 (2020; 53') JS Bach: Matthäus-Passion (BWV 244). Isabel Schicketanz (Sopran), Marie Henriette Reinhold (Alt), Patrick Grahl, Benedikt Kristjánsson (Tenor), Peter Harvey, Kresimir Strazanac (Bass), Gaechinger Cantorey, Hans-Christoph Rademann Accentus Music - ACC30535 (2 CDs) (2020; 2.37') Stölzel: Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld Veronika Winter (Sopran), Franz Vitzthum (Altus), Markus Brutscher (Tenor), Martin Schicketanz (Bass), Rheinische Kantorei, Das Kleine Konzert/Hermann Max CPO - 555 311-2 (2 CDs) (2019; 1.50'28") CH Graun, JS Bach & Telemann: Wer ist der, so von Edom kömmt. Ágnes Kovács (Sopran), Péter Bárányi (Altus), Zoltán Megyesi (Tenor), Lóránt Najbauer (Bass), Purcell Choir, Orfeo orchestra, György Vashyi Glossa - GCD 924011 (2 CDs) (2020; 1.54') Händel: Brockes-Passion (HWV 48). Sandrine Piau (Sopran), Stuart Jackson (Tenor), Konstantin Krimmel (Bariton), Arcangelo, Jonathan Cohen Alpha - 644 (2 CDs) (2019; 2.41') Pergolesi, Vivaldi: Stabat mater. Samuel Mariño (Sopran), Filippo Mineccia (Altus), Orchestre de l'Opéra Royal, Marie Van Rhijn Château de Versailles Spectacles - CVS033 (2020; 78') Pergolesi/Iribarren: Contrafacta. María Espada (Sopran), Carlos Mena (Altus), Orquestra Barroca de Sevilla, Enrico Onofri Passacaille - PAS 1094 (2017; 59') FJ Haydn: Stabat mater, Symphonien 84 & 85. lorie Valiquette (Sopran), Adèle Charvet (Alt), Reinoud Van Mechelen (Tenor), Andreas Wolf (Bass), Ensemble Aedes, Le Concert de la Loge, Julien Chauvin Aparté - AP245 (2 CDs) (2019; 1.45') Graupner: Osterkantaten. Jan Jerlitschka (Altus), Sebastian Hübner (Tenor), Johannes Hill (Bass), Knabenchor Capella Vocalis, Pulchra Musica Baroque Orchestra, Christian Bonath Capriccio - C5411 (2019; 58') Telemann: Osterkantaten. Johanna Winkel (Sopran), Margot Oitzinger (Alt), Georg Poplutz (Tenor), Peter Kooij (Bass), Kölner Akademie, Michael Alexander Willens CPO - 555 425-2 (2020; 72') Schweitzer: Die Auferstehung Christi. Mirelle Hagen (Sopran), Henriette Gödde (Alt), Tobias Schäfer (Tenor), Tobias Berndt (Bass), Thüringer Bach Collegium, Gernot Süßmuth Capriccio - C5425 (2 CDs) (2020; 1.40') Musik zur Passions- und Osterzeit Im Laufe des vergangenen Jahres sind wieder mehrere Aufnahmen mit Musik für die Passionsund Osterzeit erschienen. Das Repertoire reicht von der Renaissance bis zum späten 18. Jahrhundert. Die zwei ersten Aufnahmen bringen Musik der Renaissance. Allerdings singt das Ensemble New York Polyphony nicht nur Musik der Renaissance, sondern auch zeitgenössische Werke, darunter auch Kompostionen, die es in Auftrag gegeben hat. Die hier zu rezensierende CD mit Passionsmusik ist ein Beispiel ihres Repertoires: neben Werken von Compère, Josquin, Willaert und La Rue erklingen hier Stücke von Andrew Smith (geb. 1970) und Cyrillus Kreek (18891962). Compère nimmt eine zentrale Stellung ein: das Programm fängt mit seiner Motette Crux triumphans an, und daneben erklingt das Officium de Cruce. Dabei handelt es sich um einen Zyklus von neun Motetten: die erste ist eine Vertonung eines Textes aus dem Philipperbrief des Apostels Paulus, die zweite ist eine Antiphon für Karfreitag. Die übrigen sieben Motetten sind Vertonungen einer Hymne des 14. Jahrhunderts. Compère hat diesen Zyklus wahrscheinlich für die Kapelle des Mailander Herzogs Galeazzo Maria Sforza komponiert. Interessanterweise hat Josquin mehrere dieser Texte auch als Zyklus vertont, und auch dieses Werk könnte in Mailand entstanden sein. Von ihm erklingt hier Tu pauperum refugium, nicht unbedingt eine Passionsmotette, aber ein Gebet um Beistand, in dem Jesus als Erlöser angerufen wird, und deswegen durchaus passend in diesem Programm. Am Kreuze zitierte Christus den 22. Psalm, und Verse aus diesem Psalm hat der estnische Komponist Cyrillus Kreek vertont, in einem Idiom, das Elemente estnischer Volksmusik und der Kunstmusik des 19. Jahrhunderts vermischt. Daraus lässt sich schon schliessen, dass man dieses Werk kaum als 'modern' bezeichnen kann. Salme 55 von Andrew Smith ist ein Beispiel eines Auftragswerkes. Es basiert auf das Theaterstück Notes for a Requiem, das das Leben des italienischen Komponisten Carlo Gesualdo dramatisiert. Daraus hat der Komponist für das Ensemble Verse des 55. Psalms herausgenommen und sie für die vier Stimmen des Ensembles bearbeitet. Man hört hier viel modernere Klänge