Toccata 03/2022

unbemerkt vorbeigegangen ist, denn er war einer der führenden Komponisten seiner Zeit. Als beispielsweise ein deutscher Komponist Italien besuchte, wollte er nicht nur Vivaldi treffen, sondern auch Albinoni. Er war kein professioneller Komponist: seine aristokratische Abstammung erlaubte es ihm nicht, Musik als Beruf zu wählen. Es hat ihn aber nicht davon abgehalten, eine ganze Menge Musik zu komponieren, darunter Violinsonaten, Konzerte mit Partien für eine oder zwei Oboen - er war einer der ersten, der diesem Instrument solistische Aufgaben zuerteilte - und Vokalmusik, insbesondere Opern und Kantaten. Die Brilliant Classics Produktion enthält die zwölf Kantaten, die er 1702 mit der Opusnummer 4 drucken liess. Es sind die einzigen Kantaten aus seiner Feder, die je veröffentlicht wurden. Sechs sind für Sopran und sechs für Alt geschrieben; beide werden nur vom Basso continuo unterstützt. Zur Zeit der Veröffentlichung war die Kammerkantate noch in Entwicklung; es hatte sich noch keinen Standard im Aufbau entwickelt. Das erklärt die Unterschiede in der Struktur; trotzdem haben die meisten schon jene Form, die später üblich wurde: zwei Paare von Rezitativ und Arie. Wer die Texte geschrieben hat, ist nicht bekannt, aber es könnte Albinoni selber gewesen sein. Obwohl Kantaten wie diese keine Opern in Taschenformat sind, gibt es dann und wann durchaus dramatische Elemente. Harmonie, einschliesslich Dissonanzen und Chromatik, wird hier und da für expressive Zwecke angewandt. Und es gibt auch musikalische Figuren, um bestimmte Wörter oder Phrasen auszumalen. In der Druckausgabe wechseln Sopranund Altkantaten sich ab, bei der Produktion hat man sich für eine Spaltung entschieden: die erste CD enthält alle Soprankantaten, die zweite die sechs Altkantaten. Die dramatischen Elemente kommen in der Darstellung der beiden Sängerinnen gut zum Tragen. Beide verfügen über breite Erfahrung im Opernbetrieb, und das hört man. Glücklicherweise halten sie sich von jeder Übertreibung fern. Aus stilistischem Blickwinkel haben mich die Beiträge von Silvia Frigato am Besten gefallen. Dann und wann verwendet sie etwas zuviel Vibrato, aber sie hat es klar unter Kontrolle. Das ist bei Elena Biscuola leider weniger der Fall. Ihr Vibrato ist nicht sehr weit, und es hat mir den Spass nicht allzu sehr verdorben, aber sie hätte es stärker reduzieren sollen. Francesco Galligioni (Violoncello) und Roberto Loreggian (Cembalo) sind die treibende Kraft im Basso continuo. Es ist schade, dass das Textheft keine Gesangstexte enthält, und diese auch nicht von der Internetseite von Brilliant Classics heruntergeladen werden können. Vielleicht kann man sie auf andere Weise ergattern, denn alle Kantaten wurden schon mal aufgenommen. Johan van Veen Corelli: 6 Concerti grossi Op. 6. Orchestra Barocca di Cremona, Giovanni Battista Columbro Urania Records - LDV 14061 (2019; 76') Gregori: 10 Concerti grossi op. 2; Stradella: Sonate, Sinfonie. Capriccio Brockorchester, Dominik Kiefer Tudor - 7171 (2005; 65') Avison: Concerti grossi. Tiento Nuovo, Ignacio Prego Glossa - GCD923526 (2020; 69') Das Concerto grosso war in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine der beliebtesten Gattungen. Vor allem die Concerti grossi von Arcangelo Corelli machten grossen Eindruck und hatten einen starken Einfluss auf Komponisten der nächsten Generationen. Es ist heute üblich, seine Concerti grossi mit einem Ensemble von Streichern aufzuführen. Es ist aber dokumentiert, dass er sie selber mal mit einem grossen Ensemble aufführte, in denen auch Blasinstrumente spielten. Es gibt im Katalog einige Aufnahmen mit Bläsern, u.a. von Federico Maria Sardelli (Tactus, 2000). Vor kurzem erschien eine Aufnahme des Freiburger Barockorchesters, in der auch einige Konzerte mit Bläsern gespielt werden (Aparté, 2018). In diesen Aufnahmen werden die Bläserpartien von Blockflöten, Oboen, Trompeten und Posaunen - in verschiedenen Kombinationen - gespielt. Eine bei Urania Records erschienene Aufnahme von sechs Concerti grossi (1, 3, 4 und 8-10) betritt hier einen anderen Weg. Hier kommen Flöten zum Einsatz: keine Blockflöten, sondern Traversflöten. Darüber hinaus spielen die Flöten auch in den Passagen für das Concertino, wo in den soeben genannten Aufnahmen die Bläser nur in den Ripienoabschnitten mitmachen. Giovanni Battista Columbro, der Leiter des Orchestra Barocca di Cremona, verweist auf eine Praxis der ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts. Das ist historisch von Bedeutung, denn in Corellis Zeit hatte sich die Traversflöte in Italien noch nicht durchgesetzt. Prinzipiell ist diese Interpretation legitim, da Corellis Concerti grossi noch lange nach seinem Tode überall in Europa gespielt wurden. Trotzdem ist diese Produktion problematisch. Ich hätte gerne historische Belege für den Einsatz von Traversflöten