Toccata 02/2022

wiederholt (Musica antiqua Köln ist eines der Ensembles, die diese Sätze in ABABA-Form spielen). Die Besetzung ist, wie in den Brandenburgischen Konzerten, solistisch: im Ensemble spielen nur zwei Geigen und eine Bratsche. Das verleiht diesen Werken eine zusätliche Intimität, die schon dadurch entsteht, dass keine Trompeten und Pauken mitspielen. Soviel ich weiss, gibt es nicht viele Aufnahmen dieser Orchestersuiten in den hier aufgenommenen Fassungen, und das macht diese Produktion sowieso empfehlenswert. Die Interpretation kann nicht in jeder Hinsicht überzeugen, hat aber doch viel Schönes zu bieten, was auch aus diesem Blickwinkel eine Empfehlung rechtfertigt. Es ist noch nicht einmal so lange her, dass Bach und Telemann einander gegenübergestellt wurden. Daraus ging Bach immer als 'Sieger' hervor. Schon im 19. Jahrhundert, als beide Komponisten wiederentdeckt und ihre Werke studiert wurden, betrachtete man Telemann als den weniger originellen und weniger begabten der zwei. Es war schon etwas peinlich, als sich herausstellte, dass zwei Bach zugeschriebene Kantaten, die als Beweis für seine Überlegenheit betrachtet wurden, in Wirklichkeit von Telemann stammten. Bach selber stand Telemanns Musik durchaus positiv gegenüber. Er führte dessen Kantaten in Leipzig auf und Telemann war der Pate seines zweitältesten Sohnes Carl Philipp Emanuel. Es ist daher durchaus sinnvoll, beide auf eine CD zusammenzubringen, wie es das Orchester des 18. Jahrhunderts gemacht hat. Der Titel der CD, übersetzt "die verborgene Wiedervereinigung", bezieht sich übrigens nicht auf das Verhältnis der beiden Komponisten oder deren Musik, sondern auf das Orchester. Im Textheft beschreibt Anna Enquist, wie sich die Spieler durch die Zeit der Covid-19-Pandemie durchgeschlagen haben. Das Orchester versteht sich als eine Gemeinschaft von Freunden, und es schmerzte ihnen, nicht zusammenspielen und auftreten zu dürfen. Das war umso schwieriger, da die Spieler an den verschiedensten Orten über die ganze Welt beheimatet sind. Als Konzerte und Tourneen abgesagt wurden, entstand die Idee, jedenfalls die Streicher zusammenzubringen, um eine CD-Aufnahme zu realisieren. Da das Blasen als ein erhöhtes Risiko galt, wurde auf den Einsatz von Blasinstrumenten verzichtet, mit Ausnahme der Traversflöte in der zweiten Ouvertüre von Bach, die von Michael Schmidt-Casdorff gespielt wird. Die Aufnahme fand unter den notwendigen Vorkehrungen statt, wie einen gewissen Abstand zwischen den Spielern. Man fragt sich, ob dass die Aufnahme beeinflusst hat. Auf jeden Fall hätte ich eine etwas intimere Atmosphäre bevorzugt, aber unter diesen Umständen war das wohl unrealistisch. Das Programm fängt mit Bachs 6. Brandenburgischen Konzert an, und hier sind die Tempi der Ecksätze mit denen von Il Gusto Barocco vergleichbar - meines Erachtens zu langsam. Der Mittelsatz wird als Adagio gespielt, aber man scheint den Zusatz "ma non tanto" übersehen zu haben. In der zweiten Ouvertüre erklingt auch hier der erste Satz als ABA, aber im Vergleich zu Concerto Copenhagen ist das Tempo erheblich langsamer (7'13" vs 6'09"). Das trifft auch auf die meisten der danach folgenden Sätze zu. Insgesamt haben diese beiden Darstellungen mich enttäuscht. Weit besser ist Telemanns Ouvertüre in D-Dur gelungen. Die Solopartie für Viola da