Toccata 03/2022

langweilen, dank der Bearbeitungen von Avison und der Interpretation des Ensembles. Johan van Veen Paradies: Sämtliche Cembalosonaten. Alessandro Simonetto (Cembalo) Brilliant Classics - 95867 (2 CDs) (2020; 1.47') Campioni: 6 Cembalosonaten Op. 4B. Simone Stella (Cembalo), Valerio Losito (Violine) Brilliant Classics - 95997 (2019; 75') Spergher: Orgel- und Cembalowerke. Chiara Minali (Cembalo, Orgel) Brilliant Classics - 95834 (3 CDs) (2018; 3.42') Grazioli: 12 Cembalosonaten Opp. 1 & 2. Chiara Minali (Cembalo, Orgel) Brilliant Classics - 95935 (2 CDs) (2019; 2.36') Turrini: 12 Sonaten für Cembalo. Michele Barchi (Cembalo) Brilliant Classics - 95522 (2 CDs) (2017/18; 2.02') Bei italienischer Musik des 18. Jahrhunderts denkt man an Gattungen wie Oper, Oratorium und Kammerkantate im Bereich der Vokalmusik und an Konzerte für ein oder mehrere Soloinstrumente sowie Kammermusik. Musik für Tasteninstrumente führt mehr oder weniger ein Schattendasein. Der bekannteste Komponist solcher Musik ist Domenico Scarlatti, aber er wirkte die längste Zeit seines Lebens in Portugal und Spanien. Der eine oder andere Liebhaber mag Giovanni Benedetto Platti nennen, aber der wirkte in Deutschland. Einer der wichtigsten Komponisten von Musik für ein Tasteninstrument war Baldassare Galuppi, aber diesem Teil seines Schaffens wird nur wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht. Wir verdanken es vor allem dem Label Brilliant Classics, dass insbesondere italienische Interpreten die Möglichkeiten haben, Musik italienischer Komponisten einem breiteren Publikum vorzustellen. Und so werden hier einige Aufnahmen besprochen, die Musik von Komponisten enthalten, von denen nur die wenigsten je gehört haben mögen. Die Ausnahme ist vielleicht Pietro Domenico Paradies (1706/07-1791), der in Neapel geboren wurde. Über seine musikalische Erziehung wissen wir fast nichts. Er hat seine ganze Karriere hindurch versucht, sich als Komponist von Musik fürs Theater zu etablieren, aber seine Opern wurden mit wenig Begeisterung aufgenommen. Charles Burney äusserte sich negativ über seine Arien, war aber vollen Lobes über seine Fähigkeiten als Komponist von Musik für Tasteninstrumente und Cembalolehrer. 1754 erschienen seine 12 Cembalosonaten in Druck in London, wo Paradies - der auch als Paradisi bekannt war - sich 1746 niedergelassen hatte. Offensichtlich wurden sie mit Begeisterung aufgenommen, denn sie wurden zwischen 1765 und 1790 fünf Mal neu aufgelegt. Im heutigen Musikleben gehören sie zu den besser bekannten Werken italienischer Komponisten des Spätbarock. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass sie stilistisch eine starke Verwandschaft mit den Sonaten von Domenico Scarlatti zeigen. Dazu gibt es noch Züge des Sturm und Drang. Insgesamt aber können diese Sonaten dem galanten Stil zugerechnet werden. Alle Sonaten bestehen aus zwei Sätzen in einem schnellen (Allegro, Vivace) oder moderaten (Moderato, Andante) Tempo. Einige Sätze haben den Charakter einer Toccata. Diese Sonaten weisen grosse Unterschiede auf, und deswegen sollte es für die Liebhaber der Klaviermusik dieser Zeit kein Problem sein, sie alle in einem Guss anzuhören (wozu sie natürlich nicht gemeint sind). Während Anna Paradiso (Toccata 111) die ersten zehn Sonaten auf drei verschiedenen Instrumente spielte, hat Alessandro Simonetto sich auf das Cembalo beschränkt, was aus historischer Sicht die naheliegende Möglichkeit ist. Er spielt eine Kopie eines Ruckers-Cembalos des Jahres 1638. Welches Instrument Paradies bei der Komposition zur Verfügung stand, lässt sich wohl nicht mehr überprüfen, aber Ruckers-Instrumente waren weit verbreitet, und aus dieser Perspektive ist das eine gute Wahl. In Simonettis Interpretation kommen die Kontraste zwischen den Sonaten wie auch innerhalb jedes einzelnen Werkes gut zum Tragen, u.a. durch eine überzeugende Tempowahl. In nur zwei Sonaten gibt es dynamische Hinweise, die sich auf einem Cembalo nur durch Abwechslung der beiden Manuale erzielen lassen. Auch an anderen Stellen hebt Simonetti bestimmte Stellen durch Manualwechsel hervor, und das scheint mir völlig richtig. Wer eine Gesamtaufnahme dieser schönen und fesselnden Sonaten sucht, sollte sich diese Produktion ergattern. Carlo Antonio Campioni (1720-1788) ist mit Sicherheit ein Unbekannter; soviel ich habe überprüfen können, ist nur ein einziges Kammermusikwerk auf CD erhältlich. Er war französischer Abstammung, ging aber nach der mittelitalienischen Toskane, und stand in engem Kontakt mit Tartini; er war selber ein hervorragender Geiger. Um 1752 war er Kapellmeister an der Kathedrale zu Livorno, und von 1763 bis zu seinem Tode war er als Kapellmeister im Dienst des Grossherzogs von Florenz. Bemerkenswert ist, dass er ein grosses Interesse an 'alter Musik' hegte; er besass eine grosse Sammlung alter Musik, vor allem Madrigale der