Toccata 02/2022

Oktober verstarb der König, und Telemann komponierte die Trauermusik 'Lieber König, du bist tot'. Die Besetzung ist die gleiche wie in der Geburtstagskantate, aber hier spielen die Trompeten und Pauken mit Dämpfern. Schliesslich komponierte Telemann 1761 eine Geburtstagskantate für seinen Nachfolger, Georg III., Enkelsohn Georgs II. Wieder befinden sich in der Partitur Partien für Bass, zwei Trompeten, Pauken und Streicher, aber jetzt treten ein Sopran und zwei Traversflöten dazu. Im Text wird ohne Wenn und Aber für die englische Seite im Krieg Partei ergriffen. Das Programm wird erweitert mit zwei anderen Werken. 'Du bleibest dennoch unser Gott' entstand aus Anlass der Feier des 200jährigen Jubiläums des Augsburger Glaubensbekenntnisses von 1530. Telemann komponierte einen Zyklus von sechs Kantaten im Auftrag der Hamburger Hauptkirchen, die parallel in diesen Kirchen erklingen sollten. Leider sind vier dieser Kantaten verschollen. Für die Aufführung brauchte Telemann selbstverständlich zusätzliche Musiker, und vielleicht hat er hier Musiker aus Altona herangezogen. Die Besetzung beschränkt sich auf vier Singstimmen und Streicher. In dieser Aufführung wurden auch Trompeten eingesetzt; diese Entscheidung wird im Textheft nicht erläutert. Schliesslich eine Kirchenkantate für den 23. Sonntag nach Trinitatis. Im Mittelpunkt steht die Gefahr des Reichtums. Die Eröffnungsarie - "Gib, daß ich mich nicht erhebe, weil ich bei Vermögen bin, noch in Pracht und Wollust lebe: denn der Tod reißt alles hin" - rief Beschwerden eines "angesehenen Kaufmanns" hervor, der dem Geistlichen Ministerium mitteilte, dass "solch Zeug nicht müste in der Kirche abgesungen werden". Offensichtlich hatte der Pfeil sein Ziel getroffen. Eine CD wie diese, wie auch die soeben besprochene, erlaubt einen Einblick in die Welt eines Musikdirektors einer Grossstadt, und man kann wieder einmal nur beeindruckt sein, wie Telemann es schaffte soviel Musik zu komponieren, ohne jemals an Qualität einzubüssen. Auch hier wird man immer wieder von seinem Einfallsreichtum überrascht. Wieder einmal hat Ira Hochman eine vorzügliche und fesselnde CD vorgelegt, die alle Eigenschaften der Musik Telemanns perfekt zum Tragen kommen lässt. Mit Hanna Zumsande und Dominik Wörner stehen ihr zwei der besten Interpreten deutscher Barockmusik zur Verfügung. Telemann versuchte immer möglichst vielen Liebhabern Musik zu bieten, die sie bewältigen konnten, nicht nur im Bereich der Instrumentalmusik, sondern auch in geistlichem Repertoire. Für den häuslichen Gebrauch und für kleinere Kirchen komponierte er die Kantaten, die er unter dem Titel 'Harmonischer Gottesdienst' veröffentlichte. Er wollte aber auch Kantaten für etwas grössere Besetzungen anbieten, die trotzdem innerhalb der Möglichkeiten kleinerer Kirchen lagen. Daraus entstand die Sammlung 'Musicalisches Lob Gottes in der Gemeine des Herren', mit 72 Kantaten für alle Sonn- und Festtage des Kirchenjahres. Jede Kantate eröffnet mit einem Bibelzitat (dictum), das am Ende wiederholt wird. Dazwischen befinden sich ein Choral, ein Rezitativ und eine Arie, ein zweiter Choral und eine zweite Arie, in dieser Reihenfolge. Jede Kantate enthält zwei Soloparts, in Violinbzw. Sopranschlüssel; eine davon kann auch eine Oktave tiefer gesungen werden. Die Arien können auch von einem Tenor oder Bass dargestellt werden. In den Dicta und den Chorälen gibt es eine Bassstimme ad libitum, und die Arien enthalten zwei Geigenstimmen. Auch hier gibt es zusätzliche Möglichkeiten: eine Viola kann den Bass eine Oktave höher mitspielen, und es können Blasinstrumente hinzugefügt werden, die colla parte mit den Geigen spielen. Wie man sieht, gibt es schier unendliche Möglichkeiten, die Besetzung den jeweiligen Umständen anzupassen. Kein Wunder, dass Telemanns Kantaten eine so weite Verbreitung durch ganz Deutschland hindurch fanden. Simone Eckert hat aus dieser Sammlung drei Kantaten für Sonntage in der Fastenzeit ausgewählt. Mit Dorothee Mields und Hanna Zumsande hat sie zwei Experten in diesem Repertoire herangezogen, die hier in jeder Hinsicht überzeugen können. Schön ist, wie sie die Rezitative als Predigten auf Musik behandeln - wie es sich gehört. Klaus Mertens spielt hier eine bescheidene Rolle, ist aber eine zuverlässige Stütze. Zwischen den Kantaten spielt Simone Eckert insgesamt sechs der vor einigen Jahren wiederentdeckten Fantasien für Gambe solo, die mehr zu bieten haben als reine Unterhaltung. Das kommt hier perfekt zum Tragen. Auch diese CD ist den vielen Telemann-Liebhabern restlos zu empfehlen. Aufträge, Musik für besondere Gelegenheiten zu komponieren, konnten auch von Privatleuten kommen - reichen Bürgern, die einer Hochzeit oder einem