Toccata 03/2022

Ricercare Antico hat die ganze Sammlung von 1629 aufgenommen; angesichts der Spieldauer fragt man sich, warum man auch nicht die beiden ersten Lieder einbezogen hat. Die meisten Arien sind strophisch, aber es gibt auch einige durchkomponierte. Die bemerkenswerteste dieser Arien ist ein Sonett, dessen vier Abschnitte als selbständige Arien, jeweils mit eigener Musik, vertont sind. Um ihre Zusammengehörigkeit zu unterstreichen, werden sie hier von einer einzigen Sängerin dargestellt. Leider lässt das Textheft uns im Stich: es gibt keine Gesangstexte, was es unmöglich macht, die Verbindung zwischen Musik und Text zu erfahren. Es gibt auch keine Hinweise auf die Aufführungspraxis: ich hätte gerne gewusst, ob es, beispielsweise im Vorwort, Anweisungen zur Beteiligung von Instrumenten gibt. Diese treten hier auf, wie in der soeben besprochenen Aufnahme mit Werken von Caccini, mit Riccardo Pisani. Und auch hier ist der Basso continuo üppig besetzt. Eines der Stücke wird am Ende ausgeblendet - eine merkwürdige Praxis. Das letzte Stück scheint in einer anderen Akustik aufgenommen zu sein, die mir an ein Schwimmbad erinnert; die übrigen Werke sind viel intimer gehalten. Es wirken vier Sänger*innen mit, und sie singen generell gut. Auch die Instrumentalisten machen alles richtig. Trotzdem, das ganze Konzept und die Art und Weise, in der diese Arien ausgeführt werden, hat mich nicht wirklich überzeugt. Zwischendurch klingen Instrumentalwerke; das sind meistens Stücke für ein Tasteninstrument, die hier in anderer Besetzung erklingen. Wie erfreulich es auch ist, dass Francesca Campanella die Aufmerksamkeit empfängt, die sie verdient hat, ich hoffe, dass ihre Werke mal in einer überzeugenderen Interpretation auf den Markt kommen. Johan van Veen They that in ships unto the sea down go - Musik für die Mayflower. Passamezzo Resonus Classics - RES10263 (2019; 62') Music for the Eyes - Masques and Fancies. Concerto Scirocco, Giulia Genini Arcana - A523 (2021; 64') An Evening at the Theatre - English Stage and Dance Music. The Theater of Music/Marion Fermé Ramée - RAM 2002 (2020; 77') Jenkins: Four-Part Consorts. Phantasm Linn Records - CKD 677 (2012; 77') Locke: The Flat Consort. Fretwork Signum Classics - SIGCD696 (2021; 68') Dann und wann erscheinen Aufnahmen zur Erinnerung an historische Ereignisse. Man denke hier an den Dreissigjährigen Krieg. Das Ensemble Passamezzo hat eine CD aufgenommen mit Musik, die sich mit der Reise der Mayflower in Verbindung bringen lässt. Die Mayflower war ein Segelschiff, mit dem die Pilgrim Fathers, von denen viele aus Mittelengland stammten, 1620 nach Amerika aufbrachen, um dort ein neues Leben zu führen. Die 'Separatisten', wie sie genannt wurden, verliessen England aus religiösen Gründen. Es gibt eine grosse Ähnlichkeit zwischen ihren Glaubensauffassungen und denen der Puritaner, und dazu gehört eine eher negative Haltung zur Musik. Allerdings wurde diese nicht von jedem geteilt, und das zeigen die drei Musikbüchlein, die im Inventar der Bibliothek von William Brewster, einem der Auswanderer, gefunden worden sind. Sie stammen aus der Zeit vor der Abfahrt. Eines der Büchlein enthält Psalmen von Henry Ainsworth, der sich 1593 in Amsterdam niederliess und dort eine neue Kirche gründete. Er übersetzte die Psalmen aus dem Hebräischen und fügte Melodien hinzu. Diese Psalmen wurden in der Neuen Welt bis ans Ende des 17. Jahrhunderts gesungen. Ein zweites Psalmbuch stammte von Richard Allison, der auch Instrumentalmusik komponierte. Er war selber kein Separatist, und deswegen wundert es nicht, dass es in seinem Psalmbuch Hinweise auf die Einbeziehung von Instrumenten gibt. Dass dieses Buch mitgenommen wurde, ist dann doch überraschend. Im Textheft wird darauf hingewiesen, dass Robert Browne, der Gründer der Separatisten, selber Laute spielte und sein Sohn in Gottesdiensten zur Begleitung des Gesangs auf der Gambe spielte. Die grösste Überraschung ist aber das dritte Musikbuch, denn darin finden sich weltliche Lieder. Wie so oft in Liedbüchern der Zeit gibt es nur Hinweise auf Melodien; die können dann aus anderen Quellen rekonstruiert werden. So steht in diesem Buch ein Lied, deren Melodie von John Dowland stammt, und mit einem anderen Text versehen ist; man nennt so ein Stück ein Kontrafakt. Dass solche Lieder von den Separatisten gesungen wurden, ist unwahrscheinlich. Es könnte von einem Fahrgast stammen, der selber nicht zu den Separatisten gehörte, beispielsweise einem Handelsreisenden. Ein Teil des eingespielten Programms ist diesen drei Musikbüchlein entnommen, aber es wurde auch andere Musik aufgenommen, die das Bild der Zeit vervollständigt. Somit bietet diese Produktion ein interessantes und fesselndes Bild, nicht nur einer religiösen Bewegung - die zur Gründung der USA substantiell beigetragen hat - sondern auch der englischen Kultur. Denn hier erklingen Lieder, die man