Toccata 03/2022

Freude am selbstbezüglichen Satirestoff entdeckt haben, als er 1787 in Rom eine Aufführung von „L’impresario in angustie“ besuchte. Wieder in Weimar, übersetzte Goethe selbst das Libretto des „L’impresario“ von Giuseppe Maria Diodati und schuf als frisch gebackener Theaterdirektor eine eigene deutsche Fassung mit dem Titel „Die Theatralischen Abentheuer“, der er weitere, von verschiedenen Komponisten vertonte Arien hinzufügte. Mit der Uraufführung am 24. Oktober 1791 am wenige Monate zuvor eröffneten Weimarer Hoftheater begann der Siegeszug dieser Oper durch die deutschen Bühnen. Die neue Opernproduktion geht weit über die „Ausgrabung“ eines heute selten gespielten historischen Musiktheaterstückes hinaus, denn es geht dem Theater um eine Wiederbelebung von Goethes verschollener Bearbeitung von Cimarosas „L’impresario in angustie“. Die Schaubühne der Klassik Stiftung präsentiert nun eine eigene Fassung der Oper, ließ dafür eine Neuübersetzung des Librettos von Giuseppe Maria Diodati aus dem Italienischen anfertigen und fügte Arien aus Goethes Bearbeitung ein. Diese aufwendig nachgebildete und dadurch zugleich auch neu interpretierte Fassung kommt entsprechend der historischen Aufführungspraxis des späten 18. Jahrhunderts am authentischen Ort, im Theater aus der gleichen Epoche, auf die Bühne des Liebhabertheaters. Die Arkadische Miniaturoper „Der gefangene Amor oder Die Liebe in Fesseln“ (Amor prigioniero) von Giuseppe Scarlatti konnte corona-bedingt im vergangenen Jahr nur ein einziges Mal öffentlich gezeigt werden. Zum Sommerfestival „Theater!“ wird die Neuproduktion von 2021 mit dem Ensemble I Porporini unter der Leitung von Gerd Amelung endlich weitere öffentliche Aufführungen (WA am 4. Juni) erleben. Auf Schloss Kochberg verwirklichte Charlotte von Steins Sohn Carl seinen ganz persönlichen Traum vom Leben auf dem Land und gestaltete einen romantischen Landschaftspark als arkadische Szenerie mit Quellen, Weihern, heiteren und melancholischen Orten. Am Eingang zu seinem privaten Arkadien baute er seinen Musentempel, das Theater. In Kochberg kann man heute, nach über 200 Jahren, diesem poetischen Entwurf des Landlebens nachspüren. Im Schauspiel zeigt das Theater Goethes frühes Lustspiel „Die Mitschuldigen“ (WA am 18. Juni) in der Inszenierung von Nils Niemann, das uns augenzwinkernd in menschliche Abgründe blicken lässt. Sechs hochkarätige Konzerte ergänzen das Programm. Entsprechend der dann aktuellen Vorgaben bezüglich der Pandemie finden die Veranstaltungen entweder im Theater oder ersatzweise open Air auf dem Theaterplatz (bei jedem Wetter) statt. Christie: Die unabhängige KritikerJury des Preises der deutschen Schallplattenkritik vergibt jährlich Ehrenpreise an herausragende Persönlichkeiten, die sich als Interpreten, Künstler oder Produzenten um die Musikaufzeichnung auf Ton- und Bildtonträgern besonders verdient gemacht haben. In diesem Jahr wird William Christie ausgezeichnet, der Amerikaner in Paris, der Weltbotschafter der französischen Kultur, der wie kein anderer für die Wiederentdeckung der französischen Barockoper steht. Aumann: Es ist ein in zweierlei Hinsicht sensationeller Fund, der Gunar Letzbor da in der prachtvollen Bibliothek des Stiftes St. Florian bei Linz in die Hände geriet: Eine Passion des Komponisten und Augustiner-Chorherren Franz Josef Aumann (17281797)! Denn nicht nur