Toccata 02/2022

45 INTERVIEW zitativen und so weiter. Aber in dem Moment, wo er mit den Opern diese großen, seelischen Dramen auf die Bühne bringt, lässt er auch diese Form hinter sich. Bei ihm geht es um die tiefen Fragen des menschlichen Daseins, und ich halte ihn, wie schon gesagt, für den größten Humanisten der Operngeschichte. Wenn Sie sagen, es geht ihm um die eigentlichen Seinsfragen des Menschen: was, würden Sie meinen, kann ein heutiger Hörer von ihm in philosophischer, ethischer Hinsicht lernen? Was würden Sie da in unsere heutige Lebenswelt übernehmen? Zum Beispiel so etwas: seid gut zu Euren Hunden – der meine sitzt hier gerade zu meinen Füßen – und den anderen Tieren, den Wesen mit Seelen. Man darf nicht denken, dass das Dinge sind. Diese tiefe menschliche Empfindungswelt, das, was uns zu Menschen macht und uns prägt, das haben wir nicht exklusiv abonniert, sondern davon ist alles Lebendige auf der Welt beseelt. Und es wäre ein Irrtum zu glauben, alle anderen Lebewesen wären aus Plastik und hätten keine Empfindungen. Das war ja auch eine Idee des Humanismus oder, wenn wir uns an Glucks Lebensdaten orientieren, der beginnenden Frühromantik, dass Tiere auch Empfindungen haben. Und ich denke, das ist sehr zutreffend. Auch umgekehrt kann man es ja erklären: wie sollte beispielsweise tiergestützte Therapie funktionieren, wenn Tiere keine Empfindungswelt hätten? Wie sollten dann Kinder, alte Menschen oder wer auch immer davon profitieren? Dann könnte man ja auch ein Plüschtier hinstellen, das mechanisch aufgezogen wird. Doch beim Hund springt eben etwas über, und dafür braucht es eine Resonanz, die aber immer nur von beiden Seiten kommen kann – sonst würde das nicht funktionieren. Ich denke da gerade an eine Anekdote über Marta Eggerth, eine Operettensängerin und Schauspielerin, die heute vielleicht nicht mehr vielen Lesern etwas sagt: sie war die Frau von Jan Kiepura, dem legendären Tenor aus den zwanziger, dreißiger Jahren, und ist 2013 verstorben, mit 101 Jahren. Ich hatte das Glück, mit ihr noch Konzerte zu machen, als sie 85 war. Diese Dame nun war Vegetarierin, und als ihr einmal ein Kellner einen Rehbraten empfahl, fragte sie ihn ganz entrüstet, ob er schon mal einem Reh in die Augen geschaut habe? Die hatte das auch verstanden, dass die beseelte Welt eben beseelt ist. Ja, nehmen Sie das als Schlussresümee, das ist etwas sehr Persönliches von mir: da geht es um die Musik, um Gluck, aber es geht eben auch noch tiefer – wie die Musik ja auch tiefer geht als das, was wir im ersten Moment wahrnehmen. Fragen und Übertragung: Andrea Braun Interview mit Juliëtte Dufornee und Xavier Vandamme von der Organisatie Oude Muziek in Utrecht über die jüngste Aktivität ihres Teams: Early Music Television (emtv.online) Frau Dufornee, Sie, als stellvertretende Direktorin der Organisatie Oude Muziek Utrecht, die auch das weltgrößte Festival der Szene, das Festival Oude Muziek organisiert, waren der Kopf hinter einer ganz neuen Idee, die nun am 7. März den Betrieb aufnimmt: Early Music Television, EMTV. Was ist das, was wird da geboten? Dufornee: EMTV hat sich zum Ziel gesetzt, die internationale Videoplattform für Alte Musik zu werden, mit einzigartigen und künstlerisch hochwertigen Inhalten für ein weltweites Publikum. Für 7,99 Euro pro Monat – oder 90 Euro pro Jahr – haben Abonnenten da nun ab 7. März unbegrenzten Zugriff auf die Online-Plattform mit dem vollständigen Katalog von momentan schon über 175 Konzerten, Vorträgen und Dokumentationen des Utrecht Early Music Festival. Ergänzt wird das durch monatliche Neuerscheinungen, einen gut gefüllten Livestream-Kalender – 2022 mit 40 Konzerten der Saison und des Festivals Alte Musik – und ab 2023 auch mit Konzerten von Partner-Institutionen. Herr Vandamme, Sie leiten die Organisatie Oude Muziek und das Festival seit 2009, und bislang ging es auch ganz gut ohne Video-Kanal. Wie entstand nun diese Idee? Vandamme: Die Idee, nach dem Vorbild von Netflix einen eigenen Online-Video-Streaming-Dienst zu starten, ist während der Corona-Krise gewachsen. Es war ja nun sehr lange nicht mehr möglich, Musikfreunde im Konzertsaal willkommen zu heißen, aber gleichzeitig konnten wir beobachten, dass unsere Online-Aktivitäten in den letzten Jahren auf ein enormes internationales Interesse stießen und der Bedarf an Kultur auch überhaupt nicht nachgelassen