in den vielen Konzertprogrammen und CD-Aufnahmen mit englischer Musik des frühen 17. Jahrhunderts nie hört. Die ausgewählten Stücke werden vorzüglich gesungen und gespielt. Schade nur, dass man sich nicht für eine historische Aussprache entschieden hat. Wie farbenreich die englische Musikszene zu jener Zeit war, dokumentiert auch die nächste CD, die sich auf die weltliche Musik konzentriert. Solche Musik war entweder für den häuslichen Gebrauch in den höheren Kreisen bestimmt (Consortmusik, Musik für Laute oder Virginal) oder für Aufführungen auf der Bühne. Die wichtigste Form der Bühnenmusik war die 'masque', eine Mischung aus gesprochenem Text, Liedern, Tänzen und Instrumentalmusik. Masques wurden in den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts vor allem am Hofe aufgeführt; damit sind die Namen des Poeten Ben Jonson und des Bühnenbildners Inigo Jones verbunden. Tänze spielten eine Hauptrolle in einer Masque, und es wurde grossen Wert auf die Einheit von Tanz und Musik gelegt. Das wird im Titel der bei Arcana erschienen CD zum Ausdruck gebracht: übersetzt heisst es "Musik für die Augen". Diese CD enthält aber nicht nur Musik, die fürs Theater geeignet war oder dafür gemeint war, sondern auch Kammermusik, insbesondere Fantasien von John Hilton. Damit wird die Theatermusik in einen breiteren Zusammenhang gestellt. Das Ensemble Scirocco hat dabei einige Fallstricke vermieden. Der erste ist, dass man den Eindruck erweckt, dass alle Musik im Theater erklungen ist. Die Fantasien von John Hilton sind dafür sicherlich nicht gemeint. Das hat Konsequenzen für die Besetzung und die Spielweise, und dessen sind sich die Musiker voll bewusst. Zweitens: obwohl Schlagzeug zweifellos im Theater benutzt wurde, sollte es nicht überall, aber mit Augenmass eingesetzt werden, wie es hier der Fall ist. Drittens: die Besetzung von Instrumentalmusik wurde damals oft nicht erwähnt, und es war gang und gäbe, sie den Umständen oder den Möglichkeiten anzupassen. Das will aber nicht heissen, dass man jedes Stück mit den bevorzugten Instrumenten spielen könnte. Das Ensemble spielt mit verschiedenen Instrumenten (Geigen, Gamben, Zinken, Posaunen, Dulcian, Blockflöte, Zupf- und Tasteninstrumente), aber diese werden immer sorgfältig eingesetzt, gemäss dem Charakter des jeweiligen Stücks. Es gibt nur ein Kritikpunkt: es erklingen einige Werke von William Brade. Der war zwar englischer Abstammung, wirkte aber in Norddeutschland, wo er auch seine Musik veröffentlichte. Es ist fraglich, ob man seine Musik in England kannte. Und sein 'Coral' ist für Violine solo, aber solche Musik wurde in England erst um die Mitte des 17. Jahrhunderts gespielt. Das fällt hier aber kaum ins Gewicht. Concerto Scirocco hat ein höchst unterhaltsames und abwechslungsreiches Programm eingespielt, das hier vorzüglich über die Bühne gebracht wird. Das Ensemble hat in den letzten Jahren schon einige gute Aufnahmen zustandegebracht, und zeigt auch hier seine grossen Qualitäten. Die nächste CD knüpft in gewisser Weise an diese heran, denn hier erklingt ebenfalls Musik fürs Theater, aber dann aus einer späteren Zeit, als Henry Purcell seine masques und SemiOpern komponierte. Die Theaterstücke des 17. Jahrhunderts lassen sich meistens nicht rekonstruieren; zuviele Elemente sind unbekannt, da sie verlorengegangen sind oder nie aufgeschrieben wurden. Was bleibt, sind die Lieder und Instrumentalstücke. Solche wurden unter anderem von John Playford veröffentlicht. In solchen Sammlungen finden sich auch Melodien, die aus dem 16. oder frühen 17. Jahrhundert stammen. Bei der soeben besprochenen CD wies ich auf einige Fallstricke hin. Leider hat The Theater of Music diese nicht vermieden. Es erklingt Musik von Nicola Matteis, einem aus Neapel stammenden Violinvirtuosen, der grossen Eindruck machte mit seinem Spiel, in einem Stil, den man in England nicht kannte. Es wird den Eindruck erweckt, dass solche Musik in Theaterstücken erklang, aber das ist höchst unwahrscheinlich. Im Theater wurde die Musik meistens von Laien gespielt, und Matteis' Stücke waren für sie wohl zu schwierig. Es wird eine Suite für Gambenconsort von Matthew Locke gespielt, und das ist - wie die obengenannten Fantasien von Hilton - eindeutig Kammermusik, und nicht fürs Theater bestimmt. Marion Fermé, die Leiterin des Ensembles, spielt in einigen Stücken Diminutionen von Jacob van Eyck. Schön, aber hier ein Fremdkörper, denn es ist mehr als fraglich, ob man in England seine Variationen für die Blockflöte kannte. In seinen Variationen über Doen Daphne spielt ein Virginal mit, obwohl Van Eyck nie eine Begleitung verlangt. Das Programm ist auch ein wenig einseitig: es enthält nur zwei Lieder, wo doch Vokalmusik ein wichtiger Bestandteil von Theateraufführungen war. Ich habe also durchaus einige Einwände gegen diese 30 TOCCATA - 119/2022 CD-UMSCHAU

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