entdeckte Letzbor mit diesem Oratorium de Passione Domini Nostri Jesu Christi ein fantastisch expressives Werk — und so oft finden sich schließlich keine Passionen aus frühklassischer Zeit wieder —, sondern außerdem dürfte es sich dabei auch noch um die einzige katholische Passionskomposition in deutscher Sprache handeln, die wir bislang kennen. Doch noch in anderer Hinsicht ist das etwa 75-minütige Werk außergewöhnlich: Diese Passionsmusik erzählt nicht den Leidensweg Christi, sondern setzt vielmehr nach der erfolgten Kreuzigung Jesu an. Es werden Stimmungsbilder und seelische Betrachtungen gegenübergestellt, die das Unfassbare emotional aufarbeiten. Selbst der Sünder kann sich dieser Trauer nicht entziehen, sein Herz wird weich und er beweint den Tod Jesu Christi. Und das alles in deutscher Sprache — ein echtes Novum in der katholischen Kirchenmusik der Zeit! Die Forschung konnte denn auch in den letzten Jahren nachweisen, dass kürzere deutsche Passionsmusiken sehr oft außerhalb der Stiftsmauern präsentiert wurden. Beispielsweise wurden in Pfarr- oder Filialkirchen während der Fastenzeit an Freitagen Teile der Passionsgeschichte musikalisch beleuchtet und so die Gläubigen mit Hilfe der Landessprache und der Kraft, die in der Musik steckt, emotional an das Leiden und Sterben des Herrn herangeführt. Oft wurden dazu noch große Bilder aufgestellt, in denen die Sänger wie in einem Theater musizierten, so dass mit den Bildern in Malerei, Ton und Sprache eine Art Gesamtkunstwerk entstand. Die große Aumann-Passion aus St. Florian kam dagegen wahrscheinlich am Karfreitag zur Aufführung. Die Musik erinnert an Kompositionen von C.P.E. Bach oder auch Haydns »Sieben letzte Worte des Erlösers am Kreuz«: Gewagte harmonische Wendungen steigern den Ausdruck, eindrückliche Chorsätze und komplexe Fugen zeichnen imposante Stimmungsbilder des ungeheuren Leides Christi und der Gläubigen. Gunar Letzbor und Ars Antiqua Austria haben dieses Stück nach Jahrhunderten der Vergessenheit wiederentdeckt und — im Verein mit einer außergewöhnlichen Sängerriege — möchten sie dem heutigen Publikum beweisen, dass dieses Werk über die letzten 250 Jahre nichts von seiner Attraktivität für Musikliebhaber auf der ganzen Welt verloren hat. Stuttgart: »Ins Paradies« lautet das Motto des Musikfests Stuttgart 2022 vom 18. Juni bis 3. Juli. International renommierte Ensembles und Solist:innen sind der Einladung der Bachakademie Stuttgart gefolgt und gestalten mit führenden Stuttgarter Kulturinstitutionen ein Fest der Musik. In Konzertsälen und Clubs, Kirchen, Museen, Unternehmen und Open Air ist Musik vom Barock bis zur Gegenwart zu erleben. Erwartet werden u.a. Collegium 1704, Voces8 und Concerto Copenhagen sowie Valer Sabadus und Andreas Staier. Ungewöhnliche Bearbeitungen, CrossoverProgramme und innovative Konzertformate stehen neben der profilierten Barock-Reihe »Sichten auf Bach«. www.musikfest.de Mena: Carlos Mena wird ab dem Herbstsemester 2022/23 als Nachfolger von Ulrich Messthaler das Fach “Gesang” an der Schola Cantorum Basiliensis unterrichten. Carlos Mena (geb.1971) stammt aus dem Baskenland. Seine künstlerische Tätigkeit ist durch mehr als 50 CD-Aufnahmen dokumentiert. NACHRICHTEN 10 TOCCATA - 119/2022 Liebhabertheater Schloss Kochberg: Cimarosa: Die Theatralischen Abentheuer Foto: Maik Schuck

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