Toccata 03/2022

Zahl der Sätze variiert von sechs bis dreizehn. Die Besetzung hat er den Interpreten überlassen, aber die Partitur enthält auch Partien für Bläser. Und da gibt es dann eine Verbindung zu Vivaldis Konzerten, wie Andrés Gabetta sie eingespielt hat: nicht in der gewohnten Besetzung für Violine, Streicher und Basso continuo, sondern mit Bläserstimmen, wie sie in einer Fassung, die in Dresden aufbewahrt wird, zu finden sind. Übrigens nehmen die Bläser nur an den schnellen Sätzen Teil. Ich weiss nicht, ob diese Fassung schon mal aufgenommen worden ist; ich kann mich nicht erinnern, sie gehört zu haben. Auf jeden Fall hat sie Seltenheitswert, und das macht diese Einspielung auf jeden Fall wertvoll und interessant. Die Interpretationen sind an sich gut gelungen. Allerdings haben die Interpreten sich dazu verleiten lassen, etwas zuviel zu tun: innerhalb der Suiten von Guido wird zu oft die Besetzung gewechselt, nicht nur zwischen Sätzen - die oft auch sehr kurz sind - sondern auch innerhalb einzelner Sätze. Dadurch wird das ganze etwas zu bunt. Die Teilnahme einer Orgel im Basso continuo ist diskutabel. Die Spielweise ist, wie wir es oft von italienischen Ensembles hören: energisch, aber nicht immer verfeinert. Unterhaltsam ist diese Produktion schon. Es liegt eine DVD bei, und darauf wird das gleiche Programm im Palast zu Versailles gespielt. Das ist natürlich schön um anzuschauen, aber musikalisch hat es nichts Besonderes zu bieten. Das es keine Kapitel gibt, ist ärgerlich. Die Jahreszeiten haben auch die dänische Blockflötistin Bolette Roed zu einer Aufnahme mit Konzerten von Vivaldi angeregt. Im Textheft lesen wir, dass viele Konzerte von Vivaldi einen Titel tragen, die sich auf den musikalischen Inhalt beziehen, aber auch Konzerte ohne einen Titel oft Effekte enthalten, die einen Titel rechtfertigen könnten. Von diesem Gedanken hat Bolette Roed sich leiten lassen. Sie wählte sechzehn Konzerte aus und ordnete sie nach den vier bekannten Konzerten des Opus 8. Die Konzerte sind in vier Gruppen aufgeteilt: es erklingen jeweils drei Konzerte, und als vierte eines der vier Jahreszeiten. Im ersten Abschnitt, das dem Frühling gewidmet ist, wird das Konzert RV 335a gespielt, das den Titel 'Il rosignuolo' (die Nachtigall) trägt. Alle Konzerte sind ursprünglich für Violine, Streicher und Basso continuo gedacht. Und damit sind wir dann direkt beim grössten Problem dieser Produktion. Die von Vivaldi beabsichtigten Effekte lassen sich nur begrenzt mit einer Blockflöte darstellen. Das hat mit zwei Merkmalen des Instruments zu tun, in denen es sich von der Geige unterscheidet: die relativ geringe dynamische Bandbreite und die begrenzte Farbenpalette. Beim soeben erwähnten 'Nachtigall'-Konzert ist die Blockflöte relativ überzeugend, aber in den meisten anderen bleibt zu viel auf der Strecke. Ein Beispiel ist der letzte Satz des 'Herbst'-Konzerts, und im 'Winter' ist die Blockflöte kaum in der Lage, die eisige Atmosphäre zum Ausdruck zu bringen. Und dazu kommt noch, dass die Blockflöte sich im Klang deutlich von den Streichern abhebt, wo die Geige viel mehr im Ganzen integriert ist. Damit ändert sich auch das Verhältnis zwischen Solo und Tutti. Wie verständlich es auch ist, dass Blockflötisten