Toccata 03/2022

spielt, braucht keinen Dirigenten. Die Spieler sind perfekt aufeinander abgestimmt, und es ist die Aufgabe des Konzertmeisters das Ganze auf Trab zu halten. Hier war es die Oboistin Xenia Löffler, die diese Aufnahme vorbereitete. Mit ihrer Interpretation hat sich die Akademie direkt in die obersten Ränge des Katalogs genistet. Wir wissen um die Qualitäten des gesamten Ensembles, aber auch die Bläser können sich hören lassen. Die einzelnen Spieler haben die Möglichkeit ihre Fähigkeiten auszuspielen, aber zugleich wird ein Gesamtklang erreicht, der seinesgleichen sucht. Hier hören wir eine profilierte Darstellung, in der jeder Satz voll zum Tragen kommt. Trotz des sinfonischen Ausmasses hat diese Aufnahme den Charakter kammermusikalischer Unterhaltung. Diese CD möchte man immer wieder hören. Johan van Veen Orgeln auf Sizilien. Arnaud De Pasquale (Orgel) Harmonia mundi - HMM 905331 (2020; 81') A Scarlatti: Sämtliche Werke für ein Tasteninstrument, Vol. VII. Francesco Tasini (Cembalo, Orgel) Tactus - TC 661991 (2 CDs) (2015/19; 1.54') Affetti e Tastiature - Die napolitanische Orgelschule zu Malfetta vom 17. bis zum 19. Jahrhundert. Francesco Di Lernia, Gaetano Magarelli (Orgel) Digressione music - DCTT62 (2015; 67') Vor vielen Jahren, in der alten Schallplattenzeit, veröffentlichte Harmonia mundi eine Reihe von Aufnahmen auf historischen Orgeln, gespielt von Spezialisten auf diesem Gebiet, wie Francis Chapelet und René Saorgin. Jetzt tritt Arnaud De Pasquale in ihre Fußstapfen, denn ihm wurde die Chance geboten, historische Orgeln zu entdecken und darauf dem Charakter der jeweiligen Instrumente entsprechendes Repertoire aufzunehmen. Die erste Folge enthält Aufnahmen an Instrumenten auf Sizilien, wo es - wie er im Textheft schreibt - um die 1500 Orgeln gibt, von denen nur etwa zehn Prozent spielbar ist. Man darf hoffen, dass Projekte wie dieses den Behörden von Ländern und Regionen klar machen, welche Art von Schätzen Teil ihres Erbes sind und dass sie es verdienen, erhalten und gegebenenfalls restauriert zu werden. De Pasquale wählte sechs Instrumente aus, die zwischen 1547 und 1775-82 gebaut wurden. Für sein Repertoire beschränkte er sich auf Musik italienischer Komponisten des 16. und 17. Jahrhunderts. Man könnte meinen, dass er für die jüngsten Instrumente späteres Repertoire hätte auswählen sollen. Allerdings war der Orgelbau in Italien eher konservativ, und es gibt meistens kaum Unterschiede zwischen Instrumenten des frühen 17. Jahrhunderts und Orgeln aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Einen zentralen Platz nimmt die Musik von Komponisten aus Neapel und den umliegenden Regionen ein. Der italienische Musikwissenschaftler Dinko Fabris weist darauf hin, dass es kaum ein sizilianisches Repertoire für Tasteninstrumente gibt. Sizilien und Neapel waren eng verbunden, nicht nur geographisch, sondern auch dadurch, dass beide mehrere Jahrhunderte unter spanischer Herrschaft standen. De Pasquale nahm auch einige Ensemblestücke sowie weltliche Vokalwerke auf, um damit zu dokumentieren, dass die Orgel auch für weltliche Musik verwendet wurde. Das ist sicherlich richtig, aber solche Musik wurde nicht in der Kirche gespielt. Keine Frage, diese Produktion ist höchst interessant: wann hat man schon die Möglichkeit, historische Instrumente auf Sizilien zu hören? Sie ist auch musikalisch fesselnd, wegen eines Repertoires, das zu einem grossen Teil kaum bekannt ist, und wegen der engagierten und stilistisch überzeugenden Interpretation von De Pasquale. Dieses Projekt sollten Orgelfreunde im Auge behalten. Das Textheft enthält auch ausführliche Informationen über die Instrumente, mit Fotos. Programmatisch bleiben wir in Neapel, mit Musik für Tasteninstrumente von Alessandro Scarlatti. Dieser Teil seines Oeuvres ist relativ unbekannt, und es gibt nicht sehr viele Aufnahmen. Umso wichtiger ist die Gesamteinspielung, die Francesco Tasini für das italienische Label Tactus durchgeführt hat. Er ist auch der Herausgeber des Gesamtwerkes für Tasteninstrumente, das Scarlatti komponiert hat. Jetzt liegt die 7. Folge vor, und damit wird dieses Projekt abgeschlossen. Ein wichtiger Teil dieses Repertoires hat pädagogische Zwecke, was übrigens nichts sagt über die Qualität und Bedeutung. Die letzte Folge besteht aus zwei CDs, und die erste enthält fünfzehn Fugen, die zum Übungsmaterial in der Kunst des Kontrapunkts gemeint sind. Sie sind zweistimmig, und es ist die Aufgabe des Interpreten selbst eine dritte oder sogar vierte Stimme hinzuzufügen. Das hat Tasini bei dieser Aufnahme gemacht, und seine Herausarbeitung hat er auch veröffentlicht. Die