Toccata 03/2022

Bei der Vorbereitung dieser Aufnahme hat sich Balconi ausführlich und intensiv mit den Vorschriften zur Interpretation von Caccini selber auseinandergesetzt. Er schreibt im Textheft, was Caccini mit seinen Liedern vorhatte. Dabei geht es um das Verhältnis zwischen Musik und Text und die Behandlung des Rhythmus, Verzierungen und Dynamik. Ein wichtiges Element ist, dass Caccini nachdrücklich vor einem Überfluss an Verzierungen warnte. Er verwies dabei auf die in seiner Zeit beliebte Praxis der Diminutionen. So wie Instrumentalisten ein Vokalwerk behandelten, sollten Sänger seine Lieder keineswegs behandeln. Und das erklärt, warum Balconi sich im Bereich der Verzierungen eher zurückhält. Das Ergebnis ist durchaus überzeugend, und man würde hoffen, dass auch andere Sänger sich mal mit Caccinis Ausführungen beschäftigen würden. Balconis Aufnahme ist von grosser Bedeutung und musikalisch fesselnd. Die Qualität und Schönheit der Lieder von Caccini kommt hier ganz gut zum Tragen. Giangiacomo Pinardi und Marco Montanelli sind die idealen Partner Balconis auf der Theorbe bzw. dem Cembalo. Leider enthält das Textbuch keine Gesangstexte. Man mag sich wundern, dass das gleiche Label eine andere CD veröffentlicht hat, die sich mit dem gleichen Repertoire beschäftigt. Es gibt aber einige Unterschiede zwischen beiden. Erstens: wo Balconi sich auf das erste Liederbuch von Caccini beschränkte, haben Riccardo Pisani und das Ensemble Ricercare Antico auch Lieder aus dem zweiten Buch, das 1614 erschien, ausgewählt. Zweitens werden die Lieder hier von Instrumentalstücken von Zeitgenossen abgewechselt: Frescobaldi, Landi und dem fast unbekannten Philippo Nicoletti. Die Bedeutung dieser CD liegt vor allem in der Auswahl aus dem zweiten Buch, denn auch darin gibt es Lieder, die kaum bekannt sind. Auch in der Interpretation gibt es klare Unterschiede. Das fängt schon damit an, dass hier mehrere Instrumente an den Ausführungen beteiligt sind: Violine, Violone, Harfe, Erzlaute, Gitarre, neben der Theorbe; ein Cembalo ist nicht dabei. In einigen Liedern wird zwischen den Strophen ein Ritornello gespielt; das lässt sich gut verteidigen, denn Caccini nennt die Teilnahme "mehrerer Streichinstrumente" in den Arien als eine Möglichkeit. Die üppige Besetzung der Basso-continuo-Gruppe ist dagegen diskutabel, denn Caccini selber erwähnt die Chitarrone als ideales Begleitinstrument, was sich daraus erklären lässt, dass er die Lieder für einen Sänger gedacht hat, der sich selbst begleitet. Auch im Gesangsstil unterscheiden sich die beiden Aufnahmen. Mehr als Pisani pflegt Balconi einen deklamatorischen Vortrag; Pisanis Gesang ist mehr legato, und er ist noch zurückhaltender - zu zurückhaltend - in den Verzierungen. Und Balconis Vortrag ist auch dynamisch differenzierter. Insgesamt bleibt Pisani etwas flach. Auch die Tempi sind etwas zu langsam. Diese CD enthält, wie die von Balconi, keine Gesangstexte. Ein Dokument mit den Texten kann von der Internetseite von Brilliant Classics heruntergeladen werden. Darin finden sich auch englische Übersetzungen, aber das Ganze ist so schlamprig, dass es wenig nützlich ist. Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich hier eine CD rezensiert, die Francesco Rasi gewidmet war. Er war einer der berühmtesten Sänger seiner Zeit, der u.a. die Rolle des Orpheus in der Uraufführung von Monteverdis Oper L'Orfeo sang. Er machte aber auch als Komponist von sich reden. 1608 bzw. 1610 wurden zwei Sammlungen von Liedern aus seiner Feder gedruckt; für mehrere schrieb er selber die Texte. Riccardo Pisani und Francesco Cera wollten beide Elemente zusammenbringen, und so erklingen auf der CD, die sie für Arcana aufgenommen haben, vor allem Lieder auf Texten von Rasi selbst. Es war auch der Grund das Programm auf eine besondere Art zu gestalten. Pisani schreibt im Textheft: "Um diesen doppelten Aspekt von Rasis Werk hervorzuheben, haben wir uns von seinem literarischen Schaffen inspirieren lassen, insbesondere von seiner poetischen Anthologie La Cetra di Sette Corde (Die Kithara der sieben Saiten), ein Werk, das in sieben verschiedene Teile gegliedert ist. Jede 'Saite' ist einer prominenten Person seines Alters gewidmet und enthält Lobreden, vertonte Fabeln und andere Gedichte. Das Bild der Kithara steht daher als Metapher für unser Aufnahmeprojekt, als ob der Klang jeder vibrierenden Saite mit einem bestimmten Affekt mitschwingen würde. Die sieben Saiten, um Rasi selbst zu zitieren, durchdringen das Herz und verbinden sich in einer idealen Liebesbeziehung, die in poetischer Sprache beschworen wird und die vertrauten Stilmerkmale des Petrarchismus trägt". Alle Lieder sind im monodische Stil geschrieben; allerdings gibt es zwei unterschiedliche Gattungen: auf der einen Seite die strophische Aria, und auf der anderen das metrisch freie 'Madrigal'. Unter der erstgenannten sind auch sogenannte 'strophische Variationen' zu rechnen, in denen die