Toccata 02/2022

mung bezeichnet hat! Aber ich habe eine leicht ungleichschwebende Stimmung verwendet, von der ich nun natürlich nicht behaupten kann, dass Bach sie ebenfalls verwendet hätte – aber es ist eine, die funktioniert. Ich habe auch einen sehr guten Stimmer, Simon Neal, der mir wirklich eine enorme Hilfe war. Und ich war sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Wobei ich noch hinzufügen möchte: normalerweise würde ich natürlich in einem Konzert, auf einer CD, nicht in so vielen verschiedenen Tonarten spielen, und insofern eine deutliche radikalere Stimmung verwenden als nunmehr für das Wohltemperierte Clavier. Hatte die Corona-Pandemie nun irgendwelche Auswirkungen auf Ihre Aufnahme, oder hat alles wie geplant geklappt? Ja, in gewisser Weise war ich etwas eingeschränkt, denn ich konnte zwischendrin mal lange nicht in den Saal, in dem ich aufgenommen habe, weil der zur Universität Canterbury gehört. Ich musste den letzten Teil Aufnahmen also immer wieder verschieben. Letztendlich haben wir es aber geschafft, und dann hatte ich immerhin mehr Zeit zum Üben. Und dann ging alles gut, während der Aufnahmen? Ja, das lief wirklich ziemlich mühelos. Aber ich werde Ihnen da nun ein Geheimnis verraten: weil ich den zweiten Band ja mit einer so langen Unterbrechung zwischendrin aufgenommen habe, wegen der Corona Pandemie, kam ich letztendlich zu der Schlussfolgerung, dass ich manches von dem, was ich schon aufgenommen hatte, eigentlich viel besser machen könnte. Denn ich hatte ja einfach ein paar Monate Zeit, über bestimmte Aspekte der Artikulation und solche Probleme nachzudenken. Und dann kamen solche Gedanken auf: oh, wenn ich diesen kleinen Aspekt doch noch in die Musik einbauen könnte, das klänge doch viel besser… Also beschloss ich kurzerhand, eine ganze Reihe der Stücke noch einmal aufzunehmen. Und mit Ausnahme von vielleicht ein oder zwei Fällen, klangen diese Wieder-Einspielungen absolut gut, und sie taten in gewisser Weise, was ich von ihnen wollte – aber ihnen fehlte die Seele. Und das fand ich dann doch sehr interessant. Und dann? (Lacht) Naja, dann musste ich zu dem zurückgehen, was ich geglaubt hatte, besser machen zu können, denn das hatte tatsächlich Seele in sich. Und das ist ein wirklich wichtiger Aspekt von Technik im musikalischen Verständnis: wir müssen die Musik wirklich in unseren Körper integriert haben. Und wenn wir etwas weiterentwickeln, und es existiert immer noch ausschließlich im Geist, dann wird das trocken und akademisch klingen, weil es noch nicht an dem Ort angekommen ist, wo es sich mit dem musikalischen Talent, das jemand hat, verbindet. Mit der Inspiration, die wir haben. Am Ende habe ich also immer die Stücke ausgewählt, die meiner Meinung nach musikalisch inspirierter waren, nicht die mit den möglicherweise perfekteren musikalischen Ideen, die ich aber noch nicht so ganz in meinen Körper integriert hatte. Erinnern Sie sich daran, wie Sie das erste Mal das Wohltemperierte Clavier gehört haben, wie Sie das erste Mal mit dieser Musik in Berührung kamen? Oh ja! Meine eigene Beziehung zum Wohltemperierten Clavier begann, als ich als 12-Jähriger den Band in der Ausgabe von Czerny in die Hand bekam. Der lachsrosa Einband mit der Goldprägung gefällt mir immer noch (lacht)! Ich übte damals zuerst das f-Moll-Präludium und spielte oft Teile verschiedener Präludien und Fugen, ohne sie aber vollständig zu lernen. Als ich etwa 15 Jahre alt war, hörte ich dann die meisten Präludien und Fugen mal in einer Serie von fünf Radiosendungen in der BBC, gespielt von Maurice Cole auf einem Bechstein-Clavier. Ich frage mich heute noch, ob dieser bahnbrechende Moment meine eigenen Interpretationen später im Leben beeinflusst hat... Und hat die Musik Ihnen damals schon gefallen, oder war es mehr ein intellektuelles Vergnügen? Manche Stücke haben mir sehr gut gefallen, andere habe ich einfach noch nicht verstanden. Haben Sie ein Lieblingsstück in den beiden Bänden? Oh, diese Frage darf man eigentlich nie wirklich beantworten, das wäre, wie wenn ich sagen würde, welches meiner Enkelkinder ich am liebsten mag (lacht)! Und ja, ich mag wirklich sehr, sehr viele dieser Stücke unglaublich gern. Aber gut: wer liebt nicht das erste Präludium aus dem ersten Band? Das in C-Dur also? Ja. Genau. Etwas so einfaches – aber so genial! Und dann auch das erste Präludium des zweiten Bandes, das ist wirklich außergewöhnlich, obwohl es ein ganz frühes Stück ist, das Bach tatsächlich schon komponiert hat, bevor er den ersten Band des Wohltemperierten Claviers schrieb. Aber er hat es offensichtlich aufgehoben. Ich frage mich manchmal, was für eine Art von Archivierung er hatte, weil er eben alle seine alten Stücke aufhob und sie dann irgendwann herausholte und überarbeitete... Der zweite Band beginnt also mit diesem sehr alten, aber neu bearbeiteten Stück, das wirklich sehr majestätisch und wunderschön ist; in dieser Überarbeitung übrigens auch viel länger als in der ursprünglichen Fassung. Und dann machen wir uns auf eine außergewöhnliche