zweite CD enthält acht weitere Werke, darunter eine Reihe von zwölf sogenannten 'Partite', wie man damals Variationen nannte; man findet diese Bezeichnung schon im frühen 17. Jahrhundert, u.a. bei Frescobaldi. Ein Andante in C-Dur ist stilistisch mit Scarlattis römischem Zeitgenossen Bernardo Pasquini verwandt. Die zweite CD endet mit drei Toccaten, die Tasini auf dem Cembalo spielt. Es sind mehrsätzige Werke, wie auch Bachs Toccaten für Cembalo. Er spielt hier ein anonymes Instrument aus dem 18. Jahrhundert. Die übrigen Werke erklingen auf einer 1836 erbauten Orgel. Wie ich schon schrieb, war der Orgelbau in Italien ziemlich konservativ, und dieses Instrument ist ein perfektes Beispiel, denn es unterscheidet sich nicht grundsätzlich von Instrumenten aus Scarlattis Zeit. Tasini ist ein exzellenter Interpret, der die hier aufgezeichneten Werke auf fesselnde und stilvolle Weise zum Klingen bringt. Diese CD ist der krönende Abschluss eines äusserst wichtigen Projektes, das unsere Kenntnisse über das Wirken von Scarlatti und über die Geschichte der italienischen Musik für Tasteninstrumente erheblich erweitert. Die letzte CD bringt uns in Molfetta, an der Adriaküste. Trotzdem gibt es auch hier eine Verbindung zu Neapel, denn es werden fünf historische Orgeln vorgestellt, die im Stile der neapolitanischen Orgelschule erbaut worden sind. Was die Merkmale dieser Schule sind, wird im Textheft übrigens nicht erklärt. Dieses konzentriert sich ganz auf die Geschichte der Orgeln in der Stadt. Auch über das gespielte Repertoire wird kein Wort verloren. Orgelfreunden wird diese CD sicherlich gefallen, auch da es technische Informationen über die gespielten Instrumente gibt. Allerdings muss man sich dann eigermassen im Italienischen auskennen, denn nur der generelle Einführungstext ist auch auf englisch zu lesen. Die Instrumente stammen aus dem 17., 18. und frühen 19. Jahrhundert, und die beiden Organisten haben passendes Repertoire ausgewählt. Unter den Komponisten finden sich bekannte Namen wie Frescobaldi, Pasquini und Domenico Scarlatti, aber auch weniger bekannte, wie Paolo Quagliati, Gaetano Greco und Gaetano Valeri. Ich werde wohl nicht der einzige sein, der noch nie von Molfetta gehört hatte. Auch diejenigen, die sich besonders für historische Orgeln interessieren, werden hier Instrumente hören, die sie nicht kannten. Damit ist diese CD eine Bereicherung der Orgeldiskographie. Francesco Di Lernia und Gaetano Magarelli sind ausgezeichnete und stilbewuste Führer durch die Orgellandschaft von Molfetta. Johan van Veen Buxtehude: Triosonaten Op. 1 & Op. 2. Les Timbres Flora - FLORA4320 (2 CDs) (2017/18; 2.11') Buxtehude: Triosonaten Op. 2. Arcangelo, Jonathan Cohen Alpha - 738 (2020; 72') JS Bach, Biber: Werke für Violine und Bass. Emmanuelle Dauvin (Violine, Orgel) Hitasura - HSP 007 (2020; 61') JS Bach: Metamorphose - Bachs verlorene Triosonaten. NeoBarock ambitus - amb 95 606 (2013; 56'24") Goldberg: Sämtliche Triosonaten. Ludus Instrumentalis Ricercar - RIC 426 (2020; 70') Als Organist der Marienkirche nahm Dieterich Buxtehude eine zentrale Stelle im Lübecker Musikleben ein. Nicht nur versorgte er die liturgische Musik in den Gottesdiensten, er veranstaltete auch die Abendmusiken, eine Mischung aus Vokal- und Instrumentalmusik, an der auch der Ratsmusik, das vom Stadtrat angestellte Instrumentalensemble, teilnahm. Die Mitglieder dieses Ensembles haben wahrscheinlich auch die Triosonaten, die Buxtehude komponiert hat, und deren er vierzehn in Druck gab, gespielt. Aber Buxtehude, der auf einem Gemälde von Johannes Voorhout möglicherweise als Gambist abgebildet worden ist, könnte sie auch durchaus selber gespielt haben, beispielsweise mit seinen Freunden Johann Adam Reincken und Johann Theile in Hamburg. Diese Sonaten, in der für Deutschland charakteristische Besetzung von Violine, Viola da gamba und Basso continuo, stehen im stylus phantasticus, der auch die Orgelmusik der norddeutschen Schule beherrschte. Diese Werke sind wahrlich keine Stücke für Laien, und es ist bekannt, dass die Mitglieder der Ratsmusik, die es in vielen Städten in Deutschland gab, über erhebliche Fähigkeiten verfügten. Es mangelt nicht gerade an Aufnahmen dieser Sonaten, die unter Ensembles mit Recht sich grosser Beliebtheit erfreuen. In den letzten Jahren sind weitere Einspielungen erschienen. Auf dem belgischen Label Flora spielt das Ensemble Les Timbres - Yoko Kawakubo (Violine), Myriam Rignol (Viola da gamba), Julien Wolfs (Cembalo) - die Sonaten des Opus 1 und 2. Das britische Ensemble 24 TOCCATA - 119/2022 CD-UMSCHAU

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