Toccata 02/2022

dass viele solche Werke der Aufmerksamkeit heutiger Interpreten entgangen sind. Trotzdem ist es enttäuschend, dass bestimmte Oratorien regelmässig aufgeführt werden und in verschiedenen Aufnahmen vorliegen, während andere noch immer auf eine Aufführung warten. Marco Mencoboni hat sich seit mehreren Jahren mit einem heute weitaus vergessenen Komponisten mit Namen Antonio Giannettini (1649-1721) beschäftigt. Er stammte aus Fano, in der heutigen Provinz Pesaro und Urbino, nahe an der Adria. Um 1662 liess er sich in Venedig nieder, sang in den 1670er Jahren als Bass im Markusdom, und brachte es zum Organisten dieser Kirche. Später ging er nach Modena, wo er in den Dienst von Francesco II. d’Este trat; hier verblieb er bis zu seinem Tode. Sein Oeuvre enthält Oratorien, Opern, weltliche Kantaten und geistliche Musik, darunter Vertonungen des Magnificat und Motetten. Mencoboni hat einige liturgische Werke eingespielt (E Lucevan Le Stelle, 2005), und Stéphanie d’Oustrac und Filippo Mineccia haben einige seiner Arien aufgenommen. Das ist aber alles, das auf CD zu haben ist. Jetzt ist eine Aufnahme seines Oratoriums L’uomo in bivio erschienen. Der Titel heisst auf deutsch: “Der Mensch auf dem Scheidewege”. Und damit wird klar, dass wir es hier mit einer Moralität zu tun haben, im Geiste der Rappresentatione di Anima e di Corpo von Emilio de’ Cavalieri. Dabei muss der Mensch sich entscheiden, welchen Weg im Leben er verfolgen möchte: das weltliche Vergnügen, das zum Untergang führt, oder den Glauben, der himmlische Freuden verspricht. Es gibt vier Rollen: ein Erzähler (Tenor), der Mensch (Alt), ein Engel (Sopran) und der Teufel (Bass). Dass dieses Oratorium die Rolle eines Erzählers enthält, wie wir sie aus den Oratorien von Carissimi kennen, zeigt, dass wir uns hier halbwegs der Entwicklung vom Oratorium Carissimis zum ‘opernhaften’ Oratorium des 18. Jahrhunderts befinden. Es gibt eine bemerkenswerte Szene: wenn der Mensch dazu neigt, den Weg weltlichen Vergnügens zu wählen, fúhrt der Engel ihn zu einem offenen Grab, wo er die sich auflösende Leiche des Mädchens, in das er sich verliebt hatte, sieht. Dieser Anblick bringt ihn zur Besinnung. Mencoboni ist von der Qualität der Musik von Giannettini beeindruckt, und ich neige dazu, sein Urteil zu unterschreiben. Allerdings macht die Produktion es dem Musikliebhaber, der kein Italienisch versteht, schwer, das Werk richtig einzuschätzen, und vor allem die Art und Weise, wie der Komponist den Text vertont hat, da das Libretto ohne Übersetzung abgedruckt wurde. Auch mit Google Translate konnte ich aus dem Text nicht wirklich schlau werden. Das ist sehr bedauernswert, und es wird die Wertschätzung dieses vernachlässigten Komponisten nicht fördern. Deswegen ist meine Beurteilung vorläufig. Ich glaube, dass Giannettini tatsächlich ein guter Komponist war. Und glücklicherweise lässt sich auch ohne Text ein positives Urteil über die Interpretation fällen. Massimo Altieri kommt etwas schwer auf Trab, ist dann aber später überzeugend als Erzähler. Salvo Vitali ist perfekt in der Rolle des Teufels: stark und furchterregend, aber ohne opernhafte Übertreibung. Francesca Boncompagna ist der ideale Gegenspieler in der Rolle des Engels. Marta Fumagalli verkörpert perfekt den Menschen in seiner Unsicherheit und seinem Zweifel. Obwohl ich eine Übersetzung des Librettos schmerzlich vermisst habe, bin ich froh, dass ich dieses Werk kennengelernt habe. Und es wäre schön, wenn weitere Oratorien von Giannettini aufgenommen würden, dann hoffentlich mit auf jeden Fall einer englischen Übersetzung des Librettos. Wenden wir uns der nächsten Produktion zu, dann finden wir hier einen Namen eines weiteren Komponisten, der mehr oder weniger ein Schattendasein führt. Attilio Ariosti (16661729) ist mit Sicherheit bekannter als Giannettini, vor allem da er mehrere Jahre in London wirkte und dort zwischen den Akten von Händels Oper Amadigi auf der Viola d’amore spielte. Für dieses Instrument hat er mehrere Sonaten komponiert, die einige Bekanntheit geniessen, schon deshalb weil dieses Instrument nicht oft solistisch in Erscheinung tritt. Sein Vokalwerk ist allerdings so gut wie ganz unbekannt geblieben. Bei fra bernardo erschien eine Produktion mit dem LiveMitschnitt einer Aufführung des Oratoriums La profezia d’Eliseo. Es handelt über eine Episode aus dem Leben des alttestamentlichen Propheten Elisa, die in den Kapiteln 6 und 7 des 2. Buches der Könige zu finden ist. Samaria, Hauptstadt des nördlichen Reiches Israel, wird von den Syrern belagert, und es kommt so weit, dass Menschen ihre Kinder schlachten, um sie zu essen. Es führt zu einer Konfrontation zwischen Elisa und dem König Joram; Elisa prophezeit, dass das Elend bald vorbei sein wird, denn die Syrer werden abziehen. So geschieht es. Der Librettist hat sich übrigens einige Freiheiten