Toccata 03/2022

Violinkonzerte von Vivaldi, Leclair & Locatelli Es gibt zur Zeit aus allen Generationen viele gute und sehr gute Barockgeiger. Ein Name aber sticht seit kurzem aus der illustren Riege heraus, und zwar der junge französische Violinist Théotime Langlois de Swarte, der zunächst als Kammermusiker in Erscheinung trat mit dem von ihm mitbegründeten Ensemble Le Consort und als Teil des Jupiter Ensembles in Erscheinung. Im November 2020 veröffentlichte Langlois gemeinsam mit dem Lautenisten Thomas Dunford seine erste Solo-CD “The Mad Lover” bei Harmonia Mundi, die ich in TOCCATA als “CD des Monats Januar 2021” ausführlich gewürdigt habe. Nach zwei weiteren Solo-Platten war es nur eine Frage der Zeit, Théotime Langlois de Swarte als Solisten mit Orchester erleben zu dürfen: Soeben hat Harmonia Mundi eine klug zusammen gestellte Auswahl an barocken Violinkonzerten mit Théotime Langlois de Swarte und dem Ensemble Les Ombres heraus gebracht, die sowohl Verbindendes als auch musikalische Unterschiede der bedeutenden Violinvirtuosen Antonio Vivaldi, Pietro Locatelli und Jean-Marie Leclair beleuchtet. Auf seiner Jacob-Stainer-Violine von 1665 nähert sich Théotime Langlois de Swarte mit Aufmerksamkeit, Hingabe und explizit schönem Ton dem jeweils eigenen Charakter der eingespielten Violinkonzerte. Man hört, dass er ein ausgewiesener Kammermusiker ist. Sein Solopart ist harmonisch in den üppig-sinnlichen Orchesterklang von Les Ombres eingebettet und drängt sich nie primadonnenhaft in den Vordergrund. Dort wo es erforderlich ist, wie z.B. bei Locatelli und Vivaldi, zeigt uns Langlois seine Virtuosität und seine behutsame Art, Verzierungen und Kadenzen wie selbstverständlich einzubeziehen. Mit großem Charme trifft er auch den elegant-tänzerischen Charakter der beiden Leclair-Konzerte. Eine ausgesprochen vielseitige und vielversprechende Aufnahme! Wolfgang Reihing Vivaldi, Leclair, Locatelli: Violin Concertos. Théotime Langlois de Swarte, Les Ombres. Harmonia Mundi, HMM 902649. Aufnahme: April, Mai 2021, !& © 2022 (1 CD). Mit Schlafes Bruder durch die Jahrhunderte Es ist immer wieder erleuchtend, wenn heutige Vokalensembles die Rezeption von Gesangstraditionen z.B. des Mittelalters und der Renaissance in Frage stellen, indem sie innovative, manchmal auch spekulative Ansätze der Aufführungspraxis verfolgen. So hat es sich in der Vokalmusik eingebürgert, den Notentext genau so wiederzugeben, wie er geschrieben steht und weder etwas wegzulassen noch hinzuzufügen. Davon sind Instrumentalisten schon früher abgekommen, da die Musikforschung belegen konnte, dass der Notentext der Frühen Musik von den Komponisten oft nur als Ausgangspunkt improvosierter Musik gedacht war; auch dass weltliche und östliche Musik Einfluss auf die Wiedergabe von westlicher Vokalmusik ausübte. Diese Annahme bildet den Ausgangspunkt für die Herangehensweise des 2015 von Simon-Pierre Bestion gegründeten Vokalensembles La Tempête und ist so auch auf ihrer neuen CD "Hypnos" bei Alpha Classics zu erleben. Simon-Pierre Bestion hat hier meist geistliche Kompositionen des 9. bis 20. Jahrhunderts zu einer Requiem-Messe zusammen gestellt, die eine hypnotische und meditative Wirkung erzielen sollen. Hier wird nicht nur auf sehr gelungene Weise eine Brücke zwischen Alter und Neuer Musik geschlagen, sondern auch westliche und östliche Musiktraditionen miteinander verbunden: Byzantinische Gesänge stehen z.B. neben sphärischen Klängen von Giacinto Scelsi und franko-flämische Renaissance-Polyphonie trifft auf die englische Vokaltradition eines John Tavener. Diese rituelle Beschwörung einer imaginären Totenfeier erzeugt in der ebenso eigenwilligen wie überzeugenden Interpretation von La Tempête eine große emotionale Unmittelbarkeit und damit eine tröstlich-meditative Athmosphäre. Gelegentlich wird den Vokalkörper unterstützend ein Zink oder eine moderne Bassklarinette zur Seite gestellt, was mich sofort an das Officium-Projekt des Hilliard Ensembles mit dem Saxophonisten Jan Garbarek erinnert. Eine herausforderndes Requiem-Pasticcio für alle Nicht-Puristen! Wolfgang Reihing Hypnos. La Tempête, Simon-Pierre Bestion. Alpha Classics, 786. Aufnahme: Dezember 2020, !