Toccata 03/2022

Arcangelo - Sophie Gent (Violine), Jonathan Manson (Viola da gamba), Thomas Dunford (Laute), Jonathan Cohen (Cembalo) - hat vor einigen Jahren das Opus 1 aufgenommen und legt jetzt das Opus 2 vor. Beide Aufnahmen sind grundsätzlich gut und begrüssenswert. In einigen Hinsichten unterscheiden sie sich. Das geht schon aus der Besetzung hervor: in Arcangelo spielt eine Laute mit. Das lässt sich wohl historisch begründen, denn auf dem obengenannten Gemälde findet sich auch ein Zupfinstrument. Allerdings tritt es hier zu prominent ins Bild; die Laute wird hier fast wie ein Obligatinstrument behandelt, auf Kosten des Cembalos. Positiv sind die klare dynamische Differenzierung, die deutliche Artikulation und die ausgeprägten Kontraste; das macht diese Darbietungen ungemein spannend. Les Timbres hält sich da mehr zurück, aber ihre Aufnahme besticht durch eine perfekte Mischung der Instrumente; die Balance im Ensemble ist hier besser als bei Arcangelo. Damit sind diese Produktionen nicht auswechselbar, und das ist schön. Beide können sich gegenüber der Konkurrenz durchaus behaupten. Bei der nächsten CD bleiben wir in Norddeutschland. Oder doch nicht. Die Inspirationsquelle für Emmanuelle Dauvin für eine Aufnahme, in der sie zugleich die Violine und die Orgel spielt, ist Nicolaus Bruhns, der Orgel, Violine und Gambe spielte, und die beiden ersten Instrumente dann und wann gleichzeitig. Was er gespielt hat, ist unbekannt; Instrumentalmusik hat er nicht hinterlassen. Deswegen spielt Emmanuelle Dauvin ein Programm mit Werken von Heinrich Ignaz Franz Biber und dazu noch zwei Sätze aus der Sonate in e-moll (BWV 1023) von Johann Sebastian Bach. Das sind alle Werke für Violine und Basso continuo. Das ist natürlich alles sehr interessant, und man kann nur bewundern, wie Frau Dauvin beide Instrumente gleichzeitig spielt. Trotzdem scheint mir diese Aufführungspraxis historisch und musikalisch kaum haltbar. Erstens: von keinem anderen Komponisten ist diese Praxis bekannt. Bach spielte zwar ebenfalls beide Instrumente, aber es gibt überhaupt keine Hinweise, dass er sie beide zugleich gespielt hat. Biber spielte aller Wahrscheinlichkeit nach selbst keine Tasteninstrumente. Zweitens: wenn man die Geige spielt, kann man nur das Pedal der Orgel spielen. Orgeln mit Pedal sind meistens grössere Instrumente in Kirchen. Es ist aber höchst fraglich, ob Bibers Sonaten für kirchlichen Gebrauch gedacht waren. Frau Dauvin spielt drei der sogenannten Rosenkranz-Sonaten, und diese waren mit grosser Wahrscheinlichkeit für einen intimen Raum gedacht. Drittens: es wird berichtet, dass Bruhns das Pedal mit seinen Füssen spielte - also Mehrzahl. Das heisst, dass er Akkorde spielte, wie das bei der Gestaltung des Generalbasses erfordert wird. Emmanuelle Dauvin spielt aber nur die Bassnoten, also keine Akkorde. Damit verliert die Basslinie grundsätzlich ihre harmonische Funktion. Am Spiel von Frau Dauvin gibt es nichts auszusetzen; auch ihre Interpretation der ersten Partita für Violine solo von Bach ist gut gelungen. Aber für die hier gepflegte Aufführungspraxis sehe ich kaum Perspektive. Spekulativ ist auch die nächste CD, die 'verlorene Triosonaten' von Bach bietet. Spekulativ soll nicht unbedingt negativ interpretiert werden: im Falle von Rekonstruktionen ist ein Mass an Spekulation unvermeidlich, denn ganz wenig lässt sich da beweisen - nur vermuten. Im Falle von Bach gibt es reichlich Stoff für Spekulation. Dass ein substantieller Teil seines Schaffens verlorengegangen ist, steht ausser Frage. Mehrere Werke sind Bearbeitungen früher komponierter Werke. Die wohl bekanntesten Beispiele sind die Cembalokonzerte. NeoBarock geht der Frage nach, warum es im Oeuvre von Bach so wenig Triosonaten gibt, obwohl es sich dabei um eine der populärsten Gattungen handelte. Vielleicht lässt sich diese Frage einfach beantworten: Triosonaten waren generell für Laien bestimmt, und für Bach scheinen ihre Bedürfnisse nicht sehr wichtig gewesen zu sein. Telemann komponierte oft für Laien, Bach aber vor allem für Aufführungen mit seinen Söhnen und Schülern, also (angehenden) Profis. Trotzdem glaubt Maren Ries, erste Geigerin des Ensembles, die auch den Begleittext verfasste, dass es 'verlorene' Triosonaten gibt. Die Gambensonate BWV 1029 gilt als Transkription eines älteren Werkes; den letzten Satz gibt es auch als Trio für Orgel. Ries glaubt, dass beide auf ein Konzert oder eine Triosonate 'auf Concertenart' zurückgehen. Es gibt mehrere Vorschläge für die Urform der Sonate BWV 1028. Hier erklingt sie als Triosonate mit zwei Violinen. Das Konzert für zwei Violinen BWV 1043 wird generell als ein Originalwerk betrachtet. Maren Ries meint aber, es könnte eine Bearbeitung einer Triosonate sein. Schliesslich