in diesen Werken gesehen, aber die Programmerläuterung schweigt darüber. Zweitens, während ich den Einsatz von Oboen und Trompeten in diesen Werken nicht als unnatürlich empfinde, ist das hier anders. Ich wurde beim Abhören das Gefühl nicht los, dass Traversflöten nicht zum Idiom von Corelli passen. Dass Columbro sich gezwungen sah, einige Passagen den Flöten anzupassen, ist ein Indiz dafür, dass sie in diesen Werken nichts zu suchen haben. Das Ensemble spielt gut, aber einige Tempi sind unbefriedigend: die schnellen Sätze sind etwas zu langsam, und das könnte durchaus mit der Teilnahme der Traversflöten zu tun haben. Fürs Erste kann ich diese Produktion nicht als eine sinnvolle Erweiterung der Diskographie betrachten. Einen 'Erfinder' des Concerto grosso gibt es nicht; Corelli war es mit Sicherheit nicht, obwohl er einer der ersten war, die solche Stücke komponierten. Sie wurden posthum gedruckt, und zu jener Zeit gab es schon andere Ausgaben mit Concerti grossi. Möglicherweise waren die Concerti grossi, die Giovanni Lorenzo Gregori (1663-1745) 1698 als sein Opus 2 veröffentlichte, die ersten, die unter dem Titel Concerti grossi erschienen. Allerdings ist die Form des Concerto grosso hier noch rudimentär: die Soloepisoden des Concertinos sind kurz und wiederholen meistens nur die Schlussphrase des vorhergehenden Tuttiabschnitts. Das vierte Konzert ist besonders interessant. Im Anhang gibt es eine separate Stimme für die erste Violine im Ripieno - ein Hinweis auf was mal das Solokonzert sein würde. Diese Concerti grossi sind sehr kurz; die längste dauert ein wenig über fünf Minuten. Es sind mit Sicherheit keine Werke, die man nicht missen könnte, aber sie sind unterhaltsam und aus historischer Sicht sowieso von Bedeutung. Das Programm wird erweitert mit Streichersonaten von Alessandro Stradella (1644-1682), der fast ausschliesslich Vokalmusik komponierte. Instrumentalmusik nimmt in seinem Oeuvre einen geringen Platz ein. Wir hören hier zwei separate Sonaten, die beide für zwei 'Chöre' gesetzt sind. Die zwei anderen Stücke sind Instrumentalsätze aus Vokalwerken. Diese vier Stücke wurden hier ins Programm einbezogen, da Stradella darin, wie im Concerto grosso, Concertino und Ripieno einander gegenüberstellt. Wie gesagt, übte vor allem Corelli mit seinen Concerti grossi einen grossen Einfluss aus. Sie regten andere Komponisten an, sich auch mit dieser Gattung zu beschäftigen. Einer dieser war Händel, der zwei Sammlungen solcher Werke veröffentlichte. Sie fielen auf fruchtbarem Boden, denn seit dem frühen 18. Jahrhundert waren englische Musikliebhaber vom Italien-Virus erfasst. Die Musik von Corelli war unerhört beliebt, und davon profitierten auch andere Komponisten, sowohl eingeborene als Einwanderer. Ein geborener englischer Komponist, der im italienischen Stil komponierte, war Charles Avison (1709-1770). Seine Helden waren Francesco Geminiani und Domenico Scarlatti. Er nutzte die Popularität der italienischen Musik und der Gattung des Concerto grosso, um eigene Werke dieser Art zu komponieren, aber auch um Werke seiner Idole als Concerti grossi zu bearbeiten. Er machte das mit den Violinsonaten Op. 1 von Geminiani sowie mit Cembalosonaten von Scarlatti. Für letztere Concerti stützte er sich auf zwei Sammlungen: die Essercizi per gravicembalo, die in den späten 1730er Jahren erschienen, und die XLII Suites de Pièces pour le Clavecin, die ein anderer Bewunderer Scarlattis, Thomas Roseingrave, herausgab. Mehrere Sätze in den Concerti grossi nach Scarlatti hat man nicht identifizieren können. Möglicherweise hatte Avison Zugang zu Sonaten, die nicht zu uns gekommen sind. Es wäre auch möglich, dass solche Sätze aus seiner eigenen Feder stammen. Es handelt sich hier um Bearbeitungen: ein Streicherensemble verlangt mehr als die blosse Transkription einiger Cembalostimmen. Manchmal strich Avison Passagen und reduzierte er die Zahl der Wiederholungen. Was man von solchen Bearbeitungen auch halten mag, es war eine damals gängige Praxis, und wenn sie gut gemacht sind, kann von wertvollen Erweiterungen des Orchesterrepertoires gesprochen werden. Und Avisons Bearbeitungen sind ohne Zweifel gut gemacht. Nur weil man dann und wann eine Sonate wiedererkennt, könnte man meinen, es handele sich hier nicht um originelle Orchestermusik. Tiento Nuovo, geleitet von Ignacio Prego, der zwischen den Konzerten Sonaten von Scarlatti auf dem Cembalo spielt, bringt sehr gute Darbietungen, energiegeladen und durchaus im italienischen Stil. Das könnte man als angebracht betrachten, aber diese Concerti grossi waren für den englischen Markt bestimmt. Daher könnte ich mir eine etwas moderatere Spielweise vorstellen, in Übereinstimmung mit der englischen Sprache und Kultur. Aber man braucht sich auf jeden Fall nicht zu CD-UMSCHAU 36 TOCCATA - 119/2022

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