Toccata 02/2022

TOCCATA - 118/2022 43 INTERVIEW Publikum. Dann weiß man, warum man diesen Beruf ergriffen hat! Sie machen also mehr oder weniger alles von Monteverdi bis Wagner und ins Zeitgenössische? Also, Monteverdi habe ich tatsächlich noch nicht dirigiert, aber Wagner mit großer Liebe. Mein erster Wagner war Tristan und Isolde im Jahr 2000 am Opernhaus in Dortmund, und das war vielleicht überhaupt die erste Wagner-Produktion, möglicherweise sogar europaweit, ohne Vibrato. Denn es ist ja, wenn man sich ein bisschen mit dem musikwissenschaftlichen Hintergrund beschäftigt, schon so, dass im romantischen Orchester, im Orchester des 19. Jahrhunderts, eigentlich nicht vibriert wurde. Selbst im Tristansteht ja nur an zwei oder drei Stellen mal etwas von Vibrato in der Partitur, wenn ich mich recht entsinne... Ganz genau, und darauf berufe ich mich! Eine davon ist die Stelle, an der im dritten Aufzug Tristan nach – ich sage das jetzt mal in modernem Deutsch – seiner Nahtoderfahrung wieder erwacht und Kurwenal sinngemäß mitteilt, da wo er, Tristan, gewesen sei, wäre Kurwenal noch nicht gewesen. Also, er kommt quasi aus einer anderen Welt zurück, und an dieser Stelle steht Vibratoals Anweisung in allen Streicherstimmen. Ganz klar: das ist ein extremer Effekt – der aber natürlich nur effektiv ist, wenn ich im Rest des Stücks nicht vibriere. Und dann schreibt zum Beispiel Richard Strauss so schön in seiner Instrumentationslehre: für den Bindebogen – und Strauss zieht ja so schöne Bindebögen über vier oder auch mal acht Takte, die man natürlich auf einem Bogenstrich nicht spielen kann! – empfiehlt er chorisches Teilen, keinesfalls gemeinsames Teilen, um so eben die Bindebögen als solche zu erhalten, weil der Bindebogen seiner Meinung nach das Atemzeichen der Musik ist. Das hätte man im Barock jetzt nicht extra erwähnen müssen... Ja, stimmt, damals nicht, aber Richard Strauss weiß das eben noch, bemerkte aber offensichtlich auch, dass seinerzeit gerade ein Paradigmenwechsel vor sich ging, und schrieb es deshalb lieber nochmal auf. Und ich glaube, wenn man das berücksichtigt – und ich habe das oft getan, zum Beispiel beim Tristan, aber auch bei Mahler-Sinfonien funktioniert das wunderbar –, mit noch dazu wenig bis gar keinem Vibrato, da entsteht dann auch eine Polyphonie von Bindungen. Die spielen ja nicht wie bei einem homophonen Choral alle gleichmäßig übereinander, sondern es entsteht eine Polyphonie dieser Atem-Bindungen und dadurch eine Durchhörbarkeit und eine Schönheit – das ist wunderbar! Dadurch gewinnt die spätromantische Musik plötzlich eine ganz andere Form von Schönheit und eben auch von Text. Das Musizieren aus dem Verständnis heraus, dass die Musik Sprache ist, das beginnt also, um noch einmal darauf zurückzukommen, im Opernbereich sicher bei Monteverdi, aber das hört auch in der Romantik und im 20. Jahrhundert nie auf. Und das ist eigentlich mein Thema, weshalb zumindest auf mich persönlich bezogen diese Unterscheidung zwischen alter Musik und neuer Musik, also 18. Jahrhundert und später, nicht wirklich relevant ist. Ich muss mich natürlich immer mit dem Umfeld des Komponisten und den Quellen aus dieser Zeit befassen: für‘s 18. Jahrhundert muss man eben den Leopold Mozart kennen, und für Früheres den Matthesohn und so weiter. Aber letztlich ist diese Bandbreite für mich einfach über das Verständnis möglich: Musik ist Sprache. Ein ganz anderes Thema: Sie haben sich ja nun seit letztem Herbst einer neuen Aufgabe zugewandt, die man angesichts Ihrer Biografie vielleicht nicht unmittelbar erwartet hätte, nämlich der Leitung des Tölzer Knabenchors. Wie kam es dazu? (Lacht) Also, ich muss Ihnen sagen ich hätte in meinem Leben nicht erwartet, irgendwann mal Chorleiter zu werden! Das hätte gar nicht in meine Vita gepasst und auch nicht zu meiner Arbeit. Aber beim Tölzer Knabenchor muss man einfach sehen: das ist kein normaler Knabenchor, sondern diese Buben können – und zwar nicht nur einer oder zwei, sondern Dutzende! – sensationell solistisch singen. Und das liegt nun gar nicht an mir, sondern ausschließlich an der Einzigartigkeit und der Qualität der Stimmbildung, die, erschaffen durch Gerhard Schmidt-Gaden, von den jetzigen Dozenten dort weitergeführt wird. Das ist Weltkulturerbe! Da stimme ich Ihnen uneingeschränkt zu. Wobei Gerhard Schmidt-Gaden mir