die Sonaten für Cembalo und Violine: der Musikwissenschaftler Hans Eppstein meinte, einige dieser Sonaten könnten in erster Linie als Triosonaten konzipiert worden sein. Hier erklingt die Sonate BWV 1015, nicht - wie Klaus Hofmann vorgeschlagen hat - mit Oboe und Violine in B-Dur, sondern mit zwei Violinen in der ursprünglichen Tonart A-Dur. Diese CD bietet reichlich Stoff zur Diskussion. Glücklicherweise werden diese Rekonstruktionsvorschläge nicht als letzte Weisheit aufgetischt; schliesslich werden wir wohl nie wissen, wie es wirklich gewesen ist. NeoBarock verteidigt seine Vorschläge mit Hingabe und mit brillantem Spiel. Der Einfluss des ehemaligen Ensembles Musica antiqua Köln ist unverkennbar; der Kenner weiss dann, was er erwarten kann. Es ist eine spannende und fesselnde Produktion, die man gerne immer wieder hört. Wenn wir schon Bachs Schüler erwähnt haben, soll Johann Gottlieb Goldberg nicht übersehen werden. Sein Name ist für immer mit Bachs Goldbergvariationen verbunden. Die bekannte Geschichte über die Entstehung dieses Werkes und Goldbergs Rolle in der Aufführung wird im Textheft zur Aufnahme von Goldbergs Triosonaten mit dem Ensemble Ludus Instrrumentalis wieder als Wahrheit erwähnt, aber es gibt gehörige Zweifel über diese Geschichte. Ob Goldberg die Variationen tatsächlich als Vierzehnjähriger gespielt hat, wissen wir nicht mit Sicherheit, aber es ist durchaus möglich, wenn man seine Fähigkeiten in Betracht zieht. Denn es gibt keinen Zweifel, dass er ausserordentlich begabt war. Leider wissen wir über sein Leben sehr wenig. Und leider ist er auch früh, 29 Jahre alt, verstorben. Was hätte er noch komponiert, hätte er länger gelebt? Was uns erhalten geblieben ist, sind zwei Kantaten, vier Triosonaten, eine Sonate zu vier Stimmen sowie zwei Präludien und Fugen und 24 Polonaisen für Cembalo. Ludus Instrumentalis hat alle Kammermusikwerke aufgenommen. Dabei fällt die Variation in diesem kleinen Oeuvre auf. Die Sonate in a-moll, beispielsweise, eröffnet mit einem Satz im galanten Idiom, während der zweite Satz nach den Regeln des Kontrapunkts als dreistimmige Fuge konzipiert ist. Die Sonate schliesst mit einem Satz im Sturm-und-Drang-Stil. Die Triosonate in B-Dur besticht durch harmonische Experimente; in der abschliessenden Ciacona geht Goldberg so weit, dass man bald nicht mehr weiss, in welcher Tonart das Stück steht. Die Sonate in g-moll ist eine von zwei, die auch in der Besetzung für Cembalo und Violine überliefert sind, und in dieser Fassung wird sie hier gespielt. Eines der Präludien und Fugen erklingt hier in einer Transkription für zwei Violinen und Violoncello. Es ist schöm, dass die Kammermusik von Goldberg jetzt auf einer CD zu haben ist, und auch noch in solch exzellenten Interpretationen. Auch hier hört man Musica antiqua Köln, und das ist schön, denn dann weiss man, dass die Kontraste in Tempo und Dynamik voll ausgekostet werden. Wir haben es hier mit einer idealen Darstellung von Goldbergs Musik zu tun. Und das hat er verdient. Johan van Veen O güldnes Licht. Jürgen Banholzer (Orgel), Georg Poplutz (Tenor) fra bernardo - fb 2121577 (2020; 78') Bach in Lübeck. Arvid Gast (Orgel) Querstand - VKJK 2007 (2020; 78') Bach für zwei - Transkriptionen und Originale für Viola da gamba und Orgel. Romina Lischka (Viola da gamba), Marnix De Cat (Orgel) Ramée - RAM 2005 (2019; 77') JS Bach: Das Wohltemperierte Consort - II. Phantasm Linn Records - CKD 657 (2020; 70') Die hier rezensierten CDs enthalten Musik für Tasteninstrumente, auch wenn das nicht immer so klar ist. Das fängt schon bei der ersten CD an. Man könnte meinen, sie enthalte vor allem Musik für eine Solostimme und Basso continuo. In Wirklichkeit steht aber die Orgel im Mittelpunkt: Orgelwerke nehmen fast zwei Drittel der Spieldauer in Anspruch. Das Programm ist der norddeutschen Orgelschule gewidmet. Jürgen Banholzer spielt Werke einiger Hauptfiguren dieser Schule: Reincken, Tunder und natürlich Buxtehude. Die Orgel in der Kirche St. Cosmae et Damiani zu Stade, 1668-1675 von Berendt Hus bzw. Arp Schnitger erbaut, ist dafür das ideale Instrument. Banholzer nutzt die Möglichkeiten dieses grossartigen Instruments voll aus, und erweist sich hier als stilgerechter Interpret. Für die Vokalwerke zeichnet ein weiterer Spezialist verantwortlich: Georg Poplutz gehört zur Spitze in der Interpretation deutscher Musik des 17. und 18. Jahrhunderts. Hier erklingen übrigens keine Werke für Singstimme und Basso continuo, sondern Werke, die ein Instrumentalensemble verlangen: Tunders 'An Wasserflüssen Babylon' und Buxtehudes Kantaten 'Was mich auf dieser Welt betrübt' und 'O Gottes Stadt, o güldnes TOCCATA - 119/2022 CD-UMSCHAU 25

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