gamba wird von Rainer Zipperling sehr schön gespielt. Wenn man erfährt, wie ein angesehenes Orchester wie dieses versucht, in schwierigen Zeiten zu überleben, ist man vielleicht geneigt, die Augen vor enttäuschenden Darbietungen zu schliessen. Letztendlich ist aber der musikalische Gehalt ausschlaggebend, und deswegen kann ich mit dieser Produktion nicht restlos zufrieden sein. Dabei soll nicht übersehen werden, dass schon in der Zeit, als Frans Brüggen noch am Ruder stand, dieses Ensemble in Musik der Klassik wesentlich besser abschnitt als im Repertoire des Barock. Darin hat es nie eine Vorreiterrolle gespielt, und darin gab es auch eine grössere Konkurrenz. Das wird mit dieser Produktion bestätigt. Es gibt halt spannendere, energischere und differenziertere Interpretationen als hier geboten werden. Es ist schon einige Zeit her, seit die sechste Folge der Gesamtaufnahme der Violinkonzerte von Telemann erschien. Jetzt liegt die siebente Folge vor, und man reibt sich die Augen aus, wenn man sieht, dass die Aufnahmen schon 2013 entstanden sind. Warum hat es so lange gedauert, bis sie auf CD erschienen? Liegt es daran, dass die zwei längsten Werke zweifelhafter Authentizität sind? Hat man vielleicht gezweifelt, ob man sie in diese Reihe aufnehmen sollte? Es handelt sich um zwei Ouvertüren mit solistischer Geige, beide in A-Dur. An sich ist das nicht ungewöhnlich: in früheren Folgen gab es schon solche Werke. Der amerikanische Telemann-Experte Steven Zohn findet die Sätze der Ouvertüre TWV 55,A8 ungewöhnlich kurz und etwas arm an Melodie; die Solopartie sei etwas einfältig. Deswegen bezweifelt er die Autorschaft von Telemann. Wolfgang Hirschmann, Editionsleiter der Telemann-Ausgabe im Bärenreiter-Verlag, und der Autor der Programmerläuterung, ist da anderer Meinung. Er weist auf die umfangreiche Ouvertüre - den ersten Satz - hin, die ausgeprägte Soli für die Geige enthält. Der zweite Satz ist ein Passepied, und darin finden wir die folkloristischen Einflüsse, die so charakteristisch für Telemann sind. Die Zweifel an der Authentizität der Ouvertüre TWV 55,A4 scheinen eher berechtigt. Das hat u.a. damit zu tun, dass alle Sätze italienische Titel tragen, was für eine Ouvertüre, die dem französischen Stil verpflichtet ist, etwas ungewöhnlich ist. Ein Satz trägt den Titel Divertimento, der sonst in Telemanns Ouvertüren nie verwendet wird. Hirschmann glaubt, dass es gute Gründe gibt, Telemanns Autorschaft zu bezweifeln, meint aber, dass das Werk genug Qualitäten hat, um die Aufnahme zu rechtfertigen, und damit hat er sicherlicht recht. Das Konzert G-Dur ist dagegen zweifellos authentisch, aber auch dieses Werk hat einige auffällige Züge. Das fängt schon damit an, dass es dreisätzig ist, nach dem Modell Vivaldis, wo Telemann meistens den älteren viersätzigen Form bevorzugte. Auch die Gestaltung des Mittelsatzes schmeckt nach Vivaldi: zwei Tuttistellen umrahmen eine lange Episode für Violine und Basso continuo allein, wie in vielen Konzerten Vivaldis. Bemerkenswert ist auch die dacapo-Form des ersten Satzes. Wie man sieht, gibt diese CD durchaus einige Rätsel auf. Sie zeigt aber auch wieder einmal die Vielfalt im Oeuvre von Telemann. Konventionell war er bekanntlich nun wahrlich nicht. Jedes Werk seiner Feder ist für die eine oder andere Überraschung gut. Man kann es Elizabeth Wallfisch und ihrem Ensemble überlassen, die Qualitäten seiner Werke voll zum Tragen kommen zu lassen. Auch diese CD ist wieder eine wichtige und musikalisch fesselnde Erweiterung der schnell wachsenden Telemann-Diskographie. Das kann auch von der letzten hier rezensierten CD gesagt werden. 