als bei Kreek, aber ich glaube nicht, dass viele Liebhaber alter Musik an diesem Werk Anstoss nehmen werden. Auf jeden Fall habe ich es ohne viel Probleme anhören können. New York Polyphony könnte man mit dem ehemaligen Hilliard Ensemble vergleichen. Die Besetzung ermöglicht eine optimale Durchsichtigkeit des polyphonen Gewebes, und das wirkt sich in diesem Repertoire sehr gut aus. Auch die (spärlichen) Elemente von Textausdruck kommen hier voll zum Tragen. Zu den beliebtesten Werken für die Passionszeit gehören die Responsorien der Karwoche. Die Fassungen von Carlo Gesualdo und Tomás Luis de Victoria werden häufig aufgeführt und liegen in mehreren Einspielungen vor. In beiden Fällen sind sie Teil eines grösseren Ganzen, das aber selten vollständig aufgezeichnet wird. Jetzt liegt eine Gesamtaufnahme der Sammlung von Victoria vor: 1585 veröffentlichte er das Officium Hebdomadae Sanctae. Darin befindet sich die Musik für den Palmsonntag sowie für den Karfreitag und den Karsamstag. Neben den Responsorien enthält sie auch die Lamentationen und eine Vertonung des Busspsalms 50 (51), Miserere mei Deus. Und dann gibt es noch zwei Passionen: die Matthäus-Passion für Palmsonntag und die Johannes-Passion für den Karfreitag. In diesen Passionen hat Victoria aber nur die Turbae mehrstimmig vertont; für die übrigen Partien (Evangelist, Jesus, weitere Personen) müssen die Interpreten auf gregorianische Gesänge zurückgreifen. Das Ensemble Colombina hat diese Sammlung vor fast zwanzig Jahren schon mal aufgenommen (Glossa, 2005) und jetzt liegt eine Neuaufnahme unter der Leitung von Jordi Savall vor. Es gibt einige klare Unterschiede. Erstens: es handelt sich hier um Live-Aufführungen, mit all ihren Vor- und Nachteilen. Zweitens: wo das Ensemble Colombina alle Stimmen solistisch besetzt, setzt Savall dann und wann auch mal Ripienisten ein. Drittens: La Colombinas Aufführung ist von Anfang bis Ende a cappella; Savall setzt hier und da auch Instrumente ein: ein Gambenconsort, und zur Verstärkung des Basses ein Dulzian. Neben den notwendigen gregorianischen Gesängen hat Savall noch weitere Gesänge ausgewählt, um das Ganze in einen liturgischen Rahmen zu stellen. Es gibt also genug Differenzen um diese beiden Einspielungen als Ergänzungen zu betrachten oder als zwei unterschiedliche Interpretationsansätze. Ich schätze sie beide, und möchte keinem der beiden den Vorzug geben. Ob die Glossa-Aufnahme noch erhältlich ist, weiss ich nicht. Wer diese Sammlung noch nicht im Schrank hat, hat jetzt die Gelegenheit diese Lücke zu schliessen. Die Musik ist, wie immer bei Victoria, wunderschön und lädt zum wiederholten Anhören ein. Die Capella Reial singt ausgezeichnet, sowohl in den einstimmigen als in den mehrstimmigen Gesängen und Abschnitten. Wie immer bei AliaVox-Produktionen, wird die Aufnahme von einem ausführlichen Textbuch begleitet. Darin finden sich mehrere Aufsätze zur Musik und zum historischen Zusammenhang sowie alle Gesangstexte, alles auch auf deutsch. Wo die Passionen eine zentrale Stellung im deutschen Passionsrepertoire einnehmen, sind die Leçons de Ténèbres ein fester Bestandteil des französischen Repertoires. Es handelt sich um Vertonungen der Klagelieder des Jeremias, die meistens für eine oder mehrere Solostimmen und Basso continuo gesetzt sind. Mehrere Komponisten haben zu dieser Gattung beigetragen, wie Michel Lambert und MarcAntoine Charpentier. Die weitaus bekanntesten Vertonungen sind die drei Leçons de Ténèbres von François Couperin, die für den ersten Tag des Triduum sacrum bestimmt sind. Die ersten zwei sind für eine Solostimme gesetzt, die dritte ist für zwei Stimmen. Es gibt viele Aufnahmen dieser Werke, und dabei gibt es zwei Herangehensweisen: eine eher lyrische, und eine, die die dramatischen Elemente benachdruckt. Die Neuaufnahme unter der Leitung von Stéphane Fuget gehört zur zweiten Kategorie. Der italienische Einfluss, der in Couperins Vertonungen unverkennbar ist, kommt hier klar zum Tragen. Ein gutes Beispiel ist der vierte Abschnitt der ersten Leçon: "Alle Tore der Stadt stehen öde, ihre Priester seufzen, ihre Jungfrauen sehen jammervoll drein, und sie ist betrübt." Es ist durchaus üblich, diesen Leçons von Couperins Ostermotette 'Victoria Christo resurgenti' folgen zu lassen, und TOCCATA - 118/2022 CD-UMSCHAU 22

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