Toccata 03/2022

Händel: Almira. Emöke Barath, Amanda Forsythe, Teresa Wakim (Sopran), Colin Balzer, Jan Kobow, Zachary Wilder (Tenor), Jesse Blumberg, Christian Immler (Bariton), Boston Early Music Festival Orchestra, Paul O'Dette, Stephen Stubbs CPO - 555 205-2 (4 CDs) (2018; 4.02') Graupner: Antiochus und Stratonica. Hana Blaziková, Karlina Hogrefe, Sunhae Im, Kim Kavanagh, Sherezade Panthaki (Sopran), Jan Kobow, Aaron Sheehan (Tenor), Jesse Blumberg, Christian Immler (Bariton), Harry van der Kamp (Bass), Capella Ansgarii, Boston Early Music Festival Orchestra, Paul O'Dette, Stephen Stubbs CPO - 555 369-2 (3 CDs) (2020; 3.45') Telemann: Miriways. Anett Fritsch, Robin Johannsen, Sophie Karthäuser, Lydia Teuscher (Sopran), Marie-Claude Chappuis (Mezzosopran), Paul McNamara (Tenor), Dominik Köninger, André Morsch, Michael Nagy (Bariton), Akademie für Alte Musik Berlin, Bernard Labadie Pentatone - PTC 5186 842 (2 CDs) (2017; 2.35') CH Graun: Polydorus. Hanna Zumsande, Santa Karnite (Sopran), Alon Harari (Altus), Mirko Ludwig (Tenor), Ralf Grobe, Andreas Heynemeyer, Fabian Kuhnen (Bass), barockwerk hamburg, Ira Hochman CPO - 555 266-2 (2 CDs) (2018, 1.56') GA Benda: Medea. Katharina Thalbach (Sprecherin), Cappella Aquileia, Marcus Bosch Coviello Classics - COV 92014 (2018; 45') Die Barockopernszene wird heutzutage fast ganz von italienischen und französischen Opern beherrscht. Im Vergleich gibt es ganz wenige Aufführungen und Aufnahmen deutscher Opern. Dass lässt sich zum Teil daraus erklären, dass der grösste Teil des Repertoires, das an den beiden öffentlichen Opern - Leipzig und Hamburg - entstanden ist, entweder ganz verschollen oder nur fragmentarisch erhalten geblieben ist. Es ist bezeichnend, dass von den vier Opern, die Händel für die Hamburger Oper am Gänsemarkt komponiert hat - vor seiner Italienreise - nur eine vollständig zu uns gekommen ist (obwohl auch dieses Werk nur nach einigen Reparationsarbeiten aufführbar ist). Soviel ich weiss ist diese Oper, mit dem Titel Almira, nur einmal auf CD aufgenommen worden. Diese Aufnahme, unter der Leitung von Andrew Lawrence-King, erschien 1996 ebenfalls bei CPO. Vor einigen Jahren erschien eine Neuaufnahme, nachdem sie beim Alte-Musikfestival zu Boston in inszenierter Form aufgeführt wurde. Das Textheft enthält einige Bilder dieser Aufführung. Almira hat einige typische Merkmale der damaligen Hamburger Oper. Sie ist sprachlich gemischt: die Rezitative sind alle auf deutsch, und die Arien sind entweder auf deutsch oder auf italienisch. In anderen Hamburger Opern - beispielsweise von Telemann - gibt es auch mal Arien auf französisch. Die fehlen hier, aber der französische Einfluss macht sich bemerkbar in den Balletteinlagen. Die Arien sind meistens relativ kurz, aber vor allem Almira hat einige längere Arien zu singen, deren Charakter schon in die Zukunft weist. Auch sonst gibt es hier einiges, das wir später in Werken von Händel begegnen: dann und wann hört man Melodien oder Motive, die er später wiederverwendet hat. Almira ist noch nicht, was später als 'opera seria' bekannt war: im Verlaufe des 18. Jahrhunderts wurden komische Elemente, die im 17. Jahrhundert oft Teil einer Oper waren, daraus entfernt; diese fanden dann im Intermezzo einen Platz. Hier gibt es aber durchaus humoristische Elemente, verkörpert