Reise, auf der er alle möglichen Elemente erkundet. Ich liebe an Bach auch, dass er sich nicht dafür entscheidet, als letzte Fuge irgendetwas Monumentales zu komponieren, das ihn als Gott der Musik etabliert, sondern er schreibt eine enorm interessante und skurrile Fuge, noch dazu im Dreiertakt, was an sich schon unangemessen ist, und noch dazu in einem ziemlich modernen Stil. Das ist ein Aspekt an ihm, den ich unglaublich faszinierend finde. Also, kurz gesagt: ich kann nur jedem ernsthaften Musikliebhaber empfehlen, in dieses Wohltemperierte Clavier einzutauchen, denn da ist so ein Reichtum! Wenn man aus der Perspektive des Hörers herrangeht, ist allerdings ein wichtiger Aspekt, den man erwähnen sollte, dass man nicht unbedingt das ganze erste oder auch das ganze zweite Buch auf einmal anhören muss – Bach selbst hätte das sicherlich nicht erwartet. Ein Präludium und eine Fuge anzuhören, und das vielleicht auch mehrfach hintereinander, dass scheint mir mehr Freude zu bringen. Man sollte das Wohltemperierte Clavier also vielleicht Stück für Stück erkunden. Ich glaube, unsere modernen Ideen davon, was ein Konzert ist – und seit einiger Zeit neigen die Leute ja dazu, einen ganzen Band des Wohltemperierten Claviers an einem Abend zu spielen! – die sind eigentlich ziemlich seltsam, und vermutlich sehr, sehr weit weg von dem, was Bach sich vorgestellt hat; er wäre sicherlich ziemlich schockiert! Für wen oder was hat Bach sein Wohltemperiertes Clavier geschrieben, was meinen Sie? Vom ersten Buch des Wohltemperierten Claviers wissen wir ja, dass er es als Lehrmaterial komponiert hat, für seine Söhne und Schüler. Das hat er explizit in seinem Vorwort so erklärt. Aber das zweite Buch, das ja erst 20 Jahre später entstand, warum sollte er das überhaupt schreiben? Ja, warum? Ich glaube, tatsächlich für sich selbst. Um einfach alle möglichen Ideen, die er ausprobieren wollte, da zu realisieren, und das kann man in der noch größeren Komplexität einiger der Fugen auch ganz gut sehen, finde ich. Und in der Art, wie er die Grenzen des musikalisch Möglichen da in einer außergewöhnlichen Weise verschiebt: ob das nun die neuen Ideen sind, die neue Art von Galanterie, die er verwendet – und zwar in einer Art, wie das keiner außer ihm vermöchte – oder ob es seine ständige Erkundung chromatischer Möglichkeiten ist. Daneben hatte er aber vielleicht doch auch die Nachwelt im Sinn. Denn obwohl er nicht vorhatte, die beiden Bände zu veröffentlichen, hatte er doch so einen Kreis von Anhängern, die seine Musik auch teilten und weitergaben. Und das ist genau das, was dann auch geschah: von diesem Ausgangspunkt verbreitete sich das Wohltemperierte Clavier und wurde zur Basis für fast alle Komponisten nach Bach, bis in unser eigenes Jahrhundert. Und was halten Sie von dieser Anekdote, dass er das Wohltemperierte Clavier nur geschrieben habe, um zu beweisen, dass man in einer bestimmten Stimmung tatsächlich alle Tonarten verwenden kann? Naja, er wollte sicherlich beweisen, dass man in allen Tonarten schreiben kann, aber eher aus der kompositorischen Perspektive. Denn andere Komponisten hatten diese ganz extremen Tonarten noch nicht erkundet, und wir sehen ja, dass selbst er da teilweise auf Transpositionen von Stücken zurückgriff. Ich glaube, es gibt auch eine Verbindung zwischen seiner sehr ausgeprägten Vorliebe für Chromatik und der Tatsache, dass man wirklich jede Tonart verwenden kann – diese zwei Dinge kamen sicher zusammen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er wirklich irgendetwas im Hinblick auf die Stimmung von Instrumenten beweisen wollte; oder wenn, war das ein sehr nebensächlicher Aspekt. Gibt es vielleicht im Gegenteil in den Stücken irgendwelche Hinweise darauf, dass er da doch noch die Charakteristiken der Tonarten zeigen wollte? Manchmal ist die Chromatik so extrem, dass er sicherlich weit darüber hinausgeht, Charakteristiken von Tonarten zu zeigen. Aber ich denke ohnehin nicht, dass er von diesen Tonartencharakteristiken irgendwie besessen war; eher versucht er die Verwendung von Tonarten auszudehnen, in seinen extremsten Momenten sicherlich weit über das hinaus, was irgendein anderer seiner Zeitgenossen verstehen konnte. Und er erweitert außerdem die Vorstellung davon, wie Musik strukturiert ist. Nur so konnte er ein Stück wie meinetwegen das a-MollPräludium aus dem zweiten Band schreiben, wo wir extrem lange Kantinen haben, die zwischen den beiden Händen aufgeteilt werden – aber in dem ganzen Stück nähert er sich kaum jemals einer Kadenz an. Die Melodie ist also unendlich, und das entspricht überhaupt nicht den normalen Strukturen seinerzeit, mit ihren leicht abgerundeten Phrasen, die einander antworten. Ja, das ist schon mehr Wagner als Händel... Ja, gewissermaßen schon. Und genau das ist es, was mich persönlich am Wohltemperierten Clavier so fasziniert: dieses Infragestellen aller Grenzen! Fragen, Übersetzung aus dem Englischen und Übertragung: Andrea Braun 38 TOCCATA - 118/2022 CD-UMSCHAU

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