Toccata 02/2022

CD zeigt, dass sich viel geändert hat. Das Ensemble unter der Leitung der gebürtigen Italienerin Elisa Citterio bringt hervorragende Leistungen. Citterio selbst zeigt den Weg in ihrer Interpretation des Konzerts RV 761, dessen letzter Satz besonders schön ist. Dominic Teresi zeichnet verantwortlich für eine spannende Aufführung des Fagottkonzerts RV 481; der Mittelsatz ist besonders theatralisch. Die CD schließt mit einer überzeugenden Aufführung des Konzerts für zwei Oboen und zwei Violinen RV 564a, mit exzellenten Solobeiträgen von John Abberger, Marco Cera, Elisa Citterio und Julia Wedman. Diese Produktion bietet eine fesselnde Mischung aus mehr oder weniger bekannten Stücken und weniger bekannten Werken. Die nächste CD, mit dem Ensemble Musica Antiqua Latina, heißt schlicht "Vivaldi" und enthält Konzerte und Sinfonien. Auf den ersten Blick nichts Besonderes. Im Textheft gibt es jedoch zwei Essays, deren Autoren Giovanni De Zorzi bzw. Giordano Antonelli argumentieren, dass Venedig ein Amalgam verschiedener Kulturen, darunter der des Orients, war und dass sich dies auf die dort komponierte Musik ausgewirkt haben muss. Das klingt plausibel, aber leider versäumen sie es, genau aufzuzeigen, wo man orientalische Einflüsse in Vivaldis Musik wahrnehmen könnte. Die CD endet mit der Sinfonia in hMoll (RV 168) und der letzte Satz beginnt mit einer Improvisation über die griechische Lyra von Giordano Antonelli (welche Art von Instrument er spielt, wird nicht erwähnt), die dann zu der Musik führt, die Vivaldi geschrieben hat. Ich kann das nicht ernst nehmen. Das ist ein Mätzchen, um einen Einfluss in Vivaldis Musik aufzuzeigen, den die Autoren der Essays und die Interpreten ansonsten nicht beweisen können. Insgesamt ist das Spiel in Ordnung, obwohl ich nicht wirklich begeistert bin von dem, was hier geboten wird. Das hat auch mit der Aufnahme zu tun. Anscheinend um den Nachhall des Aufnahmeortes (der am Ende der Sätze deutlich hörbar ist) auszugleichen, ist die Aufnahme sehr direkt. Besonders unbefriedigend sind die beiden Cellokonzerte: Der Klang des Cellos geht einem direkt ins Gesicht, da es vor dem Ensemble platziert wurde. Manchmal hatte ich den Eindruck, die Solostimme des Cellos sei in einem anderen Raum aufgenommen worden. Das hat nichts mit der Rolle des Soloinstruments als primus inter pares in Vivaldis Musik (oder überhaupt in barocken Solokonzerten) zu tun. Die Partie für Traversflöte im Concerto RV 96 wird auf der Blockflöte gespielt, die aber weder in der Titel- noch in der Interpretenliste erwähnt wird. Ich kann diese CD nicht als wesentlichen Beitrag zur Vivaldi-Diskographie betrachten Vivaldi komponierte viele Violinkonzerte für seinen eigenen Gebrauch. Allerdings hatte er auch einige virtuose Interpretinnen im Ospedale del Pietà, und eine davon war ein echter Star, Anna Maria. Wie üblich waren die Waisenkinder, die ins Ospedale aufgenommenen wurden und dort eine (musikalische) Ausbildung erhielten, nur mit ihrem Vornamen bekannt, der ihnen bei der Aufnahme mitgeteilt wurde. Anna Maria hinterließ ein Stimmbuch mit 31 Konzerten, die meisten von Vivaldi. Sie enthalten nur den Solopart und manchmal den Bass. Einige dieser Konzerte sind aus anderen Quellen bekannt, einige jedoch nicht, so dass sie nur durch Rekonstruktion aufführbar sind. Wie solche Rekonstruktionen trotz der Knappheit des Materials möglich sind, erläutert Michael Talbot im Textheft zur GlossaAufnahme von Modo Antiquo unter der Leitung von Federico Maria Sardelli. Eine Grundlage für Rekonstruktionen ist, dass Vivaldi oft Material aus früheren Kompositionen wiederverwendete, leicht oder stark überarbeitet. Darüber hinaus gibt es in seinem Oeuvre bestimmte Muster, die dem Ersteller einer Rekonstruktionen weiterhelfen. Die Tatsache, dass einige Konzerte eine Orgelstimme enthalten, ist kein zusätzliches Problem, sondern erleichtert die Rekonstruktion wegen Vivaldis Gewohnheit, die beiden Instrumente in Parallelen zu führen oder sich gegenseitig imitieren zu lassen. Trotzdem sind Rekonstruktionen dieser Art zwangsläufig spekulativ, und wenn die Originalkonzerte nicht gefunden werden, können wir nicht sicher sein, ob diese Rekonstruktionen Vivaldis Absichten entsprechen. Letztendlich zählt das Ergebnis, und diese rekonstruierten Fassungen machen einen hervorragenden Eindruck und können als wesentliche Ergänzungen zu Vivaldis Oeuvre gelten. Die Konzerte für Violine und Orgel sind sicherlich die interessantesten, da wir bisher nur eine Handvoll Stücke in dieser Besetzung kannten. RV 774 und 775 waren bekannt, aber nur unvollständig, während RV 808, wie die Nummer im Ryom-Katalog vermuten lässt, bis vor kurzem nicht als authentisches Vivaldi-Werk anerkannt wurde. Mit Federico Guglielmo haben wir einen versierten Interpreten, der