Toccata 02/2022

nicht bei Null an. Mir reicht es, wenn ich am Ende die Noten habe und die Zusammenhänge kenne, da muss ich nicht noch einen Artikel schreiben. Das ist nicht mein Ding. Wie erstellen Sie so Ihre Programme? Da gehe ich doch ziemlich ziemlich strikt musikdramaturgisch vor: ich mache erst ein Konzept, und dann kommen die Stücke. Eigentlich ist es dabei fast egal, welche Stücke ich singe. Ah so? Ja, das hört sich jetzt natürlich komisch an, aber ich habe das über das Tanztheater gelernt, mit dem ich auch einige Jahre lang gearbeitet habe: man braucht ein Thema, und dann weiß ich natürlich auch schon, welche Stücke infrage kommen. Aber ich mache zuerst die Struktur und suche dann erst konkrete Stücke aus der Sammlung der möglichen aus. Denn die innere Dramaturgie ist wichtig für ein Konzert, vor allem im Mittelalter, wo wir ja meistens recht kurze Stücke haben: dass ich wie bei einem Theaterstück oder einem Tanztheaterstück eine Struktur habe, die mir sagt, der Anfang muss so und so sein, dann muss es sich in der Mitte verdichten und zum Schluss hin vielleicht kurz abfallen, damit es entweder ganz ruhig endet oder mit einem Knalleffekt, je nach Thema. Und dann kann ich die einzelnen Stücke einbauen, über die ich natürlich ein gewisses Vorwissen mitbringe, und weiß, an welcher Stelle sie passen. Zum Beispiel? Zum Beispiel die Struktur einer Vesper: die habe ich einfach, da weiß ich, was reinpasst, und dann muss ich die füllen. Und wenn ich nun kein liturgisches Programm mache, ist das natürlich anders, dann ist es auch mehr Arbeit. Wie sieht es bei Ihnen mit der Wiederholung von Programmen aus: Sie spielen ja manche Sachen durchaus häufiger, aber trotzdem haben sie eine unglaubliche Menge an verschiedenen Programmen, oder? Sie ruhen sich nicht auf dem Erreichten aus.. Nein, tatsächlich nicht. Ich meine, wir machen Hildegard von Bingen natürlich am meisten, immer noch, und das nimmt im Moment eher noch zu. Aber zum Beispiel ein Cäcilien-Programm, das wir letzten Herbst gemacht haben, oder nun eines für die Kölner Domkirchweih, das ist dann exklusiv, nur für einen Anlass. Da bezweifle ich, dass wir das irgendwann nochmal machen können. Cäcilia vielleicht, aber die Domkirchweih? – Nein, das interessiert nur den Kölner Dom. Aber ein Programmwird ja auch immer besser, wenn man es häufiger spielt. Ja, natürlich. Wir waren jetzt zum Beispiel auf einer Tour in Holland, wo wir dreimal die Rose von Jericho gespielt haben, und das ist schon toll. Und das ist tatsächlich auch schon ein altes Programm, das war eines unserer ersten. Darum haben wir seit 2020 nun auch eine Idee von mir verwirklicht, nämlich die Klosterklänge: das ist eine Konzertreihe in Nordrhein-Westfalen; wie der Name schon sagt, vorwiegend in Klöstern, auch auf dem platten Land. Da treten zwar nicht nur wir auf, sondern wir laden auch andere Gruppen ein, aber die Mehrzahl der Konzerte bestreiten wir selbst und das ist immer ein ganzes Wochenende, mit drei Konzerten mit demselben Programm. Und das ist dann sehr angenehm. Wie geht es bei Ihnen nun nach Corona weiter? Hat die Pandemie auch bei Ihnen ein Stück weit das Schaffen unterbrochen? Nein, im Gegenteil! Ich habe so viele Stipendien und Hilfen bekommen, da habe ich endlich einmal für die Arbeit, die ich mache, Geld bekommen! Ich mache das ja alles sowieso, aber jetzt wurde ich auch bezahlt, für all diese Recherchen. Dazu kommt natürlich, dass kleinere Gruppen ohnehin immer besser durchkommen, weil wir nicht so einen großen Apparat haben. Viele Konzerte haben wir beispielsweise nur zu fünft gemacht, um eben coronakonformer zu arbeiten. Aber das geht dann auch. Insofern ist meine Arbeit wirklich nicht unterbrochen worden, sondern ich habe eher das Gefühl, ich hatte noch nie so viel zu tun. Ja, das höre ich doch jetzt von einigen Leuten –– während andere ziemlich unglücklich sind. Aber das hängt natürlich auch davon ab, in welchem Land man zuhause ist, sogar in welchem Bundesland: Nicht überall gab es so lukrative Hilfsprogramme. Ich kenne auch in Deutschland einige Leute, die wirklich durchs Raster gefallen sind. Aber ich weiß auch, dass viele einfach nur geschmollt haben. Die sind dann aber selber schuld, wenn sie sich nicht um Stipendien und Hilfen beworben haben. Ich konnte die