Toccata 02/2022

INTERVIEW TOCCATA - 118/2022 39 Frau Jonas, in Ihrer Biografie habe ich gelesen, dass Sie als Kind eigentlich davon träumten, Friseuse auf einem Kreuzfahrtschiff zu werden. Wie kam es dann zur Sängerkarriere…? Genau, das war mein Kinderwunsch – aber die Alternative, wenn das nicht klappen sollte, war damals schon Opernsängerin! Ach so, es gab noch die Alternative.... Ja. Aber Mittelaltersängerin stand definitiv nicht auf der Liste (lacht), Das kam nicht vor, als ich fünf Jahre alt war. Ich habe dann auch zunächst Oboe studiert, weil mein Vater Cellist war und in unserem Haus dann eher das Instrument im Vordergrund stand, nicht der Gesang. Im Gegenteil: Instrumentalisten haben ja auch ihre Vorurteile Sängern gegenüber…; und eigentlich habe ich eher das kennengelernt. Aber ich konnte halt immer singen, für mich war das Singen normal: ich habe gesungen, bevor ich sprechen konnte, und auch mit meiner Mutter habe ich viel gesungen. Insofern war das in unserem Haus nun nicht fremd. Und das war sicher auch eine gute Schulung für die Musikalität und das Gehör, viel zu singen. Ich war aber beispielsweise nie in Chören. Aber Sie haben Instrumente gelernt. Ja, ich habe Cello gelernt, später Oboe, und dann ging es eben Richtung Orchester. Dann habe ich, wie gesagt Oboe studiert, aber direkt nach diesem Abschluss zog ich nach Venezuela, wo ich dann knappe zehn Jahre lang bei El Sistema, diesem großartigen Musikschulungsprogramm unterrichtete. Nun hatte ich aber während der Hochschulzeit schon auch immer ein bisschen gesungen und ich war auch immer eine beliebte Kandidatin für irgendwelche Examina gewesen, weil ich schnell gelernt habe. Aber ich hatte eben keine ausgebildete Stimme. Damals schon sagte man mir jedoch immer wieder, ich solle doch Gesang studieren – aber ich bin eben nach Venezuela ausgewandert. War das ein Fehler, im Nachhinein betrachtet? Nein, das war die richtige Entscheidung. Wer weiß, ob ich jemals Sängerin geworden wäre, wenn ich das nicht gemacht hätte? Warum? Weil ich eben durchaus mitbekam, dass Sänger eigentlich immer nur Probleme hatten… (Lacht) Meinen sie psychischer oder physischer Art? Ich glaube, dass war so eine Gemengelage...(lacht) Die hatten immer einen Schal um, saßen in einer Ecke und machten sorgenvolle Mienen: das war nicht so mein Ding! Und ich merkte auch schon bei den verschiedenen Leuten, bei denen ich Gesangsunterricht nahm, dass es bei mir irgendwie nicht so funktionierte: ich konnte extrem hoch singen damals, also Königin der Nacht war kein Problem, aber dann konnte ich nicht mehr in der Tiefe singen. Also war mir klar, ich mache irgendetwas falsch. Aber kein Gesangslehrer nahm sich dieser Sache an, alle fanden es nur toll, dass ich so hoch singen konnte – so als Vorführkaninchen. Und dann dachte ich: nein, da stimmt etwas nicht, ich muss wohl mal an Jemanden kommen, der die Verbindung zwischen hoch und tief schafft. Denn hoch singen können, aber von der mittleren Lage abwärts dann quasi gar nicht mehr: das konnte es doch nicht sein, das war doch ein Fehler im System. So bin ich also erstmal ausgewandert und dort, in Venezuela, nahm ich irgendwann wieder Unterricht – und dann war diese Höhe einfach weg. Es war so etwas wie ein Stimmbruch: das ganz Hohe, das ich mit 20 Jahren noch hatte, hatte ich dann mit 26 nicht mehr. Da war ich ziemlich erleichtert, denn ich wusste ja, dass ich etwas falsch gemacht hatte. Aber ist es nicht auch eine Frage der Übung, des Trainings: wenn man häufig hoch singt, dann erhält man sich diese Höhe, und wenn man eine Weile nicht singt, muss man die Extremlagen erst wieder trainieren? Nein, ich hatte tatsächlich eine andere Stimme. Ich meine, Frauen haben ja auch einen Stimmbruch, und das hatte auch nichts mit Training zu tun, weil es eben einfach nicht mehr meine Kinderstimme war. Und ich bin ja nun kein Alt geworden, sondern bin immer noch Sopranistin – aber eben nicht mehr Koloratursopran. Mir war das nur recht, denn das hätte ich gar nicht machen wollen. Außerdem ist auch das Repertoire für Koloratursopran nicht so ganz meines; schon damals nicht: ich fand das immer eher witzig, dieses Vibrato und dieses Gekreische auf der Opernbühne. Also, Sie hören: ich bin bis heute nicht so ein richtiger Opernfan! Ja (lacht)! Und wenn man das nicht wollte, war es damals auch ziemlich schwierig, Gesang zu studieren, denn da ging es ja eigentlich nur darum: je lauter je besser, viel Vibrato und so weiter. Und oben laut und unten leise... Ja. Genau. Dann bekam ich aber in Venezuela von einem Freund eine Kassette zugeschickt mit einer Aufnahme von Hesperion XX. Das habe ich mir angehört – und