Hochzeitjubiläum gerne Glanz verleihen möchten mit einem Musikwerk eines berühmten Komponisten wie Telemann. Michael Schneider hat drei Kompositionen ausgewählt, die mit einer Hochzeit in Verbindung gebracht werden können. Im Falle des längsten Werkes ist das ganz klar. In der Serenata 'Liebe, was ist schöner als die Liebe?' sagt einer der Protagonisten im letzten Rezitativ: "Wohlan! so wollen wir uns denn zum werten Hochzeitspaar kehren, dem wir zu ehren, so gut als wir gekonnt, uns scherzend lassen hören". Dieser Scherz besteht aus einem Dialog über das Für und Wider der Ehe. Der eine der beiden Herren zieht der Ehe seine Freiheit vor. Er warnt seinem Gesprächspartner, der von seinem 'Mägdgen' schwärmt, dass er "anders pfeifen" wird, "wenn sie, eh's du's gedenkst, die Hosen wird ergreifen". Es kommt zu einem 'Konflikt', wenn er später sich herablassend über Frauen äussert: "Kluge wollen mir befehlen, Tumme tun als wie das Vieh". Wenn sein Gesprächspartner sich darüber beschwert, lenkt er ein. Im Schlussduett wünschen sie dem Brautpaar alles Gute: "Liebet, scherzet, küsset, lachet, bleibet allezeit vergnügt". Weiter gibt es zwei Kantaten für eine Solostimme. 'Lieben will ich' stammt aus einer Sammlung von Moralischen Kantaten; solche Werke sind typische Produkte der Aufklärung, in denen eine alltägliche Situation, manchmal auf komische Weise, betrachtet wird, und schliesslich eine weise Lektion erteilt wird. Der Protagonist beschreibt, wie Vor zwanzig Jahren: Alte Musik aktuell (AMA) 118 März 2002 Torsten Mosgraber, Intendant der Dresdner Musikfestspiele, wird ab Septmeber 2002 Operndirektor des Théâtre Royal de la Monnaie/ de Munt. Mirare Productiions heißt ein neues Alte-MusikLabel, gegründet von René MArtin, dem künstlerischen Leiter mehrerer Musikfestivals, und von dem Toningenieur Nicolas Bartholomée. Im Rahmen der Gesamteinspielung der Werke Vivaldis (nach dem Bestand der Turiner Bibliothek, der ca. 80 Prozent seines Werke umfasst) erscheinen beim Label Opus 111 im Laufe des Jahres 2022 L’Olimpiade und La Senna Festeggiante mit Rinaldo Alessandrini, Flötenkonzerte mit Barthold Kuijken und Kantaten und Kammerkonzerte mit Laura Poverelli und dem Astrée Ensemble. Reinhard Goebel und seine Musica Antiqua Köln bringt die “Serenata 1716), die anlässlich der Geburt des langersehnten Thronfolgers Kaiser Karls VI. von Telemann komponiert wurde, bei den 16. Magdeburger Telemann-Festtagen im März 2002 zur Aufführung. Vom 15. bis 17. März findet das 3. Festival der Laute zum Thema “Die abendländische Reise des königlichen Instruments” statt. Für Glossa hat Eric Hoeprich, Klarinette und das Orchester des 18. Jahrhunderts unter Frans Brüggen Mozarts Klarinettenkonzert aufgenommen. Zu Platten des Monats März 2002 gekürt wurden die CDs: Bach: Motets BWV 225-230 mit Coro della Radio Svizzera und I Barocchisti unter Diego Fasolis (Arts-authentic 47573-2), Alfabeto: Oeuvres de/ Works by Foscarini, Pellegrini, Granata, Corbetta mit dem Ensemble Kapsberger unter Rolf Lislevand (Astrée-naive E 8852) und Alessandro Scarlatti: Concerti grossi (pub. London 1740), Cello Sonatas mit Mauro Valli und der Accademia Bizantina unter Ottavio Dantone (Arts-authentic 47616-2). Rezensent: Robert Strobl. April 2002 Nachdem Trevor Pinnock die Leitung des English Concert an Andrew Manze übergeben hat, um sich der Kammermusik zu widmen, wird Manze künftig mit seinem The English Concert statt mit der Academy of Ancient Music Aufnahmen für Harmonia Mundi USA machen. Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Akademie für Alte Musik Berlin werden drei CDs veröffentlicht. Soeben eine Telemann-CD: La Bizarre, eine CD mit der Mezzosopranistin Vivica Genaux mit Werken für Farinelli und Konzerte von Wilhelm Friedemann Bach. Das Harp Consort unter Andrew Lawrence-King wird künftig beim Harmonia Mundi USA-Label CDs einspielen. Die szenische Aufführung von Händels Tamerlano mit The English Concert unter Trevor Pinnock von den Händel-Festspielen Halle erscheint als DVD-Video. Die 15. Internationalen Festtage Alter Musik Stuttgart widmen sich den musikalischen Schätzen der badischen und württembergischen Residenzen zwischen 1500 und 1850. Zu Platten des Monats April 2002 gekürt wurden die CDs: Telemann: La Bizarre mit der Akademie für Alte Musik Berlin (Harmonia mundi France HMC 901744), Bach: Complete Sonatas for Violin and Obbligato Harpsichord mit Trevor Pinnock und Rachel Podger (Channel Classics CCS 14798, 2 CD) und Höffler: Primitiae Chelicae mit Guido Balestracci, Nicola Dal Maso, Rafael Bonavita und Massimiliano Raschietti (Symphoniae SY 01186). Rezensent: Robert Strobl 28 TOCCATA - 118/2022 CD-UMSCHAU

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