& © 2021 (1 CD). Bachs Cellosuiten im Kontext der Ursprünge des Repertoires Für einen ambitionierten Cellisten wie Josetxu Obregón, ist es nur eine Frage der Zeit, sich auch auf Tonträger Johann Sebastians Bach Suiten für Cello solo zu stellen. Ähnlich wie bei Bachs Sonaten und Partiten für Violine solo bekommt die Auseindersetzung mit den Cellosuiten eindeutig Bekenntnischarakter für den jeweiligen Interpreten. Auch auf die Art der Annäherung kommt es an: Entweder der Interpret entscheidet sich für die Aufnahme aller sechs Suiten oder er stellt sie in einen entsprechenden Kontext. Entweder - wie Jean-Guihen Queyras in Live-Konzerten - werden Bachs Werke mit Kompositionen für Cello solo des 20. und 21. Jahrhunderts kombiniert und gespiegelt, oder man stellt sich - wie Josetxu Obregón auf seiner neuen Glossa-CD - die Stücke in den Kontext der Ursprünge des Repertoires für Solocello. Die Anfänge, in denen sich das Cello vom reinen Continuo-Instrument zum innovativen Soloinstrument mauserte, finden sich im Bologna des Jahres 1687, welches mit seinen zwei bedeutenden Orchestern Capella Musicale und Accademia Filarmonica entscheidend zur Entwicklung der Violine und des Violoncello beitrugen. Obregón setzt mit je einem Tanzsatz aus den sechs Suiten Bachs einen markanten Eckpfeiler im Repertoire seiner neuen Einspielung und präsentiert dazwischen die ersten spezifischen Werke für unbegleitetes Solocello, überwiegend von Komponisten der sogenannten Bologneser Schule. Neben Werken von Domenico Gabrielli finden sich artifizielle Stücke von Giovanni Battista Vitali, Domenico Galli, Giulio de Ruvo, Giuseppe Maria Dall’ Abaco und anderen. Daraus ergibt sich ein interessanter und aufschlussreicher Stilvergleich, der die Grundlagen zu Bachs Kompositionen erfahrbahr macht. Josetxu Obregón musiziert diese Preziosen der Cello-Literatur auf seinem Originalcello von Sebastian Klotz aus dem Jahr 1740 und einem 5-saitigen Piccolo-Violoncello anmutig und kraftvoll. Souverän und mit innerer Ruhe lauscht er den musikalischen Verbindungen der Stücke nach und erzeugt damit eine fast meditative Grundstimmung. Wolfgang Reihing CelloEvolution - From Bologna to Cöthen. Josetxu Obregón. Glossa, GCD 923109. Aufnahme: November 2020, !& © 2022 (1 CD). Unbekannte Meister der Spanischen Renaissance Seit der Gründung des spanischen Vokalensembles Amystis durch dessen Leiter José Duce Chenoll im Jahre 2010, war es das große Anliegen des Ensembles, weniger bekannte geistliche und weltliche Meisterwerke aus dem “Goldenen Zeitalter” Spaniens im 16. Jahrhundert zu erforschen und auf Tonträger zu bannen. Wie die bisherigen - bei Brilliant Classics veröffentlichten - Aufnahmen mit Werken von Juan Cabanilles und Juan Bautista Comes belegen, gibt es jenseits der großen und bekannten Namen der Spanischen Renaissance, großartige Komponisten und Werke zu entdecken, die nicht in den allgemeinen Kanon Eingang gefunden haben. Auf der aktuellen und vierten Brilliant-CD bilden die Kompnisten Bernardino de Ribera (ca.1520 - ca.1580) und Juan Navarro (ca.1530-1580) das Zentrum der Aufnahme. Beide wirkten nacheinander als Kapellmeister an der damals sehr bedeutenden Kathedrale von Avila und waren dort in dieser Funktion auch Lehrmeister künftiger Meister. Auch der berühmte Tomas Luis de Victoria gehörte zu den gelehrigen Schülern von Ribera und Navarro und als wissbegieriger Singknabe des dortigen Chores erwarb er sich rasch seine tiefgreifenden Kenntnisse über Polyphonie, Gesang, Kontrapunkt und Orgelspiel. Sinnlich erfahrbar wird dies gleich zu Beginn der Aufnahme mit drei reizvollen Motetten von Ribera, gefolgt von sechs ausdrucksstarken Vokalwerken von Navarro (fünf davon als WeltersteienTOCCATA - 119/2022 CD-TIPPS 18

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