Toccata 03/2022

der Plan eigentlich auch schon gewesen, Musik von Bach einzuspielen, aber die CD-Firma meinte, es gebe schon so viele Bachkantaten-Platten, dass es doch besser wäre, etwas Neues aufzunehmen. So entschieden wir uns damals also für Kantaten von Graupner. Dann gab es einen zweiten Anlauf, bei dem wir dann wenigstens eine Bachkantate mit Miriam gemacht haben – Mein Herze schwimmt im Blut –, aber die Zeit war noch immer nicht reif gewesen für eine reine Bach-CD. Und als wir für diese unsere jüngste CD nun über das Repertoire nachdachten, fanden wir, jetzt sei es doch endlich so weit! Diese drei Kantaten hatten wir mit Miriam auch schon mehrfach in Konzerten aufgeführt, und immer wieder gesagt: das muss auf eine CD. Und schließlich hat es nun geklappt. Dank Corona übrigens, kann man sagen! Nun ist es ja tatsächlich so, dass es von diesen Kantaten schon ziemlich viele Einspielungen gibt. Hat Ihre Interpretation da nun etwas besonderes zu bieten? Was fügen Sie der Bach-Discographie hinzu? Das ist eine schwierige Frage… Für mich persönlich ist es jedenfalls der Punkt, dass Miriams Stimme, wenn man sie diese Kantaten singen hört, so sauber, so silbrig und fast immer ohne Vibrato ist, dass das Ganze völlig anders klingt, als ich es sonst kenne – obwohl es natürlich schon wirklich gute und wunderschöne Aufnahmen gibt. Ich denke, sie hat auch einen ganz besonderen Zugang zu dieser Musik, denn sie ist tatsächlich sehr gläubig; sie glaubt, was sie da singt. Darüber hinaus harmonieren wir als Ensemble auch noch in unserer Herangehensweise an die Musik sehr gut mit ihr. Insofern würde ich sagen, das Besonderste an unserer Aufnahme ist sicher Miriams Ausdrucksstärke und ihre glasklare Stimme. Und vielleicht ist auch die solistische Instrumentalbesetzung noch eine Besonderheit, denn die meisten bisherigen Aufnahmen sind ja doch mit mehreren Musikern pro Register besetzt, oder? Ja, das stimmt. Für uns ist das allerdings ganz selbstverständlich; das war schon so, als wir uns 2006 gegründet haben, dass wir immer solistisch gespielt haben. Und als wir dann begannen, die Musik zu spielen, die uns lag, die wir liebten, konnten wir feststellen, dass das auch sehr gut funktioniert mit diesem Repertoire. Dafür stammen beispielsweise die beiden Violinen und die Bratsche auch vom selben Instrumentenbauer aus Zürich, und so passen sie im Klang wunderbar zusammen. Wir spielen diese Kantaten in anderen Ensembles freilich auch mal sehr gerne in größerer Besetzung, aber in unserer Einzelbesetzung haben wir einfach ein bisschen mehr Freiheit, ein bisschen mehr persönlichen Gestaltungsraum, zu dem jeder Einzelne beitragen kann. Beispielsweise gibt es in der Kantate Jauchzet Gott in allen Landen einen Choral, der nur für zwei Violinen und Continuo geschrieben ist – also quasi eine Triosonate –, und da sind wir dann sehr flexibel in alle Richtungen, von ganz klein bis ganz groß. Wobei übrigens alle, die die CD hören, sagen, wir klängen wie ein Orchester – also der Klang ist dann doch erstaunlich saftig! Wie liefen die Aufnahmen, hat alles auf Anhieb geklappt? Naja, wir haben die Aufnahmen im März 2021 gemacht, ziemlich kurz entschlossen, und natürlich braucht man für diese Musik unbedingt geeignete Instrumentalsolisten: Flöte, Oboe und Trompete. Unser Haustrompeter, Jaroslav Roucek, stammt aber nun aus Tschechien, und natürlich: wir hatten alles wunderbar geplant – und dann wurde wegen Corona plötzlich die Grenze zwischen Tschechien und Deutschland geschlossen. Das hat uns natürlich weniger gut gefallen, und Jaroslav überlegte denn auch verzweifelt, wie er vielleicht dennoch kommen könnte. Wir haben also die Regeln gewälzt und er hat ernsthaft erwogen, mit einem Autotransportanhänger an seinem Wagen anzureisen und an der Grenze zu sagen, er wolle eben in Deutschland ein Auto kaufen oder verkaufen – denn aus solchen Gründen durfte man einreisen. So haben wir das erstmal auch geplant, aber irgendwann kam dann doch der Gedanke auf, das sei jetzt ein bisschen riskant... Wir mussten uns also schweren Herzens von dem Gedanken verabschieden, dass er dabei sein könnte, aber es war dann ein großes Glück, dass wir eine andere Trompeterin, Ute Hartwich, die in der Schweiz lebt, dafür gewinnen konnten: das war dann kein Ersatz, sondern wirklich eine Freude und wir waren sehr erleichtert, dass wir mit ihr jemanden in der gleichen Qualität wie Jaroslav gefunden haben! Haben Sie ein persönliches Lieblingsstück auf der CD? Alle sind Lieblingsstücke! Das ist wirklich eine CD, die man sehr gerne von vorne bis hinten durchhört. Ich kann höchstens ein paar Aspekte nennen, die mir besonders gut gefallen. Ja? Nun, im