Toccata 02/2022

47 FESTIVALBERICHTE TOCCATA - 118/2022 Die Tage Alter Musik in Herne auf den Spuren Rousseaus (11. bis 14.11. 2021) Im vergangenen Jahr mussten die Tage Alter Musik in Herne aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt werden. Nun aber luden der Westdeutsche Rundfunk und die Stadt Herne zur 45. Auflage des renommierten Festivals der historischen Aufführungspraxis. Aus der Dunkelheit der Kreuzkirche erhob sich der tiefe Ton einer Bassklarinette, über dem die Stimmen des Vokalensembles La Tempête einsetzten: John Taveners „Song for Athene“, eine Komposition aus dem Jahr 1993 zum Auftakt der Tage Alter Musik. Im weiteren Verlauf erklangen Vokalwerke des Mittelalters, der Renaissance und der Moderne, die – in etwa der Liturgie eines Requiems folgend – um die Themen Schlaf, Traum und Tod kreisten. Eine sparsame Lichtinstallation (Marianne Pelcerf) akzentuierte die meditative Grundstimmung des gut einstündigen Programms. SimonPierre Bestion folgte stringent einem subjektiv emotionalen Interpretationsansatz, der den Kompositionen von Olivier Greif, Giacinto Scelsi, Arvo Pärt u.a. sehr gut zu Gesichte stand. Bei den älteren Werken von Heinrich Isaac, Ludwig Senfl und insbesondere bei den anonymen mittelalterlichen liturgischen Gesängen wirkte dies eher befremdlich. Nichtsdestotrotz bot La Tempête, instrumental unterstützt von Liselotte Emery (Zink) und Matteo Pastorino (Bassklarinette) ein stimmiges Eröffnungskonzert. Die Tage Alter Musik standen in diesem Jahr – frei nach Jean-Jacques Rousseau – unter dem Motto „Zurück zur Natur“. Den Weg zurück zu einer schlichten, natürlichen Religiosität suchten im 14./15. Jahrhundert die Brüder und Schwestern vom Gemeinsamen Leben, eine vor allem in den Niederlanden verbreitete Laienbruderschaft. Deren musikalisches Vermächtnis aufzuspüren und einem heutigen Publikum zugänglich zu machen, hat sich Le Miroir de Musique am Freitagnachmittag zur Aufgabe gemacht. In wechselnden Besetzungen mit Laute, Quinterne (Marc Lewon, Rui Stähelin) und Fideln (Baptiste Romain, Elizabeth Rumsey) und vor allem hervorragenden Sängerinnen und Sängern (Sabine Lutzenberger, Tessa Roos, Achim Schulz, Matthei Le Levreur, Baptiste Romain, Rui Stähelin) beleuchtete das Ensemble die einfachen geistlichen Melodien aus verschiedenen Perspektiven und brachten sie facettenreich zum Klingen. In Frankreich pflegte man im frühen 18. Jahrhundert nicht nur eine zukunftsweisende Orchesterkultur, man liebte auch das musikalische Experiment. Dessen durfte man gleich zu Beginn des Konzerts am Freitagabend im Kulturzentrum Zeuge sein. Jean-Féry Rebel lässt in seiner Symphonie nouvelle „Les Élémens“ die Harmonie der Elemente allmählich aus dem Chaos eines veritablen Clusters – den gleichzeitig gespielten Tönen der Oktave – entstehen. In den folgenden Sätzen fügt sich alles schließlich zur göttlichen Ordnung, mündet in Vogelgesang und Jagdvergnügen. In seiner Fantasie „Les Caractères de la danse“ gab Rebel einen Überblick über die höfischen Tänze seiner Zeit. Dem konventionellen Weg der französischen Orchestersuite folgte François Couperin in seinem Concert Nr. 8 G-Dur „Dans le Goût théatra-le“. Das belgische Barockorchester Il Gardellino unter der Leitung von Korneel Bernolet bot diese Werke des französischen Hochbarock mit stilsicherer Hingabe. Zwei Kantaten von Louis-Nicolas Clerambault wurden indessen zu den Highlights des Abends. Dies war insbesondere das Verdienst von Deborah Cachet, die mit glockenreinem Sopran und perlenden Koloraturen begeisterte. Ein Musikfestival, das unter dem Motto „Zurück zur Natur“ steht, wird zweifellos auch den Weg ans Wasser finden. So geschah es am Samstagnachmittag in der Kreuzkirche. Das tschechische Collegium Marianum und seine Leiterin Jana Semerádová (Traversflöte) hatten ein kurzweiliges Programm mit bekannten und weniger bekannten Kompositionen zum Thema „Wassermusiken“ nach Herne mitgebracht. Zum Auftakt spielten sie Antonio Vivaldis Sinfonia aus der Serenata „La Senna festeggiante“. Von Georg Philipp Telemann erklangen eine Ouvertüre A-Dur, das Concerto grosso h-Moll für zwei Traversflöten, Theorbe, Streicher und Basso Continuo und das Concerto A-Dur „Die Relinge“ (Die Teichfrösche). Dieses Violinkonzert, von Lenka Torgersen als Solistin und dem Collegium Marianum mit Spielfreude und einer gehörigen Portion Humor präsentiert, darf mit seinen aberwitzigen „quakenden“ Tonre-petitionen im Kopfsatz durchaus als Vivaldi-Parodie betrachtet werden. Musik vom französischen Hof (Michel-Richard Delalande, Marin Marais) rundeten das Konzert ab, das – wie sollte es anders sein – mit Georg Friedrich Händels Suite GDur aus der „Water Music“ zu Ende ging. Eine „Auszeit“ nahm sich laut Vergil der trojanische Kriegsflüchtling Aeneas in Chaonia im heutigen Albanien. Diese Episode aus der „Aeneas“ bildete die Vorlage für die Serenata „Enea in Caonia“ von Johann Adolf Hasse. Mit diesem 1727 in Neapel uraufgeführten Jugendwerk gönnten sich die Tage Alter Musik im Kulturzentrum jedoch keineswegs eine Auszeit. Vielmehr kann die konzertante Aufführung durchaus als Höhepunkt des diesjährigen Festivals angesehen werden. Man mag sich schon wundern, dass Hasses Werk auf den Opernbühnen nach wie vor so sehr im Schatten Händels oder Vivaldis steht, insbesondere wenn es von einem solchen exzellenGiulia Bolcato, Anthea Pichanick, Gaia Petrone, Stefano Montanari, Paola Valentina Mo-linari, Luca Cervoni (v.l.n.r.) und das Enea Barockorchestra, Foto: Thomas Kost

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