Toccata 02/2022

sich Seladon an die Füsse der Silvia wirft, um sie dazu zu bewegen, ihn zu heiraten. Sie weist ihn hochnäsig ab, und heiratet einen reichen Mann. Dieser entpuppt sich als Tyrann, und sein Reichtum war nur Angeberei. Der Protagonist kann sich kaum seine Schadenfreude verkneifen. Er hatte angefangen, seine Freiheit höher zu schätzen als die Ehe, und das Schicksal der Silvia gibt ihm Recht. Das dritte Werk ist fùr Sopran und trägt den Titel 'Der Weiberorden'. Die Protagonistin sehnt der Ehe entgegen und sogar ihrem ersten Kind; die zweite Arie hat die Form eines Wiegenliedes. Sie rät ihren Brautjungfern, auch mal zu heiraten: "Ei, würdet ihr nicht lachen, wenn ihr sollt Hochzeit machen!" Die Frage ist, wie ernst man solche Stücke nehmen sollte. Interessant ist, dass Telemann sich später mehr oder weniger von den Serenaten, wie der hier aufgeführten, deren Texte er selber verfasst hatte, distanzierte, wegen "ihres nicht gar zu schmackhafften Saltzes". Die Kantaten sollte man vielleicht in erster Linie als 'moralische Stücke' betrachten, obwohl in 'Der Weiberorden' nicht direkt eine Moral zu entdecken ist, und der Autor des Textes nicht gerade einen guten Ruf genoss. Wie dem auch sei, Telemann hat die Komposition solcher Stücke nicht auf die leichte Schulter genommen. Sie zeugen von der gleichen Kreativität und Kunstfertigkeit als seine geistlichen Werken und seine Instrumentalmusik. Julia Kircher und Georg Poplutz sind die perfekten Partner in der Serenata, mit einer guten Interaktion, wie sie in einem solchen Werk unverzichtbar ist. Julia Kircher ist voll überzeugend in 'Der Weiberorden' und Georg Poplutz, den wir vor allem aus geistlicher Musik kennen, zeigt sich in 'Lieben will ich' von einer weniger ernsten Seite. La Stagione Frankfurt spielt so gut wie man es erwartet. Kurzum, wir haben es hier mit einer vergnüglichen Produktion zu tun, die unser Bild von Telemann und seiner Zeit vervollständigt. Johan van Veen Fux: Dafne in lauro. Monica Piccinini, Sonia Tedla, Arianna Venditelli (Sopran), Raffaele Pe (Altus), Valerio Contaldo (Tenor), Zefiro, Alfredo Bernardini Arcana - A 488 (2 CDs) (2019; 1.59') Fux: Arien für den Kaiser. Maria Ladurner (Sopran), Biber Consort Pan Classics - PC 10425 (2020; 62') Die Musik von Johann Joseph Fux wird immer mehr ins Lampenlicht gerückt. Man hat letztendlich erkannt, dass er mehr war als ein Theoretiker und der Autor des Lehrwerks 'Gradus ad Parnassum'. Nicht umsonst spielte er viele Jahre eine Schlüsselrolle am Hofe zu Wien. Dort sind die meisten seiner Vokalwerke entstanden: geistliche Musik, Oratorien und Opern. Die beiden hier rezensierten Produktionen zeugen vom wachsenden Interesse an seiner Musik wie auch von deren Eigenartigkeiten. Dafne in lauro ist ein sogenanntes 'componimento per camera', das heisst einfach: ein Kammerspiel. Es wurde am 1. Oktober 1714 aus Anlass des Geburtstages "ihrer kaiserlichen und katholisch-königlichen Majestät, Karls VI., Kaiser der Römer" aufgeführt. Den Text schrieb der Hoflibrettist Pietro Pariati, die zuvor schon das Libretto für ein vergleichbares Werk von Bartolomeo Conti geschrieben hatte. Fuxens Oper gilt als das Gegenstück zu diesem Werk. Es erzählt von der Göttin Diana auf der Jagd und ihrer keuschen Nymphe Daphne, die, als sie von Apoll gejagt wird, ihre Unschuld rettet, indem sie sich in den Lorbeer verwandelt. In diesem Werk spielen Tänze eine wichtige Rolle. Diese sind nicht als solche erkennbar: es gibt nicht, wie beispielsweise in den Opern von Lully, instrumentale Tanzsätze, aber mehrere Arien sind in einem Tanzrhythmus geschrieben, und es wird angenommen, dass dabei während der Aufführung auch getanzt wurde. Eine weitere Besonderheit ist, dass es verschiedene Arien mit Obligatinstrumenten gibt, die man sonst selten findet. Dazu zählen das Fagott und die Theorbe, die meistens nur als Basso-continuoinstrumente eingesetzt werden. Und es gibt auch eine Arie mit Traversflöte und Chalumeau. Letzteres war ein in Wien beliebtes Instrument, das häufig in Vokalmusik eingesetzt wurde. Es gibt fünf Rollen: drei für eine Sopranstimme, eine für einen Altkastraten und eine für einen Tenor. Es ist nennenswert, dass in Wien die Sopranrollen oft von Frauen gesungen wurden, und nicht, wie in Italien üblich, von Kastraten. Die Rolle des Amor wurde bei der Uraufführung von einem 16jährigen gesungen, zweifellos einem Knabensopran vor dem Stimmbruch. In der während der styriarte 2019 entstandenen Aufnahme unter der Leitung von Alfredo Bernardini wird diese Rolle von Sonia Tedla gesungen, und in ihrer Singweise scheint sie den Klang eines Knabensoprans in fortgeschrittenem Alter nachahmen zu wollen. Das ist ihr gut gelungen. Raffaele Pe macht einen ausgezeichneten Eindruck als Apoll. Er weiss sowohl dessen Angeberei als dessen Schmeicheleien - nachdem ihn der Pfeil des Amor getroffen hat - überzeugend zum Ausdruck zu bringen. Valerio Contaldo verkörpert perfekt den Mercurio, der erst am Ende dem Apoll seine Identität verrät. Monica Piccinini und Arianna Venditelli heben sich etwas zu wenig voneinander ab. Ich musste im Textbuch nachschauen, wer der beiden denn sang. Sie können in ihren jeweiligen Rollen (Diana bzw. Daphne) durchaus überzeugen, aber stilistisch sind ihre Leistungen diskutabel. Da machen die anderen Sänger eine bessere Figur. Das Orchester ist erste Sahne, und spielt farbenreich und lebendig. Die Tanzrhythmen kommen perfekt zum Tragen. Es handelt sich hier um einen Live-Mitschnitt; ob bei den Aufführungen auch tatsächlich getanzt wurde, ist mir nicht klar geworden. Auf jeden Fall werden diese Rhythmen hier gut fühlbar gemacht. Es ist nicht die erste Aufnahme dieses Werkes; es gab auf jeden Fall schon eine unter der Leitung von René Clemencic. Trotzdem, es ist schön, dass dieses durchaus interessante und musikalisch unterhaltsame Werk jetzt in einer generell gut gelungenen Darbietung vorliegt. Lasst uns hoffen auf weitere Einspielungen von Vokalwerken von Fux. Die zweite Produktion gibt uns einen Eindruck, was noch vorhanden ist. Die junge österreichische Sopranistin Maria Ladurner hat aus den dramatischen Werken von Fux - Opern und Oratorien - einen farbigen Blumenstrauss zusammengestellt. Die meisten Werke, denen die Arien entnommen sind, sind nicht auf CD erhältlich. Diese Arien sollten dazu dienen, Interpreten dem Oeuvre von Fux schmackhaft zu machen. Denn sie sind sehr attraktiv, nicht nur in der vokalen Schreibweise, sondern auch wegen der oft ungewöhnlichen Besetzung. Ich wies soeben schon auf die Obligatstimmen in Dafne in lauro hin. Solche finden wir auch hier. Beispiele: eine Arie mit Chalumeau und Theorbe und eine mit Chalumeau und Posaune. Bemerkenswert ist auch eine Arie mit Streichern ohne Basso continuo; die Streicher funktionieren hier als 'Bassetto', und das hat Fux so gemacht wegen des Textes. Dazu gibt es noch Obligatstimmen für Violine und Violoncello. Aus der Oper Giunone palacata (1725) erklingen die Ouvertüre und eine Arie, und diese wurde bei der Uraufführung von Faustina Bordoni gesungen; sie sollte später eine der gefragtesten Opernsängerinnen werden und heiratete den grossen Johann Adolf Hasse. 'Si, vendetta io voglio' ist eine höchst dramatische Arie aus der Oper Julo Ascanio; hier begegnen wir einen Fux, der sehr weit vom 'trockenen' Theoretiker entfernt ist. Diese CD stellt eindrucksvoll die grossen Qualitäten von Fux als Komponist von Vokalmusik unter Beweis. Es wäre schön, wenn weitere Oratorien und Opern komplett auf CD erscheinen würden. Maria Ladurner verdient grosse Anerkennung, dass sie sich um Fuxens Vokalmusik gekümmert hat, und diese auf so überzeugende Weise hier vorstellt. Sie hat eine sehr schöne Stimme, und kann stilistisch in jeder Hinsicht überzeugen. Da sie Barockmusik bevorzugt, werden wir mit Sicherheit noch viel von ihr hören. Es gibt zwei Kritikpunkte. Erstens: die Akustik ist schön, aber vor allem für liturgische Musik geeignet. Für das hier aufgeführte Repertoire ist sie viel zu räumlich, und das beeinträchtigt die Wirkung der Arien. Zweitens: das Biber Consort ist solistisch besetzt. Fux standen in Wien gelegentlich um die hunderd Musiker zur Verfügung. Auch wenn er sie vielleich nie alle zusammen eingesetzt hat, liegt es nahe, anzunehmen, dass er seine dramatischen Vokalwerke mit einem grösseren Ensemble aufgeführt hat als mit nur einem Instrument pro Stimme. Trotzdem, diese CD ist vielleicht die beste Übersicht seines Vokalschaffens im dramatischen Bereich, die momentan erhältlich ist. Das sollte für jeden Liebhaber von Barockmusik Grund genug sein, sie in seine Sammlung aufzunehmen. Johan van Veen Ferrabosco I & II: The soule of heaven. B-Five Recorder Consort, Sofie Vanden Eynde (Laute) Coviello Classics - COV92108 (2020; 64') "The Woods so Wild". Consort Brouillamini Paraty - 520268 (2019; 59') Music for Windy Instruments - Sounds from the court of James I. The English Cornett & Sackbut Ensemble Resonus Classics - RES10225 (2018; 60') Englische Consortmusik der Renaissance ist unter Gambenconsorts und Blockflötenconsorts gleichermassen beliebt. Es gibt wohl kein Consort, das solche Musik nicht im Repertoire hat. Dass oft die gleichen Stücke erklingen, ist fast unvermeidlich. Deswegen ist es erfreulich, wenn ein Ensemble auch mal weniger geläufiges Repertoire auf CD aufnimmt. Eben das hat das B-Five Recorder Consort gemacht. Zwar ist der Name Ferrabosco ziemlich bekannt, aber trotzdem wird seine Musik nicht oft gespielt. Das trifft auf beide Ferraboscos zu, denn es gab zwei davon. Alfonso der Ältere (1543-1588), TOCCATA - 118/2022 29 CD-UMSCHAU

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