viel Erfahrung mit Vivaldis Musik hat; mit seinem Ensemble L'Arte dell'Arco nahm er für Brilliant Classics eine Vielzahl von CDs mit Vivaldis Musik auf. Roberto Loreggian ist ein hervorragender Organist, wie er hier einmal mehr zeigt. Ich hätte mir nur gewünscht, man hätte eine größere Orgel mit einer breiteren Farbpalette verwendet. Um Nicola Benedettis Streifzüge in der Welt der Barockmusik hat es einiges Aufsehen gegeben, wie ich bei einer Internetrecherche nach ihren Referenzen erfahren habe. Sie hat mit späterem Repertoire eine gute Karriere gemacht, und das mag erklären, warum ich noch nie von ihr gehört hatte. Anfangs war ich skeptisch, da ich zu oft Künstlern begegnet bin, die gerne mal mitmachen, wenn etwas gut ankommt und sich gut verkaufen lässt, ohne sich das Wesentliche angeeignet zu haben. Benedetti scheint es jedoch ernst zu meinen: sie hat sich den Rat des italienischen Cembalisten und Dirigenten Andrea Marcon eingeholt und in ihrem Ensemble einige angesehene Interpreten der historischen Aufführungspraxis versammelt. Obwohl sie eine modernisierte Geige spielt, habe ich aus mehreren Quellen erfahren, dass sie Darmsaiten verwendet und einen Barockbogen spielt. So klingt es auch, und insgesamt bin ich mit der Art und Weise, wie Benedetti Vivaldi spielt, recht zufrieden. Sie konzentriert sich nicht ganz auf die virtuosen Aspekte, sondern schenkt der lyrischen und expressiven Seite von Vivaldis Konzerten viel Aufmerksamkeit. Beim Einfügen von Kadenzen übt sie Zurückhaltung: sie benutzt sie nicht für Angeberei, indem sie sie zu lang oder zu virtuos macht. Dass sie als eine Art „Zugabe“ statt eines virtuosen schnellen Satzes ein Andante aus einem weiteren Konzert hinzufügt, bestätigt meinen positiven Eindrücke. Die CD fängt mit einem der Concerti grossi an, die Francesco Geminiani auf eine Violinsonate von Corelli basierte. Diese leider ziemlich kurze CD ist eine willkommene Ergänzung der Diskographie, und ich hoffe, dass Nicola Benedetti die Welt der barocken Violinmusik weiter erforschen möchte. Wie wäre es mit etwas Tartini? Die Konzerte für Blockflöte und Flautino zählen zu Vivaldis beliebtesten Werken. Das hat zweifellos mit ihrer Qualität zu tun, aber auch damit, dass die Zahl barocker Solokonzerte für die Blockflöte eher begrenzt zu sein scheint. Es gibt weniger zur Auswahl, sicherlich im Vergleich zu dem, was für die Traversflöte oder die Oboe erhältlich ist. Viele namhafte Blockflötenspieler haben einige oder alle Konzerte aufgenommen, und Giovanni Antonini ist sicherlich ein Interpret dieser Kategorie. Da er schon seit geraumer Zeit dabei ist - Il Giardino Armonico wurde 1985 gegründet - überrascht es, dass er Vivaldis Konzerte erst jetzt eingespielt hat. Ich habe einige Rezensionen zu dieser CD gelesen, die alle vollen Lobes für Antoninis Darbietungen waren. Seine Virtuosität und Vorstellungskraft sind sicherlich beeindruckend, und wenn es immer noch einige gibt, die glauben, dass man auf der Blockflöte nicht virtuos spielen könnte, beweist diese CD das Gegenteil. Allerdings habe ich das Gefühl, dass Antonini zu sehr auf technische Virtuosität setzt. In zu vielen Konzerten hat er es nicht geschafft, mir ihre Schönheit zu zeigen. Ich möchte keineswegs behaupten, dass er sie benutzt, um seine eigenen Fähigkeiten ins Licht zu rücken, aber meines Erachtens geht er zu weit in der Vorführung der technischen Aspekte. Im Largo des Konzerts in C (RV 443) fügt er nicht nur Verzierungen hinzu, sondern er schreibt fast um, was Vivaldi aufgeschrieben hat, vergleichbar mit der Unsitte mancher Opernsänger, Arien im Dacapo umzuschreiben. Das Konzert in F (RV 442), das die CD abschliesst, hat mir am besten gefallen, da er sich hier weitgehend zurückhält. Ich sollte hinzufügen, dass Il Giardino Armonico auch der Versuchung erliegt, sich zu sehr von der Konkurrenz abheben zu wollen, eine Angewohnheit einiger italienischer Ensembles. Wenn ich Vivaldis Blockflötenkonzerte wirklich genießen möchte, greife ich zu einer anderen CD. Johan van Veen Robert: Grands Motets sur le Cantique des Cantiques. Marine Lafdal-Franc (Sopran), Clément Debieuvre (Haute-contre), Antonin Rondepierre (Tenor), David Witczak (Bariton), Les Pages & Les Chantres du Centre de musique baroque de Versailles, Concerto Soave, Olivier Schneebeli Château de Versailles Spectacles - CVS051 (2020; 64') Lully: Dies irae; De profundis; Te Deum. Sophie Junker, Judith van Wanroij (Sopran), Matthias Vidal, Cyril Auvity (Hautecontre), Thibaut Lenaerts (Tenor), Alain Buet (Bass), Choeur de Chambre de Namur, Millenium Orchestra, Cappella Mediterranea, Leonardo García Alarcón Alpha - 444 (2018; 83') Lully: Dies irae, O lachrymae, De profundis. Les Épopées, Stéphane Fuget TOCCATA - 118/2022 31 CD-UMSCHAU

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