sich nicht mit den wenigen Konzerten, die Vivaldi für ihr Instrument komponiert hat, begnügen möchten, ich glaube nicht, dass es viele Konzerte gibt, die sich auf überzeugende Weise für das Instrument adaptieren lassen. Es gibt vielleicht einen guten Grund, warum die Blockflöte im Oeuvre von Vivaldi einen eher bescheidenen Platz einnimmt. Im Grunde genommen war es ein Instrument der Vergangenheit, das vor allem von Laien gespielt wurde, und es passte vielleicht nicht so richtig zur dynamischen Kompositionsweise Vivaldis. Dabei muss gesagt werden, dass Bolette Roed eine hervorragende Blockflötistin ist, aber auch - wie ich bei früheren Aufnahmen schon feststellte - eher zurückhaltend in der Interpretation ist. Fazit: Vivaldi bleibt immer interessant und unterhaltsam, aber diese Produktion bringt das nur begrenzt zum Ausdruck. Die sechs Flötenkonzerte Op. 10, die Vivaldi 1729 bei Le Cène in Amsterdam drucken liess, dokumentieren die wachsende Beliebtheit der Traversflöte auf Kosten der Blockflöte. Zwei dieser Konzerte sind Umarbeitungen von Stücken mit einer Solopartie für Blockflöte. Auch drei andere Werke sind Bearbeitungen; nur das vierte ist ein für diese Sammlung komponiertes Werk. Drei der Konzerte tragen Titel. Sowohl Blockflöte als Traversflöte wurden in Instrumentalmusik, aber auch in Opern und Kantaten, oft zur Ausbildung von Vogelgesang eingesetzt. So wundert es nicht, dass die Flöte im dritten Konzert perfekt geeignet ist, um den Distelfink (Il Gardellino) zu porträtieren. Auch die Nacht (La Notte) ist für die Flöte gefundenes Fressen; der gefühlvolle Klang ist genau richtig um den Schlaf im fünften Satz auszumalen. Im turbulenten ersten Konzert, mit dem Titel 'La tempesta di mare' (Der Sturm auf dem Meer), kommen vor allem die dynamischen Möglichkeiten der Flöte zum Tragen. Carlo Ipata weiss schon, wie er diese Aspekte auf überzeugende Weise darstellen soll. Es gibt klare dynamische Kontraste und auch die Tempi sind gut gewählt; er vermeidet jede Effekthascherei. Sehr schön sind seine Verzierungen. Das Ensemble spielt in solistischer Besetzung, und das scheint mir auf jeden Fall in diesen Konzerten genau richtig. Es ist schade, dass Ipata sich auf die sechs Konzerte Op. 10 beschränkt hat. Es gibt noch mehrere Flötenkonzerte im Oeuvre von Vivaldi, und es wäre schön gewesen, wenn er zumindest einige mitaufgenommen hätte. Die CD ist schon etwas kurz geraten. Trotzdem sollten Vivaldi- und Traversflötenliebhaber sich sie nicht entgehen lassen. Johan van Veen Siret: Cembalosuiten. Vera Alperovich, Daniele Luca Zanghì (Cembalo) Brilliant Classics - 96130 (2 CDs) (2.09') Die Familie Rameau. Justin Taylor (Cembalo, Fortepiano) Alpha - 721 (2020; 79') Sentiment. Alexandra Ivanova (Cembalo) Genuin - GEN 21733 (2018; 82') Französische Cembalomusik erfreut sich grosser Beliebtheit. Jedes Jahr erscheinen Aufnahmen mit Werken von den Couperins, Forqueray oder Rameau, um nur einige der bekanntesten zu nennen. Es gibt aber auch Repertoire, das selten zu hören und kaum auf CD zu haben ist. Dazu zählen die Cembalowerke von Nicholas Siret (1663-1754). Er lebte und wirkte die längste Zeit seines Lebens in Troyes, südöstlich von Paris. Er stammte aus einer Dynastie von Organisten, und wurde auch