Toccata 03/2022

CD-UMSCHAU 32 TOCCATA - 119/2022 fra bernardo - fb 1909712 (2018; 69') "La Festa della Salute for the Deliverance from the Plague - Venezia 1631". ecco la musica, Heike Hümmer, Matthias Sprinz Christophorus - CHR 77457 (2020; 75') Für viele Jahrhunderte war Venedig ein Zentrum von Musik und Kunst. Aristokraten besuchten die Stadt als Station auf ihrem 'grand tour' und bewunderten den Markusdom und das reiche Musikleben, das die Macht der Stadt zum Ausdruck bringen sollte. Die Gabrielis spielten eine wichtige Rolle im Musikleben der Lagunenstadt. Heutzutage ist es vor allem Giovanni, dessen Musik aufgeführt und aufgenommen wird. Sein Onkel Andrea (1533-1585) bleibt etwas im Schatten, und deswegen ist es zu begrüssen, dass Manfred Cordes mit seinem Ensemble Weser-Renaissance ihm eine Aufnahme gewidmet hat. Gabrieli war in erster Linie Organist, und neben Orgelwerken hat er auch geistliche Vokalmusik hinterlassen. Dazu komponierte er Madrigale sowie Musik für die Bühne. Cordes hat sich auf die beiden ersten Gattungen beschränkt. Die Vokalwerke stammen meistens aus einer Sammlung, die 1587 posthum veröffentlicht wurde; darin befinden sich auch Werke von Giovanni. Dazu kommen noch einige Messsätze sowie 'Domine, ne in furore tuo', aus der Sammlung von sieben Busspsalmen, die 1583 gedruckt wurde. Zur Abwechslung spielt Edoardo Bellotti einige Orgelwerke. Es ist schade, dass man nicht die Gelegenheit genutzt hat, die sogenannten Intonationi einzubeziehen, die zum Ziel hatten, Vokalwerke einzuleiten. Drei der Gattungen in der Musik für Tasteninstrumente sind hier vertreten: Toccata, Canzona und Ricercar. Darüber hinaus spielt Bellotti eine eigene Transkription der Motette 'Angelus ad pastores ait'. Das war eine damals gängige Praxis. Es sind meistens doppelchörige Werke der Gabrielis, die aufgeführt werden, aber beide haben auch Werke für kleinere Besetzungen geschrieben. Es erklingen hier auch Motetten für vier, sechs und sieben Stimmen. Das sorgt für Variation im Programm, wie auch die unterschiedliche Besetzung des Ensembles. Die Musik Venedigs wird häufig mit Beteiligung von Instrumenten, insbesondere Zinken und Posaunen, aufgeführt (wie auch hier), aber solche Aufführungen waren damals Ausnahme. Oft wurde Musik mit nur Orgelbegleitung oder sogar a capella aufgeführt. Das hört man hier auch: 'Angelus as pastores ait' wird a capella gesungen, wie auch der obengenannte Busspsalm. In 'O gloriosa Domina' werden die Sänger nur von Dulzian und Orgel begleitet. Manfred Cordes und sein Ensemble haben wieder einmal für eine wunderschöne und eindrucksvolle Interpretation gesorgt, in der Andrea Gabrielis Musik auf ideale Weise zum Tragen kommt. Bellotti ist ein exzellenter Organist, der hier einen 'modifizierten Nachbau' eines italienischen Instruments des 17. Jahrhunderts spielt. Selbstverständlich sind alle Vokalwerke von Andrea Gabrieli im 'stile antico' geschrieben. Darin sind alle Stimmen grundsätzlich gleichwertig. Das änderte sich um 1600. Es entstand die sogenannte 'seconda pratica', in der der Text im Mittelpunkt steht und um der Verständlichkeit willen, die Zahl der Stimmen reduziert wird, sogar bis auf eine einzige, die von einem Bassinstrument oder einem kleinen Instrumentalensemble begleitet wird. Solche Musik erklingt auf den beiden nächsten CDs, die ebenfalls Musik aus Venedig enthalten. Der Altus Matthias Lucht hat, mit Jürgen Banholzer auf dem Cembalo und der Orgel, ein Programm mit Solomotetten venezianischer Komponisten aufgenommen. Schön ist, dass er die bekannten Werke grösstenteils vermieden hat; lediglich Monteverdis Pianto della Madonna, seine eigene Bearbeitung des Lamento d'Arianna aus seiner verschollenen Oper, gehört zum Standardrepertoire von Sängern. Auch einige Motetten von Alessandro Grandi mögen dem einen oder anderen bekannt sein, aber Bartolomeo Barbarino (?- nach 1640) gehört zu den Komponisten der Zeit, die von einem Grossmeister wie Monteverdi überschattet werden. Er wirkte als Organist an der Kathedrale zu Pesaro, und das brachte ihm den Beinamen Il Pesarino ein, was den Titel dieser CD erklärt. Giovanni Paolo Caprioli (?