in einem Interview vor Jahren mal ganz bescheiden erklärte, das läge nur daran, dass er sich mit den Knaben mehr traue; die anderen Chöre würden immer so vorsichtig abwarten. Aber ich glaube, das war etwas untertrieben... Ja, das ist sicher nicht alles; aber das sich-Trauen, das wird in diesem Chor doch sehr geschult. Es gibt immer so ein bisschen einen sportlichen Aspekt, zum Beispiel mal ein Wettsingen gegen den Lehrer: wer eine bestimmte Übung meinetwegen länger singen kann, wer längeren Atem hat. Und wer gewinnt, bekommt dann ein Steckerleis (lacht)! Da ist bei den Buben ein unglaublicher sportlicher Ehrgeiz im Spiel, man kann sich das fast wie in einer Skimannschaft oder sowas vorstellen: die applaudieren sich dann auch gegenseitig, wenn einer noch schneller ist als der andere oder etwas kann, was der andere vielleicht erst lernt, und dann klatschen sie und finden das total toll! Und von dieser großen, großen Begeisterung und dem sportlichen Ehrgeiz ist das getragen – aber eben auch, und das ist das entscheidende dahinter, tatsächlich von dieser Stimmbildung in ihrer Einzigartigkeit und exquisiten Qualität. Und ich kenne sehr viele Sänger, ich habe bei unendlich vielen Gesangsdozenten schon während meines Studiums korrepetiert et cetera – aber so etwas habe ich da nie erlebt. Diese Qualität der Stimmbildung trägt den Tölzer Klang. Das ist die Basis, auf der wir arbeiten. Und das war es auch, was mich interessiert und gereizt hat – sonst hätte ich nicht mit dem Gedanken gespielt, nochmal Chorleiter zu werden. Aber die Tölzer sind einfach eine Ausnahmeerscheinung, und ich habe mit dem Chor gerade ein wenig das Gefühl, von einem bequemen Jaguar auf einen Formel-Eins-Rennwagen umzusteigen – bei dem man aufpassen muss, nicht zu weit auf‘s Gas zu gehen (lacht)! Und was haben Sie da nun so vor? Das sind so einige spezielle Projekte, wie eine CD mit Musik der Bach-Familie, die wir im August aufnehmen wollen: Wege zu Bach, Motetten von Johann Bach, über Johann Ludwig, Johann Michael bis Johann Sebastian Bach. Die Johann-Wege, sozusagen. Genau. Das schließt natürlich auch das musikwissenschaftliche Wissen unserer Zeit mit ein, über die richtigen Tempi, die Verzierungen und so weiter. Weite Teile dieses Programms werden von den Buben solistisch gesungen werden, aber viel natürlich auch chorisch, denn wir wollen zeigen, wie schön das klingt, wenn wir doppelchörig solistisch musizieren. Und das sind eben Dinge, die können die Tölzer. Und dann machen wir im November dieses Jahres ein Weihnachtsoratorium mit Concerto Köln in Lausanne, beim dortigen Bachfest, auch mit Knabensolisten. Was für mich auch so ein bisschen eine Rückkehr in eine musikalische Heimat ist, denn ich war ja sechs Jahre lang Chefdirigent beim Genfer Kammerorchester. Und wie ist das mit dem sonstigen Repertoire, angefangen von Volksliedern, was die Tölzer ja auch machen, über h-Moll– und c-Moll-Messe und all diese Dinge, bis Lasso oder Schütz? Fühlen Sie sich damit auch wohl, fühlen Sie sich darin zuhause? Also, ich komme ja aus der Kirchenmusik: ich habe erstmal zwei Jahre Kirchenmusik studiert, bevor ich dann ganz zum Dirigieren wechselte. Und ich war als Kind, als Jugendlicher auch schon als Chorleiter tätig, habe nämlich mit 14 bei uns am Ammersee draußen eine kleine Kirchenmusikerstelle übernommen, einfach weil Not am Mann war. In dieser Gemeinde habe ich auch einen Chor gegründet, hatte bald so zwischen 25 und 30 Sänger und habe mit denen auch schon mit 14, 15, 16 Jahren Orchestermessen von Mozart, Haydn und Schubert aufgeführt. Und die bayerische Volksmusik – da verrate ich Ihnen nun sozusagen ein Geheimnis: auch der Dreigesang ist mir nicht ganz unvertraut, weil ich solche Sachen als Bub mit meiner Mutter und meiner Schwester gesungen habe. Also, Sie kehren damit sozusagen zu Ihren Wurzeln zurück, und zum national-bayerischen Erbe (lacht)! Genau (lacht). Wir haben diese Dreigesänge zwar nur im Advent gemacht, aber das ist dennoch etwas, was mir sehr, sehr vertraut ist. Sie haben auch den richtigen Akzent, muss ich lobend bemerken (lacht). Ja, oder sagen wir so: ich kann ihn einfach nicht ablegen! Eben. Aber man kann sich ja schwer vorstellen, dass die Tölzer von einem Norddeutschen geleitet würMichael Hofstetter, Foto: Stuart Armitt

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