Toccata 03/2022

spielungen) sowie einem wunderschönen Magnificat und Sanctorum meritis von Sebastián de Vivanco (ca.1551-1622). Den Abschluß der CD bildet das herrliche acht-stimmige Salve Regina von Tomas Luis de Victoria (ca.1548-1611). Das Vokalensembles Amystis ist der ideale Interpret für diese Musik und erreicht durch die solistische Besetzung des Chores einen sehr natürlichen, transparenten und warmen Klang. Die Spiritualität der geistlichen Vokalwerke wird hier auf besondere Weise erlebbar. Die erfahrenen Musiker der Ministriles de la Reyna geben mit ihrenm klassischen Renaissance-Instrumentarium den Werken einen würdigen, festlichen Rahmen. Wolfgang Reihing Masters of the Spanish Renaissance: De Ribera & Navarro. Amystis, Ministriles de la Reyna, José Duce Chenoll. Brilliant Classics, GCD 96409. Aufnahme: September 2021, !& © 2022 (1 CD). Händel: Cembalosuiten und Ouvertüren Der im italienischen Arezzo geborene Cembalist und Organist Francesco Corti ist ein umtriebiger und leidenschaftlicher Musiker, der in Perugia, Genf und Amsterdam studiert hat und als Preisträger beim Internationalen Johann-Sebastian-Bach-Wettbewerb in Leipzig 2006 und beim Cembalowettbewerb in Brügge 2007 für Aufsehen sorgte. Er ist u.a. Mitglied von Les Musiciens du Louvre, Les Talens Lyriques und Le Concert des Nations und tritt auch oft als Solist und als Dirigent in Erscheinung, z.B. als Erster Gastdirigent von Il Pomo d'Oro. Noch ist Cortis Gesamtaufnahme der Bach'schen Cembalokonzerte beim Label Pentatone in bester Erinnerung und schon folgt bei Arcana ein weiteres “Opus Magnum”: Alle acht Cembalosuiten von Georg Friedrich Händel, die er 1720 in London im Selbstverlag veröffentlichte. Sein Ruf als begnadeter Cembalovirtuose hatte sich da bereits gefestigt und bereitete seinem künstlerischen Werdegang in England den Weg. In seiner neuen Aufnahme schlüpft nun Francesco Corti buchstäblich in die Rolle des phantasiebegabten jungen Händel, indem er die stilistische Vielfalt dieser Meisterwerke sehr lebendig zum Ausdruck bringt. Mit viel Fabulierlust verband Händel französische, italienische und deutsche Elemente miteinander und schielte nach einem fast orchestralen Klang. Auch ins Ohr springende Einflüsse aus Oper- und Vokalmusik werden von Conti lustvoll zu Gehhör gebracht. Contis programmatische Einbeziehung einiger zeitgenössischer Cembalobearbeitungen ausgewählter Ouvertüren und Arien Händels - z.B. aus Rodelinda, Rinaldo und Teseo - verstärkt diesen Bezug noch. Mit seinem klangvollen Instrument, einem Nachbau eines historischen Cembalos von Christian Vater 1738, gelingt es Corti, alle technischen Anforderungen der komplexen Stücke vergessen zu machen. Conti gestaltet souverän und mit großer Verzierungslust und die titelgebenden “Winged Hands” werden hier Ereignis! Wolfgang Reihing George Frideric Handel: Winged Hands - The Eight Great Suites & Ouvertures. Francesco Corti. Arcana, A 499. Aufnahme: Februar 2021, !& © 2022 (2 CD). Französische Charakter-Portraits Die polnische Geigerin Martyna Pastuszka ist die Hauptprotagonistin der neuen CD “Portraits les Caractères Français” beim Label DUX mit Triosonaten des französischen Barock. Seit vielen Jahren gilt sie als eine der inspirierendsten Musikerinnen ihrer Generation und tritt als Solistin, Konzertmeisterin, Kammermusikerin und Orchesterleiterin europaweit auf. 2012 gründete sie gemeinsam mit anderen leidenschaftlichen Musikern das Originalklangensemble Orkiestra Historyczna, welches in unterschiedlicher Besetzungsstärke arbeitet und auch bei szenischen Produktionen mitwirkte, z.B. bei den Händel-Festspielen in Halle und beim Bayreuth Baroque Festival. Als Konzertmeisterin hat sie wesentlichen Anteil an der europaweiten Wertschätzung dieses Spitzenensembles. Zur Trio-Besetzung des Orkiestra Historyczna, die wir in der vorliegenden Aufnahme hören, musizieren neben Martyna Pastuszka der Gambist Krzysztof Firlus und die Cembalistin und Organistin Anna Firlus. Wir erleben hier ein extrem gut aufeinander eingespieltes Team, welches sich die (musikalischen) Bälle nur so zuspielt. Sie haben sich ein gut durchdachtes Programm zusammen gestellt, das von zwei originell konstruierten Sonaten von JeanFery Rebel (1666- 1747) eingerahmt wird. Jeweils zwei Sonaten von Antoine Forqueray (1672-1745) und Louis-Antoine Dornel (1680-1757) umschließen das sich im Zentrum befindliche Troisième Concert Royal des berühmten François Couperin (1668-1733). In allen eingespielten “Charakterstücken” finden sich stilistische Einflüsse italienischer Barockmusik, die zur Zeit König Ludwig XIV. en vogue war. Das {Oh!