Toccata 02/2022

so auch eine erkundungsfreudigere, abenteuerlustigere Einstellung bei einem Musikfan befördern. Und das ist das Gegenteil eines Algorithmus, der Ihnen immer mehr vom Gleichen gibt, wie das sonst meist im Internet der Fall ist. Sie sehen andere Dinge in unserem Feinkostladen und denken: gib mir doch heute auch mal ein Stück von dem leckeren Käse da drüben, den ich noch nie probiert habe! Ist EMTV nur eine Zweitverwertung des Festivals und der Netwerk-Konzerte, oder wird es auch exklusive Inhalte geben? Dufornee: Im Sommer 2020 und im Frühjahr 2021, aber auch in der vergangenen Weihnachtszeit haben wir ungefähr 30 Aufnahmen ohne Publikum gemacht; einerseits, um neue Inhalte für EMTV aufzunehmen, aber andererseits und vor allem auch, um Musikern zu einer Zeit bezahlte Arbeit zu geben, als die Konzertsäle noch geschlossen waren. Also ja, es gibt tatsächlich Aufnahmen, die wir in diesem Sinne speziell für EMTV gemacht haben. Aber am liebsten nehmen wir dann doch Live-Konzerte auf. Vor allem, weil Konzerte mit Publikum eine andere Spannung in den Konzertsaal bringen, und das spürt man in den Aufnahmen. Was haben die Musiker davon, deren Konzerte auf EMTV gestreamt werden? Haben sie zum Beispiel die Möglichkeit, Videos eigener Konzerte für andere Veranstalter einmal freizuschalten oder so? Oder müssen sie ihre Leistung quasi nur gratis zur Verfügung stellen? Vandamme: Wir bezahlen alle Musiker sowieso angemessen für ihre Arbeit, fair pay ist etwas, was uns sehr am Herzen liegt; von gratis zur Verfügung stellen kann also keine Rede sein. Darüber hinaus bekommen die Musiker eine Kopie der Aufnahme, die sie für Kontakte mit Programmatoren, Festivalleitern, Konzertsälen und so weiter verwenden können. Und natürlich dürfen sie das Video dann auch für ihre eigene Werbung gebrauchen; nicht das ganze Konzert, aber doch Teile daraus. Wollen Sie mit EMTV wirklich Geld verdienen, oder ist die Abo-Gebühr eher symbolisch gemeint, um zu zeigen, dass nicht alle Inhalte im Netz gratis zu haben sind oder so? Wie viele Abonnenten braucht es, damit Sie kostendeckend arbeiten können? Dufornee: Naja, abgesehen von den Kosten für die Musiker und die Konzertmitschnitte an sich gibt es beim Aufbau einer solchen Plattform noch einiges mehr zu berücksichtigen: Server, Equipment für das Live-Streaming, spezielle Software, technische Unterstützung, Kundenservice bei Live-Streams… Wir haben EMTV schlank und – wohlweislich – sehr kostenbewusst aufgestellt, aber es sind alles ziemlich bedeutende Investitionen, denen im Endeffekt auch echtes Einkommen gegenüberstehen sollte. Die Abogebühr ist also sicher kein symbolischer Betrag, sie soll wirklich für neue Einnahmen sorgen. Reich werden wollen wir damit übrigens nicht: Sollte EMTV nach vielleicht vier Jahren einen bescheidenen Gewinn machen, investieren wir diesen wieder in neue Aufnahmen oder, wer weiß?, um eines Tages eine EMTV-App zu entwickeln. Wer werden die Partner sein, von denen Sie sprachen, deren Videos ebenfalls auf der Plattform stehen könnten? Vandamme: Der Katalog, den wir jetzt präsentieren, wurde in den letzten fünf Jahren entwickelt und wird mit unseren eigenen neuen Aufnahmen schnell wachsen. Aber wir erkunden derzeit auch Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit befreundeten Festivals und befreundeten