Toccata 02/2022

eine grössere Besetzung. Er war sich wohl bewusst, dass nicht jede Kirche und Kapelle über die benötigten Sänger und Spieler verfügte, und deswegen suggerierte er, die Intermedien von eigenen Kompositionen oder von Werken von Zeitgenossen zu ersetzen. Letzteres hat das Ensemble Polyharmonique unter der Leitung von Alexander Schneider gemacht. Das Werk ist in drei grosse Abschnitte aufgeteilt: einen Prolog (Advent und Mariae Verkündigung), die Geburt Jesu und die Anbetung der Hirten, und schliesslich die Anbetung der heiligen drei Könige und Flucht nach Ägypten. Aus dem reichhaltigen Repertoire des protestantischen Teil Deutschlands hat man Werke von mehreren Komponisten ausgewählt, die heute zum Teil kaum bekannt sind, wie Stephan Otto, Philipp Dulichius und Johann Georg Carl. Es erklingen mehrere Werke von Andreas Hammerschmidt, dem in letzter Zeit mehr Interesse entgegengebracht wird. Einige bekannte Stücke durften nicht fehlen, wie Johann Eccards 'Übers Gebirg Maria geht' und Michael Praetorius' 'Es ist ein Ros entsprungen'. Andere Komponisten sind zwar einigermassen bekannt, aber ihre Musik ist kaum auf CD vertreten; da ist zu denken an Bartholomäus Gesius, Wolfgang Carl Briegel und Sethus Calvisius. Es sind alle Meister, die mehr Aufmerksamkeit verdient haben. Es ist schön, dass wir hier einen Eindruck ihrer Kunst bekommen. Das Konzept dieser Produktion ist höchst originell, und angesichts der Hinweise von Schütz selber - im Vorwort seiner Historia - ist es schon bemerkenswert, dass vorher niemand auf die Idee kam, so etwas mal zu versuchen. Das Konzept ist hier auf sehr überzeugende Weise herausgearbeitet. Das Ensemble ist in bestechender Form. Johannes Gaubitz trägt den Evangelientext sprechend und klar verständlich vor, und im Ensemble haben sich einige der besten Sänger und Instrumentalisten in diesem Repertoire versammelt. Diese Produktion ist zweifellos eine der besten und interessantesten der letzten Jahre. Der grösste Teil der Musik, die heutzutage in den Konzersälen oder auf CD erklingt, ist was man 'Kunstmusik' nennen könnte. Auch wenn solche Musik ursprünglich für den liturgischen Gebrauch gemeint war, wird sie heute als Konzertmusik aufgeführt. Es gibt ein umfangreiches Repertoire an für den Gottesdienst bestimmtes Repertoire, das nie in Konzertprogramme aufgenommen wird und höchst selten auf CD aufgezeichnet wird. Dazu zählen die vielen Liederbücher, die im Verlaufe der Zeit überall in Europa entstanden sind. Die letzte hier zu rezensierende CD bietet Weihnachtsmusik, wie sie in den Versammlungen der Herrnhuter Gemeinden gesungen und gespielt wurde. Sowohl in Deutschland als in Amerika gab es im 18. Jahrhundert blühende Herrnhuter Gemeinden, und Musik spielte in den Versammlungen eine wichtige Rolle. In ihrem Glaubensverständnis ähnelten sich die Herrnhuter und die deutschen Pietisten, aber ihre Haltung der Musik gegenüber war grundverschieden. Letztere beschränkten sich auf einfache Gesänge mit Orgelbegleitung, aber bei den Herrnhutern stand Musik in hohem Ansehen. In ihren Versammlungen kamen auch Kantaten und Oden zum Klingen, und neben der Orgel wurden auch Blasinstrumente gespielt. Es ist bezeichnend, dass die ersten Aufführungen von Haydns Schöpfung und einiger seiner Sinfonien in Amerika in