Toccata 02/2022

Böhmen und Österreich entstanden, zum Ausdruck. Das wird in den zwei hier rezensierten Aufnahmen dokumentiert. Nina Pohn hat für ihre Aufnahme Stücke aus einer umfangreichen Handschrift ausgewählt, die als 'Kodex 726' bekannt ist, und im Minoritenkonvent zu Wien aufbewahrt wird, Darin finden sich Werke einiger der grössten Komponisten der Zeit, Heinrich Ignaz Franz Biber und Johann Heinrich Schmelzer. Viele Stücke sind aber anonym überliefert. Was sie gemein haben, ist, dass sie technisch sehr anspruchsvoll sind. Im Textheft fasst Dagmar Glüxam den Charakter des Repertoires so zusammen: "atemberaubendes Passagenwerk, hochentwickeltes Lagenspiel, herausfordernde Mehrstimmigkeit oder raffinierte Bogentechnik". Und dazu kommt noch die frequente Anwendung der Skordatur. Alle Sonaten sind Beispiele des 'stylus phantasticus': sie bestehen aus kontrastierenden Abschnitten, die einander ohne Unterbrechung folgen. Die Kontraste werden durch Rhythmus, Dynamik, Tempo und Artikulation herausgehoben, und diese werden auch benutzt, um verschiedenen Affekten Ausdruck zu verleihen. Man darf annehmen, dass viele Sonaten ihren Ursprung in der Improvisationspraxis finden, die damals in hohem Ansehen stand. Züge davon gibt es in verschiedenen Sonaten. Auf der zweiten CD spielt Veronika Skuplik Musik aus einer Handschrift, die sich im British Library befindet und einmal im Besitz des Autors und Kunstsammlers Julian Marshall war. Einige Sonaten, die darin anonym überliefert sind, können als Werke von Schmelzer identifiziert werden, da sie auch in gedruckten Ausgaben zu finden sind. Skuplik nimmt an, dass auch andere Sonaten aus seiner Feder sind. Stilistisch sind sie vergleichbar mit den Stücken, die Nina Pohn aufgenommen hat. Es gibt aber zwei Unterschiede: auf dieser CD sind Doppelgriffe rar, und Skuplik erwähnt auch nicht die Verwendung der Skordatur. Da sie diesen Aspekt erwähnte im Begleittext zu ihrer zuvor erschienenen CD (Violino I; fra bernardo, 2014), dürfen wir wohl davon ausgehen, dass diese hier nicht verwendet wird. In der Interpretation gibt es Ähnlichkeiten und Unterschiede. Beide Aufnahmen fanden in einer Kirche statt, was die Verwendung einer grösseren Orgel im Basso continuo erlaubte. Das ist eine positive Entwicklung, die ich schon zuvor bei mehreren Aufnahmen festgestellt habe. In beiden Fällen werden zum Repertoire passende historische Orgeln gespielt. Allerdings sollte man solche Instrumente nicht auf gut Glück einsetzen, denn ein Teil des Repertoires war zweifellos auch für intime Räume gemeint. Deswegen ist es gut, dass in Nina Pohls Aufnahme Martin Riccabona auch mal das Cembalo spielt. Nina Pohl hat sich auch über die Haltung der Geige und den Bogengriff Gedanken gemacht. Im Textheft gibt sie darüber einige interessante Ausführungen. Sie hat beide je nach den technischen Aspekten der jeweiligen Sonaten geändert. Dazu kommt noch, dass im Basso continuo eine Bassgeige, auch als Violone bekannt, gespielt wird. Veronika Skuplik verliert kein Wort über Aspekte der Aufführungspraxis. Ich schätze beide Aufnahmen, schon wegen des Repertoires, das höchst faszinierend und oft einfach aufregend ist. Das kommt in beiden Produktionen gut zum Tragen. Nina Pohls Aufnahme ist differenzierter als Skupliks, vor allem wegen der grösseren dynamischen Kontraste. Skuplik ist da etwas moderater, wie in all ihren Aufnahmen. Die Balance in ihrer Aufnahme ist nicht immer ideal: dann und wann dominiert die Orgel zuviel. Für Nina Pohl ist es ihr Debüt auf CD, und ich könnte mir kein besseres vorstellen, als was sie hier bietet. Von ihr werden wir noch viel hören. Johan van Veen Giannettini: L’uomo in bivioFrancesca Boncompagni (Sopran), Marta Fumigalli (Alt), Massimo Altieri (Tenor), Salvo Vitale (Nass), Cantar Lontano, Marco Mencoboni Glossa - GCD 923524 (2 CDs) (2016; 87’) Ariosti: La profezia d’Eliseo. MarieSophie Pollak, Marta Redaelli (Sopran), Matteo Pigato (Altus), Alessio Tosi (Tenor), Mauro Borgioni (Bass), Ensemble Lorenzo da Ponte, Roberto Zarpellon fra bernardo - fb 2104397 (2 CDs) (2017, Live-Mitschnitt; 1.45’) Angesichts der Beliebtheit der Gattung des Oratoriums im Italien des 17. und frühen 18. Jahrhunderts, und der daraus hervorgehenden Menge an Oratorien, kann es kaum wundern, 35 CD-UMSCHAU TOCCATA - 118/2022

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