Toccata 02/2022

33 TOCCATA - 118/2022 CD-UMSCHAU Aber 1718 gab es schon mal eine englische Fassung, und die hier besprochene Aufnahme bietet "eine hypothetische Rekonstruktion einer Fassung zwischen der letzten neapolitanischen Wiederaufnahme von 1713, von der das Libretto nicht gefunden wurde, und der einaktigen englischen Fassung von 1718, die in Cannons House in England aufgeführt wurde." Händel hat viele seiner Werke mehrmals aufgeführt, und dabei immer wieder Änderungen vorgenommen. Sein Oratorium Messiah ist ein gutes Beispiel. Die sich daraus ergebenden Fassungen sind oft schwer auseinanderzuhalten, und wenn jemand behauptet eine Fassung rekonstruiert zu haben, ist Vorsicht angesagt. Meine Orientierung im Internet hat ergeben, dass Händelexperten dieser Fassung kritisch gegenüberstehen. Der britische Musikwissenschaftler David Vickers nennt das Ganze sogar eine 'Schmiererei', und grundsätzlich nicht wesentlich anders als die Fassung von 1708. Aber hier haben Acis und Galatea die Stimmlage verwechselt. Das wird damit begründet, dass 1713 der Kastrat Senesino und die Sopranistin Anna Maria Strada del Po' an der Aufführung mitgewirkt hätten. Unklar ist, ob ihre Mitwirkung dokumentiert ist oder nur vermutet wird. Letzteres könnte man schliessen aus der Bemerkung von Vickers, dass in dieser Fassung die Partien für die Sängern in dieser Aufnahme transponiert wurden. Dass sich damit die Art und Weise, in der sich die Charaktere profilieren, ändert, spricht fast von selbst. Die Programmerläuterung ruft sowieso Fragen hervor. "Die Rolle des Polifemo ist fast vollständig neu geschrieben, mit langen Ariosi und neuen Arien" - aber von wem? Und woher hat man die Arien genommen? Nach der Ouvertüre singt Polyphem ein Arioso 'Mi palpita il cor', die einer Kantate aus Händels römischer Zeit entnommen ist, und danach erklingt eine Arie, die Händel für seine Wiederauffühung 1736 komponiert hat (aber da steht sie an anderer Stelle). Es gibt zweifellos mehr über diese Fassung zu sagen; ich rate jedem Interessierten, sich im Internet zu orientieren. Über die Aufführung lässt sich Positives und Negatives sagen. Zunächst einmal, diese Produktion wurde 2020 im Theater aufgeführt, ohne Publikum, wegen der Pandemiebeschränkungen. Dort wurde auch die Aufnahme durchgeführt. Opernhäuser haben meistens eine relativ trockene Akustik, mit wenig Nachhall, und das ist auch hier der Fall. Das wirkt sich positiv aus. Der dramatische Charakter des Werkes kommt gut zum Tragen. Es gibt eine gute Interaktion zwischen den drei Darstellern. Andrea Mastroni ist ein überzeugender Polyphem, der droht, aber nicht zur Karikatur wird. Seine Stimme kann ich nicht schön finden, aber das ist hier vielleicht auch nicht erwünscht. Bei den Rollen von Acis und Galatea gibt es das Problem, dass die Rolle der Galatea zwar in die Sopranlage transponiert wurde, hier aber mit der Mezzosopranistin Giuseppina Bridelli besetzt ist. Daher unterscheiden sie sich ungenügend, und auch klanglich sind ihre Stimme und die des Raffaele Pe einander ziemlich ähnlich. Da wäre eine klarere Sopranstimme zu bevorzugen. Generell singen die beide ihre Rollen gut, und sie wissen ihre Gefühle und ihre Reaktionen auf die Ereignisse gut zum Ausdruck zu bringen. Stilistisch sind alle drei zweifelhaft, da es zuviel Vibrato gibt und die Spitzentöne zu laut sind. In den Verzierungen und Kadenzen neigen sie zur Übertreibung. Grundsätzlich haben wir es hier mit einer Phantasiefassung zu tun, die aus historischer Sucht auf wackeligen Füssen steht. Jeder Händelfreund soll mal selber entscheiden, ob sie interessant genug ist, um sie in seine Sammlung aufzunehmen.Auf jeden Fall scheint hier Musik zu hören zu sein, die Händel in den 1730er Jahren komponierte, und noch nie aufgenommen wurde. Das könnte ein wichtiger Faktor sein, aber der richtige Händelfreund wird sich ärgern, dass diese Fassung so schlecht dokumentiert wird. Johan van Veen JS Bach: Brandenburgische Konzerte (BWV 10461051). Il Gusto Barocco, Jörg Halubek Berlin Classics - 0301676BC (2 CDs) (2019; 1.33') JS Bach: Ouvertüren (BWV 1066-1069) (Ursprüngliche Fassungen). Concerto Copenhagen, Lars Ulrik Mortensen CPO - 555 346-2 (2019; 73') JS Bach, Telemann: The Hidden Reunion. Orchester des 18. Jahrhunderts Glossa - GCD 921130 (2021; 61') Telemann: Violinkonzerte, Folge 7. Elizabeth Wallfisch (Violine), The Wallfisch Band CPO - 777 881-2 (2013; 57') Telemann: Bläserouvertüren Folge 2. L'Orfeo Bläserensemble, Carin van Heerden CPO - 555 212-2 (2017; 59') Die Brandenburgischen Konzerte und Orchestersuiten von Johann Sebastian Bacn zählen zu den beliebtesten Orchesterwerken des Barock. Das schlägt sich in den vielen Einspielungen nieder. Daher fragt man sich bei jeder Neuaufnahme, was diese denn zu bieten hat, das es nicht schon gibt. Diese Werke scheinen von Orchestern als eine Art von Probestücken betrachtet zu