HerrnhuterGemeinschaften stattfanden. Ein substantieller Teil des Repertoires, dass in den Versammlungen aufgeführt wurde, stammte aus der Feder nicht-professioneller Komponisten. Das trifft auch auf einige der hier vertretenen Komponisten zu. Ausnahmen waren John Antes, David Moritz Michael und Christian Gregor. Letztgenannter ist der Komponist des längsten Werkes im Programm, die Christ-Nachts-Music am 24sten December 1765. Er komponierte 308 Gesänge, die ins Herrnhuter Gesangbuch von 1778 aufgenommen wurden. In dieser Weihnachtsmusik für Solostimmen, Chor und Orchester gibt es einige Stücke, die von der Gemeinde oder von Kindern gesungen werden sollen. Das erklärt die Mitwirkung eines Kinderchors, während der Chor der Freunde von Vocal Concert Dresden als Gemeinde auftritt. Der grösste Teil des Textes besteht aus Bibelversen aus dem Alten und dem Neuen Testament. In der zweiten Hälfte singt ein Bass einen Teil der Geschichte der Geburt Jesu aus dem Lukasevangelium, und zwar auf der Melodie des deutschen Magnificats. Die Bibelverse werden von Gesängen abgewechselt; zwischen den Phrasen spielt die Orgel kurze Zwischenspiele, wie das im Gemeindegesang im 18. Jahrhundert üblich war. Einige Gesänge sind Bearbeitungen von bekannten Liedern, wie Ein feste Burg und Vom Himmel hoch. 'Tröstet, tröstet mein Volk' wird auf Händels Musik zu 'Comfort ye' in seiner Messiah gesungen. Die übrigen Werke auf dieser CD sind relativ kurz; die meisten haben einen deutschen Text, aber die Lieder von Antes und Michael sind auf englisch. Es ist schön, dass Peter Kopp mit seinen Ensembles das Repertoire der Herrnhuter auf diese Weise einem breiteren Publikum vorstellt. Es wird selten aufgeführt und aufgenommen, aber in seiner relativen Einfachheit ist es oft rührend. Ausserdem wird hier ein Bild einer Gemeinschaft gezeichnet, die über die ganze Welt herüber aktiv war (und ist), die viele aber nicht kennen. Diese CD trägt somit auch zur Erweiterung unserer Kenntnisse der Geschichte bei. Alle Mitwirkenden haben hier den richtigen Ansatz zum Repertoire gefunden. Es muss relativ geradlinig, ohne zuviele Zutaten und Ausschmückungen gesungen werden. In der schnörkellosen Interpretation von Solisten, Chor und Instrumentalisten kommt der Charakter dieser Musik perfekt zum Tragen. Johan van Veen Telemann: Kommt, lasset uns anbeten - Einweihungsmusiken für Hamburg und Altona. Hanna Zumsande (Sopran), Alon Harari (Altus), Mirko Ludwig (Tenor), Fabian Kuhnen (Bass), barockwerk hamburg, Ira Hochman CPO - 555 255-2 (2017; 66') Telemann: Kantaten für die Hannoverschen Könige Englands. Hanna Zumsande (Sopran), Dominik Wörner (Bass), barockwerk hamburg, Ira Hochman CPO - 555 426-2 (2020; 71') Telemann: Musicalisches Lob Gottes. Dorothee Mields, Hanna Zumsande (Sopran), Klaus Mertens (Bass), Hamburger Ratsmusik, Simone Eckert (Viola da gamba) CPO - 555 387-2 (2020; 80') Telemann: Liebe, was ist schöner als die Liebe? - Serenata Julia Kirchner (Sopran), Georg Poplutz (Tenor), La Stagione Frankfurt, Michael Schneider CPO - 555 300-2 (2019; 77') Als Musikdirektor der Stadt Hamburg gehörte es zu Telemanns Aufgaben, die Musik für den Gottesdienst in den fünf Hauptkirchen zu komponieren. Aber auch für die Komposition von Gelegenheitswerken war er gefragt. Die erste hier zu rezensierende