Toccata 03/2022

der Aufführung, eingeschoben. Hier hat man Sätze aus Graupners Ouvertüren ausgewählt, und das wirkt sich sehr gut aus. Nur ein kleiner Kritikpunkt sollte erwähnt werden: in der Partitur gibt es oft Sätze zwischen Klammern; das sind dann Worte, die ein Charakter mehr oder weniger in sich selbst spricht, und die von den anderen nicht gehört werden sollten. Diese sind meistens etwas zu laut, und damit geht der Unterschied etwas verloren. Das ist aber eine Kleinigkeit, die weiter nicht stört. Wenn man bedenkt, dass es sich hier um eine Studioproduktion handelt, kommt der Dialog zwischen den Protagonisten überraschend gut zum Tragen. Man wird verstehen: hier haben wir es mit einer Spitzenproduktion zu tun, dank Graupner und dank der Interpreten. Diese Oper macht es umso schwerer zu verschmerzen, dass drei andere Werke verloren gegangen sind. Die meisten Opern der Barockzeit basieren auf Stoffen aus der antiken Geschichte oder Mythologie, und in letzteren haben auch die Götter ein Wörtchen mitzureden. Telemanns Oper Miriways, die am 26.5.1728 in Hamburg uraufgeführt wurde und zwei Jahre später nochmals erklang, stellt eine Ausnahme dar. Die Ereignisse - teilweise historisch, teilweise frei erfunden - finden im Jahre 1722 in Persien statt. 1723 erschien eine Biographie von Mir Wais, einem afghanischen Fürsten, und diese Ausgabe regte Johann Samuel Müller dazu an, ein Libretto zu schreiben, das diese Person zum Thema hat. Er nahm sich die Freiheit, die Eroberung des persischen Throns durch Mir Wais's Sohn auf den Konto des Vaters zu schreiben. Sachlich unterscheidet sich Müllers Libretto nicht grundsätzlich von den damals üblichen, denn auch hier dreht sich alles um den Konflikt zwischen Liebe und Macht, um eine verheimlichte Identität, und um Loyalität und Betrug. Telemanns Vertonung dieses Librettos ist dann eher untypisch, denn die Mischung aus verschiedenen Sprachen, die soeben als ein Merkmal Hamburger Opern erwähnt wurde, fehlt hier: sowohl Rezitative als Arien werden auf deutsch gesungen. Damit entsteht ein grösserer Zusammenhang und ein natürlicherer Übergang von Rezitativ zu Arie als in mehrsprachigen Opern. Das Orchester ist farbenreich: darin finden sich auch Flöten, Oboen, Fagott und Hörner. Letztere werden oft benutzt, um dem Werk ein gewisses Mass an Exotik zu verleihen. In seiner Programmerläuterung weist Rashid-S. Pegah darauf hin, dass ansonsten Telemann die exotischen Elemente vor allem der ihm bekannten Volksmusik entnommen hat. Die Klänge, die man in späteren 'orientalischen' Opern findet, fehlen hier. Diese Oper enthält viele schöne Arien, und viele enthalten eine Obligatpartie für eine oder mehrere Instrumente. Bei der beim Label Pentatone erschienene Darbietung unter der Leitung von Bernard Labadie handelt es sich um den Mitschnitt einer konzertanten Aufführung am 24.11.2017 in der Hamburger Laeiszhalle. Die Anwesenden haben sich vorbildlich benommen (obwohl auch die Technik vielleicht einige Geräusche ausradiert hat). Nur am Ende jedes Aufzugs gibt es Beifall; lediglich die Arie des betrunkenen Scandor im dritten Akt wird mit Beifall belohnt. Aus dramatischer Sicht ist diese Aufführung generell gut gelungen. André Morsch, in der Rolle des Miriways, ist am Anfang etwas matt, und kommt erst im zweiten Akt richtig in Fahrt. Marie-Claude