Toccata 02/2022

auch Ferrabosco I. genannt, stammte aus Italien, kam nach England, und wirkte in den letzten Jahrzehnten seines Lebens abwechselnd in London und in Italien. Damit setzte er sich dem Verdacht aus, ein Spion zu sein. Als er beschuldigt wurde, in England einer Messe beigewohnt zu haben, musste er das Land verlassen. Er durfte seinen Sohn, Alfonso II., nicht mitnehmen. Dieser entwickelte sich zu einem respektierten Komponisten von Vokal- und Instrumentalmusik, darunter auch Consortmusik. Das BFive Recorder Consort hat vor allem dessen Musik eingespielt, und dazu kommen noch einige In Nomines seines Vaters, der hier ansonsten nur mit Lautenstücken vertreten ist, die von Sofie Vanden Eynde gespielt werden. Zweifellos hat Ferrabosco, der selber die Gambe spielte, seine Musik für ein Gambenconsort gemeint. Aber da die Blockflöte damals sehr beliebt war, und Blockflöten auch im Consort gespielt wurden, ist gegen eine Darstellung mit einem Blockflötenconsort nichts einzuwenden. Nicht alle Consortmusik kommt auf diese Weise überzeugend zum Klingen, aber hier stimmt alles. Zwei der Höhepunkte sind die 'Pavan on Four Notes' und die 'Pavan on Seven Notes', die auch in einer Fassung mit untergelegtem Text bekannt ist (Heare me O God). Die Blockflöten mischen sich perfekt, und die (begrenzten) dynamischen Möglichkeiten werden voll ausgenutzt. Sofie Vanden Eynde sorgt für eine schöne Abwechslung mit ihrem fein ziselierten Lautenspiel. Das Consort Brouillamini hat sich etwas anderes ausgedacht, um mal vom Üblichen abzuweichen. Zwar gibt es auch hier ursprüngliche Consortmusik, wie einige In Nomines von Christopher Tye, aber es erklingen auch mehrere Bearbeitungen von Stücken, die ursprünglich für ein Tasteninstrument gedacht waren. Ich sehe dafür nicht direkt einen Grund, denn auch im Bereich der ursprünglichen Consortmusik gibt es genug Repertoire, das wenig bekannt ist und selten gespielt wird. Andererseits, da es klare Verbindungen zwischen den beiden Gattungen gibt - in beiden tauchen oft die gleichen damals populären Melodien auf - gibt es auch keine grundsätzlichen Probleme mit solchen Bearbeitungen. Sie sind gut gemacht, und werden schön gespielt. Sie bieten einen anderen Blick auf Stücke, die man nur in Aufführungen auf Cembalo oder Virginal kennt. Nicht jedes Stück ist gleich gut gelungen. William Byrds 'Rowland' ist etwas zu langsam. Bei einer Suite von Matthew Locke und zwei Stücken von Purcell spielt das Ensemble Barockinstrumente. Ob das im Falle von Locke berechtigt ist, wage ich zu bezweifeln, aber bei Purcell ist es sicherlich richtig. Die harmonischen Eigenartigkeiten in seinen Stücken kommt hier sehr gut zum Tragen. Brouillamini ist ein exzellentes Ensemble, und ich kann diese CD jedem Liebhaber der Blockflöte empfehlen. Ganz ungewöhnlich und selten gehört ist das Repertoire, das The English Cornett & Sackbut Ensemble spielt. Zinken und Posaunen - das ist eine Kombination, die wir vom Kontinent kennen. Dort spielten sie im 16. und im frühen 17. Jahrhundert oft selbständig, oder nahmen an liturgischen Aufführungen teil, entweder zur Unterstützung oder als Ersatz von Singstimmen. In England kamen solche Instrumente nur in der Freiluft zum Einsatz; sie spielten auch in der königlichen Kapelle und den Kapellen der reichsten Aristokraten. Hier erklingt aber Musik, die am Hofe gespielt wurde, und zwar in den Räumen, die für das Publikum zugänglich waren. Man spielte Repertoire, das speziell für Bläser geschrieben wurde - insbesondere Tänze - wie auch Vokalmusik. Interessant ist, dass darunter Musik kontinentaler Komponisten war, wie Lassus, Croce oder Marenzio. Da die Bläser meistens aus Deutschland und Flandern stammten, kann davon ausgegangen werden, dass die Spieler immer Kontakt zur 'Heimat' gehalten haben und auf diese Weise solche Musik nach England gelangte. Die Musik für Bläser war immer sechsstimmig. Die Stücke im Programm sind einer Handschrift entnommen, in der eine der Stimmen fehlt. Diese musste für die ausgewählten Stücke rekonstriert werden. Für die Vokalwerke konnte man einfach die ursprünglichen Ausgaben benutzen. Das Programm wurde so zusammengestellt, dass es ein Höchstmass an Variation gibt. Das Ensemble spielt ausgezeichnet, und eine Stunde solcher Musik in solch guten Darbietungen ist schnell vorüber. Diese CD macht süchtig. Johan van Veen Vivaldi: Concerti particolari. Academia Montis Regalis, Enrico Onofri Passacaille - PAS 1100 (2020; 61') Vivaldi: Vivaldi con Amore. Tafelmusik Baroque Orchestra, Elisa Citterio tafelmusik - TMK 1039CD (2018; 76') Vivaldi: Konzerte. Musica Antiqua Latina, Giordano Antonelli (Violoncello) deutsche harmonia mundi - 19439846222 (2020; 71') Vivaldi: Verlorene Konzerte