Toccata 03/2022

Šimon Brixi: Magnificat, Litaniae de Venerabili Sacramento; Missa ex D. Hana Blaziková (Sopran), Jaromír Nosek (Bass), Hipocondria Ensemble, Jan Hádek Supraphon - SU 4293-2 (2021; 80') Tuma: Requiem. Czech Ensemble Baroque, Roman Válek Supraphon - SU 4300-2 (2021; 60') Wer den Namen Brixi hört, denkt wohl in erster Linie an Frantisek Xaver (17321771), dem böhmischen Komponisten der Generation der Bach-Söhne, der vor allem wegen seiner Orgelwerke und insbesondere seiner Orgelkonzerte bekannt geworden ist. Die erste hier rezensierte CD beschäftigt sich aber mit dem Oeuvre seines Vaters, Šimon (1693-1735). Er wirkte die längste Zeit seines Lebens als Organist in Prag und daneben als Chorleiter und Musiklehrer. Dass sein Sohn ebenfalls ein erfolgreicher Musiker wurde, hat er nicht mehr erlebt: 1735 erlag er der Tuberkulose. Sein erhaltenes Oeuvre ist nicht sehr umfangreich: weniger als 40 Werke sind zu uns gekommen, und es ist mehr als wahrscheinlich, dass viele Stücke verlorengegangen sind. Seine Werke zeigen den Einfluss von Antonio Caldara und Johann Joseph Fux; es gibt aber auch galante Züge. Er zeigt eine gute Beherrschung des Kontrapunkts, was u.a. in den Fugen zum Ausdruck kommt. Auch setzt er harmonische Mittel für expressive Zwecke ein. Jan Hádek hat mit seinem Hipocondria Ensemble sechs geistliche Werke aufgenommen. In der Missa ex G verwendet Brixi Chromatik in 'Qui tollis peccata mundi' und der Crucifixus öffnet mit hämmernden Akkorden in den Streichern. Das Magnificat zeigt einige Ähnlichkeiten mit der Vertonung von Bach. Wo andere Komponisten den Text der Litaniae de Venerabili Sacramento oft auf zwei Chöre verteilen, weicht Brixi hier nicht grundsätzlich von der Form der Messe und des Magnificats ab. Der Text ist in neun Episoden aufgeteilt, die für Solostimmen oder Chor gesetzt sind. Alma redemptoris mater, für Bass solo, hat die Form einer Motette mit drei Arien ohne dacapo. Die Arietta de gloriosissima resurrrectione Domini nostri Jesu Christi war zum Ersatz des Offertoriums in der Messe gemeint; der Text bezieht sich auf Ostern. Dieses Werk ist ein Solo für Sopran. Schliesslich gibt es noch die Antiphon Domine ad adiuvandum me festina; Brixis Vertonung wird von aufsteigenden Figuren dominiert. Diese CD mag die erste sein, die ganz dem Oeuvre des Šimon Brixi gewidmet ist. Angesichts der hohen Qualität der hier aufgeführten Werke ist das schon merkwürdig. Hoffentlich werden weitere Werke seiner Feder aufgegenommen, und dann gerne auch so gut dargestellt wie von den Interpreten in dieser Produktion. Hana Blaziková und Jaromír Nosek bringen beide exzellente Leistungen in ihren Solostücken. In den anderen Werken singen sie, neben anderen Mitgliedern des Ensembles, ihre Soli ebenfalls sehr gut. Auch in den Tutti ist hier alles in Ordnung. Diese CD ist eindrucksvolles Zeugnis der hohen Musikkultur im Böhmen der Barockzeit. Mähren und Böhmen sind immer der Nährboden exzellenter Musiker und Komponisten gewesen. Man denke an Biber und Zelenka. Auch später gab es viele, die sich an anderen Stätten aufhielten und Erfolge feierten. Einer dieser war František Ignác Antonín Tuma (1704-1774). Er war wahrscheinlich ein Schüler von Bohuslav Matej Cernohorský. Später liess er sich in Wien nieder, wo er als Kapellmeister des Grafen Ferdinand Kinsky tätig war. Dieser bot ihm die Möglichkeit bei Fux zu studieren. Das hat seine Entwicklung als Komponist stark geprägt, u.a. in seiner Meisterschaft des Kontrapunkts. Als Kinsky 1741 verstarb, trat Tuma in den Dienst von Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel, Witwe Kaiser Karls VI. Nach ihrem Tod erlaubte die Leibrente ihm eine Existenz als freischaffender Künstler. Roman Válek hat mit dem Czech Ensemble Baroque Tumas Requiem in c-Moll eingespielt. Das Werk entstand 1742 und wurde 1750 wiederaufgeführt als Elisabeth Christine beigesetzt wurde. Die Partitur enthält, wie üblich, Partien für Posaunen, aber im Sanctus kommen auch Trompeten und Pauken zu Wort. Es macht Sinn, dass Válek auch eine Vertonung des Miserere aufgenommen hat, vor allem da dieses Werk ebenfalls in c-Moll steht. Die Instrumentalbesetzung ist für Streicher, Posaune und Basso continuo, und in einem Solo für Tenor gibt es eine Obligatpartie für Traversflöte - ein galantes Element in diesem Werk, das insgesamt eher barock wirkt. Es handelt sich um zwei wunderschöne Werke, die neugierig machen nach weiteren Kompositionen von Tuma. Da die Soli nicht sonderlich anspruchsvoll sind, scheinen diese Werke mir auch für gute Laienchöre durchaus geeignet. Das Czech Ensemble Baroque ist ein hervorragendes Ensemble, das schon mehrere exzellente Aufnahmen