letzten Satz, demAlleluja aus der Kantate Jauchzet Gott, da gab es beim Abhören, beim Schneiden der CD eine Stelle, wo ich beim besten Willen nicht sagen hätte können, ob das hohe c nun von der Trompete oder von Miriam ist: ihre Stimme ist da oben so sauber, so klar, so beweglich, dass sie wirklich sehr leicht mit der Trompete zu verwechseln ist. Und auch in anderen Stücken ware solche Stellen, wo sie so instrumental, so glasklar klingt – und das fasziniert mich sehr. Sie haben aber ja auch ein paar instrumentale Stücke aufgenommen... Ja, die Triosonate in G-Dur, die wir auch schon immer wieder in Konzerten gespielt hatten; da dachte ich, die muss nun auch endlich einmal auf eine CD. Ich liebe dieses Stück auch sehr. Außerdem ist unsere vorletzte CD ja mit dem Titel New Concertos erschienen, denn ich hatte darauf Orgelstücke von Bach für unser Ensemble bearbeitet. Damals haben wir entdeckt, wie viel Spaß das macht, diese Werke sozusagen mit verteilten Rollen zu spielen und wie schön das auch klingt, wenn wir das auf drei Instrumenten spielen. Das ist fast wie neu entdeckte Musik! Und so haben wir also noch zwei neue Transkriptionen Bach‘scher Orgelwerke auf die CD gebracht. Sie sind also rundum glücklich mit Ihrer Aufnahme? Lassen Sie es mich so sagen: ich habe gelesen, dass es in der Zeit, in der diese Kantaten in Leipzig entstanden, nicht gestattet war, dass Frauen in der Kirche sangen; es waren nur Knabenstimmen erlaubt. Und als ich unsere Aufnahme nun abgehört habe, dachte ich wirklich: wenn die entscheidenden Leute in Leipzig damals das gehört hätten, mit Miriam, dann hätten sie ihre Prinzipien mit Sicherheit über Bord geworfen und sich das anders überlegt! 39 CD-UMSCHAU TOCCATA - 119/2022 Péter Barczi über seine neue CD mit seinem Ensemble Capricornus mit einem Bachprogramm Herr Barczi, mit Ihrem Ensemble Capricornus Consort haben Sie kürzlich beim Label Christophorus ihre jüngste CD mit den Bachkantaten BWV 51,82 und 84 herausgebracht; dazu eine Orgel-Triosonate, ein Choralvorspiel und ein Trio Bachs in Ihren eigenen Transkriptionen für Streicher. Das alles in solistischer Instrumentalbesetzung und in Zusammenarbeit mit der Sopranistin Miriam Feuersinger. Warum haben Sie dieses Repertoire gewählt, warum diese Besetzung? Nun, wir haben schon in unserer Studienzeit in Basel viel mit Miriam zusammengearbeitet und auch 2014 schon eine CD mit ihr gemacht. Damals war Foto: Dominik Melicharek tragen. Das Opus 3 besteht aus Sonaten für ein Tasteninstrument mit Begleitung einer Violine; diese wurden in der bei Brilliant Classics erschienenen Aufnahme von Chiara Minali nicht berücksichtigt. Die beiden anderen Sammlungen, gedruckt 1780 in Venedig, bestehen aus je sechs Sonaten in drei Sätzen, im Grossen und Ganzen in der üblichen Abfolge schnell - langsam - schnell. Auch diese Sonaten sind im damals üblichen galanten Idiom geschrieben, mit einer dominanten rechten Hand und einer begleitenden linken Hand, und auch hier gibt es oft die üblichen Bassfiguren. Minali spielt eine Kopie eines Ruckers-Cembalos des Jahres 1638. Die Aufnahme wird ergänzt mit einem Tema e Variazioni und eine Pastorale, die in Handschrift überliefert sind. Für die Pastorale hat Minali sich auch hier an die Orgel gesetzt, und zwar ans gleiche Instrument wie in der Spergher-Aufnahme. Da hier fast nur das Cembalo erklingt, gilt hier umso mehr: man sollte die Sonaten beim Anhören dosieren. Meine Bemerkungen zur Interpretation der Spergher-Sonaten treffen auch hier zu. Und auch hier gilt, dass die Aufnahme dieser Werke durchaus berechtigt ist, denn dieser Aspekt der italienischen Musikgeschichte ist so gut wie ganz unbekannt geblieben. Zum Schluss ein weiterer Komponist, von dem wohl keiner zuvor gehört hat: Ferdinando Gasparo Turrini (1745-1820). Er wurde in Salò am Gardasee, das zur Zeit zur Republik Venedig gehörte, geboren, liess sich 1766 in Padua nieder, wo er als Organist an einer Kirche wirkte, und ging später nach Brescia, wo er vor allem als Lehrer aktiv war. 1773 verlor er das Augenlicht; seitdem diktierte er seinen Schülern seine Kompositionen. Er scheint ein relativ umfangreiches und vielseitiges Oeuvre von Vokal- und Instrumentalmusik hinterlassen zu haben, aber davon ist kaum etwas bekannt. Auch die von Michele Barchi aufgezeichneten Sonaten liegen hier zum ersten Mal auf CD vor. Es handelt sich um zwei Sammlungen von je sechs Sonaten. Eine war dem Patrizier Carlo Spinola aus Genua gewidmet; auf der Druckausgabe fehlt ein Jahreszahl, aber es wird angenommen, dass diese 1779 erschienen ist. Alle Sonaten bestehen aus zwei Sätzen; nur die sechste, in

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