Toccata 03/2022

CD UMSCHAU 40 TOCCATA - 119/2022 der unüblichen Tonart von Des-Dur, hat drei Sätze. Die zweite Sammlung liegt nur in Handschrift vor; offensichtlich ist die Zeit der Komposition nicht bekannt. Zwei dieser Sonaten enthalten zwei Sätze, die übrigen vier bestehen aus drei Sätzen. Bemerkenswert sind die Titel der Sätze, die für die Zeit unüblich sind: 'lento ed affettuoso, il Basso sempre legato - trio: presto con disperazione', 'adagio pensieroso' und 'adagio ad imitazione del Violuncello'. Diese passen zum Charakter der Musik, denn auch diese ist recht unkonventionell. Man wird immer wieder überrascht von Turrinis originellen Einfällen. Man hat darauf hingewiesen, dass es Parallele zwischen diesen Sonaten und dem frühen Beethoven gäbe; das ist nicht aus der Luft gegriffen, und dann und wann wird man auch an Haydn erinnert. Von Imitation - angenommen, dass Turrini die Sonaten dieser beiden gekannt hat - ist aber keine Rede. Im Vergleich zu den soeben besprochenen Sonaten seiner Zeitgenossen Spergher und Grazioli ist Turrini bei weitem der originellste und kreativste. Die wahrscheinlich 1779 gedruckten Sonaten sind etwas konventioneller, aber noch immer für verschiedene Überraschungen gut. Technisch sind diese Sonaten oft sehr anspruchsvoll; vor allem mehrere schnelle Sätze verlangen eine grosse technische Beherrschung des Instruments. Darüber verfügt Michele Barchi im Überfluss; seine Darbietungen sind technisch und musikalisch eindrucksvoll. Er hat sich für das Cembalo entschieden, was auf jeden Fall für die Sonaten von 1779 vertretbar ist. Bei den anderen Sonaten hätte ich vielleicht ein Fortepiano bevorzugt. Es wäre interessant, wenn mal ein Kollege von Barchi sie auf so einem Instrument aufnehmen würde, denn ich denke, dass diese Sonaten es wert sind, viel bekannter zu sein. Für Liebhaber der Klaviermusik der Klassik ist diese Produktion meiner Meinung nach eine grosse Bereicherung ihrer Diskothek. Und ich hoffe, dass weitere Werke von Turrini an die Öffentlichkeit befördert werden, denn wir haben es hier mit einem ungemein kreativen Geist zu tun. Johan van Veen Ecos del Parnaso - Spanische Madrigale. Amystis, José Duce Chenoll Brilliant Classics - 95905 (2018; 63') The Guerra Manuscript, Vol. 4. Mercedes Hernández (Sopran), Francisco Fernández-Rueda (Tenor), Manuel Vilas (Harfe), Ars Atlántica Naxos - 8.573678 (2010/11; 78') The Guerra Manuscript, Vol. 5. Ars Atlántica, Manuel Vilas Naxos - 8.574092 (2011; 75') Im 17. Jahrhundert verbreitete der italienische Stil - in der Form von Monodie, Oper und virtuoser Instrumentalmusik - sich über einen Grossteil Europas. Zuvor war es vor allem das Madrigal, das Komponisten aus aller Welt zum Vorbild nahmen. Beispiele sind Orlandus Lassus und später Heinrich Schütz in Deutschland. In England wurden italienische Madrigale veröffentlicht, die mit neuen englischen Texten versehen waren. Auch Spanien konnte sich dem Einfluss des italienischen Madrigals nicht entziehen, aber dieses Repertoire ist weitgehend unbekannt. Das Ensemble Amystis, geleitet von José Duce Chenoll, hat es eine CD gewidmet, die bei Brilliant Classics erschien. Der italienische Einfluss manifestierte sich vor allem in der Krone von Aragon, die Bezeichnung verschiedener Herrschaftsgebiete, die zwischen 1137 und 1516 bzw. 1714 in Personalunion von den Königen von Aragonien regiert wurden. Dazu gehörten u.a. die Königreiche Aragonien, Mallorca, Valencia, Sizilien, Sardinien, Korsika und Neapel. Das will aber nicht heissen, dass die Madrigale, die in Spanien komponiert wurden, auch musikalisch den italienischen Vorbildern ähnelten. Ein Grund, warum die spanischen Madrigale relativ unbeachtet geblieben sind, ist, dass sie sich in Charakter nicht grundsätzlich von Villancicos unterscheiden. