Toccata 02/2022

Château des Versailles Spectacles - CVS032 (2020; 70') Valette de Montigny: Grands Motets. Eva Tamisier, Coline Bouton (Sopran), David Tricou, Charles d'Hubert (Haute-contre), Pierre Perny, Clément Lanfranchi (Tenor), Timothé Bougon, Raphaël Marbaud (Bass), Ensemble Antiphona, Rolandas Muleika Paraty - 321262 (2019; 55') Die Gattung des 'grand motet' gehörte zu den wichtigsten im Bereich der geistlichen Musik im Frankreich des Ludwigs XIV. Am Anfang standen zwei Komponisten, die als 'Erfinder' dieser Gattung betrachtet werden können: Henry du Mont und Pierre Robert. Letztgenannter ist der unbekannteste der zwei; nur ganz wenige seiner Werke liegen auf CD vor. Eine Aufnahme erschien 2008 beim Label K617, und diese Einspielung stand unter der Leitung von Olivier Schneebeli. Er war von der Qualität von Roberts Motetten so beeindruckt, dass er sich unbedingt später wieder mit ihm beschäftigen möchte. Das hat in eine beim Label Château de Versailles Spectacles erschienene CD gemündet, die drei weitere Motetten enthält. Die Texte solcher Motetten wurden meistens dem Buch der Psalmen entnommen. Für diese Motetten hat Robert aber Texte aus dem Hohelied Salomonis ausgewählt. Wie bekannt, wurden seit frühen Zeiten diese Gedichte - zum Teil in Form von Dialogen - über die Liebe eines jungen Mannes und einer jungen Frau geistlich interpretiert. Das ermöglichte die Verwendung in der Liturgie. Diese Motetten waren für den Gebrauch in der Messe am Hofe bestimmt. Was mag der Grund gewesen sein, eben solche Texte zu vertonen? Im Textheft erklärt Thomas Leconte, dass es dafür auch einen politischen Grund gab - wie für fast alles in der absolutistischen Monarchie Frankreich. "Das Buch der Bibel in Form einer verliebten Zwiesprache zwischen Ehemann und Ehefrau ist als eine Allegorie für die jungfräuliche Vereinigung zwischen Gott und der Gottesmutter und damit zwischen der Christusfigur des Königs und Frankreich zu verstehen. Eine Allegorie der Reinheit, aber auch der ausschliesslichen Vereinigung, das immer wiederkehrende Bild der stralend weissen Lilie, verbunden mit dem Emblem der französischen Monarchie, erinnert ebenfalls an die Bedeutung der Marienfigur im gallikanischen Frankreich (...)". Die Texte haben einen eher intimen Charakter und damit unterscheiden sich diese Werke von den oft extrovertierten Motetten auf Psalmtexten. Der Dialogcharakter vieler Texte erklärt auch die wichtige Rolle der Solisten. Diese machen hier eine gute Figur, indem sie den eigenständigen Charakter dieser Werke respektieren. Schade nur, dass alle vier sich zuviel Vibrato erlauben. Ausserdem sind die Texte, vor allem in den Passagen für grossen oder kleinen Chor nicht immer klar verständlich. In 'Ego flos campi' gibt es einen Abschnitt für zwei Soprane, aber das Textheft erwähnt nur eine Solistin. Die deutsche Übersetzung des Einführungstextes lässt einiges zu wünschen übrig. Eine 'symphonie' ist nicht ein 'grosses Orchester', sondern nur ein Instrumentalensemble, das auch mal sehr klein sein kann. Insgesamt möchte ich diese CD empfehlen, trotz einiger Schwächen, da diese Motetten sehr schön sind. Es war eine gute Idee, auch eine Motette von Du Mont, ebenfalls auf einem Text aus dem Hohelied, einzufügen. Selbstverständlich trug auch Jean-Baptiste Lully, der im französischen Musikleben eine Sonderstellung einnahm und in einem engen Verhältnis zum Sonnenkönig stand, zur Gattung des 'grand motet' bei. Das wird auf den beiden folgenden CDs dokumentiert. Sowohl Leonardo García Alarcón als Stéphane Fuget nahmen das Dies irae und De profundis auf. Diese beiden Werke wurden aufgeführt, als Königin Marie-Thérèse am 1.9.1683 beigesetzt wurde. Für das dritte Werk haben sich die Dirigenten für unterschiedliche Werke entschieden. Fuget schliesst sich mit 'O lachrymae' dem Charakter der beiden Trauergesänge an, denn dieses Werk ist inhaltlich eng mit De profundis verwandt. García Alarcón hat sich für ein stark kontrastierendes Werk entschieden, vielleicht auch da seine Aufnahme während einer LiveAufführung entstand, und er dem Publikum zum Schluss etwas Aufmunterndes präsentieren möchte. Der Text des Te Deum ist durch die Geschichte hindurch immer wieder für Könige und Aristokraten vertont worden, oft bei besonderen Gelegenheiten, wie einem militärischen Sieg oder einem Friedensschluss. Lullys Te Deum wurde zum ersten Mal bei der Taufe seines ältesten Sohnes aufgeführt. Das war eine grosse Ehre, aber - wie gesagt - standen Lully und Ludwig in enger Verbindung, und der König und seine Gattin waren die Taufpaten des gesagten Sohnes. Es ist unvermeidlich, beide Einspielungen zu vergleichen. Vor