dem biblischen Text gegenüber erlaubt. Die zwei Frauen, die am Anfang in Konflikt geraten über das Essen eines ihrer Kinder, spielen in der Geschichte kaum eine Rolle, aber hier gibt es im zweiten Teil eine Konfrontation zwischen ihnen und Elisa. In diesem Oratorium gibt es keine Rolle eines Erzählers. Wir vernehmen den Verlauf der Geschichte durch die Worte der Personen in dieser Geschichte: die zwei Frauen (Sopran), Elisa (Tenor), König Joram (Bass) und dessen Kapitän (Alt). Das Instrumentalensemble ist bescheiden, aber bemerkenswert wegen der Partien für zwei Trompeten und für zwei Gamben. Die Trompeten kommen nur in der eröffnenden Sinfonia zum Einsatz, und in der Partitur gibt es keine Noten, nur den Hinweis, dass Trompeten spielen sollen. Deswegen spielen die Trompeter hier Fanfaren, in Übereinstimmung mit ihrem Ursprung im Militär. Das scheint mir in Übereinstimmung mit den Absichten Ariostis. Der Einsatz von Gamben ist auch bemerkenswert, kann aber daraus erklärt werden, dass dieses Oratorium am Karfreitag 1705 am kaiserlichen Hof in Wien zur Aufführung kam. In Italien war die Gambe ganz aus der Mode geraten, aber am Wiener Hof wurde das Instrument noch immer sehr geschätzt. Und dann gibt es noch eine Arie mit konzertantem Cembalo - sechs Jahre vor ‘Vo’ fa guerra’ in Händels Oper Ariodante. Wie bei der soeben besprochenen Aufnahme des Oratoriums von Giannettini kommt auch diese Produktion ohne Übersetzung des Librettos. Die Zusammenfassung im Textheft ist gut (aber kein Ersatz), und es hilft auch, wenn man die biblische Geschichte kennt. Trotzdem passt auch hier einige Vorsicht in der Beurteilung des Werkes. Die Instrumentation steht in klarem Bezug zum Text, und das ist ein weiterer Grund, warum ich eine Übersetzung vermisst habe. Ich habe aber diese Aufnahme mir mit viel Vergnügen angehört, sowohl wegen der Musik als wegen der Interpretation. Marie-Sophie Pollak und Marta Redaelli gestalten die beiden Frauen sehr überzeugend, und ihr Konflikt wird hier gut ausgetragen. Mauro Borgioni porträtiert den König Joram sehr effektiv; seine Stimme hat genau die Ecken und Kanten, die diese Rolle verlangt. Alessio Tosi ist ruhig und selbstsicher in der Rolle des Elias. Matteo Pigato hat eine schöne Stimme, die aber etwas zu harmlos ist für die Rolle des Kapitäns. Das Ensemble Lorenzo da Ponte gestaltet die Instrumentalparts sehr schön. Diese Aufnahme soll ohne wenn und aber begrüsst werden. Lasst uns hoffen auf eine Ariosti-Renaissance. Johan van Veen CD-UMSCHAU 36 TOCCATA - 118/2022 Trevor Pinnock über seine Einspielung des Wohltemperierten Klaviers Band II bei der Deutschen Grammophon Herr Pinnock, gerade erscheint bei der Deutschen Grammophon Ihre Einspielung des Wohltemperierten Claviers Band II auf dem Cembalo – nach dem ersten Band in 2020. Und ich glaube tatsächlich, viele Bach-Freunde haben lange darauf gewartet, dass Sie sich diesem Werk endlich widmen – aber trotzdem frage ich Sie: Warum haben Sie diese Stücke nun eingespielt, wissend, dass es schon ungefähr 200 Aufnahmen davon gibt? Warum noch eine machen? Für einen Tastenspieler, der sich Bach verbunden fühlt, steht die Herausforderung des Wohltemperierten Claviers in gewisser Weise einfach ständig vor Augen. Und nachdem ich mich endlich selbst der Herausforderung des Wohltemperierten Claviers gestellt habe, empfinde ich es als großes Glück, dass ich die Gelegenheit hatte, das gesamte Werk für die DG aufzunehmen, mit der ich schon lange eine so fruchtbare Beziehung hatte, und es mit denjenigen zu teilen, die meinen Weg in der Musik verfolgt haben. Und vielleicht auch mit einem neuen Publikum. Was hat Sie an diesen Präludien und Fugen gereizt? Nun, die Herausforderung des Wohltemperierten Claviers ist eine ganz andere als die der Kantaten, der großen Passionen oder der h-Moll-Messe, denn es ist im Wesentlichen Musik für Bachs inneren Kreis von Schülern und Musikliebhabern. Und ich muss zugeben, ich habe die sozusagen öffentliche Musik Bachs als einfacher empfunden, als dieses eher private und intime Werk. Und ja, im Nachhinein bedaure ich, dass ich Schumanns Rat, das Wohltemperierte Clavier – auch, während man mit anderen Dingen beschäftigt ist – zu meinem täglichen Brot zu machen, nicht befolgt habe, sondern immer wieder zweifelte, ob ich es wohl wagen sollte, Bachs Clavierschüler zu werden. Ich habe es also jahrelang hinausgeschoben, bis ich so langsam auf die 70 zuging und entschied, nun würde es doch langsam Zeit, alle Präludien und Fugen zu lernen, anstatt es nochmal zehn Jahre aufzuschieben. Die Corona-Pandemie verschaffte mir etwas zusätzliche Zeit für die Vorbereitung von Band II, wofür ich sehr dankbar war. Die Musik ist zwar technisch nicht viel schwieriger als die in Band I, aber die Komplexität von Bachs Kompositionsweise, die

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