hat. Deshalb haben wir EMTV entwickelt. Ab sofort haben damit sowohl das Festival Alte Musik als auch die Saison Alte Musik ein hybrides Format, mit Konzerten im Konzertsaal, aber immer eben auch mit einer Online-Komponente, denn wir haben festgestellt, dass wir mit EMTV ein viel größeres internationales Publikum erreichen und Menschen für Alte Musik begeistern können. Sie sagen, EMTV sei nun der größte Alte-MusikStreaming-Dienst der Welt: Gibt es überhaupt noch andere, die so spezialisiert sind, oder ist es auch der einzige? Vandamme: In den letzten Jahren sind zahlreiche Online-Initiativen entstanden, bei denen Konzerthäuser, Ensembles und Festivals damit begonnen haben, ihre eigenen Inhalte zu streamen, um mit ihrem Publikum in Kontakt zu bleiben. Diese Initiativen sind sehr wertvoll, aber meist eben nur punktuell. Eine echte Streaming-Plattform mit einem kompletten Katalog von Aufnahmen, die über ein Abonnement zugänglich ist und bleibt: da sind wir momentan die Vorreiter. Es gibt vergleichbare Angebote, die sich auf klassische Musik im Allgemeinen konzentrieren – Classica, das berühmte Beispiel der Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker – aber dort ist der Anteil der Alten Musik gering. Sie haben also recht, in Sachen Streaming sind wir bei weitem nicht die einzigen, aber als Abo-Service mit einem umfangreichen Katalog, der sich ausschließlich auf Musik aus Mittelalter, Renaissance und Barock konzentriert, sind wir vorerst einzigartig. Was ist der Unterschied zu dem, was man auf YouTube, Spotify, Naxos etcetera sowieso schon findet? Dufornee: Naja, Liebhaber Alter Musik können sich bei EMTV so richtig verwöhnen lassen: Es ist sozusagen ein einziger großer Feinkostladen. Die technische Qualität ist sehr hoch und die Inhalte oft tatsächlich einzigartig. Auf jeden Fall geht es nicht nur um den Ton, sondern auch um Bilder: es sind vor allem Aufnahmen vom Festival Alte Musik. Dadurch wird nicht nur die Musik, sondern auch die Atmosphäre des Festivals transportiert. Wichtig ist aber auch, dass es sich um Liveaufnahmen handelt: alles wird in einem Rutsch aufgenommen, mit nur minimaler Korrektur-Möglichkeit. Und so wollen und lieben wir das: es ist nicht hochglanzpoliert oder unmenschlich perfektioniert mit zwanzig Schnitten pro Takt. Und ja, manchmal sieht man dann eben auch, wie im Eifer des Gefechts eine Saite reißt! Außerdem gibt es natürlich einige Programme in unserem Katalog, die auch auf CD veröffentlicht wurden, aber viele Programme auf EMTV sind wirklich einzigartig und nirgendwo anders zu finden. Vandamme: Was ich für sehr wichtig halte, ist, dass alle unsere Inhalte kuratiert werden. Selbst wenn wir irgendwann anfangen mit Partnern zusammenzuarbeiten, wird EMTV ein Kanal bleiben, auf dem nichts ohne unseren künstlerischen Segen veröffentlicht wird. Und ich habe doch den Eindruck, dass die Arbeit von Kuratoren und Verlegern in diesen Zeiten immer wichtiger wird. Mit den von Ihnen erwähnten Diensten Youtube, Spotify und so weiter haben Sie dagegen einen praktisch unendlichen Katalog, der per definitionem nicht mehr überschaubar ist. Das macht einen nervös und sogar mutlos: wenn du alles hast, hast du eigentlich nichts. An dieser Stelle können die vielen, vielen Konzertprogrammatoren und Festivalkuratoren weltweit einen echten Mehrwert bieten: wir kennen den Markt und treffen Entscheidungen. Und das Schöne ist, dass nicht jeder Programmator die gleichen Entscheidungen trifft. In jedem Fall wählt und komponiert ein guter Kurator seine Konzerte mit Offenheit und Branchenüberblick, und das bietet dem Enthusiasten einen guten Anhaltspunkt – genau wie ein gut kuratiertes Plattenlabel oder ein gut kuratiertes Festival: es ist eine Art Qualitätsgarantie und gibt Ihnen als Musikfan Orientierung und Vertrauen bei der Erkundung des Angebots. Wir fungieren also quasi – und mit Vergnügen – als Wegweiser, der Sie durch die richtig guten Sachen hindurchführt. Dufornee: Außerdem fängt man mit einem solchen Abonnement an, Dinge zu erforschen, die man bislang nicht kannte oder auf die man alleine nie gekommen wäre. Als Barock-Aficionado sehen Sie sich bei EMTV dann beispielsweise vielleicht auch mal mittelalterliches Repertoire an, weil es sowieso da ist und Sie damit nichts verlieren. Das könnte alTOCCATA - 118/2022 Xavier Vandamme

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