Chappuis als seine Gattin Samischa bleibt etwas blass. In den wichtigsten Nebenrollen können Robin Johannsen (Sophi), Lydia Teuscher (Nisibis) und Michael Nagy (Murzah) voll überzeugen. Stilistisch ist diese Darbietung weniger gelungen; in dieser Hinsicht schneiden Lydia Teuscher und Michael Nagy am Besten ab. Das Orchester ist, wie man es erwarten könnte, sehr gut. Akustisch ist diese Aufnahme nicht ideal; dann und wann fand ich der Klang etwas flach. Die Produktion lässt auch einiges zu wünschen übrig. Zwar gibt es eine Programmerläuterung, die das Werk in seinen historischen und stilistischen Zusammenhang stellt, aber es fehlt eine Zusammenfassung des Inhalts. Es gibt im Libretto auch einige Modernisierungen: man liest, beispielsweise, "für dich", und hört "vor dir". An einigen Stellen wurden Teile der Rezitative weggelassen; das wird aber nicht erwähnt, und im Libretto werden sie nicht markiert; dadurch könnte man leicht den Faden verlieren. Soviel ich weiss ist diese Aufnahme die zweite dieser Oper. Vor zehn Jahren erschien bei CPO eine Aufnahme unter der Leitung von Michi Gaigg. Ich habe sie nicht verglichen, aber wenn ich meine Eindrücke von damals lese, muss ich zum Schluss kommen, dass jene zu bevorzugen ist, vor allem da sie stilistisch konsequenter und überzeugender ist. Im Jahre 2018 veröffentlichte CPO eine Aufnahme von Ausschnitten aus der Oper 'Die getreue Alceste' von Georg Caspar Schürmann, der am Hofe von Braunschweig-Wolfenbüttel wirkte. Es war ein logischer Schritt, sich dann Carl Heinrich Graun zuzuwenden. Den kennen wir fast ausschliesslich als Mitglied der Kapelle Friedrichs des Grossen, wo er vor allem für die Komposition von Opern zuständig war. Die Bühnenwerke, die er dort komponierte, sind alle Vertonungen italienischer Librettos. Heutzutage werden sie selten aufgeführt; höchstens werden Arien in Sammelprogramme einbezogen. Seine Kompositionen vor dieser Zeit werden ganz ignoriert, und dazu zählen auch einige deutschsprachige Opern, darunter Polydorus. 1724 wurde Graun als Tenor am Hofe zu Wolfenbüttel angestellt. Neben seinen Aufgaben als Sänger, komponierte er auch, u.a. Serenaten, Kantaten sowie Passions- und Begräbnismusik. Der Hof verfügte über ein eigenes Theater, das auch für das Publikum zugänglich war, und daraus erklärt sich, dass auf jeden Fall für die Rezitative deutsche Texte benutzt wurden. Die Arien konnten auch mal französische oder italienische Texte haben, aber Polydorus, uraufgeführt 1727 und dann wieder 1731, ist ganz auf deutsch. Die Geschichte ist zu kompliziert um hier nachzuerzählen; das Textbuch enthält eine Zusammenfassung. Wenn man diese Aufnahme hört, ist es nicht ganz einfach, die Geschichte zu verfolgen, und aus dramatischer Sicht ist sie nicht ganz gelungen. Das liegt in erster Linie daran, dass Polydorus hier nicht in voller Länge aufgeführt wird. Im Textheft ist von einer "dramaturgisch gestrafften" Aufnahme die Rede. Das bedeutet, dass ganze Szenen gestrichen sind und viele Rezitative verkürzt wurden. Das ist vielleicht auch der Grund, dass das Ganze etwas statisch wirkt; die Aufführung hat nicht viel Schwung, auch da es meistens zu lange Pausen zwischen den Abschnitten und auch zwischen den Rezitativen und Arien gibt. Musikalisch ist dieses Werk aber sehr wertvoll: es enthält viele schöne und oft