von Tabarco, dem Diener des Fernando, der am Ende der Oper Almira heiratet und neben ihr den Thron besteigt. Obwohl es an Konflikten nicht mangelt, sind sie weniger überspitzt. Wenn Tabarco Fernando die Botschaft überbringt, dass Almira seinen Tod beschlossen hat, und dieser sagt: "Wie, soll Fernando sterben?", reagiert Tabarco: "Ja freylich. Herr, wo lieget Euer Geld? Ich wollte gern nach Eurem Abschied erben". Dieser kurze Dialog hat einen entspannenden Effekt. Der Charakter des Werkes ist gut getroffen. Ich muss hier Jan Kobow mit Ehren nennen, da er die Partie des Tabarco mitreissend und mit viel Humor darstellt, ohne ihn dabei zur Karikatur werden zu lassen. Emöke Baráth ist überzeugend als Almira, nicht nur in den gefühlvollen Arien, sondern auch in einigen heftigen Wutausbrüchen. Colin Balzer sorgt für eine differenzierte Darstellung der Rolle des Fernando. Eine zentrale Rolle spielt auch Consalvo, der später Fernando als seinen verloren geglaubten Sohn wiedererkennt. Christian Immler verkörpert ihn mit der richtigen Würde und Autorität. Die anderen Rollen sind ebenfalls gut besetzt. Aus stilistischer Sicht gibt es schon einige diskutabele Leistungen, und das betrifft vor allem Emöke Baráth und Zachary Wilder. Dagegen machen vor allem Jan Kobow, Jesse Blumberg und Christian Immler einen guten Eindruck. Was ich noch nicht erwähnt habe, ist die Rolle des Orchesters, das mit Blockflöten, Oboen, Fagotten und Trompeten farbig besetzt ist. Das hört man ganz klar in den Tanzeinlagen, aber auch in Arien gibt es schöne Obligatpartien. Die Basso-Continuo-Gruppe ist eine echte Stütze, und mit ihrer rhythmischen Präzision treibt sie die Sänger so richtig voran. Es handelt sich hier um eine Studioproduktion; trotzdem gibt es einige Klangeffekte (wie das Klopfen am Tür), die durchaus sinnvoll sind und helfen, das Geschehen dem Hörer näherzubringen. Auch die Interaktion der Darsteller ist optimal. Fazit: wir haben es hier mit einer generell gut gelungenen und unterhaltsamen Aufnahme zu tun. Dass Händel schon vor seiner Italienreise eine besondere Begabung für die Oper hatte, kommt hier ganz klar zum Ausdruck. Christoph Graupner liegt gut im Rennen heutzutage. Jedes Jahr erscheinen CD-Aufnahmen seiner Musik und auch in Konzertprogrammen und Rundfunksendungen taucht sein Name oft auf. Es sind immer Instrumentalwerke und geistliche Kantaten, die zur Ausführung kommen. Dabei könnte fast übersehen werden, dass er seine Karriere als Opernkomponist anfing, und dass er von 1707 bis 1709 fünf Opern für die Oper am Gänsemarkt in Hamburg komponierte. Es war auch sein Wirken als Opernkomponist, das Ernst-Ludwig von Hessen-Darmstadt veranlasste, ihn als Kapellmeister an seinen Hof zu holen. Er sollte für sie Oper zuständig sein, aber bald musste sein Brotherr einsehen, dass er sich Opernaufführungen finanziell nicht leisten konnte. Und so blieb Graupner nur die Komposition von Instrumentalwerken und von Kantaten für die Sonn- und Festtage. Das hat in ein umfangreiches und qualitativ hochklassiges Repertoire gemündet, dem heute mit Recht viel Aufmerksamkeit zuteil wird. Paul O'Dette und Stephen Stubbs haben beim Alte-Musikfestival zu Boston schon mehrere dramatische Werke ausgegraben, die dann später bei CPO in einer Studioaufnahme erschienen. Darunter zählen auch mehrere