Toccata 02/2022

INTERVIEW 40 TOCCATA - 118/2022 Ja, ich habe ja auch Oper gesungen, habe beispielsweise mit Gardiner Mozarts Zauberflöte gesungen und solche Sachen, aber ich habe schnell gemerkt: das will ich überhaupt nicht, das ist ganz doof. Das ist ein Riesenbetrieb mit Hierarchie hoch drei, und als Sängerin ist man die letzte in dieser Hierarchie. Man denkt immer so ein bisschen naiv, man sei da vielleicht die große Künstlerin, aber in so einem Apparat ist man das nicht: da ist der musikalische Leiter vor mir, dann der Regisseur, Kostümbildner, Maskenbildner – lauter Leute, die einem sagen: du musst jetzt das machen, du ziehst dieses an, du schmiert dir das ins Gesicht… Das will ich nicht. Wirklich nicht. Aus diesem Grund unterrichte ich auch nicht an Hochschulen; ich bin einfach für solche Hierarchien nicht geeignet. Da werde ich unglücklich. Ich nehme lieber die kleineren Gagen und die Unsicherheit des Lebens in Kauf und bin glücklich. Aber das muss natürlich jeder für sich entscheiden. Da sind die Leute ja völlig unterschiedlich und ich sage auf keinen Fall, das was ich mache, sei der beste Weg. Es muss ja auch zur Persönlichkeit passen. Ja, das stimmt. Aber trotzdem: so eine Professur irgendwo, das würde ich nicht haben wollen. Da bin ich ja fest gebunden, in ein System involviert, und es geht nur ums Beurteilen, die Studenten beurteilen: furchtbar. Das finde ich ganz schrecklich. Warum? Na, die Studenten sind doch in einer Entwicklung, und ich will sie nicht beurteilen, sondern ich will ihnen helfen, will, dass sie weiterkommen, ihren Weg finden! Sie dann zu beurteilen: das ist doch ein Widerspruch in sich! Wenn so eine Prüfung in einer Phase kommt, in der gerade ein großer Wechsel stattfindet, der aber noch nicht abgeschlossen ist, dann macht das doch alles kaputt! Da bin ich ganz dagegen. Und darum bin ich auch froh, dass ich nie Gesang an einer Hochschule studiert habe. Wenn wir gerade bei Ihrem eigenen Ding sind: Sie haben inzwischen ja eine ganze Reihe von Ensembles ins Leben gerufen, mit denen Sie verschiedene Bereiche beackern. Erzählen Sie davon! Naja, in meiner Barockphase hatte ich mit Stefan Raab ein Ensemble, aber das gibt es jetzt eigentlich gar nicht mehr. Dann kam eigentlich als erstes meiner Ensemble Ars Choralis Coeln. Ja, damit assoziiert man Sie glaube ich auch und kennt Sie am besten. Genau. Da gibt es aber immer wieder auch Einladungen mit einem kleineren Budget, bei denen ich nicht mit acht Leuten aufschlagen kann, sondern vielleicht mit drei oder sogar zu zweit. Und für solche Fälle habe ich mit Susanne Ansorg quasi einen Ableger von Ars Choralis als Ensemble Ala Aurea begründet. Da machen wir zum Teil ACC-Programme in kleiner Form, aber inzwischen zunehmend auch Programme, die wir nur in dieser kleinen Besetzung machen. Damit sind wir beispielsweise im Sommer nun auch nach Utrecht zum dortigen Festival eingeladen, mit einem Cundrîe-Programm. Dann habe ich ein interkulturelles Ensemble mit dem Djoze-Spieler Bassem Hawar, in dem wir interkulturelle Recherchen betreiben. Wir nennen es aber bewusst nicht Cross-over, weil es das einfach nicht ist, sondern wir arbeiten wirklich an den Modi – den europäischen, und den Maqam auf der orientalischen Seite. Und das ist ja spannend, weil die doch sehr miteinander verwandt sind und es sich eigentlich nicht um echte Skalen handelt, sondern – auch bei den Modi – um Pattern, um Formeln, die in einem Modus benutzt werden. Aber ist das nicht relativ schwierig, denn die gesamte arabische Musikkultur, Gesangskultur, hat ja einen sehr, sehr brustigen Klang, der für unsere mitteleuropäischen Ohren immer einen Viertelton zu tief klingt. Können Sie das so umsetzen? Ich singe ja nicht arabisch, sondern ich singe so, wie ich eben singe. Aber das geht trotzdem zusammen? Ja. Wenn Bassem mich meinetwegen bei französischen Stücken begleitet, dann kann er in seiner Welt bleiben, ich bleibe in meiner, aber trotzdem mischt es sich ausgezeichnet. Genauso bei Hildegard von Bingen. Ja, stimmt, mit den Instrumenten hat man dieses Problem ja auch nicht. Eben. Und wenn ich arabisch singe, was ich jetzt manchmal auch tue, singe ich natürlich mit meiner Stimme, denn dieser arabische Gestus, das ist ja eine ganz andere Technik. Ich habe ein Projekt mit einer marokkanischen Sängerin: da klappt das, dass wir gemeinsam singen; aber ich würde nicht behaupten, dass das immer gut gehen könnte. Wir haben nun allerdings eine Neustart KulturFörderung bekommen, um mit Ars Choralis und dem Männerensemble von Bassem gemeinsam ein Programm zu machen. Wir arbeiten aber natürlich schon viele Jahre zusammen, Bassam und ich, das heißt, wir haben schon viele Erfahrungswerte, entdecken aber immer noch viel Neues – eben die Verwandtschaft zwischen den Maqams und den acht Tönen die