2018 erschien die erste CD, die Telemanns Musik für Bläser gewidmet war. Solche Musik gehört zu den am wenigsten bekannten Seiten seines Oeuvres. Die zweite Folge enthält zwar ein bekanntes Werk, die sogenannte 'Alster Ouvertüre', allerdings wird es meistens in einer 'konventionellen' Besetzung, mit Streichern, aufgeführt. Hier erklingt die wohl ursprüngliche Fassung für Bläser, mit vier Hörnern. Das Werk war als eine Art von Ouvertüre zu einer Serenata gemeint, mit dem Titel 'Auf zur Freude, zum Scherzen, zum Klingen'. Dieses Werk ist leider verschollen; nur der Text ist erhalten geblieben. Es wurde am 4. Juni 1725 aufgeführt aus Anlass eines Besuches des Herzogs von Braunschweig und seiner Gattin. Es hat den Anschein, dass die Ouvertüre während einer Fahrt auf einem der Segelboote dargestellt wurde. Man denkt hier direkt an Händels Wassermusik. Die Geschichte des Werkes ist etwas kompliziert. Eine Dresdner Handschrift enthält eine spätere Fassung, in der zwei Sätze von anderen ersetzt worden sind. Der Grund war möglicherweise eine Neuauffürung 1728, als es im Hause dargestellt wurde. Bei dieser Gelegenheit wurden die zweiten Oboen von Geigen ersetzt. Hier erklingen alle Sätze der beiden Fassungen. Obwohl die Aufführung auf einer Handschrift basiert, die die Stimmen der beiden Fassungen enthält, wäre es vielleicht besser gewesen, sich für eine Fassung zu entscheiden und die sonstigen Sätze als eine Art Addendum hinzuzufügen, denn jetzt erklingt das Werk in einer Form, in der es damals wohl nie gespielt worden ist. Die CD eröffnet mit einer Ouvertüre für die 'konventionelle' Besetzung von zwei Oboen, zwei Hörnern und Fagott. Trotz des Titels eröffnet sie nicht mit einer französischen Ouvertüre. Es gibt zwei Charakterstücke, darunter als letztes eine Harlequinade, die an die Welt der commedia dell'arte erinnert. Das letzte Werk ist wieder eine Ouvertüre für die gleiche Besetzung. Im Gegensatz zu den anderen Werken wird hier auch der Basso continuo gespielt, und damit zeigt diese CD die verschiedenen Aufführungsmöglichkeiten solcher Werke. L'Orfeo Bläserensemble ist in bestechender Form und die verschiedenen von Telemann beabsichtigten Effekte kommen perfekt zum Tragen. Eine mitreissende CD, dank Telemann und der Interpreten. Johan van Veen Minoriten-Codex - Virtuose Violinsonaten aus Wien. Nina Pohn (Violine), Peter Trefflinger (Violone), Martin Riccabona (Cembalo, Orgel) Querstand - VKJK2010 (2020; 70') Catena Bohemica - Wiener Violinmusik um 1680 Veronika Skuplik (Violine), Jörg Jacobi (Orgel) fra bernardo - fb 2104505 (2020; 67) Virtuose Musik für eine Violine war eine der Früchte des neuen Stils, der sich in Italien um 1600 manifestierte. Im Verlaufe des 17. Jahrhunderts entwickelte sich die Violintechnik, und das deutsche Sprachgebiet wurde zu einem Zentrum des Geigenspiels. Fast nirgendwo sonst wurde auf einem so hohen Niveau gespielt, und das kommt auch in den Kompositionen, die in Deutschland, 34 TOCCATA - 118/2022 CD-UMSCHAU

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