Toccata 03/2022

Istituzione Armonica, Ensemble Il Narvalo, Alberto Turco Brilliant Classics - 96135 (2019/20; 58') B Marcello: Psalmen und Sonaten. Ensemble Salomone Rossi, Lydia Cevidalli Dynamic - CDS7882 (2018; 66') Neapolitanische Motetten. Anthea Pichanick (Alt), Les Accents, Thibault Noally La Música - LMU 019 (2019; 66') Benedetto Marcello war einer jener Komponisten, die sich als 'nobile dilettante' bezeichneten. Sie waren aristokratischer Abstammung und deswegen kam der Beruf von Musiker - der zu den niedrigeren Gesellschaftsschichten gerechnet wurde - nicht in Betracht. Solche Komponisten waren aber keineswegs Laien: Marcellos Kompositionen gehören zum Besten, das damals entstanden ist, und das gilt mit Sicherheit für die Sammlung von 50 Psalmen, die er von 1724 bis 1726 veröffentlichte. Es sind keine Vertonungen der lateinischen Texte, wie sie in der Vulgata zu finden sind: die Texte sind Paraphrasen der ersten 50 Psalmen auf italienisch aus der Feder des Poeten Girolamo Ascanio Giustiniani. Im Verlaufe des 18. Jahrhunderts verbreiteten sie sich über Europa, und sie wurden in verschiedene Sprachen übersetzt, darunter Schwedisch und Russisch. Noch 1841 erschien in Paris eine Neuauflage, in der der Basso continuo von einer Klavierbegleitung ersetzt war. Der Text ist in Rezitative, Ariosos und Arien aufgeteilt. Allerdings sind die Arien meistens kurz und auf Dacapos wird ganz verzichtet, genauso wie auf ausladende Koloraturen und Verzierungen. Der Text steht immer im Mittelpunkt. Der Titel der Sammlung drückt genau Marcellos Ideal aus: Estro poetico-armonico. Die Besetzung ist für eine oder mehrere Solostimmen und Basso continuo. Nur in den zwei Psalmen, die jeweils auf einer der hier rezensierten CDs zu finden ist, gibt es zwei Partien für Violette. Es ist nicht ganz klar, welche Instrumente damit gemeint sind. Es könnten Viole da gamba sein, wie Guido Balestracci (Arcana, 2017) meint, oder Bratschen. Lydia Cevidalli (Psalm 21) und Alberto Turco (Psalm 50) haben sich beide für letztere Möglichkeit entschieden. In Psalm 21 (22 in protestantischen Bibelübersetzungen) spielen die Instrumente ein ausgeprägte Rolle in der Veranschaulichung des Textes, der seit der frühen Geschichte der christlichen Kirche mit der Passion Christi verbunden wird. Marta Fumagalli singt die Solopartie, und man könnte sich durchaus vorstellen, dass Marcello eben diesen Psalm absichtlich für Alt geschrieben hat. Damals wurde ein Werk wie dieses zweifellos von einem Mann gesungen, aber hier bringt Marta Fumagalli eine sehr eindringliche Darbietung, die keinen Hörer unberührt lassen wird. In der Aufnahme von Alberto Turco ist Psalm 50 das Hauptwerk (51 in protestantischen Übersetzungen): es ist einer der Busspsalme, die in der Fastenzeit gesungen wurden, und mit dem lateinischen Textanfang 'Miserere mei Deus' bekannt ist. Hier ist die Besetzung für Alt, Tenor und Bass. Die Partitur enthält die Bezeichnungen 'solo' und 'tutti', und daraus kann man schliessen, dass Marcello hier die Teilnahme eines Chors oder jedenfalls einiger Ripienisten vorgesehen hat. Turco hat sich für sieben Ripienisten entschieden, und das wirkt sich gut aus. Die drei Solisten singen sehr gut, und den Charakter des Psalms ist gut getroffen. Es ist mir aber ein Rätsel, warum Turco im vierten 'versetto' Schlagzeug eingesetzt hat. Beide Aufnahmen enthalten auch den 42. Psalm, auf Latein als 'Judica me Deus' bekannt. Dieser ist für Bass solo gesetzt. Es gibt hier etwas mehr Koloraturen als in den anderen zwei Psalmen und der Solopart verlangt eine weite Tessitur. Die beiden Sänger - Raffaele Zaninelli (Turco) und Laurence Meikle (Cevidalli) - haben keine technischen Probleme und in ihren Interpretationen mangelt es auch nicht an Ausdruck. Ihre Stimmen finde ich nicht besonders attraktiv, aber das ist Geschmackssache. Die Dynamic-CD enthält auch noch einige Instrumentalwerke. Giovanni Togni spielt einzelne Sätze aus zwei Cembalosonaten. Man fragt sich, warum er sich nicht für eine komplette Sonate entschieden hat, oder zwei, denn die CD bietet dafür genug Platz. Weiter spielt Lydia Cevidalli eine Violinsonate aus dem Opus 1. Allerdings hat Marcello nie Violinsonaten veröffentlicht. Ich nehme an, es handele sich hier um eine der Blockflötensonaten Opus 2, die später als Opus 1 in London wiederveröffentlicht wurden. Leider bringt Cevidalli einen ziemlich unangenehmen Ton hervor, und die Aufnahme ist zu direkt. Das Cembalo ist kaum hörbar. Die Instrumentalwerke sind die am wenigsten befriedigenden Abschnitte dieser Produktion. Die Aufnahmen der Vokalwerke auf diesen beiden CDs sind aber sehr willkommen. Marcellos Psalmen hätten längst komplett auf CD aufgenommen werden