Toccata 02/2022

Komponisten vertont wurden, machte das Prozedere relativ einfach. Wahrscheinlich sind im Bereich der geistlichen Musik weniger solche Pasticcios bekannt, schon aus dem Grunde, dass es viel weniger Librettos gab, die von mehreren Komponisten vertont wurden. Ein Pasticcio, das die Passionsgeschichte zum Thema hat, ist relativ bekannt geworden. Bei Glossa erschien die - soviel mir bekannt ist - dritte Einspielung des Pasticcios 'Wer ist der, so von Edom kömmt'. Das Werk stammt aus dem Nachlass von Carl Philipp Emanuel Bach und wird heute in der Staatsbibliothek zu Berlin aufbewahrt. Es wurde wahrscheinlich 1750 in der Thomaskirche zu Leipzig aufgeführt, und könnte schon früher dort erklungen sein. Wer das Werk zusammengestellt hat, ist nicht bekannt, aber wenn es schon vor 1750 aufgeführt wurde, könnte Johann Sebastian dafür verantwortlich gewesen sein. Der grösste Teil des Werkes ist identisch mit dem zweiten Passionsoratorium von Carl Heinrich Graun, 'Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld', das 1730 entstand. Der Choral am Anfang wurde von einem Chor mit Bass-Solo und einem Choral aus einer Kantate von Telemann ersetzt. Im ersten Teil gibt es mehrere Chorsätze auf Texten aus dem 53. Kapitel des Buches Jesaja. Im zweiten Teil bilden Strophen des Liedes 'Christus, der uns selig macht' der rote Faden. Es wird vermutet, dass es sich dabei um Sätze von Bach handelt. Der zweite Teil eröffnet mit dem Eröffnungschor aus dessen Kantate BWV 127, Herr Jesu Christ, wahr'r Mensch und Gott. Und in diesem Teil gibt es auch die Motette 'Der Gerechte kommt um', eine Bearbeitung der Motette 'Tristis est anima mea' von Johann Kuhnau, Bachs Vorgänger als Thomaskantor. Diese Bearbeitung wird ihm auch zugeschrieben. Es sollte nicht unbeachtet bleiben, dass der deutsche Text nicht eine Übersetzung des von Kuhnau vertonten Textes ist, sondern dem 57. Kapitel des Buches Jesaja entnommen ist. Dieser Text ist der auch mit dem lateinischen Text 'Ecce quomodo justus' bekannt, und ist vor allem in der Vertonung von Jacobus Handl-Gallus - aufgenommen in der Sammlung 'Florilegium Portense' (1618) - berühmt geworden. Dass Graun ein versierter Opernkomponist war, ist hier klar zu hören. Es gibt einige lange Arien, und viele sind technisch anspruchsvoll. Die Sänger fügen mit Recht dann und wann Kadenzen ein. An Ausdruck mangelt es in den Arien aber wahrlich nicht. Dass Graun aber auch den Kontrapunkt beherrschte, und wusste, wie man harmonische Mittel für expressive Zwecke einsetzen kann, beweisen die Chorsätze im ersten Teil. Kurzum, dieses Pasticcio ist, trotz unverkennbarer stilistischer Unterschiede, ein in sich geschlossenes Passionsoratorium, das sich vor, beispielsweise, der Brockes-Passion nicht zu verstecken braucht. Im Jahre 1990 nahm Hermann Max das Werk auf, und vor einigen Jahren erschien auf CPO eine Neuaufnahme unter der Leitung von Gotthold Schwarz (Toccata 106). Letztere ist ziemlich gut, wird aber von der bei Glossa erschienenen Aufnahme unter der Leitung von György Vashegyi übertroffen. Es gibt hier keine Schwachstellen; nur sind im Eröffnungschor die Soprane etwas zu laut. Ich würde auch ein kleineres Ensemble für die Tuttisätze bevorzugen. Die Chöre und Choräle werden aber vorzuglich gesungen; der Text steht im Mittelpunkt, und ist - auch dank der Durchsichtigkeit des Klangbildes - gut verständlich. Die Solisten sind erste Sahne. Zoltán Megyesi ist ein ausserordentlich guter Tenor, den ich gerne mal als Evangelist in