allem beim Dies irae sind die Unterschiede verblüffend. García Alarcón ist der schnellste, und auch sonst gibt es Unterschiede; ich habe mich davon vergewissern müssen, dass es sich um das gleiche Werk handelt. Eine Erklärung der Unterschiede liegt zum Teil darin, dass bei Fuget die Solopassagen von Mitgliedern des Vokalensembles gesungen werden, wo García Alarcón Solisten von aussen herangezogen hat. Beim Abhören kam mir in den Sinn, dass García Alarcón sich auf den Effekt und Fuget sich auf den Affekt konzentriert. Aber ich möchte den Unterschied nicht übertreiben; es ist nicht schwarz-weiss. Dem Textheft ist zu entnehmen, dass der Text bei den Interpretationen des Ensembles Les Epopées immer im Mittelpunkt steht, und das man anstrebt, die Texte so deklamierend vorzutragen, dass sie optimal verständlich sind. Das ist gut gelungen. Ich möchte keine der beiden Aufnahmen bevorzugen, denn ich habe beide mit viel Vergnügen angehört. Es wird schön gesungen und gespielt, und der Charakter der jeweiligen Werke kommt gut zum Tragen. Wer 'grands motets' liebt oder generell gerne französische Barockmusik hört, sollte sich diese beiden Produktionen nicht entgehen lassen. Die bei CVS erschienene CD ist Teil einer Reihe mit Motetten-Einspielungen. Wir können also noch mehr Schönes erwarten. Eine zweite Lully-CD und eine Aufnahme von Motetten von Rameau sind vor kurzem schon erschienen. Die französische Musik des Barock, die heutzutage aufgeführt wird, wurde meistens für Paris oder Versailles komponiert. Man könnte fast den Eindruck bekommen, dass sich ausserhalb des Zentrums nichts tat. Glücklicherweise erscheinen dann und wann CDs, die das Gegenteil beweisen. Das gilt auch für die letzte hier rezensierte CD, die einem Komponisten gewidmet ist, den die wenigsten Musikliebhaber kennen mögen. Joseph Valette de Montigny (1665-1738) wurde in Bézien im Languedoc geboren. Er fing seine musikalische Karriere als Chorknabe in der dortigen Kathedrale an, und wurde im Alter von 24 Jahren schon zum Kapellmeister ernannt. Darauf bekleidete er vergleichbare Posten in anderen Kathedralen. Gegen Ende des Jahrhunderts fing er an zu reisen. Er war in Amsterdam, London und Kopenhagen, wo er auch komponierte, und nach einigen Jahren in Frankreich ging er nach Italien. Nach seinem Rückkehr wirkte er in Senlis und Bordeaux, und die letzten zehn Jahre seines Lebens wirkte er als Kapellmeister zu Toulouse. 48 Kompositionen von Valette de Montigny hat man identifizieren können; leider ist die Hälfte seines Oeuvres verschollen. Bis zur Erscheinung der Paraty-CD war kein einziges seiner Werke auf CD erhältlich. Jetzt liegen zwei 'grands motets' vor, die zeigen, dass diese Gattung, die in Paris und Versailles so beliebt war, sich über andere Teile des Landes verbreitet hatte. 'Surge propera' ist nicht eine Vertonung des bekannten Textes aus dem Hohelied Salomos, sondern eines frei gedichteten Textes. Das Werk ist besetzt mit sechs Singstimmen, fünfstimmigem Chor und einem Orchester mit zwei Trompeten und Pauken. Die zweite Motette, Salvum fac Deus, hat Verse aus dem 68. (69.) Psalm zum Text. Nach den Versen 2 - 4 erklingen die Verse 25, 33, 35, 30 und 31, in dieser Rangordnung. Diese beiden Motetten zeigen die grossen Qualitäten von Valette de Montigny; sie brauchen sich vor vergleichbaren Werken viel berühmterer Zeitgenossen wie Lalande und Gilles nicht zu verstecken. Die Interpretation hätte kaum besser sein können. Die Solisten und der Chor sind in bestechender Form und stilistisch voll überzeugend. Das Orchesterspiel ist farbig und dynamisch. Es ist mir ein Rätsel, warum solche Musik so lange auf Entdeckung und Aufführung hat warten müssen. Diese CD ist eine der schönsten, die ich in letzter Zeit gehört habe. Schade nur, dass das Textheft keine Gesangstexte enthält. Johan van Veen Händel: Aci, Galatea e Polifemo. Giuseppina Bridelli (Mezzosopran), Raffaele Pe (Altus), Andrea Mastroni (Bariton), La Lira di Orfeo, Luca Guglielmi Glossa - GCD 923528 (2 CDs) (2020; 84') Als Händel sich in Italien niederliess, war sein erstes Anliegen sich am italienischen Stil vor Ort zu orientieren. Aber bald griff er selbst zur Gänsefeder, um eigene Werke zu komponieren. Eines dieser Werke war die Serenata 'Aci, Galatea e Polifemo', die er 1708 für die Hochzeit des Herzogs von Alvita, Tolomeo III., und Beatrice Sanseverino in Neapel komponierte. Wie in anderen Fällen auch, hat er später das Thema wieder aufgenommen, und die heute bekanntere englische Fassung 'Acis and Galatea' wurde 1732 zum ersten Mal aufgeführt. CD-UMSCHAU 32 TOCCATA - 118/2022

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