Toccata 03/2022

35 CD-UMSCHAU Diese Sonaten sind für Cembalo oder Fortepiano mit einer Violine ad libitum. Und von Claude-François hören wir nur einen Satz aus einer Suite mit fünf Sätzen. Von Claude spielt Taylor das einzige Instrumentalstück, das er hinterlassen hat, ein Menuett, das Teil einer Kantate ist. Taylor hat aber auch zwei Stücke aufgenommen als Hommage an Rameau. Zum einen sind das Variationen über Les Sauvages, das Rameau in seine Oper Les Indes galantes aufnahm; der Komponist ist Jean-François Tapray (c1738-c1819). Und am Ende des Programms erklingt die Hommage à Rameau von Claude Debussy, der von der Musik Rameaus, die in seiner Zeit wiederentdeckt wurde, sehr beeindruckt war. Taylor spielt dieses Werk auf einem Érard-Flügel des Jahres 1891. In den Cembalowerken spielt er ein anonymes Instrument vom um 1730, das Pierre Donzelague zugeschrieben wird. Es ist ein sehr schönes Cembalo mit zwei Manualen, das sich perfekt für das hier eingespielte Programm eignet. Justin Taylor hat seit 2015, als er in Brügge das Cembalowettbewerb gewann, eine steile Karriere gemacht. Mehrere Soloaufnahmen sowie Einspielungen mit seinem Ensemble Le Consort sind schon erschienen. Das leuchtet ein, wenn man diese CD hört. Er spielt technisch brillant, aber die Technik steht im Dienste der Interpretation. Ich hätte, wie ich schon schrieb, gerne etwas mehr von den anderen Rameaus gehört, aber in den Stücken von Jean-Philippe, die Taylor hier spielt, kann er sich mit jedem Kollegen messen. Unbekannt ist das Programm, das Alexandra Ivanova aufgenommen hat, keineswegs. Die meisten Werke stammen aus dem 18. Jahrhundert: Duphly, Rameau und Royer. Dazu kommen drei Stücke aus dem 17. Jahrhundert, und zwar von Louis Couperin, die sich wie ein roter Faden durchs Programm ziehen. Eine prélude non mesuré eröffnet das Programm, das Tombeau de Mr. Blancrocher schliesst es ab, und in der Mitte findet sich die Chaconne in F-Dur. Dazu gibt es noch drei Stücke, die Anita Mieze (*1980) für Alexandra Ivanova komponiert hat. Diese stehen zwar in einer modernen Tonsprache, aber sie knüpfen klar an die Tradition der französischen 'clavecinistes' an. Diese Stücke sorgen für Abwechslung, aber auch in der Auswahl der älteren Werke hat Frau Ivanova auf Variation geachtet. Duphlys Les Grâces, beispielsweise, ist ein ruhiges, subtiles Werk, und wird hier vom dramatischen La de Belombre gefolgt. Später gibt es von Duphly ein Rondeau tendre, und kurz danach das ganz spektakuläre Le Vertigo von Royer, das mehrere Episoden mit hämmernden Akkorden enthält. Ivanova spielt von Rameau die Gavotte mit sechs Doubles, die auch Taylor aufnahm. Am Anfang ist ihr Tempo etwas langsamer; generell bevorzuge ich Taylor, aber auch hier empfängt dieses Werk eine gute Darbietung. Als Übersicht der französischen Cembalomusik des 18. Jahrhunderts ist diese CD schon gelungen. Wer ein offenes Ohr für Musik unserer Zeit hat, wird vielleicht neugierig sein nach den drei Stücken von Anita Mieze; diese nehmen insgesamt fast elf Minuten in Anspruch. Johan van Veen Alla virtù della Sig. Maria Pignatelli - Unveröffentlichte italienische Kantaten des Barock. Juliette de Banes Gardonne (Mezzosopran), Bruno Cocset (Violoncello), Emanuele Forni (Theorbe), Paolo Corsi (Cembalo) Claves Records - 50-3001 (2019; 64') A Scarlatti, Caldara: Appena chiudo gli occhi - Kantaten für Solostimme mit Violine. Giuseppina Bridelli (Mezzosopran), Quartetto Vanvitelli Arcana - A487 (2020; 77') Albinoni: 12 Kantaten für Sopran und Alt Op. 4. Silvia Frigato (Sopran), Elena Biscuola (Alt), L'Arte dell'Arco Brilliant Classics - 95600 (2 CDs) (2016; 1.40') Es mangelt nun wahrlich nicht an Aufnahmen von weltlichen Kantaten im italienischen Stil. Solche Werke waren äusserst beliebt, und wurden vor allem während der Versammlungen der sogenannten Akademien vorgetragen. Das Repertoire ist sehr umfangreich; Alessandro Scarlatti allein hat schon mehr als 600 solcher Werke komponiert. Er ist auch einer der Komponisten, die in einer Handschrift vertreten sind, die unter dem Titel 'Cantate alla virtù delle Signora Maria Pignatelli' aufbewahrt ist. Maria Anna Pignatelli (1689-1755) entstammte einer aristokratischen Familie, die ihre Wurzel in Neapel hatte. Sie ist bekannt geworden wegen einer Liebesbeziehung zum Poeten Pietro Metastasio. 