Bachs Passionen hören möchte. Seine drei Kollegen sind ihm ebenbürtig. Auch im Bereich des Orchesterspiels ist alles in bester Ordnung. Am wichtigsten ist, dass die Emotion, die in diesem Werk zum Ausdruck gebracht werden sollte - denn es handelt sich um Betrachtungen über die Passionsgeschichte - hier voll zum Tragen kommt. Das weitaus bekannteste Passionsoratorium des 18. Jahrhunderts in Deutschland war die Brockes-Passion. Der von Barthold Heinrich Brockes verfasste Text wurde von den wichtigsten Komponisten im lutherischen Deutschland vertont, darunter Keiser, Telemann und Mattheson. Auch Händel steuerte eine Vertonung bei, obwohl er schon in England lebte und wirkte. Seiner Brockes-Passion legt die revidierte Fassung des Librettos des Jahres 1713 zugrunde. 1719 wurden in Hamburg alle vier Vertonungen in enger Reihenfolge aufgeführt. Es ist bemerkenswert, dass bis vor einigen Jahren kaum CD-Aufnahmen von Händels Brockes-Passion zu finden waren. Vor ein paar Jahren erschienen auf einmal drei verschiedene Einspielungen (Mortensen, Cummings, Egarr), die ich damals auch hier rezensiert habe. Die jetzt vorliegende Aufnahme unter der Leitung von Jonathan Cohen wurde damals schon angekündigt. Wo Lars-Ulrik Mortensen (CPO) sich für eine strikt solistische Besetzung entschied, mit je einem Ripienisten für jede Stimmlage, ist Cohen etwas grosszügiger. Die Chöre und Choräle werden von acht Sänger*innen dargestellt, und dazu kommen die Interpreten der Hauptrollen, die in den Tutti nicht mitmachen. Im Instrumentalensemble spielen fünf Geigen, zwei Bratschen und zwei Cellos. Die drei Hauptpersonen sind der Evangelist, Jesus und die Tochter Zion. Stuart Jackson singt die Partie des Evangelisten an sich gut, aber viel zu langsam und zu strikt im Takt. Ausserdem ist er manchmal etwas pathetisch, beispielsweise in einem Rezitativ im ersten Teil, auf den Worten "daß blutger Schweiß in ungezählten Tropfen aus allen Adern drang". Ich kannte Konstantin Krimmel nicht, aber er hat mir gut gefallen. Er singt die Rolle des Jesus sehr überzeugend, und auch stilistisch ist seine Interpretation gut gelungen. Ich war skeptisch über Sandrine Piau, und befürchtete eine zu opernhafte Singweise. Die erste Arie ist nicht vielversprechend, und im zweiten Teil ist 'Heil der Welt' aus stilistischer Sicht problematisch. Sie sorgt aber auch für einige der Höhepunkte, wie 'Brich, mein Herz, zerfliess in Tränen' (Teil I) und 'Lass doch diese herbe Schmerzen' (Teil II). Die letzte Arie, 'Wisch ab der Tränen scharfe Lauge' ist wunderschön. Im Vokalensemble, das die Chöre und Choräle singt, befinden sich auch die Interpreten der kleineren Rollen, darunter die der Gläubigen Seele, die auf verschiedene Stimmen - von Sopran bis Bass - verteilt ist. Es sind einige bekannte Namen dabei, wie Mhiari Lawson, Mary Bevan, Alex Potter und Andrew Tortise. Ihre Beiträge variieren von akteptabel bis sehr gut. Meine Erwartungen über diese Einspielung waren nicht hochgespannt, aber ich bin positiv überrascht. Sie gehört mit Sicherheit zu den besseren, die momentan zu haben sind. Schön auch, dass die Choräle sehr gut gesungen werden, was in einer Interpretation eines britischen Ensembles eher Ausnahme ist. Leider gibt es ein paar Ausrutscher in der Aussprache, die man bei der Produktion übersehen hat. Im Arioso 'Ich seh' an einen Stein gebunden' singt Mhairi Lawson "Strick und Strahl", wo der Text "Strick und Stahl" lautet. Und in 'Heil der Welt' wechselt Sandrine Piau zwischen "erbarmlich" (falsch) und "erbärmlich" (korrekt). Übrigens gibt es im Textheft einige Druckfehler im Libretto. Unglücklich ist auch, dass darin die Nummern in der Partitur nicht erwähnt werden. Das macht den Vergleich mit anderen Aufnahmen schwer. In meiner Rezension von 2020 bevorzugte ich, sei es mit einigen Einschränkungen, die obenerwähnte Aufnahme von Mortensen. Erste Wahl blieb Peter Neumann (Carus, 2010). Das hat sich nicht geändert, aber ich würde diese Neuaufnahme von Jonathan Cohen neben der von Mortensen stellen. Diese beide halten einander die Waage. Das Stabat mater gehört zu den am häufigsten vertonten Texten. Obwohl es für mehrere Jahrhunderte nicht zur Liturgie gehörte, blieb es unvermindert beliebt. Auch heute noch werden Vertonungen dieses Textes häufig aufgeführt und aufgenommen, nicht nur in der Passionszeit, sondern auch als Konzertstücke, ohne jede liturgische Beziehung. Die Vertonungen von Pergolesi und Vivaldi gehören zu den bekanntesten. Ob sie jemals schon zusammen auf einer CD erklungen sind, ist mir nicht bekannt, aber die Verbindung, wie hier in der Neueinspielung auf dem Label Château de Versailles Spectacles, ist durchaus sinnvoll. Dennoch sind sie sehr unterschiedlich in Charakter. Das ist schon aus der Besetzung zu erklären. In Pergolesis Stabat mater erlaubt die Besetzung mit zwei dicht nebeneinander liegenden Stimmen - Sopran und Alt - die Verwendung der Harmonie für expressive Zwecke. Das kommt direkt im ersten Abschnitt zum Ausdruck. Die harmonische Spannung ist perfekt geeignet, um die Affekte des Textes zum Tragen kommen zu lassen. Ausserdem verleiht diese Besetzung das Werk etwas Theatralisches, und das kommt hier voll zur Geltung. Daraus erklären sich auch die schnellen Tempi in einigen Abschnitten. Meiner Meinung nach sind diese manchmal zu schnell, und kommt durch die theatrale Interpretation der geistliche Inhalt zu kurz. Auffällig ist auch die Besetzung des Ensembles: wo sich mehrere Interpreten für eine Aufführung mit einem Instrument pro Stimme entscheiden, spielen im Orchester der Opéra Royal sechs Geigen und zwei Bratschen. Da das Stück ursprünglich von zwei Kastraten dargestellt wurde, ist die Besetzung mit einem Sopranisten und einem Altus durchaus 'authentisch', obwohl man diese Stimmen keineswegs mit Kastraten vergleichen kann. Die Stimme von Samuel Mariño ruft grosse Begeisterung hervor, der ich nicht ganz beitreten kann. Sie hat in den hohen Lagen manchmal eine unangenehme Schärfe, vor allem in schnellen Passagen und in voller Stärke. Sowieso ist die Gewohnheit, die höchsten Noten mit voller Wucht zu singen, aus stilistischer Sicht bedenklich. Das Gleicht trifft auf Filippo Mineccia zu. Beide verwenden auch zuviel Vibrato. Vivaldis Stabat mater ist besser gelungen, und hier kommen die Qualitäten von Mineccia besser zum Tragen. Auch die Tempi sind hier überzeugender. Das Programm wird erweitert mit Vivaldis Motette 'In furore iustissimae irae', dessen Text gut zur Fastenzeit passt. Mariño macht hier einen etwas besseren Eindruck, aber ich bleibe nach wievor skeptisch. Es erklingt auch noch das Konzert C-Dur (RV 554a) von Vivaldi, mit Soli für Violine, Violoncello und Orgel, und das wird hier schön gespielt. Sowieso zeigt sich das Orchester hier als ein sehr gutes Ensemble. Die Leiterin, Marie Van Rhijn, schreibt im Textheft, dass die Stimmung in Neapel tiefer war (a'=392 Hz) als in Venedig (a'=440 Hz). Deswegen hat sie sich als Kompromiss für 415 Hz 24 TOCCATA - 118/2022 CD-UMSCHAU

RkJQdWJsaXNoZXIy OTM2NTI=