Renaissance. Seine Kompositionen wurden geschätzt, und davon zeugen auch die sechs Cembalosonaten Op. 4B, die sowohl in London als in Paris gedruckt wurden. Sie sind unterschiedlicher Zusammenstellung: vier bestehen aus zwei Sätzen, die übrigen zwei aus drei. Es gibt mehrere barocke Züge, wie die Giga als zweiter Satz der Sonate Nr. 1. Der erste Satz der Sonate Nr. 3 besteht ganz aus Arpeggios, ein typisch barockes Procedere. Der letzte Satz dieser Sonate hat den Beinamen 'La Caccia', und darin imitiert das Cembalo den Klang der Jagdhörner. Die sechste Sonate nimmt eine Sonderstellung ein, denn darin gibt es eine Obligatstimme für die Geige. Sonaten mit Begleitung eines Melodieinstruments waren damals beliebt, aber die Melodiestimme war meistens mit der Bezeichnung 'ad libitum' versehen, was bedeutet, dass sie ausgelassen werden kann. Das ist hier nicht der Fall: wir haben es hier mit einer echten Sonate für Cembalo und Violine zu tun. Diese Sonaten von Campioni sind sehr gut komponiert und unterhaltsam, und diese Aufnahme ist von substantieller Bedeutung. Simone Stella gebührt Dank für diese Ausgrabung und für seine engagierte und lebendige Interpretation. Valerio Losito gestaltet die Geigenpartie in der sechsten Sonate ausgezeichnet. Diese CD ist eine höchst angenehme Bekanntschaft mit Carlo Antonio Campioni. Die nächste Produktion ist einem Komponisten gewidmet, der noch weniger bekannt ist als Campioni. Wo diesem zumindest ein Artikel in der englischen Musikenzyklopädie New Grove gewidmet ist, wird Ignazio Spergher (1734-1808) darin gar nicht erwähnt. Er wurde in Treviso geboren und hat dort sein ganzes Leben gewirkt, als Organist, Komponist und als Lehrer für Gesang und Cembalo. Die Brilliant-ClassicsProduktion von 3 CDs enthält nicht sein ganzes Oeuvre für ein Tasteninstrument, aber eine Auswahl. Es erklingen die sechs Sonaten Op. 1, die 1786 gedruckt wurden, sowie die 1778 veröffentlichten Sonaten Op. 6. Dazu kommen dann noch Sonaten und andere Stücke, die in Handschrift erhalten geblieben sind. Die zwölf in Druck erschienenen Sonaten bestehen alle aus drei Sätzen; die letzte des Op. 6 ist unvollständig erhalten geblieben: der zweite Satz bricht halbwegs ab, und der dritte fehlt. Die meisten in Handschrift überlieferten Stücke bestehen nur aus einem Satz mit verschiedenen Titeln, wie Rondo, Andantino oder Allegro. Die letzte CD entdet mit einer Pastorale. Es liegt auf der Hand, dass dieses Werk auf der Orgel gespielt wird. In allen anderen Stücken ist die Wahl des Tasteninstruments dem Interpreten überlassen, obwohl die Programmeinführung im Textheft den Eindruck erweckt, dass einige Werke für die Orgel gedacht sind. Das ist möglich, lässt sich aber aufgrund der Angaben zur Musik nicht beweisen. Auf jeden Fall sind, wie darin zu lesen ist, die Sonaten Op. 1 nicht für die Liturgie gedacht, und damit können sie auch auf dem Cembalo gespielt werden. Ob auch ein Fortepiano in Betracht käme, was auf der Hand liegt, angesichts der Zeit der Drucklegung, wird gar nicht diskutiert. Kurzum, etwas mehr Information wäre nützlich gewesen. Wie zu jener Zeit üblich, ist das thematische Material der rechten Hand anvertraut, und beschränkt sich die linke Hand auf eine Begleitfunktion. Dazu gehören die damals geläufigen Alberti- und Trommelbässe. Das bedeutet auch, dass man diese Sonaten vielleicht nicht nacheinander anhören sollte. Dafür sind sie etwas zu einförmig. Häppchenweise lassen sie sich aber durchaus geniessen. Mir haben die Aufführungen an der Orgel am Besten gefallen, denn da hat man den Vorteil einer reicheren Klangpalette als im Falle des Cembalos. Chiara Minali spielt eine Orgel des Jahres 1903, die aber hauptsächlich schon 1845 entstanden ist. Auch das scheint auf dem ersten Blick ein zu spätes Instrument, aber mann sollte bedenken, dass der Orgelbau in Italien zu jener Zeit ziemlich traditionell, oder sogar konservativ war, und das Instrument klingt viel älter als das Baujahr vermuten lässt. Auf jeden Fall ist es für dieses Repertoire gut geeignet. Das Cembalo ist eine Kopie eines Instruments von Giusti des Jahres 1681. In ihren Darstellungen auf diesem Instrument finde ich Minali etwas zu einförmig und geradlinig. Rubato und eine differenziertere Behandlung des Tempos hätten diese Interpretationen spannender gemacht. Trotzdem, wer sich für die Musik für Tasteninstrumente des späten 18. Jahrhunderts interessiert, sollte sich den Kauf dieser Produktion überlegen. Mit Giovanni Battista Grazioli (1746-1828) sind wir dann in Venedig; er wurde in Bogliaco geboren, liess sich aber schon früh in Venedig nieder, wo er als Organist am Markusdom wirkte. Er komponierte viel geistliche Musik sowie Werke fürs Theater, und hat drei Sammlungen von Musik für ein Tasteninstrument hinterlassen, die die Opusnummern 1 bis 3 38 TOCCATA - 119/2022 CD-UMSCHAU

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