dachte: also, wenn man das jetzt machen kann, dann will ich doch Sängerin werden, denn das finde ich ganz toll! Was war das? Das war das Llibre Vermell, das habe ich da im Dschungel gehört und beschloss, jetzt sei dann vielleicht doch der Moment gekommen, zurück nach Deutschland oder Europa zu gehen, weil mir dieser Art des Singens und der Musik sehr, sehr gut gefiel und ich die auch machen wollte. Das war also der Auslöser dafür, dass sich meine Zelte in Venezuela abbrach und zurück nach Europa kam. Dann habe ich Montserrat Figueras und Jordi Savall auch kennengelernt, habe mit ihnen gearbeitet, und dann schließlich in London meine Lehrerin gefunden, die Jessica Cash. Bei ihr habe ich mein Handwerk gelernt – anders kann ich das nicht ausdrücken. Ein paar Semester habe ich auch an der Schola Cantorum Basiliensis studiert, dort aber dann aufgehört, weil ich merkte: ich muss Technik lernen, mein Handwerk. Mir braucht keiner zu sagen, wie ich etwas interpretieren soll; das weiß ich und das will ich mir auch nicht von einer Person vorschreiben lassen, sondern einen weiten Horizont haben. Da kann man ja auch Kurse belegen. Aber ich wollte meinen eigenen Stil entwickeln und nicht einen anderen nachmachen. Haben Sie damals dann schon Mittelalter gemacht? Nein, zu dieser Zeit habe ich eher Barockmusik gesungen, rauf und runter, am liebsten 17. Jahrhundert, Frescobaldi, Strozzi und solche Sachen. Aber in Köln war zu dieser Zeit ja auch das Ensemble Sequentia zuhause, und ich bekam immer wieder gesagt: Maria, geh mal zu denen, nimm mal Kontakt auf, das könnte etwas für dich sein. So nahm ich also mit Barbara Thornton Kontakt auf, probte bei einigen Projekten mit, bis ich dann auch mal im Konzert mitgemacht habe, aber ich war immer so ein bisschen im äußeren Zirkel, so eine Art Joker. Ich habe das nicht so ganz genau verstanden, aber ich könnte mir vorstellen, dass ich Barbara ein bisschen zu eigen war, zu idiosynkratisch. Aber eines Tages musste ich erfahren, dass Barbara leider krank geworden sei; sie hatte ein Gehirntumor, und dann musste ich quasi für sie singen, bei einigen Projekten, auch bei einigen Aufnahmen. Auf einmal war ich also in ihrer Position und bin dadurch dann ganz ins Mittelalter hineingewachsen, habe einige Projekte mitgemacht, und als es Barbara immer schlechter ging, sie auch nicht mehr sprechen konnte, war aber klar – und sie teilte das auch mit ihren Augen mit –: jemand muss das weitermachen. Nicht Sequentia, sondern die Arbeit an Hildegard von Bingen. Natürlich bin ich nun nicht Barbara Thornton, ich habe einen ganz anderen Input, eine völlig andere Stimme, aber darum ging es gar nicht, sondern nur darum, dass es weiterläuft, dass es nicht mit ihr stirbt. Kurze Zeit später bekam ich dann in Köln durch die Regionalkantoren, die mich angesprochen haben, die Möglichkeit, eine Frauenschola zu übernehmen, und so kam es zu Ars Choralis Coeln. Wann Sie dann bei der Kirche angestellt? Nein, das war ich nie, aber ich hatte eben die Unterstützung der Regionalkantoren, das aufzubauen. Wir waren aber immer ein freies Ensemble. Und war das dann schon gleich Ihre Hauptaufgabe? Naja, der Barock lief immer noch ein bisschen nebenher, bis dann eben doch mal klar war: den Barock kann ich nun knicken, weil nur noch Anfragen für Mittelalter kamen. Das fand ich aber auch in Ordnung. War das aber nicht eine finanzielle Einbuße, denn normalerweise wird ja Mittelalter einfach viel schlechter bezahlt als Soloauftritte im Barockbereich. Jein, das würde ich so jetzt nicht bestätigen. Ich meine, als Solistin, oder als Opernsängerin: Ja, klar. Da verdient man mehr Geld, das ist schon so. Aber wenn man als Gruppe bei großen Festivals auftritt, was wir ja eigentlich auch immer gemacht haben, dann ist das schon o.k. mit dem Mittelalter. Nein, ich meinte jetzt auch eher eine große Summe auf einmal vor einer h-Moll-Messe, bei der man dann ein oder zwei Arien singst: das bekommt man eben im Mittelalterbereich nicht. Nein, natürlich nicht. Aber das sind ja nur einzelne Sänger, bei Leibe nicht alle, die im Barockbereich tätig sind. Und ich mache das ja auch nicht wegen des Geldes (lacht)! Das wollte ich hören (lacht)! Ich muss zwar Geld verdienen, und ich finde das auch toll, Geld zu verdienen – ich habe gar nichts dagegen –, aber ich wollte ja immer mein Ding machen, nicht irgendetwas. Und wenn man sein Ding macht, nimmt man finanzielle Einbußen in Kauf. Wenn man Mainstream macht, verdient man natürlich mehr, aber das hat mich nie interessiert. Obwohl Sie da ja durchaus Erfahrungen gesammelt haben, oder? MMARIA JJONAS,, GESANGG

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