werden, mit denen sie ihre Qualitäten demonstrieren können. Nichts dagegen, aber die Frage ist, wieviele Musikliebhaber denn solche Einspielungen in ihre Sammlung aufnehmen möchten, wenn diese Werke darin schon so reichlich vertreten sind. Il Gusto Barocco, geleitet von Jörg Halubek, hat die Brandenburgischen Konzerte während der Bachwoche Ansbach 2019 eingespielt. Im Textheft führt Halubek aus, dass die Spieler sich auf historische Quellen basieren und die Zeit nehmen möchten, Dinge auszuprobieren. Dabei hat jeder Spieler seinen Anteil. Das ist gut so, aber ich kann in dieser Interpretation eigentlich nichts grundsätzlich Neues entdecken. Im Textheft wird ausführlich über die Violino piccolo geschrieben, als ob es sich dabei um ein unbekanntes Instrument handeln würde. Sie wird aber in jeder mir bekannten Aufnahme verwendet. Dinge, die beispielsweise Sigiswald Kuijken in seiner Aufnahme ausprobiert hat - wie die Verwendung des Violoncellos da spalla statt des konventionellen Violoncellos, oder den Einsatz einer Trompete ohne Löcher - sucht man hier vergebens. Das ist schade, denn das sind zwei Entwicklungen, die die Interpretation dieser Konzerte wirklich voranbringen. Das schmählert nicht meine Wertschätzung dieser Aufnahme, denn Il Gusto Barocco spielt sehr gut. Schön ist beispielsweise die prominente Rolle der Hörner im ersten Konzert, die unterstreicht, wie ungewöhnlich die Instrumentation dieses Konzerts damals war. Die Tempi sind generell überzeugend, aber nicht immer. Das Menuett des ersten Konzerts wird sehr zügig gespielt; hier schlägt Il Gusto Barocco sogar Musica antiqua Köln. Aber es ist fraglich, ob ein so hohes Tempo dem Charakter eines Menuetts gerecht wird. Sehr schön ist das Tempo des Andante im zweiten Konzert, das mit Recht nicht als einen langsamen Satz behandelt wird. Im sechsten Konzert sind die beiden Ecksätze dann etwas zu langsam. Das Adagio des dritten Konzerts gibt Rätsel auf. Mehrere Interpreten haben daraus einen etwas längeren Abschnitt gemacht, indem die wenigen Akkorde improvisatorisch herausgearbeitet werden. Darauf wird hier verzichtet. Im fünften Konzert sind die Violine und die Traversflöte etwas zu dominant im Vergleich zum Cembalo. Hier, wie in den anderen Konzerten, werden die solistischen Abschnitte sehr schön gespielt. Es gibt wohl keine Aufnahme, die in jeder Hinsicht überzeugt, und es hängt natürlich auch vom Geschmack des Musikliebhabers ab, welche er bevorzugt. Ich denke, dass viele an dieser Einspeilung Freude finden werden. Sie gehört sicherlich zu den besseren, die in den letzten Jahren erschienen sind. Die zweite Produktion, die hier zur Rezension steht, scheint dagegen schon etwas Neues zu bieten, denn es wird behauptet, dass hier die 'ursprünglichen Fassungen' der Orchestersuiten zu hören sind. Das braucht eine Erläuterung, denn wie Bach diese Ouvertüren ursprünglich konzipiert hat, ist nicht bekannt. Es handelt sich meistens um Vermutungen, die auf Studien der Quellen basieren. Es ist auch nicht bekannt, wann Bach sie komponiert hat. Die erste Ouvertüre wird hier in der üblichen Fassung gespielt, und das gilt auch für die zweite. Letzteres mag verwundern, denn Joshua Rifkin hat argumentiert, diese Ouvertüre sei in erster Linie für Violine und Streicher konzipiert. Hier erklingt die übliche Fassung, in der der in Bachs Leipziger Zeit wachsenden Popularität der Traversflöte Rechnung getragen wird. In der dritten Ouvertüre wird dann auf den Einsatz jeglicher Blasinstrumente verzichtet, mit dem Argument, dass die Bläserstimmen nichts Wesentliches zum Ganzen beitragen. Es ist bemerkenswert, dass Karl Aage Rasmussen in seiner Programmerläuterung hier auf die Ansichten von Rifkin verweist. Warum wurden diese bezüglich der zweiten Suiten dann ignoriert? In der vierten Suite spielen die Oboen und das Fagott eine ausgeprägte Rolle, weshalb sie hier auch zum Einsatz kommen. Es fehlen aber wieder Trompeten und Pauken. Das Concerto Copenhagen hat vor einiger Zeit die Brandenburgischen Konzerte für CPO eingespielt. Davon war ich nicht sonderlich beeindruckt. Diese Aufnahme ist besser gelungen, aber es gibt auch Aspekte, die nicht restlos überzeugend sind. Einige Tempi sind sehr zügig, aber es gibt auch Sätze, die ich als zu langsam empfunden habe. Dann und wann hätte ich auch eine schärfere Artikulation und ausgeprägtere dynamische Akzente bevorzugt. Merkwürdig ist, dass in der Gavotte der ersten Ouvertüre im Dacapo des A-Abschnitts auf den Einsatz von Oboen und Fagott verzichtet wird. Auffällig sind auch die Verzierungen bei den Bläsern: sehr schön, aber aus historischer Sicht vielleicht diskutabel. Über die Verzierungspraxis in Bachs Musik gehen bekanntlich die Meinungen auseinander. Zwei Aspekte verdienen erwähnt zu werden: bei den Ouvertüren - den Einleitungssätzen - wird der A-Abschnitt nur einmal

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