} Trio wirft sich mit virtuoser Expressivität auf diese Perlen der französischen Kammermusik. Mit unbändiger Lust und Fabulierfreude arbeiten sie die stilistischen Feinheiten eines jeden Werkes sorgsam heraus. Martyna Pastuszka kostet ihre solistische Rolle zwar genüsslich aus, aber nicht auf Kosten ihrer hochkarätigen Kammermusikpartner. Die drei Musiker finden stets eine ausgewogene Balance zwischen ihren Instrumenten und führen einen anregenden musikalischen Dialog. Eine elektrisierende und kurzweilige Aufnahme! Wolfgang Reihing Portraits les Caractères Français. {Oh!} Trio: Martyna Pastuszka, Krzysztof Firlus, Anna Firlus. Dux, 1747. Aufnahme: Juli 2018, !& © 2022 (2 CD). Auf neuen Wegen zu Der Dirigent und Pianist Hans von Bülow (1830 – 1894) bezeichnete die 32 Klaviersonaten Ludwig van Beethovens einst als „das Neue Testament“ der Klavierliteratur. In ihrer Monumentalität sind sie einzigartig und kein Konzertpianist kommt daran vorbei, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. So erscheinen auch immer wieder neue CD-Einspielungen auf dem Klassik-Markt. Als Rezensent fragt man sich dabei, welchen Ansatz der Pianist gewählt hat und wie er unter Umständen eine neue Sichtweise aufzeigen kann. Von daher ist meine Neugierde nicht verwunderlich, als ich die Aufnahmen der Sonaten Nr. 8 – 18 von Tobias Koch, erschienen auf 3 CDs, in den Händen hielt. Tobias Koch schätze ich seit vielen Jahren, da jede seiner Einspielungen hervorragend ist und für Überraschungen sorgt. Kaum jemand setzt sich intensiver mit dem Notenmaterial auseinander und versucht, Althergebrachtes zu überdenken und neue Wege zu gehen. Richtschnur ist für ihn dabei Carl Philipp Emanuel Bachs „Versuch über die wahre Art Clavier zu spielen“. Auch Beethoven sah den Bachsohn bereits als „Leitfaden“ an, so Koch. Man spürt, dass sich der Fortpiano-Spezialist förmlich in den Notentext gekniet hat. Er selbst sagt dazu im Textheft, er habe „jede Phrase, jede Figuration und jede melodisch-harmonische Wendung dieser elf Sonaten erneut auf den Prüfstand gestellt, um eine eigene musikalische Zukunft zu entwerfen“. Und dies ist ihm nachhaltig gelungen. Mit Hilfe dreier wunderbaren Wiener Instrumente aus der Klaviersammlung des Schlosses Bad Krozingen (Sonaten Nr. 8 – 11 Johann Gottlieb Fichtl, 1803, Sonaten Nr. 12 – 15 Nanette Streicher, 1816, Sonaten Nr. 16 – 18 Michael Rosenberger, 1810) nimmt uns Koch mit auf eine Entdeckungsreise in eine Zeit, als es kein romantisierendes BeethovenSpiel gab. Beethoven wird heute leider vielfach geglättet. Bei Koch ist davon nichts zu vernehmen. Ich lauschte seinem Spiel mit offenen Ohren und konnte gar nicht genug bekommen von dem Klangzauber, den er verbreitet. So gut man die Beethovenschen Sonaten auch zu kennen vermag: Ich verspreche Ihnen, dass Sie sie in dieser Weise noch nicht gehört haben. Denken kann ich mir, dass Hörer, die den Mainstream gewohnt sind, nicht nur irritiert, sondern erschreckt sind, wenn beispielsweise der erste Satz Mondscheinsonate doppelt so schnell gespielt als gewohnt erklingt (alla breve!) und dabei – wie von Beethoven gewünscht – durchgehend die Dämpfung aufgehoben wird, deren 3. Satz wie ein Sturm daher gefegt kommt, oder wenn uns der 2. Satz der „Sturm“-Sonate mit klangmalerischem Charme begegnet. Aber das ist, wie gesagt, alles bestens durchdacht. Es liegt an uns, Koch auf den neuen Wegen, die er uns offeriert, zu begleiten und seine Gefährten zu werden. Ich bin nachdrücklich begeistert von den meisterhaften drei CDs, die einen grandiosen Hörgenuss bieten. Kein Pianist wird sie ignorieren und hinter sie zurückgehen können. Ich meine, sie sind der Maßstab für künftige Einspielungen. Günter Kohl Ludwig van Beethoven. In search of new paths. Piano Sonatas. Tobias Koch, fortepiano. CAvi 8553391. Aufnahme: 2014-2017, !& © 2021 (3 CD). 19 TOCCATA - 119/2022 CD-TIPPS

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