Ensembles. Ich kann mir gut vorstellen, dass beispielsweise das MA-Festival in Brügge sein Eröffnungskonzert streamen möchte; das wäre theoretisch über unsere Plattform möglich, und eventuell könnte diese Aufnahme dann auch in den Gesamtkatalog aufgenommen werden. Oder nehmen wir an, unsere Freunde in Regensburg machen eine Reihe von Videos, die sie gerne in größerem Rahmen teilen möchten: dann werden wir uns darüber unterhalten und schauen, wie das geht. Wobei wir die Dinge natürlich immer weiter kuratieren, wie vorhin beschrieben. Wir haben da einfach künstlerische Vorstellungen, uns schwebt ein Katalog von hoher Qualität vor, mit ganz besonderen Konzerten und Vorträgen, mit einem Mehrwert. Aber das müssen wir nicht unbedingt alles selbst entwickeln. Unsere internationalen Kollegen sind schlau, kompetent und haben einen guten Geschmack. Ich gehe also davon aus, dass wir in ein paar Jahren ein noch breiteres Angebot haben werden, immer noch mit einem Utrecht-Stempel, weil es eben unser Kanal ist, aber auch im Kontrapunkt mit anderen Stimmen und anderen Visionen. Wer, meinen Sie, wird den Dienst abonnieren, was ist die Zielgruppe? Wer hat die bisherigen OnlineKonzerte angeschaut? Vandamme: EMTV ist für alle, die Alte Musik mögen. In den letzten Jahren sind wir zu der ja eigentlich schon fast lächerlich offensichtlichen Erkenntnis gelangt, dass die meisten Musikliebhaber eigentlich nie in ein Live-Konzert gehen. Oder nie zum Festival Oude Muziek Utrecht kommen und kommen werden. Die überwiegende Mehrheit der Musikfans gibt sich ihrer Leidenschaft im Radio, im Audiostreaming, auf CD oder LP hin. Selbst für den eifrigsten Konzertbesucher machen diese Kanäle immer noch den größten Teil seines Musikerlebnisses im Alltag aus. Das heißt aber auch, dass es weltweit ein enormes Potential an Publikum für EMTV gibt: Menschen, die dieses Repertoire lieben oder die abenteuerlustig sind und ohnehin häufig Musik aus der Konserve anhören – und eben nicht unbedingt in Konzerten, weil das zeitlich und finanziell für sie nicht machbar ist – um ihre Kenntnisse zu vertiefen. Ist es nicht ein bisschen unfair, wenn auf EMTV dann nur die Gruppen zu sehen sind, die Sie auch zum Festival einladen? Das ist ja doch ein bisschen geschmäcklerisch – und andere, vielleicht auch wichtige Interpreten kommen gar nicht zum Zug. Und es wäre vom medienethischen Standpunkt — und EMTV ist ja dann ein Medium – betrachtet, auch ein ziemlich schmaler Grat, der beim Publikum einen falschen Eindruck entstehen lassen könnte, da Sie ja quasi eine Monopol-Stellung haben. Wie wollen Sie solche Fragen künftig entscheiden, wie gehen Sie da vor? Vandamme: Naja, wie gesagt ist es unser Plan, den Katalog an Konzerten schnell durch Beiträge von Kollegen-Festivals zu erweitern. Der von Ihnen skizzierte Effekt – wenn er überhaupt existiert – würde also in den nächsten Jahren ohnehin abgemildert. Im Übrigen würde ich es nicht wagen, so unbescheiden zu sagen, dass wir mit EMTV sofort ein Monopol haben und den Geschmack des gesamten Planeten bestimmen (lacht)! Als Festival sind wir das größte Festival der Welt, das ist tatsächlich so, und wir tun unser Bestes, um aktuell und durchaus auch provozierend zu sein, absolut. Und wir versuchen auch, bei jeder Festivalausgabe einen großen Anteil an Künstlern zu präsentieren, die