sollen. Neapel war im 17. und 18. Jahrhundert ganz im Bann der Oper. Es gab nur wenige Komponisten, die keine Musik für das Theater komponierten. Allerdings wurde auch der geistlichen Musik grosses Gewicht beigemessen. Es gab viele Kirchen und Kapellen in der Stadt, und dazu gab es noch die königliche Kapelle, an der einige der grössten Komponisten Neapels verbunden waren. Nicht alle geistliche Musik war übrigens für den liturgischen Gebrauch gedacht. Es wurden auch para-liturgische und nichtliturgische Texte vertont, und solche Musik wurde beispielsweise an aristokratischen Höfen aufgeführt oder waren teil privater Andacht. Thibault Noally hat mit der Altistin Anthea Pichanick und seinem Ensemble Les Accents vier Werke aufgezeichnet, von denen vielleicht nur das Regina caeli von Porpora für die Liturgie gemeint ist. Dass er ein gesuchter Gesangslehrer war und sich intensiv mit Oper beschäftigte, kommt hier klar zum Ausdruck. Dieses Werk ist wenig bekannt, und das gilt auch für die Motette Turbido caelo mare furentes von Leonardo Leo. Es hat die damals übliche Form: zwei Arien, von einem Rezitativ getrennt, und schliesslich ein Amen. Der Text hat kaum geistliche Züge, und die erste Arie hat alle Merkmale einer Sturmarie in einer Oper. Die bekanntesten Werke dieser Produktion stammen von Alessandro Scarlatti: Totus amore languens und De tenebroso lacu sind schon einige Male aufgenommen worden, u.a. vom französischen Altisten Gérard Lesne. Das erstgenannte Stück ist eine Motette für Fronleichnam, das zweite Stück handelt von Seelen im Fegefeuer, die die Lebenden bitten, für eine Erleichterung ihres Schicksals zu beten. Es sind Werke, die ganz charakteristisch für Scarlattis Oeuvre sind: in beiden spielt der Kontrapunkt eine wichtige Rolle und wird der Text in der Musik ausgemalt. Somit ist eine CD entstanden, die eine Mischung von relativ bekannten und fast unbekannten Werken bietet. Ich war am Anfang skeptisch über diese CD, da ich von den Leistungen von Anthea Pichanick in der Aufnahme von Händels Messiah von Hervé Niquet nicht gerade begeistert war. Auch hier gibt es das Vibrato, das mich störte, und vor allem Porporas Regina caeli hat darunter zu leiden. Es manifestiert sich vor allem in Abschnitten in einem schnellen Tempo. Es gibt hier aber auch mehrere Arien in einem langsamen oder gemässigten Tempo, und da hat sie es stark reduziert, und es ist meistens auch viel kleiner, und deswegen weniger störend. Generell singt sie mit viel Einfühlsamkeit, wie in der zweiten Arie in der Motette von Leo. Schön ist auch die dynamische Differenzierung, sowohl zwischen guten und schlechten Noten als auch auf langen Noten. Und während des Abhörens haben ihre Qualitäten mich immer mehr beeindruckt. Sie ist auch eine echte Altistin, und solch tiefe Stimmen hört man nicht so oft. Das Ensemble Les Accents spielt sehr schön. Ich habe Gérard Lesne schon erwähnt. Es ist schön, dass Andrea Pichanick ihn mit Ehren nennt in ihren persönlichen Ausführungen im Textheft. Ihre Wertschätzung seines Wirkens hat er doppelt und dreifach verdient. Johan van Veen Caccini: Amarilli - Le Nuove Musiche 1601. fantazyas, Roberto Balconi Brilliant Classics - 96254 (2019; 69') Caccini: Le Nuove Musiche. Riccardo Pisani (Tenor), Ricercare Antico Brilliant Classics - 95794 (2018; 67') Rasi: La cetra di sette corde. Riccardo Pisani (Tenor), Ensemble Arte Musica, Francesco Cera Arcana - A492 (2020; 68') Stagioni d'amore. Hana Blaziková (Sopran), BernVocal, Fritz Krämer Passacaille - PAS 1110 (2019; 71') Campana: Arien zu 1, 2 und 3 Stimmen Ricercare Antico, Francesco Tomasi Brilliant Classics - 96008 (2019; 65') Jeder kennt die Sammlung Le Nuove Musiche von Giulio Caccini, oder auf jeden Fall ein darin aufgenommenes Lied: Amarilli mia bella. Es ist fast ein barocker Schlager, und ist in vielen Aufnahmen, entweder in der Originalform oder in irgendeiner Bearbeitung, erhältlich. Die anderen Lieder in dieser Sammlung sind viel weniger bekannt, und Gesamtaufnahmen dieses Liederbuches sind rar. Deswegen ist die Aufnahme von Roberto Balconi und dem Ensemble fantazyas höchst willkommen. Nur die Arien, die seiner Oper Il rapimento di Cefalo entnommen sind, wurden hier ausgelassen. Balconi, der früher als Altus sang, den aber eine gastroösophageale Refluxkrankheit verunsicherte beim Falsettsingen, hat sich auf die Entwicklung seiner Bruststimme konzentriert und singt jetzt als Tenor. Und dabei kam dann diese Sammlung von Caccini ins Visier, denn der Komponist lehnte die Interpretation seiner Lieder von einem Falsettsänger ab. Sie sollten von einer 'natürlichen Stimme' gesungen werden. 28 TOCCATA - 119/2022 CD-UMSCHAU

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