Werke, die in Hamburg entstanden sind. Soeben habe ich die Aufnahme von Händels Almira besprochen, und jetzt ist eine der zwei erhalten gebliebenen Opern von Graupner an der Reihe. Antiochus und Stratonica stehen für eine der zwei Liebesgeschichten dieser Oper. Antiochus (Christian Immler) ist der Sohn des Seleucus (Harry van der Kamp) und hat sich unsterblich in seine Stiefmutter Stratonica (Hana Blazíková) verliebt, bis er fast buchstäblich stirbt. Daneben gibt es Demetrius, den königlichen Schatzmeister (Aaron Sheehan), der mit Ellenia (Sherezade Panthaki) verheiratet ist, aber von der persischen Zauberin Mirtenia (Sunhae Im) umworben und von ihr in ihren Bann geschlagen wird. Und wie in Händels Almira gibt es auch hier einen Narren: Negrodorus (Jan Kobow) ist immer dabei, die Ereignisse mit seinen Kommentaren zu begleiten. Eine Besonderheit ist, dass er sich an einigen Stellen direkt ans Publikum wendet, was damals unüblich war. Er verkündet sogar, dass ohne einen Charakter wie den seinen, eine Oper gar nicht aufgeführt werden könnte. Wer die Instrumentalmusik von Graupner kennt, weiss, dass er ein Klangzauberer war, der gerne mal unübliche Instrumente und unkonventionelle Kombinationen von Instrumenten einsetzte. Das ist auch hier der Fall. Dass er der Viola mehrmals eine Obligatrolle einräumt und in einer Arie drei Blockflöten neben pizzicato spielenden Streichern einsetzt, ist dann noch kaum eine Überraschung. Wer seine Kantaten kennt, weiss, dass er sehr gut für die Stimme komponierte, und das hört man hier von Anfang bis Ende. Dass er aber auch in dramatischem Sinne zu überzeugen vermag, kommt hier klar zum Ausdruck, und damit waren wir nicht vertraut, denn seine zwei erhalten gebliebenen Opern wurden bis dato noch nie aufgeführt und aufgenommen. Die Aufführung und Aufnahme von L'amore ammalato, Die kränkende Liebe, oder Antiochus und Stratonica, wie der vollständige Titel lautet, ist ein reines Vergnügen. Die Geschichte ist, wie schon erwähnt, relativ übersichtlich, wenn man sie mit anderen Librettos vergleicht. Schon der Mangel an Verkleidungen und sonstigen Wechselspielen, hilft, das Ganze zu verfolgen. Ausserdem sind die zwei Handlungsstränge weitgehend getrennt. Erst gegen Ende kommen sie zusammen; der Ablauf ist übrigens ziemlich unglaubwürdig, aber darum scheint man sich damals nicht geschert zu haben. Alle Rollen sind sehr gut besetzt. Vielleicht hätte ich für Antiochus (Christian Immler) und Demetrius (Aaron Sheehan) etwas weniger kräftige Stimmen bevorzugt, denn im Grunde genommen sind es Waschlappen. Sei's drum, die beiden Herren haben sich perfekt in ihre jeweiligen Charaktere eingelebt. Sunhae Im porträtiert die Hinterlistigkeit der Mirtenia sehr überzeugend, und Sherezade Panthaki ist ihre perfekte Gegenspielerin, in allem ihr Gegenteil. Harry van der Kamp ist ein menschlicher König, und Hana Blazíková verkörpert die etwas schwankenden Gefühle für Antiochus gut. Jan Kobow ist, wie in Händel, der perfekte Narr; diese Rolle scheint ihm zu liegen. Auch in stilistischer Hinsicht gibt es hier kaum etwas zu kritisieren. Und das Orchester spielt farbenreich und differenziert. In dieser Oper gibt es mehrere Tänze, die aber in der Partitur fehlen; sie wurden vielleicht später, kurz vor TOCCATA - 119/2022 CD-UMSCHAU 20

RkJQdWJsaXNoZXIy OTM2NTI=