Toccata 03/2022

lich für die sogenannten Bach-Abel-Konzerte. Obwohl in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts überall in Europa die Gambe vom Violoncello überschattet wurde (Abel selber spielte auch Cello), gab es unter Aristokraten mehrere, die noch gerne die Gambe spielten. Abel trat in London als Gambenlehrer auf und es wird angenommen, dass ein Teil seines Schaffens als Unterrichtsmaterial für aristokratische Schüler bestimmt war. Allerdings trat er selber auch als Gambist auf, und die technisch anspruchsvollsten Werke hat er zweifellos für sich selbst komponiert. Letztere sind vor relativ kurzer Zeit an die Oberfläche gekommen, und zu den wichtigsten Quellen dieser Werke gehört die sogenannte Maltzan-Sammlung, die 2014 in der Universitätsbibliothek zu Poznan entdeckt wurde und einmal im Besitz des Grafen Joachim Carl von Maltzan (1733-1813) war. Er war ein Gambendilettant und hat diese Werke möglicherweise erworben, als er zwischen 1766 und 1782 als preussischer Diplomat in London wirkte. Der polnische Gambist Krzysztof Firlus hat dieser Sammlung eine CD gewidmet: er hat sechs dreisätzige Sonaten ausgewählt. Auch Paolo Pandolfo hat diese Sammlung als Ausgangspunkt genommen. Es ist bedauernswert, dass bis auf eine Sonate alle von Firlus aufgenommenen Stücke auch auf Pandolfos CD zu finden sind. Letzterer bietet dazu noch zwei weitere Sonaten, eine aus einer in Berlin aufbewahrten Handschrift und eine aus einer anderen wichtigen Quelle, der sogenannten Ledenburg-Sammlung, die auch die vor einigen Jahren wiederentdeckten Gambenfantasien von Telemann enthält. Schon wegen der Parallele im Programm liegt es nahe, diese beiden Einspielungen zu vergleichen. Firlus und Pandolfo sind beide hochqualifizierte Gambisten. Die Unterschiede zwischen diesen Aufnahmen sind aber substantiell. Erstens: die Aufnahmetechnik hat Firlus zu direkt eingefangen; der Klang bläst dem Hörer ins Gesicht. Man hört jedes Detail, auch Dinge, die man gerne nicht hören möchte. Die höchsten Noten klingen oft etwas unangenehm. Pandolfos Aufnahme schneidet da wesentlich besser ab. Zweitens ist die Balance im Ensemble besser: bei Firlus ist die Gambe zu dominant. Das liegt aber auch an der Besetzung des Basso continuo: bei Firlus spielen nur ein Violoncello und ein Tasteninstrument, entweder Cembalo oder Fortepiano. Pandolfo verwendet diese Instrumente auch, aber dazu noch eine zweite Gambe und eine Laute, die dann in verschiedenen Kombinationen auftreten. Was die Laute anbetrifft: es ist interessant, dass dieses Instrument in der Zeit, als Abel in England wirkte, einen neuen Aufschwung erlebte. Die Mitwirkung einer Laute lässt sich damit gut begründen. Die Tempi sind auch unterschiedlich: Pandolfo ist meistens zügiger in den schnellen und langsamer in den langsamen Sätzen. Daher sind seine Darbietungen spannender und kontrastreicher. Abel war für sein Spiel langsamer Sätze berühmt, und das kommt bei Pandolfo besser zum Tragen als bei Firlus. Auch rythmisch ist sein Spiel prägnanter, und es gibt eine grössere Differenzierung zwischen guten und schlechten Noten. Ich schätze beide Aufnahmen, aber im direkten Vergleich hat Pandolfo die Nase vorn. Als Abel 1787 verstarb, glaubte man, mit ihm würde auch die Viola da gamba zu Grabe getragen. Der englische Musikschriftsteller Charles Burney war einer, der sich in diesem Sinne äusserte, und über ihn und andere ist diese Meinung in die Geschichtsbücher eingegangen. Die letzte hier zu besprechende CD stellt dieses Bild - die Gambe als ein Phänomen der Vergangenheit - ganz auf den Kopf. Thomas Fritzsch, der schon viele Werke ausgegraben hat, die als verschollen galten oder deren Existenz ganz unbekannt war, hat sich auf der Suche nach Musik für sein Instrument gemacht, die im späten 18. und im 19. Jahrhundert entstanden ist. Dass die Gambe damals noch gespielt wurde, beweisen zwei der von ihm benutzten Instrumente. Sie wurden 1812 bzw. 1826 in London von Samuel Gilkes erbaut. Das wird er nicht auf eigene Initiative gemacht haben; es muss also Nachfrage gegeben haben. Mehrere Stücke stammen aus der schon erwähnten Maltzan-Sammlung, die einmal Joachim Carl Graf Maltzan gehörte. In seiner Familie wurde die Gambe auch in den nachfolgenden Generationen gespielt. Sein Sohn unterhielt eine Hofkapelle und organisierte Konzerte, für welche Aufträge zur Komposition von Werken mit Gambe erteilt wurden. Neben Originalwerken für Gambe, entweder mit einem Instrumentalensemble oder mit Klavier, gibt es mehrere Bearbeitungen, u.a. von Paul de Wit, einem in Maastricht geborenen Cellisten, der sich 1879 in Leipzig niederliess und sich auf die Wiederbelebung alter Musik konzentrierte, und eine Gambe besass. Von ihm erklingen eine Bearbeitung einer Romanze von Mendelssohn (mit Klavier) und der Consolation Nr. 4 von Liszt (mit Orgel). Die meisten Komponisten, die hier zu Wort kommen, sind