1709 heiratete sie den Grafen Johann Michael Althann und liess sich in Wien nieder. Hier konnte Metastasio dank ihrer Kontakte zum Erzherzog Karl V. zum Status des wichtigsten Librettisten aufsteigen. Die Sammlung ist vor Pignatellis Heirat entstanden, und daraus erklärt sich, dass neapolitanische Komponisten darin prominent vertreten sind, mit 18 der 48 Kantaten. Neben Alessandro Scarlatti und seinem Sohn Domenico ist auch Giuseppe Porsile prominent in der Sammlung vertreten. Auch Francesco Mancini war aus Neapel; er hat mehr als 200 Kantaten komponiert, und fast nichts aus diesem Teil seines Oeuvres ist auf CD erhältlich. Die übrigen Komponisten wirkten in Bologna, wie Giovanni Bononcini, Francesco Gasparini, Giacomo Antonio Perti und Carlo Antonio Monza; letzterer ist der wohl Unbekannteste in dieser Gesellschaft. Alle Kantaten sind für eine Singstimme und Basso continuo. Die Struktur ist meistens die gleiche: zwei Paare von Rezitativ und Arie. Einige Kantaten eröffnen mit einer Arie, und einige Rezitative münden in ein Arioso, was damals sehr üblich war. Es ist schade, dass das Textheft keine Gesangstexte enthält. Das macht es schwer, diese Kantaten richtig einzuschätzen. Ich kann auch nicht so richtig beurteilen, was Juliette de Banes Gardonne mit den Texten macht. Ich stelle aber mit Freude fest, dass sie eine schöne Stimme hat und diese gut einsetzt. Stilistisch ist ihre Interpretation auf jeden Fall überzeugend. Die sprechende Darstellung der Rezitative ist erfreulich. Die Basso continuo-Gruppe ist eine echte treibende Kraft. Auch ohne Texte lässt sich diese CD geniessen. Die zweite CD hat etwas Besonderes zu bieten. Die meisten Kammerkantaten sind für eine Solostimme und Basso continuo komponiert. Dann und wann fügten Komponisten auch mal eine oder mehrere Melodiestimmen hinzu, darunter auch zwei Violinen. Diese haben vor allem eine Begleitfunktion, und in Arien beschränken sie sich nicht selten auf die Ausführung von Ritornellen. Giuseppina Bridelli und das Quartetto Vanvitelli haben aber zwei Kantaten von Alessandro Scarlatti ausgewählt, die eine Obligatstimme für Violine enthalten. Diese spielt eine auffällige Rolle. Stimme und Geige sind meistens gleichberechtigt, und einige Arien sind fast Duette von Stimme und Violine. In 'Dove fuggo? A che penso?' spielt die Geige sogar in den Rezitativen mit. In einer Arie tritt sie als Echo der Stimme auf. 'Appena chiudo gli occhi' fängt mit einer Sinfonia an, in der die Violine eine Solorolle spielt; man könnte meinen, es handele sich hier um einen Satz aus einer Violinsonate. Die zwei anderen Kantaten stammen von Antonio Caldara, der als Komponist heute zwar mehr in Erscheinung tritt, dessen Oeuvre aber noch immer nicht wirklich geschätzt wird. 'Vicino a un rivoletto' ist die einzige seiner Kantaten, die bekannt geworden ist, u.a. wegen Aufnahmen von Gérard Lesne und René Jacobs. Die erste Arie enthält eine Obligatstimme für die Geige, in der zweiten Arie wird diese Rolle vom Violoncello übernommen. 'Innocente cor mio' ist dann wieder für Singstimme und Violine. Das Programm wird erweitert mit einer der Alettamente da camera Op. 8 von Giuseppe Valentini. Giuseppina Bridelli hat sich einen Namen gemacht mit Aufführungen alter Musik, was ihre Spezialität zu sein scheint. Und das hört man hier. Sie verfügt über eine schöne Stimme, und die dramatischen Aspekte dieser Kantaten kommen voll zur Geltung. Auch in den Rezitativen weiss sie zu überzeugen. Problematisch ist Caldaras Kantate 'Vicino a un rivoletto', die für ihre Stimme etwas zu tief liegt. Diese Kantate ist für Alt gemeint, und sie ist eine Mezzosopranistin; die tiefsten Noten sind zu schwach. Sie nimmt auch etwas zu viel Freiheit bei den Verzierungen in den Dacapos. Gian Andrea Guerra spielt die Obligatpartien sehr schön. Diese CD ist eine Bereicherung der Diskographie. 2021 war Albinoni-Jahr: Tomaso Albinoni wurde 1671 geboren. Gut möglich, dass Sie davon nichts gemerkt haben. Schuld daran ist nicht in erster Linie die Covid-19-Pandemie. Es hat auch kaum CD-Aufnahmen mit seiner Musik gegeben. Ob die DoppelCD, die bei Brilliant Classics erschienen ist, damit etwas zu tun hat, ist fraglich, denn sie kam schon 2019 auf den Markt. Es ist schade, dass sein Jubiläum fast TOCCATA - 119/2022 YouTube-Empfehlungen der Redaktion Drücken Sie auf den jeweiligen Link: https://www.youtube.com/watch?v=PZzyByKqLF4 https://www.youtube.com/watch?v=wPdh0loM2yM https://www.youtube.com/watch?v=LP3B_4LWPVo https://www.youtube.com/watch?v=1Y1Lrlgi-oI https://www.youtube.com/watch?v=rsW74UWjKZQ https://www.youtube.com/watch?v=7eu3YC9n_bc https://www.youtube.com/watch?v=BBe XF_lnj_M&list=RDBBeXF_lnj_M&start_radio=1

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