Toccata 03/2022

Wie man damals diese Rolle dargestellt hat, ist wohl kaum zu rekonstruieren. Frau Thalbach hat sich schon gut in den Charakter der Medea eingelebt, aber für meine Begriffe ist dies doch des Guten zuviel. Das mögen andere ganz anders erfahren. Das Orchester spielt seine Rolle sehr überzeugend. Es spielt, soviel ich habe feststellen können, auf modernen Instrumenten, aber im Stil der historischen Aufführungspraxis. Freunde des Musiktheaters werden diese Produktion nicht missen wollen, schon wegen der zweiten Fassung, die hier zum Klingen kommt. Johan van Veen Young: Englishman in Tyrol. Juliane Laake (Viola da gamba), Ensemble Art d'Echo Querstand - VKJK 2003 (2020; 64') Triumvirat. Ensemble Art d'Echo, Juliane Laake Querstand - VKJK 1815 (2018; 65') Harmonice Mundi. Viktor Töpelmann (Viola da gamba), Daniela Niedhammer (Orgel) Carpe Diem - CD-16326 (2020; 72') CF Abel: Sonatas from the Maltzan Collection. Krzystof Firlus (Viola da gamba), Tomas Pokrzywinski (Violoncello), Anna Firlus (Cembalo) DUX - 1564 (2018; 61') CF Abel: A Sentimental Journey - Sonaten für Viola da gamba und Bass. Paolo Pandolfo (Viola da gamba), Amélie Chemin (Viola da gamba, Violoncello), Thomas Boysen (Laute), Andrea Buccarella (Cembalo, Fortepiano) Glossa - GCD 920418 (2020; 78') Die Viola da gamba des 19. Jahrhunderts. Thomas Fritzsch (Viola da gamba), Michael Schönheit (Fortepiano, Orgel), Merseburger Hofmusik Coviello Classics - COV92001 (2019; 78') Musik für Viola da gamba solo wird heutzutage in erster Linie mit Frankreich in Verbindung gebracht. Dabei fallen einem dann direkt die Namen von Sieur de Sainte Colombe, Marin Marais und Antoine Forqueray ein. Zu oft wird übersehen, was sich im deutschen Sprachgebiet tat. Die hier zu rezensierenden CDs beschäftigen sich mit deutscher Gambenmusik, wobei 'deutsch' nicht zu territorial aufgefasst werden sollte. Davon zeugt direkt die erste CD, die sich mit einem Gambisten und Komponisten aus England beschäftigt. In England, wo die Gambe im 16. und frühen 17. Jahrhundert vor allem im Ensemble - dem sogenannten Gambenconsort - gespielt wurde, entwickelte sich nach 1600 ein Repertoire virtuoser Musik für Gambe solo. Vertreter dieser Art waren Christopher Simpson, Tobias Hume, William Brade und William Young. Brade liess sich in Norddeutschland nieder, Young wirkte in Innsbruck. Über Youngs frühe Jahre in England wissen wir nichts: weder sein Geburtsjahr ist bekannt noch wer sein Lehrer war. Wann er England verlassen hat, ist auch nicht bekannt. Auch über die Gründe gibt es nur Vermutungen: wahrscheinlich war er einer jener katholischen Musiker, die aus religiösen Gründen das vom Protestantismus dominierten England verliessen. In Innsbruck trat er in den Dienst des Erzherzogs Ferdinand Karl. Er stand in hohem Ansehen, und wurde sowohl von Kaiser Ferdinand III. als der ehemaligen schwedischen Königin Christina sehr bewundert. Nur eine Sammlung mit Sonaten erschien in Druck; diese Sonaten waren, wie Juliane Laake im Textheft schreibt, als Tafelmusik gemeint. Die Violinpartien dieser Sonaten zeigen den Einfluss des italienischen Stils. Juliane Laake hat mit einigen Kollegen in ihrem Ensemble Art d'Echo eine schöne Übersicht seines Oeuvres aufgenommen. Neben einigen Sonaten mit Violinen gibt es mehere Stücke für eine, zwei oder drei Gamben. Letztere erinnern an die Consortmusik, mit der Young aufgewachsen war. In seinen Werken wird auch Scordatura verlangt; darin verbindet sich ein Merkmal der deutsch-österreichischen Violinschule mit der englischen Gattung der Musik für lyra viol. Man wundert sich, dass Young relativ wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Juliane Laake und ihre Kollegen demonstrieren hier überzeugend, wie gut und schön seine Musik ist. Ihr technisch makelloses und musikalisch mitreissendes Spiel ist das beste Argument für Young, das sich denken lässt. Mit der zweiten CD wendet Juliane Laake sich deutschen Komponisten des 17. Jahrhunderts zu. In Deutschland spielte die Gambe eine wichtige Rolle. Triosonaten waren meistens für Violine, Viola da gamba und Basso continuo gemeint. In Musik für grössere Besetzungen gab es oft zwei oder drei Gambenstimmen. Und die Gambe wurde auch in der geistlichen Musik gerne eingesetzt, beispielsweise in Lamentos. Die Musik für Gambe solo ist viel weniger bekannt. Der unbekannteste Komponist, der hier zu Wort kommt, ist zweifellos Conrad Höffler, der ein Schüler von Gabriel Schütz war, der seinerseits ein Schüler des obenerwähnten William Brade war. 1695 veröffentlichte er eine Sammlung von zwölf Suiten für Viola da gamba und Basso continuo; daraus erklingt hier die erste, die aus einem Präludium und Fuge sowie vier Tänzen besteht. Etwas besser bekannt ist August Kühnel, der in Norddeutschland aufwuchs und dort den stylus phantasticus kennenlernte, dessen