virtuose Arien. Einige Höhepunkte sind die Arie 'Tyrann, du suchest Liebe' (Andromache; Akt 2), mit einer Obligatpartie für Violoncello, 'Ruhe sanft, du edle Seele' (Polidorus, Akt 4) mit zwei Hörnern, und das Arioso von Andromache im gleichen Akt, 'Komm denn, du angenehmer Tod', mit einem Obligatpart für Violine. Während diese Aufnahme aus dramatischer Sicht einiges zu wünschen übrig lässt, kann sie stilistisch fast restlos überzeugen. Hanna Zumsande, Santa Karnite, Mirko Ludwig und Fabian Kuhnen sind alle exzellent in ihren Beiträgen. Mit den oft hohen Anforderungen ihrer jeweiligen Partie, beispielsweise im Bereich der Tessitur, haben sie keine Probleme. Ich hätte mir nur gewünscht, dass die beiden Damen die höchsten Noten nicht immer in voller Wucht singen würden. Alon Harari singt die Titelrolle, und das macht er generell gut, aber dann und wann mit etwas zuviel Vibrato. Das Orchester spielt sehr schön, und die Obligatpartien werden eindrucksvoll dargestellt. Ira Hochman ist wieder eine interessante Ausgrabung gelungen. Es bleibt aber bedauerlich, dass - aus welchem Grund auch immer - diese Oper von Graun nicht in voller Länge dargeboten wird. Das Werk hätte mehr verdient. Dass Christoph Willbald Gluck sich um eine Reform der Oper bemühte, und eine 'natürlichere' Form von Musiktheater anstrebte, ist allgemein bekannt. Das hat auch in eine andere Form von Oper gemündet; sein Orfeo ed Euridice ist eine der Früchte dieser Reform. In den 1770'er Jahren erschien eine ganz neue Form am Horizont: das Melodram. Darin wird nicht gesungen, sondern nur gesprochen. Es gibt keine Arien, die die Handlung zum Stillstand bringen. Das Orchester reagiert direkt auf die Ausführungen der Charaktere, bereitet sie vor, malt sie musikalisch aus oder kommentiert sie, oft mit kurzen Einwürfen eines Akkords oder mit längeren Phrasen, und der Interpret einer Rolle spricht auch mal in das Orchesterspiel hinein. Mozart war von dieser Gattung begeistert, und charakterisierte sie als ein langes begleitetes Rezitativ. Er war vor allem beeindruckt von den Melodramen von Georg Anton Benda. Zwei solche Werke hat er hinterlassen: Medea und Ariadne auf Naxos. Die erste gibt es in zwei Fassungen: Marcus Bosch hat mit dem Ensemble Cappella Aquileia und der Schauspielerin Katharina Thalbach als Ersteinspielung die zweite, die von Benda bevorzugt wurde, aufgenommen. Es gibt in diesem Melodram mehrere Rollen: zwar spielt Medea die Hauptrolle, aber im vierten und fünften Auftritt treten dazu noch die Hofmeisterin und Medeas Kinder, und im siebten und achten Auftritt auch noch Jason. Alle Rollen werden von Katharina Thalbach gesprochen. Im Textheft wird leider nicht erwähnt, ob das den Absichten Bendas entspricht. Im Katalog gibt es eine andere Aufnahme mit ebenfalls nur einer Sprecherin, aber auch eine mit verschiedenen Sprechern. Opernliebhaber kennen die Geschichte der Medea. Hier gibt es wenig Handlung, abgesehen davon, dass Medea ihre Kinder umbringt. Wir hören hier vor allem, wie Medea ihre Gefühle äussert. Gegen den Vorteil einer direkten Verbindung zwischen Musik und Text steht der Nachteil, dass hier fast nur Medea ihren Wahnsinn freien Lauf lässt, und ihr ständiges Mordsgeschrei ist schon eine Zumutung. 21 TOCCATA - 119/2022 CD-UMSCHAU

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