Toccata 02/2022

Epiphanienfest - viel länger dauert und das Osterfest auf die Passionszeit folgt, die ihr eigenes Repertoire, vor allem im Bereich der Passionen, hervorgebracht hat. Umso wichtiger ist es, dass jetzt eine CD vorliegt, die fünf Kantaten zum ersten, zweiten bzw. dritten Ostertag enthält. Dabei fällt wieder einmal die grosse Vielfalt im Oeuvre von Telemann auf. Vier der Kantaten sind je zwei verschiedenen Jahrgängen entnommen, die zu verschiedenen Zeitpunkten entstanden sind, und an verschiedenen Orten aufgeführt wurden. In der Form unterscheiden sie sich grundsätzlich. Zwei Kantaten gehören zu einem Jahrgang, der als 'Jahrgang ohne Rezitativ' bekannt ist. Telemann weicht hier von der üblichen Kantatenform ab, indem er auf jegliche Rezitative verzichtet. 'Ich war tot und siehe: ich bin lebendig' und 'Brannte nicht unser Herz in uns' zum 1. bezw. 2. Ostertag fangen mit einem Bibelzitat an, in der Form einer Arie bzw. einem Duett. Die erstere enthält drei weitere Arien und zwei Choräle, die zweitgenannte zwei Arien und eine Arie, die in einen Chor übergeht, sowie ebenfalls zwei Choräle. In beiden Kantaten wird auf laute Instrumente, wie Trompeten, die man normalerweise in Osterkantaten erwartet, ganz verzichtet. Das verleiht diesen Werken einen intimen Charakter. Zwei weitere Kantaten entstammen dem sogenannten 'zweiten Lingenschen Jahrgang'. Der Name verweist auf Hermann Ulrich von Lingen, der für zwei Jahrgänge die Texte schrieb. Die Kantaten des zweiten Jahrgangs haben einige besondere Merkmale: sie fangen mit einer Sinfonia an, die von einem begleiteten Rezitativ gefolgt wird. Statt Arien gibt es zwei Duette. Das Besondere dieser Duette in dacapo-Form ist, dass die beiden Sänger nicht zusammen singen, sondern sich abwechseln: die eine Stimme singt den A-Abschnitt, die zweite den B-Teil. Zwischen den beiden Duetten erklingt ein Choral. 'Verlass doch einst, o Mensch' für den 3. Ostertag schliesst auch mit einem Choral ab, während 'Triumph! Ihr Frommen freuet euch' für den 1. Ostertag zuvor noch zwei Chorsätze hat. Das fünfte Werk fällt etwas aus dem Rahmen. 'Er ist auferstanden' ist separat als Handschrift überliefert und kann keinem Jahrgang zugewiesen werden. Die Besetzung ist ungewöhnlich: Tenor, Bass, zwei Trompeten, Geigen die im Unisono spielen und Basso continuo. Das Werk fängt mit einem Duett an und dann gibt es zwei Paare von Rezitativ und Arie für jeden der Solisten, und es schliesst ab mit einem Choral für zwei Stimmen. Hirschmann wirft die Frage auf, ob es hier vielleicht um ein 'Kuckucksei' handelt: damit meint er, dass diese Kantate möglicherweise nicht von Telemann stammt und nur mit seinem Namen versehen wurde, da er zu seiner Zeit als der grösste Komponist Deutschlands betrachtet wurde. Es ist ein durchaus schönes Werk, und es ist gut, dass es hier einbezogen wurde. Insgesamt haben wir es hier mit fünf ausgezeichneten Werken zu tun, die eine substantielle Erweiterung des Repertoires für das Osterfest darstellen. Über die Interpretation lässt sich nur Gutes berichten. Die vier Sänger sind hier in ausgezeichneter Form und lassen die Texte voll zur Geltung kommen. Sie singen auch die Tuttistellen; auf den Einsatz von Repienisten wurde verzichtet, und angesichts der Aufführungspraxis