Einfluss in seinen Kompositionen deutlich erkennbar ist. Eine Sammlung von vierzehn Sonaten und Suiten für zwei Viole da gamba und Basso continuo ist zu uns gekommen. Offensichtlich hatte er dabei die Fähigkeiten seines Brotherrn, Landgraf Carl von HessenKassel, im Auge, denn es gibt in dieser Sammlung einiges, das technisch nicht besonders anspruchsvoll ist. Es erklingen die Sonate II und die Partita XIII. Schliesslich kommt auch noch Johann Schenck zu Wort, der entweder in Amsterdam aus deutschen Eltern geboren wurde, oder in Deutschland geboren wurde und in Amsterdam aufwuchs. Auf jeden Fall hat er am Anfang seiner Karriere eine wichtige Rolle im Amsterdamer Musikleben gespielt, u.a. mit der Komposition von Liedern fürs Theater. 1697 wurde er Kammermusikus am Hofe des Kurfürsten Johann Wilhelm in Düsseldorf. Er hat mehrere Sammlungen mit Musik veröffentlicht: Juliane Laake hat die Ouvertüre aus einer Suite aus dem Opus 6 sowie eine Sonate aus dem Opus 8 ausgewählt, und dazu gibt es noch eine in Handschrift überlieferte Sonate. Diese CD bietet ein interessantes Bild der Musikszene in Deutschland im 17. Jahrhundert, und zeigt die hochentwickelte Kunst des Gambenspiels. Auch hier beeindrucken Juliane Laake und ihre Kollegen mit ihrem brillanten und fesselnden Spiel. Beide CDs sind für Gambenfreunde unverzichtbar. Im Textheft zur dritten CD schreibt der Gambist Viktor Töpelmann, dass es "so gut wie keine originäre solistische Gambenliteratur aus dem süddeutschösterreichischen Raum" gibt. Im Lichte der soeben besprochenen CDs ist das vielleicht etwas übertrieben. Er spielt zwei Stücke der schon erwähnten Gambenvirtuosen August Kühnel und Johann Schenck. Drei Werke erklingen hier in Bearbeitungen. Das Programm fängt mit der 14. der Rosenkranz-Sonaten von Heinrich Ignaz Franz Biber an. Töpelmann schreibt, dass Biber auch ein exzellenter Gambist war, und erwähnt eine ihm zugeschriebene, handschriftlich überlieferte Sonatina für Violine oder Viola da gamba. Schade, dass er dieses unbekannte Werk nicht eingespielt hat. Ich hätte es der Rosenkranz-Sonate vorgezogen, denn diese Sonaten sind auf CD reichlich vertreten in der Originalbesetzung. Auch eine Sonate aus der Sammlung 'Sonatae unarum fidium' von Johann Heinrich Schmelzer erklingt hier in einer Transkription für Gambe. Historisch interessant ist eine Sonate von Ignazio Albertini, der am Hofe zu Wien als Geiger tätig war, aber nur eine gedruckte Sonatensammlung hinterlassen hat. Die erste Sonate aus dieser 1692 veröffentlichten Ausgabe hat Gottfried Finger, ein weiterer deutscher Gambenvirtuose, der mehrere Jahre in England tätig war, für sein Instrument bearbeitet. Teil der Bearbeitung ist auch, dass Finger die ursprüngliche Einleitung von einer eigenen improvisatorischen Introduktion ersetzte. Im 17. Jahrhundert war die Komposition auf der Grundlage eines wiederholten Basses (basso ostinato) sehr beliebt, und verschiedene hier gespielten Stücke enthalten Episoden über so einen Bass. Georg Muffats Ciacona ist ein Beispiel; sie ist eine der zwei Werke für ein Tasteninstrument, die Daniela Niedhammer spielt. Die andere ist eine Toccata von Johann Caspar Kerll, und damit sind wir bei einer weiteren beliebten Gattung, die seinen Ursprung in der Improvisationspraxis findet. Die beiden Künstler spielen historische Instrumente. Vor allem Töpelmanns Gambe ist ein einzigartiges Instrument, 1674 von Hannß Khögl erbaut, und heute im Besitz des Benediktinerstifts Kremsmünster, für das es ursprünglich auch gebaut wurde. Es ist ein Instrument mit einer starken Resonanz und einem kräftigen Klang, und deswegen nicht leicht spielbar. Aus der Sicht der Aufführungspraxis scheint mir dieses Instrument sehr interessant und wichtig, vor allem da in Gambenmusik meistens Instrumente englischer oder französischer Bauart gespielt werden. Die Orgel wurde 1662 von Hans Vogl erbaut und befindet sich im St. Stephanus Vormoos (Feldkirchen bei Mattighofen in Österreich), wo die Aufnahme durchgeführt wurde. Das Spiel der beiden Künstler ist erste Sahne. Töpelmann meistert sein Instrument eindrucksvoll und lässt seine Qualitäten voll zur Geltung kommen. Daniela Niedhammer ist die perfekte Partnerin im Basso continuo und trägt die zwei Solostücke sehr schön vor. Auch diese CD sollte ein Gambenfreund nicht missen. Zu den deutschen Gambenvirtuosen gehörten auch Clamor Heinrich Abel (1634-1696) und sein Sohn Christian Ferdinand (c1683-1737), die aber keine Musik hinterlassen haben. Letztgenannter war mit Bach befreundet; er war Gambist am Hofe zu Köthen. Später unterhielt sein Sohn Carl Friedrich enge Kontakte zu den Bachen in Leipzig, und als er sich in London niedergelassen hatte, war er - neben dem jüngsten Bach-Sohn Johann Christian - verantwort22 TOCCATA - 119/2022 CD-UMSCHAU

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