heute ganz vergessen: Hermann Gustav Jaeschke, Friedrich Heinrich Florian Guhr, Johann Ludwig Willing und Franz Xaver Chwatal. Die CD fängt mit der Rekonstruktion eines Gambenkonzerts von Abel an. Eine Produktion wie diese kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Es tut sich hier eine ganz neue, unbekannte Welt auf. Auch aus der Sicht der Geschichtsschreibung ist sie aufschlussreich, denn vielleicht sollten wir zum Schluss kommen, dass von einer 'Wiederentdeckung' der alten Musik und der dazugehörigen Instrumente gar keine Rede ist. Es gab mehr Kontinuität zwischen dem Barock und der Klassik einerseits und der 'AlteMusik-Bewegung' des 20. Jahrhunderts andererseits als allgemein angenommen wird. Interessant ist auch, dass man im frühen 19. Jahrhundert die Viola da gamba als perfekt für romantische Musik geeignet betrachtete, vor allem für Nachtstücke, eine damals sehr beliebte Gattung. Der Klang des Instruments passte genau zum romantischen Lebensgefühl. Das kommt hier in der Musik und in der Art und Weise, wie Thomas Fritzsch sie vorträgt, optimal zum Tragen. Er spielt die Werke mit Recht nicht 'barock', sondern viel mehr wie man im 19. Jahrhundert Kammermusik für Streicher spielte. Michael Schönheit hat für die Begleitung die richtigen Instrumente ausgewählt, und auch die Merseburger Hofmusik trägt substantiell zur Überzeugungskraft dieser Produktion bei. Gambenfreunde sollten sich diese CD unbedingt zulegen, aber auch diejenigen, die an der Musik der Romantik interessiert sind, sollten sie nicht missen, denn sie trägt dazu bei, das Bild der Zeit zu vervollständigen und zu korrigieren. Johan van Veen WA Mozart: Jugendsinfonien. Freiburger Barockorchester, Gottfried von der Goltz Aparté - AP215 (2019; 65') WA Mozart: Gran Partita. Akademie für Alte Musik Berlin Harmonia mundi - HMM 902627 (2020; 72') Es gibt im modernen Konzertleben die Neigung, sich ganz auf die 'reifen Werke' eines Komponisten zu konzentrieren. Das ist auch bei Mozart der Fall. Die späteren Sinfonien, sei es die 'Pariser', die 'Haffner' oder die 'Prager', und die drei letzten Sinfonien werden immer wieder gespielt und aufgenommen. Die frühen Sinfonien bleiben dabei auf der Strecke, und sind im Konzertsaal wie auf CD selten zu hören. Deswegen ist es erfreulich, dass sich das Freiburger Barockorchester, das sich in den späteren Sinfonien schon bewiesen hat, auch mal um diese Jugendwerke gekümmert hat. Es mögen keine Meisterwerke sein, aber sie zeigen schon das grosse Talent, das nicht lange brauchte, um sich voll zu entfalten. Im Textheft wird das ausführlich erläutert, und damit wird diesen Werken ihr gerechter Platz zugeordnet. Man kann es den Freiburgern überlassen, alle Ecken und Kanten dieser Werke offenzulegen. Die schnellen Sätze werden auf energische Weise dargestellt, in den Mittelsätzen, immer als 'Andante' bezeichnet, kommen die lyrischen Aspekte zum Tragen. Dabei hat man auch das richtige Tempo gewählt. Es war eine originelle Idee, zwischen den Sinfonien die Kontretänze KV 609 einzuschieben. Diese sind viel später entstanden, und damit stellen sie einen interessanten Kontrast zu den Sinfonien dar. Darüberhinaus heben sie sich auch im Charakter von den Sinfonien ab: es handelt sich um reine Unterhaltungsmusik, und mit dem dazugehörigen leichten Ton und Verspieltheit werden sie hier dargestellt. Nicht nur eingefleischten Mozartfreunden ist diese CD ohne Vorbehalte zu empfehlen. Musik für Bläser, generell als 'Harmoniemusik' bezeichnet, war am Ende des 18. Jahrhunderts ungemein beliebt. An Adelshöfen wurden Bläser angestellt, um während eines Festmahls oder anderer sozialer Ereignisse, die Anwesenden musikalisch zu unterhalten. Am Anfang wurde solche Musik vor allem in der Freiluft gespielt, aber mit der Zeit konnte sie auch anderswo erklingen. Und Mozart, der mit verschiedenen Werken zu dieser Gattung beitrug, hat mit seiner Serenade B-Dur (KV 361), auch als 'Gran Partita' bekannt, die Grenzen der Harmoniemusik überschritten. Schon die Besetzung ist ungewöhnlich: zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Bassetthörner, vier Hörner, zwei Fagotte und ein Kontrabass. Und dann gibt es noch die Länge des Werkes: die Einspielung der Akademie für Alte Musik Berlin bringt es auf etwas unter 50 Minuten, verteilt über sieben Sätze. Damit ist es ein Werk sinfonischen Ausmasses, das einzigartig ist, und deswegen so etwas wie Kultstatus unter Bläserensembles erworben hat. Nach allgemeiner Meinung ist die Gran Partita ein Meisterwerk, und es wundert nicht, dass es viele Aufnahmen gibt, auf modernen und auf historischen Instrumenten. Auch verschiedene grosse Dirigenten haben sich mal vor den Bläsern ihres Orchesters gestellt, um das Werk zu dirigieren. Die Akademie, die selbstverständlich auf historischen Instrumenten TOCCATA - 119/2022 CD-UMSCHAU 23

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