für Anna Maria. Federico Guglielmo (Violine), Roberto Loreggian (Orgel), Modo Antiquo, Federico Maria Sardelli Glossa - GCD 924601 (2019; 61') Barock - Geminani, Vivaldi. Benedetti Baroque Orchestra, Nicola Benedetti (Violine) Decca - 485 1891 (2020; 53') Vivaldi: Blockflötenkonzerte. Giovanni Antonini (Blockflöte), Il Giardino Armonico Alpha - 364 (2011/17; 60') Vivaldi ist neben Bach und Händel noch immer einer der am häufigsten gespielten und aufgenommenen Komponisten des Barock, mit teils harter Konkurrenz von Telemann. In letzter Zeit wurden mehrere CDs mit Vivaldis Musik veröffentlicht. Aufgrund der Popularität des Komponisten ist es unvermeidlich, dass sie oft Stücke enthalten, die bereits in mehreren Aufnahmen vorliegen. Mindestens eine CD umfasst jedoch Konzerte, die neu im Katalog sind, oder jedenfalls in ihrer Aufführungsform. Es gibt nichts Neues auf der ersten CD, die hier rezensiert wird. Vivaldis Oeuvre umfasst etwas mehr als fünfzig Concerti und Sinfonien für Streicher und Basso continuo ohne Solostimmen. Es gibt keinen grundlegenden Unterschied zwischen dem Concerto - in einigen Handschriften Concerto ripieno genannt - und der Sinfonia. Der Hauptunterschied ist die Behandlung des Kontrapunkts. Dieser wird in den Konzerten mehr herausgearbeitet, während die Sinfonien im Allgemeinen eher homophon sind. Darin hat die Melodie eine größere Bedeutung und die beiden Geigen spielen oft unisono. Auch bei den Tonarten gibt es einen Unterschied: Die Sinfonien sind alle in Dur, während siebzehn der vierzig Konzerte in Moll stehen. Diese Stücke wurden alle vom Ensemble L'Archicembalo (Brilliant Classics, 2019) eingespielt, aber nicht jeder ist an einer so umfassenden Produktion interessiert. Enrico Onofri hat mit der Academia Montis Regalis eine schöne Auswahl aufgenommen; es ist seine erste Aufnahme mit diesem Ensemble als neuer musikalischer Leiter. Die Auswahl spiegelt die Vielfalt dieser Gattung in Vivaldis Oeuvre wider. Streicher und Basso continuo ist die Grundbesetzung, aber im Concerto alla rustica RV 151 fügte Vivaldi Stimmen für zwei Oboen hinzu. Das Concerto RV 155 hat einen hybriden Charakter: die ersten beiden Sätze sind vom Typ Concerto ripieno, während die letzten beiden Sätze eine Solostimme für die Violine enthalten. Etwas Vergleichbares finden wir in RV 159, dessen letzter Satz die Spuren eines Concerto grosso trägt. Die meisten Sinfonien und Concerti umfassen drei Sätze, aber es gibt Ausnahmen. Das eine ist das bereits erwähnte RV 155, das andere das ebenfalls viersätzige Concerto madrigalesco RV 129. Und dann gibt es noch die Sinfonia al Santo Sepolcro RV 169, die zweisätzig ist und ebenfalls für Streicher, aber dann ohne Beteiligung eines Tasteninstruments, besetzt ist. Das Concerto RV 114 zeichnet sich durch seinen Eröffnungssatz in punktiertem Rhythmus à la française und seine abschließende Chiacona aus. Wie man bemerkt haben wird, gibt es viel Abwechslung in diesem Programm, das von der Academia Montis Regalis hervorragend interpretiert wird, mit schönen Solobeiträgen von Onofri selbst. In einigen Fällen könnte ich mir ein schnelleres Tempo und ausgeprägtere dynamische Kontraste vorstellen, aber ich weiss es zu schätzen, dass Onofri nicht versucht, zu einem Wettbewerb in Geschwindigkeit und Überschwang beizutragen. Neben mehr als 250 Solokonzerten für Violine schrieb Vivaldi viele Konzerte für andere Instrumente, von der Laute bis zum Fagott. Da sie oft für professionelle Spieler oder die hochbegabten Mädchen des Ospedale della Pietà geschrieben wurden, sind viele davon nicht weniger virtuos als die Violinkonzerte. Vivaldi schrieb auch Konzerte für zwei und mehr Instrumente, oft in weniger konventionellen Kombinationen, wie zwei Oboen und zwei Violinen. Unter dem Titel "Vivaldi con amore" veröffentlichte das kanadische Tafelmusik Baroque Orchestra eine CD mit Beispielen der verschiedenen Arten von Konzerten, die Vivaldis Oeuvre zu bieten hat: zwei Konzerte für Solovioline und eines für vier Violinen, Konzerte für Fagott bzw. Laute und zwei Konzerte für zwei Oboen, eines davon mit zwei Soloviolinen, denen die Ouvertüre zur Oper Ottone in villa vorangestellt wird, die auch eine Solostimme für die Violine enthält. Diese Aufnahme zeigt, dass man für fesselnde Aufführungen keine italienischen Ensembles braucht. Die Zeit ist vorbei, in der Ensembles aus der angelsächsischen Welt mit ordentlichen Darbietungen aufwarteten, die weitgehend frei von Dramatik waren und keine Rücksicht auf den grundsätzlich theatralischen Charakter von Vivaldis Instrumentalmusik nahmen, obwohl solche Darbietungen ab und zu noch zu hören sind. Diese 30 TOCCATA - 118/2022 CD-UMSCHAU

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