Toccata 02/2022

das ist auch hier der Fall. Aber zunächst erklingt noch ein Werk von Michel-Richard de Lalande, die Cantique quatrième Sur le Bonheur des Justes et le Malheur des Réprouvés, auf einem Text von Jean Racine. Es ist ein Klaglied über die Sünde der Menschen und die Bosheit in der Welt, und damit ist es eine sinnvolle Erweiterung der Leçons de Ténèbres. Das Label Château de Versailles Spectacles hat sich in den letzten Jahren zu einem wichtigen Spieler im Bereich der alten Musik entwickelt. Leider hält das Niveau der Textbücher keinen Schritt mit dem musikalischen Gehalt der Produktionen. Es enthält alle Gesangstexte - auch auf deutsch - sowie einige Ausfúhrungen über die Ornamentationspraxis in französischer Barockmusik von Stéphane Fuget - interessant, aber die Verbindung mit dem aufgeführten Repertoire bleibt unklar - aber über die Musik kein Wort. Zwar gibt es eine Biographie von Couperin, aber nichts über die hier aufgenommenen Werke. Im Falle der Leçons de Ténèbres ist das zu verschmerzen, da sie sehr bekannt sind, aber über das Werk von Lalande hätte man doch gerne etwas erfahren. Leider kann ich die hier gebotenen Darbietungen nicht wirklich positiv beurteilen, und das liegt - wie üblich - an das Dauervibrato der beiden Sängerinnen, vor allem von Florie Valiquette. Das ist generell nicht erwünscht, aber hier schon gar nicht. Glücklicherweise gibt es mehrere Alternativen. Bei der Cantique von Lalande sieht das anders aus: soviel ich weiss, hat dieses Werk kaum Beachtung gefunden. Es gibt lediglich eine ältere Aufnahme von Les Arts Florissants. Wieder liegt eine Neuaufnahme der Matthäus-Passion von Bach vor, aufgenommen im November 2020, also mitten in der COVID-19Pandemie. Wie der Dirigent der Gaechinger Cantorey, Hans-Christoph Rademann, im Textheft schreibt, war es eine grosse Herausforderung unter diesen Umständen und unter Einhaltung der notwendigen Vorkehrungen, ein Werk wie dieses aufzunehmen. Dass es gelungen ist, ist aller Achtung wert, und man muss allen Mitwirkenden ein grosses Kompliment machen, dass es gelungen ist. Man wird sich auf den ersten Blick vielleicht wundern, wie eine Aufnahme dieses Werkes mit zwei CDs auskommt. Entgegen fast allen schon vorliegenden Aufnahmen, fängt der zweite Teil nicht auf der zweiten CD an. Man hat sich, vielleicht um Kosten zu sparen, dafür entschieden die ersten sechs Abschnitte des zweiten Teils dem ersten Teil auf der ersten CD folgen zu lassen. Ich habe es nicht als störend empfunden. Zunächst mal die Fakten: die Chöre und Choräle werden von einem Chor von zweimal dreizehn Sänger*innen dargestellt. Im ersten Teil singen drei weitere Sopranistinnen die Partie des Soprano in ripieno; auf den Einsatz von Knabenstimmen wurde - meiner Meinung nach aus gutem Grund - verzichtet; Die kleineren Rollen werden von Mitgliedern des Chors gesungen. Die Solisten der Hauptrollen nehmen an den Tutti nicht teil. Die Doppelchörigkeit wird bei den Solisten ignoriert: sie singen die Arien in beiden Chören. Die zwei Orchester sind beide mit fünf Geigen, zwei Bratschen, Violoncello und Kontrabass besetzt; dazu gibt es natürlich die benötigten Blasinstrumente. Im Basso continuo spielt kein Zupfinstrument, und als Tasteninstrumente wurden nur zwei Orgeln verwendet. Ich weiss nicht, ob Rademann grössere Orgel bevorzugt hätte, aber das war unter den Umständen sowieso wohl nicht möglich. Eine zentrale Rolle spielt der Evangelist, und mit der Auswahl von Patrick Grahl hatte Rademann eine glückliche Hand. Er agiert als echter Erzähler, und lässt auch mal die Emotion eines engagierten Wahrnehmers durchklingen. Generell ist das Tempo richtig, und sein Vortrag ist meistens rhythmisch auch frei genug. In der Rolle des Jesus hören wir Peter Harvey, der von vielen bewundert wird, den ich aber wenig interessant finde (eine reine Geschmackssache). Am Anfang fand ich ihn fast matt, aber mit der Zeit klingt er engagierter. Rein stimmlich sind alle Solisten sehr gut, und verfügen über angenehme Stimmen. Stilistisch und in der Interpretation können sie nicht immer überzeugen. Isabel Schicketanz habe ich in anderen Werken gehört und wusste dabei ihr Gesang zu schätzen. Hier hat sich ein nicht sehr grosses, aber deutlich wahrnehmbares Vibrato eingeschlichen, das ich bedauere und störend finde, vor allem in 'Aus Liebe', das sie übrigens sehr schön singt. Die tiefen Noten sind etwas schwach. Gleiches trifft auf Marie Henriette Reinhold zu; ich kann mich nicht erinnern, sie mal gehört zu haben. Sie hat eine schöne Stimme, aber eine Sängerin in der Altpartie ist heutzutage fast eine Ausnahme und gewöhungsbedürftig. 