Zeit jedenfalls wunderbar nutzen, konnte viel konzipieren, mich mit Dingen beschäftigen, für die ich sonst keine Muse hatte. Zum Beispiel? Ein Projekt, das ich hoffentlich nächstes Jahr umsetzen kann, nenne ich Cantigas do Mar, das sind portugiesisch-galizische Troubadourgesänge. Beziehungsweise, die Gesänge gibt es eben nicht, das ist ja das Problem; aber es gibt 1700 Gedichte, eben die Troubadourlieder, und die habe ich auch alle zuhause, und es war immer mein Wunsch gewesen, mir die mal vorzunehmen und damit ein Programm mit Musik zu machen. Weil ich auch immer mehr selber schreibe. Diese Cundrîe, die ich in Utrecht mache, habe ich zum Beispiel komplett selbst geschrieben. Was nicht heißt, dass ich komponiert habe, sondern ich habe Kontrafakturen im modalen Sinne gemacht. Oder ich fange mit einer Melodie an und führe die dann weiter. Das würde ich nicht komponieren nennen, sondern ich bin eine Troubairitz und mache das als solche. Und das möchte ich eben auch mit diesen Cantigas do Mar tun. Warum do Mar? Weil ich solche auswähle, die irgendwie mit Wasser zu tun haben; bei 1700 Gedichten muss man ja irgend ein Thema haben. Ich habe das ausgesucht, weil es da die von Martin Condax gibt, diese Ondas do Mar de Vigo, und dazu gibt es auch sechs Melodien. Damit habe ich so eine Art Aufhänger. Und ich glaube, das werden wir uns nächstes Jahr dann in Spanien bei einem kleinen Festival erarbeiten und dann sehen wir mal weiter. Diese Idee, und dass ich daran arbeiten konnte, verdanke ich auch den Stipendien und Hilfen. Ich werde das auch mit einem Spanier machen, der mir vielleicht noch ein bisschen bei der Aussprache helfen kann – obwohl die natürlich auch nicht genau wissen, wie man dieses mittelalterliche Galizisch wirklich ausspricht. Wir wissen ja auch nicht, wie man Mittelhochdeutsch seinerzeit wirklich ausgesprochen hat; alles, was wir da machen, ist ja nur ein modernes Konstrukt... Eben. Die Spanier machen es eben spanisch, die Portugiesen machen es portugiesisch. Aber es ist weder noch, es ist dazwischen. Weil ich aber Spanisch kann und oft in Portugal bin, werde ich da mal meiner Intuition vertrauen und etwas dazwischen machen. Denn das heutige Galizisch, das klingt schon sehr spanisch. Die behaupten natürlich, so spreche man eben Galizisch; ja, aber heute! Damals doch nicht! Man muss ja auch bedenken, dass damals mit Sicherheit dialektale Unterschiede noch größer waren als heute, man also von Region zu Region anders sprach. Ich sage mir in so einem Fall auch immer, dass ich da meinen Standort vertreten muss: ich singe also in einem Konzert bitte nur einenDialekt, ich wechsle nicht, nur weil das eine Lied aus Paris ist und das andere aus Tours oder so. Ich bin ja sowieso eine Deutsche, das heißt, ich werde einen Akzent haben; aber ich wohne eben als Nonne zum Beispiel in Paris. Also ich als Deutsche mit deutschem Akzent, aber Aussprache Nonne aus Paris. Das ist dann mein Standort, und das bleibt er auch. Und so werde ich das in dem Cantigas-Programm natürlich auch machen, eben mit Spanisch. Die Muttersprachler geben mir eigentlich auch oft ganz gutes Feedback, manchmal verbessern Sie mich dann, und ich bastle mir daraus eben meines. Am Ende kann ich immer sagen: ich komme ja aus Köln (lacht)! Die verschiedenen Aussprachen sind für mich als Sängerin natürlich sehr spannend, es macht doch viel Spaß, darüber nachzudenken – aber wie es wirklich war, das weiß eben keiner. Und es war damals ja auch so, dass sich die Leute nicht verstanden, wenn sie Latein gesprochen haben, weil jeder das mit einem Akzent seiner Muttersprache aussprach. Wir heute im Arabischen: ein Marokkaner versteht vielleicht 20 Prozent dessen, was ihm ein Syrer sagt. Obwohl beide Arabisch sprechen. Genau. Und dann kommt ja auch noch dazu, was meine Gesangslehrerin immer sagt: die Sprechsprache ist etwas anderes, als die Gesangssprache. Die haben nichts miteinander zu tun. Was steht denn sonst so an, jetzt in diesem Jahr? Ach, wir haben zum Beispiel auch wieder mehrere Ordo-Virtutum-Konzerte, daneben das Projekt mit Bassem, dass wir über Neustart Kultur ins Laufen bringen konnten, dann sind wir einmal nach Graz INTERVIEW TOCCATA - 118/2022 41 Maria Jonas, Foto: Dominik Schneider

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