CD ist solchen Werken gewidmet. Das längste Stück hat der CD ihren Titel gegeben: 'Kommt, lasset uns anbeten' ist keine Weihnachtskantate, wie man vielleicht meinen könnte, sondern wurde für die Einweihung der Kirche des St. Hiob Hospital am 16. Februar 1745 komponiert. Allerdings kam das Werk nie zur Aufführung, denn am 20. Januar verstarb Kaiser Karl VII., und da Hamburg als freie Reichsstadt direkt under seiner Herrschaft stand, war für vier Wochen die Aufführung mehrstimmiger Musik untersagt. Die Kantate landete ins Archiv und wurde erst 2001 wiederentdeckt. 'Geschlagene Pauken, auf!' ist ein Singgedicht, das Telemann zur Einweihung des Königlichen und Akademischen Gymnasiums zu Altona 1744 komponierte. Altona war damals eine unabhängige Stadt under dänischer Herrschaft. Im Laufe seiner Tätigkeit in Hamburg komponierte Telemann mehrmals Musik für Altona; auf jeden Fall 11 solcher Werke sind erhalten geblieben. Telemann rief dann und wann auch mal Musiker aus Altona zu Hilfe, wenn er zusätzliche Musiker brauchte. Trompeten und Pauken spielen in diesem Stück eine grosse Rolle. Der zweite Teil ist - wie könnte es anders sein - eine Hommage an den dänischen König Christian IV. Die CD endet mit einem Stück auf einem lateinischen Text, das die Züge einer Motette hat. 'Laetare iuvenis in iuventute tua' ist eine 'Musik zum Hamburger Schul-Examen', das zur Osterzeit stattfand; mit der Schule ist hier das Johanneum, an dem Telemann selber als Lehrer tätig war, gemeint. Die Besetzung ist einfach: vier Stimmen und Basso continuo. Gelegenheitswerke werden heutzutage selten aufgeführt, da sie für den Hörer schwer einzuordnen sind und die Texte oft nicht von höchster Qualität sind. Man kann es aber Telemann überlassen, aus solchen Stücken das Beste zu machen. Auch hier enttäuscht er wieder nicht, sowohl in seiner Vertonung eines Textes als in der Instrumentation. Die Interpretation ist in jeder Hinsicht perfekt gelungen. Die Solisten sind in exzellenter Form und das Orchester zeigt hier sein ganzes Können, und spielt dann mal kräftig, dann wieder schön subtil. Die zweite CD ist ebenfalls für Überraschungen gut, denn wer würde erwarten, dass ein Komponist aus Hamburg Kantaten für englische Könige komponiert? Der Schlüssel ist schon im Titel der CD zu finden: die englischen Könige Georg II. (1683-1760) und sein Sohn Georg III. (1738-1820) waren auch Kurfürsten von Hannover. Die Kantaten stammen aus der Zeit des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) zwischen England und Frankreich. Natürlich hat Telemann diese Kantaten nicht aus eigenem Antrieb komponiert: es handelt sich um Auftragswerke, aber wer denn die Aufträge erteilt hat, ist nicht bekannt. In seiner Programmerläuterung äussert Jürgen Neubacher die Vermutung, sie könnten von Einwohnern des Kurfürstentums stammen, die auf diese Weise ihre Loyalität unter Beweis stellen wollten, oder von Mitgliedern der Verwaltung. 'Bleibe, lieber König, leben' ist eine Geburtstagskantate für Georg II., und wurde möglicherweise im Frühjahr 1760 komponiert. Die Besetzung mit Bass, zwei Trompeten, Pauken und Streichern passt zu diesem Anlass. Der im Titel ausgedruckte Wunsch bewahrheitete sich nicht: am 25. TOCCATA - 118/2022 27 CD-UMSCHAU

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