auf den Markt gebracht hat. Es stellt hier erneut seine Qualitäten unter Beweis. Es wird auf dem höchsten Niveau gesungen und gespielt. Damit ist diese CD ein würdiges Denkmal für einen Komponisten, der mehr Aufmerksamkeit verdient hat. Johan van Veen Händel: Concerti grossi op. 3. Van Diemen's Band, Martin Gester BIS - 2079 (2019; 63') Händel: Orgelkonzerte Op. 4 & Op. 7. Martin Haselböck, Jeremy Joseph (Orgel), Wiener Akademie Alpha - 742 (2 CDs) (2021; 2.44') Die Veröffentlichung der Werke von Arcangelo Corelli löste um 1700 in England eine wahre Corellimanie aus. Überall wurden seine Werke gespielt, und bald wurde italienische Musik generell die grosse Mode. Kein Wunder, dass andere Komponisten versuchten, daraus Gewinn zu schlagen, indem sie selber Musik im italienischen Stil veröffentlichten. Auch Musikverleger, allen voran der berühmt-berüchtigte John Walsh, sahen Chancen, und so wundert es nicht, dass 1734 eine Sammlung von sechs Concerti grossi von Händel als sein Opus 3 gedruckt wurde. In wieweit Händel dabei selber seine Hand im Spiel hatte, ist unklar. Merkwürdig ist, dass die Stücke in Charakter und Besetzung sehr unterschiedlich sind. Die Zahl der Sätze variiert von zwei bis fünf; das sechste Konzert hat nur zwei Sätze. Da der zweite Satz ein Orgelsolo enthält, entschloss sich Martin Gester, der das australische Ensemble Van Diemen's Band in der Aufnahme, die bei BIS erschienen ist, vom Cembalo oder Orgel aus leitet, zwischen den beiden Sätzen eine Improvisation auf der Orgel einzufügen, genauso wie Händel es in seinen Orgelkonzerten machte. Im ersten Konzert gibt es zwei Obligatparts für Blockflöten, im zweiten Konzert Solopartien für zwei Geigen, und das dritte Konzert enthält eine Partie für Traversflöte oder Oboe; die Interpreten haben sich für die Flöte entschieden. Es mangelt nicht an Aufnahmen dieser Konzerte. Diese Neueinspielung ist gut gelungen, und Van Diemen's Band ist ein vorzügliches Ensemble. Einige Abweichungen vom Standard macht sie für Handelfreunde schon interessant. Ich erwähnte schon das Orgelsolo im Konzert Nr. 6. Im Konzert Nr. 5 wurden im Adagio die Oboenstimmen ausgelassen, da Gester diesem Satz einen Lamento-Charakter zuschreibt. Das hat mich nicht ganz überzeugt. Die schnellen Sätze sind oft etwas zu langsam geraten. Dass Walsh nur allzu gerne Musik von Händel veröffentlichte, lässt sich verstehen, da er der berühmteste Komponist seiner Zeit in England war. Sein Ruhm basierte vor allem auf seine Opern, und in seiner Instrumentalmusik klingen oft Stücke aus seinen Bühnenwerken durch. Aber in den frühen 1730er Jahren verlor die italienische Oper an Popularität und das bekam er zu spüren. Er entschloss sich, Oratorien auf englischem Text zu komponieren. Und das eröffnete die Tür zu einer neuen Gattung: dem Orgelkonzert. 1735 spielte Händel zum ersten Mal zwischen den Akten eines Oratoriums ein Orgelkonzert. Dabei konnte er seine Begabung für Improvisation ausleben. 1738 erschienen die Orgelkonzerte Opus 4 in Druck. Diese Ausgabe bietet wohl nur das Skelett der Aufführungen von Händel selber, denn er spielte den Solopart immer aus dem Stegreif. Eine zweite Sammlung von sechs Konzerten erschien posthum 1761. Welche Orgeln Händel gespielt hat, ist schwer zu sagen. Es waren auf jeden Fall relativ kleine Instrumente, und sie waren mitteltönig gestimmt, denn diese Stimmung hat sich in England bis ins 19. Jahrhundert gehalten. Das macht die Aufnahme der zwölf Konzerte des Opus 4 und Opus 7 sowie das Konzert mit dem Namen 'Der Kuckuck und die Nachtigall' auf der grossen Rieger-Orgel von 2011 im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins schon etwas sonderbar. Es ist ein Instrument, das für Musik aller Stilepochen geeignet sein sollte. Das ist an sich schon problematisch, und selbstverständlich steht es in der heute üblichen gleichschwebenden Temperatur. Der Raum ist viel grösser als Händels Theater, und während der Aufnahme auch leer. Ausserdem gab es bei Händel den direkten Kontakt zum Orchester, und das ist hier unmöglich. Die Interpretationen sind generell gut, und ich schätze die Improvisationen von Jeremy Joseph, der die Soli im Opus 7 spielt, sehr, aber ich habe grosse Bedenken gegen die Ausgangspunkte dieses Projektes. Der Charakter der Orgel und die Akustik führen oft zu einer unklaren Artikulation, vor allem in den schnellen Sätzen. Trotz der unverkennbaren Qualitäten kann ich diese Produktion nicht ohne grosse Reserven empfehlen. Johan van Veen B Marcello: Psalme 42 & 50. Nina Cuk (Alt), Diego Buratto (Tenor), Raffaele Zaninelli (Bass), Coro TOCCATA - 119/2022 27 CD-UMSCHAU

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