'Erbarme dich' ist schön, aber auch hier ist das Vibrato störend. Die Balance zwischen den beiden Sängerinnen im Duett 'So ist mein Jesus nun gefangen' ist nicht perfekt, aber das könnte durchaus den Umständen zuzuschreiben sein. Benedikt Kristjánsson ist ein exzellenter Sänger, dessen Stimme perfekt geeignet ist für dieses Repertoire. Er singt seine Arien sehr gut, aber etwas farblos; ich hätte etwas mehr erwartet. Dagegen war ich von Kresimir Strazanac positiv überrascht. Ich habe ihn einige Male gehört, und da war ich nicht beeindruckt. Hier singt er seine Arien sehr differenziert und einfühlsam. Die Chöre sind etwas zu massiv geraten, und lassen dann und wann etwas Schärfe und Biss vermissen. Der Eingangschor ist gut gelungen, der Schlusschor weniger. Die Choräle hätten mehr aus dem Text heraus gesungen werden sollen. Warum der Choral 'Wenn ich einmal soll scheiden' ohne Begleitung gesungen wird, ist mir nicht klar. Ausserdem ist das Tempo extrem langsam, und auch dafür kann ich keinen Grund entdecken. Das Orchester spielt gut und die Obligatpartien werden schön und technisch einwandfrei dargeboten. Abgesehen vom (nicht sehr grossen) Vibrato der beiden Solistinnen kann ich keinen aussschlaggebenden Grund finden, diese Aufnahme abzuraten. Leider kann ich auch keinen Grund entdecken, sie zu empfehlen. Insgesamt finde ich sie etwas blass, zu unverbindlich und arm an Profil. Es ist eine kompetente Interpretation, aber gegenüber einer so grossen Konkurrenz ist das nicht genug. Gottfried Heinrich Stölzel (1690-1749) gehörte zu den wichtigsten deutschen Komponisten seiner Zeit. Auch Bach scheint seine Musik geschätzt zu haben, denn am Karfreitag 1734 führte er dessen Passionsoratorium 'Die leidende und am Creutz sterbende Liebe Jesu', nach der Eröffnungszeile auch als 'Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld' bekannt, auf. Das Werk erklang 1720 zum ersten Mal am Hofe zu Gotha, wo Stölzel Kapellmeister war. Er soll gegen die 450 Kantaten und 11 Oratorien komponiert haben, aber leider ist der grösste Teil verloren gegangen. Das Passionsoratorium, das CPO auf den Markt gebracht hat in einer Aufnahme unter der Leitung von Hermann Max, ist eines von nur drei, die erhalten geblieben sind. Es ist in zwei verschiedenen Fassungen zu uns gekommen. Vor einigen Jahren erschien auf dem Label Glossa eine Aufnahme der Fassung, die in der Berliner Stadtbibliothek aufbewahrt wird, unter der Leitung von György Vashegyi. Darin ist der Evangelistenpart ganz gestrichen wie auch ein Drittel der Arien. Ich habe diese Aufnahme in Toccata 106 rezensiert, und obwohl ich die Interpretation sehr positiv beurteilte, sprach ich die Hoffnung aus, dass auch die originelle Fassung mal auf CD erscheinen würde. Das ist jetzt der Fall, denn für diese Aufnahme, die während des Bachfestes 2019 in der Thomaskirche zu Leipzig entstanden ist, hat Hermann Max sich gestützt auf die Stimmen, die sich in der Stadtbibliothek Sondershausen befinden. In dieser Stadt wurde das Werk mal aufgeführt, wie auch in Rudolstadt und Nürnberg. Das zeugt von der grossen Wertschätzung, die diesem Werk entgegengebracht wurde. Es war damals ganz üblich, ein Werk den lokalen Umständen und Möglichkeiten anzupassen. Die Sondershausener Fassung scheint dem Original von Stölzel am nächsten zu kommen. Gut möglich, dass das Werk hier etwa so erklingt, wie Stölzel es gemeint hat. Eine Besonderheit - und damit abweichend vom 'traditionellen' Passionsoratorium - ist, dass der Evangelist - abwechselnd von Tenor und Bass dargestellt - sich als ein zeitgenössischer Berichterstatter verhält, und die Ereignisse nacherzählt, als ob er selber dabei war. Jedes Solo des Evangelisten, in der Form eines Seccorezitativs, wird von einem begleiteten Rezitativ gefolgt, das in den Mund einer 'Gläubigen Seele' gelegt wird. Diese singt dann anschliessend eine Arie. Diese Rolle wird über die vier Solisten verteilt. Sie werden begleitet vom Orchester, entweder von den Streichern allein oder mit Beteiligung von Oboen. In einigen Arien gibt es Obligatstimmen, beispielsweise für Oboe, Blockflöte oder Viola da gamba. Die längste und wohl schönste und expressivste Arie ist die für Sopran im dritten Teil, "Ich finde mich beizeit mit Glauben, Reu und Leid bei dir, mein Heiland, ein", mit einer Obligatpartie für die Gambe. Sie wird hier wunderschön gesungen von Veronika Winter. Insgesamt ist die Interpretation ein sehr überzeugendes Plädoyer für dieses schöne Werk, das einen ganz eigenständigen Platz im deutschen Passionsrepertoires des Barock einnimmt. Die Akustik ist nicht ganz unproblematisch; dann und wann sind die solistischen Beiträge etwas unscharf. Ich hätte eine Studioproduktion bevorzugt. Wie dem auch sei, wir dürfen von Glück reden, dass dieses Werk jetzt in beiden Fassungen in sehr guten Interpretationen vorliegt. Dieses Oratorium macht einmal mehr deutlich, wie schmerzlich es ist, dass soviele Werke von Stölzel verlorengegangen sind. Im Barock war ein Pasticcio ein beliebtes Genre, das vor allem im Opernbetrieb Furore machte. Aus verschiedenen Opern, meistens auch von verschiedenen Komponisten, wurden Arien und Rezitative ausgewählt, und als Gesamtwerk auf die Bühne gebracht. Dass bestimmte Librettos von mehreren 23 TOCCATA - 118/2022 CD-UMSCHAU

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