-c1627) ist ebenfalls ein kaum bekannter Name. Giovanni Rovetta (1595/971668) ist etwas bekannter, aber nicht sonderlich gut auf CD vertreten. Schliesslich gibt es noch Francesco Usper (1561-1641), der - wenn schon - vor allem mit Instrumentalwerken auf CD zu hören ist. Jürgen Banholzer steuert Werke für Tasteninstrumente von Frescobaldi, Giovanni Gabrieli und Michelangelo Rossi bei. Sowohl die Solostücke als die Vokalwerke profitieren von zwei italienischen Instrumenten: einer Kopie eines Cembalos von Grimaldi (1697) und einer 1532/33 von Vincenzo Colombi erbauten Orgel. Matthias Lucht verfügt über eine sehr schöne Stimme und weiss, wie man dieses Repertoire darstellen sollte. Die Affekte kommen gut zum Tragen und auch die Behandlung der Dynamik (insbesondere die Verwendung des 'messa di voce') ist wie sie sein sollte. Allerdings hätte er sich rhythmisch etwas grössere Freiheiten erlauben sollen, insbesondere in Monteverdis Pianto della Madonna. Banholzer ist exzellent in der Begleitung und in den Solostücken. Ich möchte diese CD jedem an dieser Zeit der Musikgeschichte Interessierten nachdrücklich empfehlen, wegen der Interpretation und des Repertoires. Wenn man sich die Jahreszahlen der Komponisten aus Norditalien anschaut, fällt auf, dass viele 1630 oder 1631 verstorben sind. In diesen Jahren wurde ein Grossteil dieser Region von der Pest heimgesucht, und es ist anzunehmen, dass die meisten Komponisten, die in diesen Jahren verstorben sind, dieser Epidemie zum Opfer gefallen sind. Das gilt auf jeden Fall für Alessandro Grandi und Giovanni Paolo Cima, und möglicherweise auch für Giovanni Battista Fontana und Dario Castello. Oktober 1630 beschloss der Doge Nicolò Cantarini einer Kirche Maria zu widmen, falls die Stadt von der Pestepidemie befreit würde. Er hat das Ende der Epidemie nicht erlebt, da er ihr selber unterlag. Wegen finanzieller Schwierigkeiten wurde die Kirche Santa Maria della Salute erst 1687 eingeweiht. Allerdings fand 1631 schon ein Dankfest statt, und es steht fest, dass Monteverdi eine Messe komponierte, die im Markusdom aufgeführt werden sollte; um welches Werk es sich dabei handelt, ist aber nicht bekannt. Das Ensemble ecco la musica erinnert mit einer CD an dieses Dankfest, und da wir nicht wissen, welche Musik damals aufgeführt wurde, wird hier eine Übersicht der Musik aus jener Zeit geboten, einschliesslich Werke jener Komponisten, die der Pest zum Opfer gefallen sind. Auch hier begegnen wir wieder den obengenannten Bartolomeo Barbarino. Ferner hören wir Werke von Bertali, Castello, Cavalli, Cima, Fontana, Grandi, Merula, Monteverdi, Riccio, Rovetta, Scarana und Selma y Salaverde. Die Namen der meisten Komponisten sind bekannt, aber viele hier aufgeführten Werke sind es nicht. Ausserdem haben Komponisten die Wahl der Instrumente oft den Interpreten überlassen, und deswegen sind die Darstellungen eines einzigen Werkes oft unterschiedlich. Wir haben hier eine schöne und interessante Abwechslung von Vokal- und Instrumentalwerken. Gerlinde Sämann ist die perfekte Interpretin der Vokalwerke, die sowohl in der Dynamik als in den Verzierungen alles richtig macht. Auch die Instrumentalwerke werden sehr schön dargestellt. Nur dann und wann fand ich die Wahl der Instrumente nicht ganz befriedigend, beispielsweise die Kombination von Zink und Geige in Monteverdis 'Confitebor tibi Domine'. Insgesamt fällt das aber kaum ins Gewicht. Das Repertoire übt mit Recht eine grosse Faszination auf Interpreten aus, und das ist leicht zu verstehen, wenn man diese schöne CD hört. Johan van Veen Vivaldi, Guido: Le quattro stagioni. Orchestre de l'Opéra Royal/Andrés Gabetta (Violine) Château de Versailles Spectacles - CVS042 (2 CDs, DVD) (2020; 1.34' / 1.10') Vivaldis Jahreszeiten. Bolette Roed (Blockflöte), Arte dei Suonatori Pentatone - PTC 5186 875 (2 CDs) (2017/18; 2.35') Vivaldi: Flötenkonzerte Op. 10. Carlo Ipata (Traversflöte), Auser Musici Glossa - GCD 923530 (2020; 48') Vivaldi ist heute einer der am meisten gespielten Komponisten des Barock. Viele seiner Werke werden aufgeführt und aufgenommen. Das war nicht immer so. Es gab eine Zeit, dass nur einige Werke allseits bekannt waren. Dazu zählten mit Sicherheit die vier Konzerte, die als 'die vier Jahreszeiten' bekannt sind, und als solches in Vivaldis Opus 8 aufgenommen wurden. Vivaldi war aber beileibe nicht der einzige Komponist, der sich den Jahreszeiten widmete. Ein anderer war Giovanni Antonio Guido (c1675-1729). Er wurde in Genua geboren und wurde in Neapel als Geiger ausgebildet. Einige Jahre war er im Dienste des Hofes, ging dann nach Frankreich, wo er sich einen Namen machte als Solist, unter anderem beim Concert Spirituel. Da waren Vivaldis Konzerte inzwischen zu Dauerrennern aufgestiegen. Allerdings sind Guidos Konzerte, mit dem Titel 'Scherzi armonici sopra le quattro stagioni dell'anno', nicht von Vivaldis Konzerten beeinflusst. Vivaldi veröffentlichte seine Konzerte um 1725, und obwohl Guidos Konzerte etwa ein Jahr später gedruckt wurden, sind sie um die zehn Jahre zuvor entstanden. Auch er basierte seine Konzerte auf Gedichte, 'Les Caractères des Saisons'. Stilistisch und in ihrer Struktur sind sie grundverschieden von Vivaldis Konzerten. Guidos Konzerte haben die Form einer Suite: die

RkJQdWJsaXNoZXIy OTM2NTI=