wir haben. Wobei: eigentlich haben wir ja auch mehr. Also d zum Beispiel hat ja mindestens zwölf Endungen, wenn nicht mehr. Und im Maqam – um es mal ganz einfach auszudrücken – wäre das jeder für sich schon ein eigener Maqam. Insofern kommen Sie da auch auf mehr als acht Töne im europäischen System – wenn auch vielleicht nicht auf 54 – weil es sich eben nicht um Skalen handelt, sondern um Floskeln, Formeln, die bestimmte Namen tragen. Man lernt also nicht Tonleitern, sondern man lernt für jeden einzelnen Maqam Improvisationsfloskeln, die man dann benutzt. Ja, das klingt wirklich nach enger Verwandtschaft mit unseren Kirchentönen... Genau, und darum machen wir das ja. Diese acht Töne – ich nenne sie nicht Kirchentonarten, weil sie auch außerhalb der kirchlichen Musik benutzt wurden – haben wirklich viele Gemeinsamkeiten mit den Maqam, und das erforschen wir. Darum ist das tatsächlich kein Cross-over, kein MainstreamGedöns, sondern wir versuchen, diese Verwandtschaftsgrade und Gemeinsamkeiten herauszufinden. Natürlich gibt es da geeignetere und weniger geeignete Stücke, das ist klar. Die spätere MittelalterMusik, die ja auch schon mehr in Richtung Dur und Moll tendiert, die finde ich persönlich dann langweiliger. Mich interessiert mehr 11. bis 12., maximal 13. Jahrhundert, wo noch kein Dur und Moll hervorsticht, wo es noch modaler klingt. Aber wir machen auch anderes, ich singe auch stückweise gerne sephardische Musik, aber am spannendsten finde ich dieses Zusammenspiel bei Hildegard oder auch in der französischen Musik, interessanterweise. Und bei der spanischen Musik passt das natürlich auch, aber da geht es sehr in das, was man schon kennt. Warum haben Sie sich, auch mit Ars Choralis Coeln, auf Hildegard konzentriert? Weil ich denke, warum sollte ich nicht die Musik machen die meiner Heimat am nächsten ist? Und auch meiner Stimme, denn ich habe ja eine Hildegard-Stimme, keine orientalische. Jetzt mal abgesehen davon, dass Hildegard mit die beste Musik ist, die es überhaupt gibt (lacht)! Außerdem gehe ich immer von der Natürlichkeit aus, und das Orientalische hätte ich vielleicht lernen können, – aber es hätte vielleicht doch aufgesetzt geklungen. Da wäre ich nie so gut drin geworden, wie ich hätte werden wollen. Kann man Hildegard dann als Ihr Hauptrepertoire bezeichnen? Ja, wenn wir von Ars Choralis Coeln sprechen, auf jeden Fall. Und sonst? Ja, dann auch alles, was in der Kölner Erzdiözesanund Dombibliothek liegt. Und da liegt ja viel, deshalb werden wir auch regelmäßig eingeladen, im Dom etwas zu machen. Dann Frauenklöster, das ist ein großes Thema. Das wird auch immer intensiver, weil immer mehr Frauen sich dafür interessieren und dazu forschen, denn die Männer haben immer nur am Rande mal über Frauenklöster nachgedacht, nun sind aber viele Musikwissenschaftlerin dabei, zu entdecken und zu forschen. Und die Frauen im Mittelalter haben sehr viel mehr geschrieben, als man noch vor ein paar Jahren dachte, hat sich mittlerweile herausgestellt! Das finde ich spannend, das ist mein Thema. Die Männermusik sollen die Männer singen, das klingt dann auch besser; ich singe aus Frauenklöstern. Der gibt es noch viel zu entdecken, und da wird auch noch in Zukunft viel kommen. Recherchieren Sie da viel selber? Nein, das kann ich nicht alles selber machen. Da braucht man schon seine Leute, Musikwissenschaftlerinnen, die sich damit befassen. Und ich bekomme dann die Ergebnisse mit und kann die in einem Konzert vorstellen. Dazu merke ich auch, dass das den Markt interessiert. Da war zum Beispiel ein Konzert zu einer Ausstellung Von Frauenhand im Kölner Museum Schnütgen, und da haben wir ein Konzert gemacht mit Frauenhandschriften aus Köln, die auch alle in der Ausstellung lagen – und das war sogar in der BILD-Zeitung! Da haben die über die Ausstellung berichtet, mit dem Hinweis auf unser Konzert: da waren wir doch ziemlich baff! Ja, das kann ich nachvollziehen: ich hätte vermutet, dass die nur über nackte Frauen berichten, nicht über singende... Tja, es gibt Ausnahmen! Wir haben uns natürlich alle kaputtgelacht, und das ist jetzt auch nichts, worauf wir superstolz sind – aber trotzdem habe ich mir gedacht: das interessiert jetzt sogar die Kulturredaktion der BILD-Zeitung. Wer hätte das gedacht? Und das ist ja eigentlich der beste Anzeiger dafür, dass man den Nerv des gemeinen Volkes getroffen hat (lacht)! Genau. Da war ich überrascht, aber doch eben auch zufrieden, dass wir mit diesem Thema genau auf den Punkt getroffen haben. Im Moment passiert aber auch auf der Forschungsebene sehr viel, obwohl ich das nur am Rande mitbekomme, da ich ja Sängerin, und nicht noch Musikwissenschaftlerin bin. Ich meine: ich mache schon viel in dieser Hinsicht, aber ich fange eben

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