selbst als Organist ausgebildet. Möglicherweise hat er einige Zeit in Paris gewohnt, aber dafür gibt es keine Beweise. Fest steht, dass er François Couperin persönlich kannte, denn sein erstes Cembalobuch, das wahrscheinlich zwischen 1707 und 1711 gedruckt wurde, ist ihm gewidmet, und im Vorwort nennt er Couperin ein "perfektes Vorbild". Allerdings hat Couperins Musik in Sirets erstem Buch kaum Spuren hinterlassen. Wo Couperin häufig Charakterstücke komponierte, sucht man solche bei Siret vergebens. Die beiden Suiten eröffnen mit einer Ouvertüre, die allerdings nichts mit der Oper zu tun hat. Ein zweites Buch, diesmal mit drei Suiten, erschien 1719. Es eröffnet mit einer prélude non mesuré; diese Form war damals schon aus der Mode. In diesem Buch gibt es aber ein paar Stücke, die möglicherweise von Couperin inspiriert sind, und auch einige Charakterstücke. Ein Zeichen der Zeit ist auch, dass mehrere Stücke die Form eines Rondeaus haben, die damals schnell an Popularität gewann. In beiden Büchern finden sich - fast selbstverständlich - einige Stücke über einen Basso ostinato, entweder Chaconne oder Passacaille. Soviel ich weiss, ist die bei Brilliant Classics erschienene Gesamtaufnahme die dritte. Die erste erschien 1998 auf dem Label Accord; der Cembalist war Davitt Moroney. 2017 erschien eine zweite Aufnahme, und zwar von Fernando De Luca (Urania Records), die ich aber nicht kenne. Moroneys Aufnahme mag vergriffen sein und Urania Records ist ein wenig bekanntes Label. Deswegen ist diese Neuaufnahme sehr zu begrüssen. Schade, dass man - in Gegensatz zu Moroney - nicht auch das einzige Orgelwerk von Siret aufgenommen hat. Es war Platz genug auf einer der CDs, und Stefano Molardi, der die Programmerläuterung im Textheft schrieb, ist selber Organist. Er ist auch der Lehrer der beiden Interpreten, die als Pianisten ausgebildet sind, und erst später sich dem Cembalo zugewandt haben. Es ist eindrucksvoll, wie sie sich in relativ kurzer Zeit zu exzellenten Cembalisten entwickelt haben. Dann und wann fand ich Vera Alperovich etwas zu schroff und habe ich Eleganz vermisst. Daniele Luca Zanghi verwendet den 4'-Register in einem Stück, was meiner Meinung nach eine unglückliche Entscheidung war. Das sind aber Kleinigkeiten. Diese Produktion ist von grosser Bedeutung. Hoffentlich trägt diese Aufnahme zur Bekanntheit von Siret bei. Unbekanntes hat auch die nächste CD zu bieten. Jean-Philippe Rameau kennt jeder, und die meisten wissen auch, dass er aus einer musikalischen Familie stammte. Was ist mit den anderen Rameaus? Ihre Musik hört man so gut wie nie. Das war der Grund, dass sich Justin Taylor der Familie Rameau widmete. Neben Stücken von Jean-Philippe erklingen Werke seines Sohnes Claude-François (1727-1788), seines jüngeren Bruders Claude (1689-1761) sowie dessen Sohns Lazare (1757-1794). Ehrlich gesagt hatte ich von dieser Aufnahme etwas mehr erwartet. Die Werke von Jean-Philippe Rameau liegen in vielen Aufnahmen vor, aber - wie gesagt - die Kompositionen seiner Angehörigen sind so gut wie unbekannt. Dann ist es schon etwas einttäuschend, wenn man von Lazare nur einen Satz aus einer seiner drei Sonaten hört. CD-UMSCHAU 34 TOCCATA - 119/2022

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