Strophen alle auf einen 'basso ostinato' (wie Ruggiero und Romanesca) basieren. Ein besonderer Fall ist 'Hor ch'a noi rimena' (Thema eines Capriccios von Frescobaldi), denn dabei handelt es sich um ein ursprünglich französisches Lied. Die Bedeutung dieser Produktion kann kaum überschätzt werden. Wie die soeben genannte CD (mit Emiliano Gonzalez Toro) zeugt auch diese von der hohen Qualität der Lieder von Rasi. Er braucht sich vor seinem Kollegen Caccini - auch Sänger und Komponist - keineswegs zu verstecken. Sie stellt auch eine wesentliche Bereicherung der Diskographie dar, denn zehn der insgesamt 18 Lieder sind hier zum ersten Mal auf CD zu hören. Die Interpretation ist gut, zeigt aber auch die Mängel der Caccini-CD: Pisani singt zuviel legato, fügt zu wenig Verzierungen hinzu und ist dynamisch zu flach. Er ist am Besten, wenn er leise singt, und dann und wann behandelt er den Text mit viel Subtilität. Die Instrumentalisten sind exzellent in der Begleitung der Lieder und in den Instrumentalstücken, die eingeschoben sind. Diese CD mag nicht voll befriedigen, sie ist sowieso von grosser Bedeutung und jedem, der sich für die Musik des italienischen Frühbarock interessiert, zu empfehlen. Die Jahreszeiten haben für viele Komponisten als Inspirationsquelle gedient. Jeder kennt Vivaldis vier Konzerte mit dem Titel 'Le quattro stagioni' und Haydn widmete den Jahreszeiten ein Oratorium. Sie konnten aber auch als Metaphern für die Stationen der Liebe verwendet werden. Das machte, beispielsweise, der italienische Dichter Cesare Orsini (15711640), der in seinen 'Epistole amorose' (Liebesbriefen, 1619) seine Gefühle mit den Jahreszeiten vergleicht. Sie sind der Ausgangspunkt einer Produktion mit dem Titel 'Stagioni d'amore', die auf dem Label Passacaille erschien. Im Textbuch werden Orsinis Liebesbriefe mit Arcadia, der imaginären Welt von Hirten und Nymphen, in Verbindung gebracht. Diese Welt war das Ideal der höheren Kreise im 17. und 18. Jahrhundert, und findet seinen Ausdruck in den vielen Kantaten, die zu jener Zeit komponiert wurden. Dieses Ideal hat seine Wurzeln in der Renaissance: 1480 schrieb Jacopo Sannazaro sein Gedicht 'Arcadia'. Das Programm bringt Madrigale zu den verschiedenen Stationen der Liebe zusammen. Die Komponisten sind Biagio Marini (1594-1663), Giovanni Rovetta (c1595-1668) und Giovanni Valentini (c1582-1649). Marini war einer der grössten Geiger seiner Zeit und wirkte an vielen Orten; er war ein fruchtbarer Komponist, der nicht weniger als 22 Sammlungen mit Musik veröffentlichte. Valentini wurde als Organist ausgebildet und wirkte die längste Zeit seines Lebens am Kaiserhof in Wien. Rovetta wurde in Venedig geboren und war fast sein ganzes Leben in irgendeiner Weise mit dem Markusdom verbunden. Keiner dieser Komponisten ist wegen weltlicher Vokalmusik bekannt, und das macht diese Aufnahme umso interessanter und wichtiger. Die meisten Stücke werden hier wohl zum ersten Mal auf CD zu hören sein. Das Programm ist selbstverständlich in vier Kapitel aufgeteilt. Jedes enthält mehrere Madrigale sowie ein Instrumentalwerk von Marini, hier als 'Balletto' bezeichnet. Alle Madrigale sind im 'Concertato'-Stil geschrieben, was heisst, dass sie selbständige Instrumentalpartien enthalten, entweder zur Unterstützung der Singstimmen oder zur Darstellung von Ritornellos. Die Zahl der Stimmen ist unterschiedlich; zwei Stücke sind Duette, die von zwei Sopranistinnen bzw. zwei Tenören gesungen werden. Dem ganzen Programm ist ein Fragment aus Marinis 'Le lagrime d'Erminia', einem Monolog für Sopran und Basso continuo, vorangestellt. Dieses Stück wird eindrucksvoll gesungen von Hana Blaziková. Sie ist auch eine der Sänger*innen im Ensemble, das hier brillante und eindringliche Interpretationen bringt. Diese CD ist eine der besten Madrigalproduktionen, die ich in den letzten Jahren gehört habe. Sowohl aufgrund des unbekannten, aber hochkarätigen und faszinierenden Repertoires als der ausgezeichneten Darbietungen steht diese CD auf meiner Jahresbestenliste. Komponieren war viele Jahrhunderte Männersache. Es gab wenige Komponistinnen, und die meisten solcher waren Nonnen, die in den Klöstern für den eigenen (liturgischen) Gebrauch Musik komponierten. Die wenigsten hatten die Gelegenheit, ihre Werke durch Druckausgaben zu verbreiten. Es half der einen oder anderen, wenn sie über gute Kontakte verfügte. Im Falle von Francesca Campana (c16101665) war das Luigi Rossi, ihr Schwager, der einer der grössten Komponisten seiner Zeit war. Sie wurde als Cembalistin erzogen und trat als Sängerin auf, wobei sie sich selbst auf dem Spinett begleitete. Zwei ihrer Lieder wurden in einem Sammelband veröffentlicht, und 1629 erschien ihre einzige erhaltene Sammlung von Liedern in Druck, unter dem Titel 'Arie a una, due e tre voci'. Eine zweite Sammlung, 1630 gedruckt, ist verschollen. Das Ensemble TOCCATA - 119/2022 29 CD-UMSCHAU

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