noch nie bei uns auf der Bühne standen, sicher; aber ich hoffe trotzdem, dass es auch so etwas wie ein Utrecht-Feeling gibt, eine Art Genius Loci. Das künstlerische Gesicht von Utrecht ist doch weit mehr als der persönliche Geschmack, denn mit dem kann man kein so großes Festival kuratieren. Aber nichtsdestotrotz, und das ist mein Punkt: Der Festivalsektor ist viel reicher und bunter als Utrecht allein – und zum Glück! Uns wird tatsächlich auch ständig widersprochen, und das ist genau die Absicht. Wir arbeiten aktiv daran, mehr Dialektik in unserem Bereich anzuregen, sonst ist es bald vorbei, mit der Alten Musik. Aber mit halbherzigen Statements schafft man keine Dialektik – und dasselbe gilt für diesen Streaming-Kanal. Natürlich fangen wir auch gerade erst jetzt im März an, also sind wir noch ziemlich weit entfernt von einem globalen Imperium: es ist eine erschreckende Menge Audio- und Videomaterial auf anderen Kanälen in Umlauf, daneben ist der Einfluss von EMTV vorerst gleich Null. Trotzdem haben Sie da im Prinzip einen guten Punkt: Als Streaming-Kanal sind wir vorerst einzigartig. Und EMTV beginnt tatsächlich als Erweiterung unserer künstlerischen Vision und Strategie, aber darauf sind wir stolz. Entscheidungen zu treffen und sie sorgfältig zu kuratieren, ist der einzige Weg, um EMTV eine solide inhaltliche Grundlage und ein Profil zu geben. Das Sortiment soll schnell wachsen und das, was wir in Utrecht produzieren, noch vielfältiger und farbiger werden. Aber wir sind kein anonymer Kanal, absolut nicht, EMTV ist kein Supermarkt. Und übrigens…, wer sagt, dass wir der einzige Streaming-Kanal für Alte Musik bleiben? Sehen Sie die Gefahr, dass die Leute dann nicht mehr in Konzerte gehen, sondern gemütlich zuhause auf dem Sofa sitzen bleiben? Oder ist diese Tendenz ohnehin schon nicht mehr aufzuhalten…? Dufornee: Davor haben wir absolut keine Angst. Die LP oder die CD hat ja auch nicht dafür gesorgt, dass die Konzertsäle sich leerten, und das wird mit diesem Medium auch nicht passieren. Im Gegenteil: Ich glaube, dass man mit einem Medium wie EMTV seine Reichweite enorm steigern und deutlich mehr Menschen mit Alter Musik in Berührung bringen kann, als es mit einem Offline-Festival möglich ist. Was wir mit EMTV im Wesentlichen anbieten, ist eine neue, andere Art, Musik zu erleben. Nicht live, nicht über eine Audio-Aufnahme, sondern über einen dritten Weg, der Live und Aufnahme verbindet: eine gefilmte Version eines LiveKonzerts. Die hybriden Festivalausgaben der vergangenen zwei Jahre haben uns auch gezeigt, dass alle davon profitieren: wir verkaufen kein Ticket weniger, sondern erreichen ein zusätzliches Publikum, das selten oder nie in den Konzertsaal kommt und nur durch Aufnahmen Musik genießt. Vandamme: Ich würde gar wagen, das Gegenteil zu behaupten: ich hoffe insgeheim, dass wir die EMTV-Abonnenten so begeistern, dass wir sie überzeugen können, irgendwann doch den Schritt zum Live-Konzert zu machen. Und dass sie nach dem Abo bei EMTV auf den Geschmack kommen und unbedingt dabei sein wollen, um dann ein ganzes Wochenende in Regensburg oder Antwerpen zu kampieren. Oder, wer weiß, in Utrecht… Fragen, Übersetzung aus dem Niederländischen und Übertragung: Andrea Braun INTERVIEW 46 TOCCATA - 118/2022

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