an den verschiedenen Orten, wo diese Kantaten erklungen sind, lässt sich das gut verteidigen. Auch die Instrumentalisten machen alles richtig. Kurzum: die perfekte CD um das Osterfest zu feiern. Anton Schweitzer (1735-1787) gehört zur Generation der Bach-Söhne. Das Schaffen dieser Komponisten-Generation wird erst seit einigen Jahrzehnten wirklich ernst genommen, aber es ist doch vor allem die Instrumentalmusik, die aufgeführt und aufgenommen wird. Die Vokalmusik wird noch immer etwas stiefmütterlich behandelt. Es gibt Zeichen, dass sich die Situation allmählich ändert; die Erscheinung mehrerer Aufnahmen mit Werken von Gottfried August Homilius ist eines davon. Von Schweitzer liegt nur eine Aufnahme seiner Oper Alceste vor (unter der Leitung von Michael Hofstetter; Berlin Classics, 2008). Schweitzer wurde in Coburg geboren und wirkte am Hofe zu Hildburghausen sowie in Weimar und Gotha. Er hat sich vor allem einen Namen gemacht mit Musik für die Bühne. Leider ist ein substantieller Teil seines Oeuvres verlorengegangen. Von seiner geistlichen Musik sind nur einige wenige Werke erhalten geblieben. Die drei Stücke, die Gernot Süßmuth mit Solisten und dem Thüringer Bach Collegium aufgenommen hat, sind alle Ersteinspielungen; neben diesen drei Werken gibt es noch kaum weitere in diesem Bereich. Hauptwerk ist ein Oratorium zum Osterfest, Die Auferstehung Christi. Darin wird der Auferstehung selbst relativ wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Christi Auferstehung wird vor allem mit dem letzten Urteil und dem ewigen Leben in Verbindung gebracht. Es wird mit musikalischen Mitteln - oft drastisch - geschildert, mit welchem Gewalt das Ende der Welt kommen wird, aber auch, wie die Gläubigen nichts zu fürchten haben. Eine der Arien fasst das so zusammen: "O Tag voll Schrecken, Tag voll Freuden. O großer Todestag von Welt, Natur und Zeiten, der dieses All begräbt und mich vom Grab' befreit. Wie sehnlich wünsch ich dich zu sehen". Die Erwartung der neuen Welt wird im Choral 'Jerusalem! Du hochgebaute Stadt' zum Ausdruck gebracht. Die Solopartien sind techniscn anspruchsvoll, und im Orchester spielen Oboen, Hörnern, Trompeten und Pauken. Diese Instrumente werden effektiv eingesetzt, um den Inhalt der Arien und Chöre zu benachdrucken. Das zweite Werk ist eine kurze Kantate zum Erntedankfest. Auch hier hören wir wieder Trompeten und Pauken in den Chören am Anfang und am Schluss. Dazwischen gibt es ein Rezitativ und eine Arie für Bass. In der Arie, mit zwei obligaten Traversflöten, wird das Aufblühen der Blumen nach einem 'sanften Regen' als Grund verwendet, Gott um neues Leben zu bitten. Schliesslich erklingt noch die Missa Brevis in C-Dur, dem Textheft zufolge für vierstimmigen Chor und Orchester. Tatsächlich enthält auch dieses Werk einige Passagen für eine oder mehrere Solostimmen, und auch diese stellen technische Herausforderungen dar. Im Orchester spielen zwei Hörner, die vor allem im Laudamus te prominent in Erscheinung treten. Aufnahmen mit geistlicher Musik der Generation der BachSöhne zeigen, welch gute Musik damals komponiert wurde; das wird erst in letzter Zeit erkannt. Diese drei Werke von Schweitzer sollten zur Neubewertung dieses Repertoires beitragen. Die Musiker tun alles, um das zu unterstreichen. Es wird sehr gut gesungen und gespielt, und es ist bewundernswert, wie die Solisten ihre Partien bewältigen. Das Oratorium ist vielleicht nicht direkt, was man von einem Werk zum Osterfest erwartet, aber ich denke, dass es die Qualitäten hat, um ins Repertoire für dieses Fest aufgenommen zu werden. Hoffentlich ist die Partitur erhältlich oder wird sie einmal in Druck erscheinen. Mit dem geistlichen Oeuvre von Carl Philipp Emanuel Bach, dem es stilistisch ähnelt, kann es ohne Weiteres mithalten. Johan van Veen Hodie Christus natus est - Eine mittelalterliche Weihnacht. The Boston Camerata, Anne Azéma Harmonia mundi - HMM 905339 (2021; 59') Historia Nativitatis - Christmas Oratorio after Heinrich Schütz. Ensemble Polyharmonique, Alexander Schneider CPO - 555 432-2 (2 CDs) (2020; 1.25') Herrnhuter Weihnacht. Vocal Concert Dresden, Philharmonischer Kinderchor Dresden, Chor der Freunde von Vocal Concert Dresden, Dresdner Instrumental-Concert, Sebastian Knebel (Orgel), Peter Kopp Berlin Classics - 0302307BC (2021; 70') Weihnachten ist schon längst vorbei, aber hier doch noch drei Nachträge zu den letzten Rezensionen von Weihnachtsaufnahmen. Diese CDs kamen zu spät, um noch berücksichtigt zu werden. Die erste enthält Musik des Mittelalters. Anne Azéma, die Leiterin des Ensembles The Boston Camerata, als Nachfolgerin von Joel Cohen, möchte mit dieser Aufnahme die Reichhaltigkeit und Variation des Weihnachtsrepertoires zeigen. Diese kommt sowohl in der Thematik wie auch im Charakter der verschiedenen Stücke zum Ausdruck, und dann auch noch in der Sprache der Texte. Das Programm ist in sechs Kapitel aufgeteilt, die alle ein bestimmtes Thema behandeln. Das erste ist der Geburt Jesu gewidmet, das zweite dem Bild Christi als Bräutigam, mit Ausschnitten aus einem Mirakel aus Aquitanien, mit dem Titel 'Sponsus'. Darin steht die Parabel von den klugen und törichten Jungfrauen im Mittelpunkt. Das dritte Kapitel ist dem Bild Christi als das Licht der Welt gewidmet. Das Thema des fünften Kapitels ist "Fürchte dich nicht", mit Stücken über Maria und über die Hirten. Im letzten Kapitel gibt es dann ein typisch volkstümliches Stück, das mit dem Weihnachtsgeschehen als solches kaum etwas zu tun hat. Die meisten Stücke stammen aus Aquitanien und aus England. Der grösste Teil des Repertoires wird den meisten Musikliebhabern unbekannt sein. Das bekannteste Stück ist Edi be thu hevene quene. Das wird hier in einem ungewöhnlich zügigen Tempo dargestellt, als eine Art Tanzlied, und das klingt sehr überzeugend. Insgesamt ist diese CD sehr gut gelungen und eine interessante und musikalisch fesselnde Erweiterung des Bestands an Aufnahmen mit Musik zur Weihnachszeit. Das gilt auch für die zweite Produktion, die uns ins Deutschland des 17. Jahrhunderts versetzt. Zu den frühesten 'Weihnachtsoratorien' gehört die 'Historia' von Heinrich Schütz. Der rote Faden ist die Geschichte der Geburt Jesu, wie sie in den vier Evangelien erzählt wird. Diese wird von einem Tenor, begleitet vom Basso continuo, vorgetragen. Diese Partie wird als 'Evangelium' bezeichnet. Sie wird von mehrstimmigen Abschnitten unterbrochen, den sogenannten 'Intermedia', und darin verlangt Schütz 26 TOCCATA - 118/2022 CD-UMSCHAU

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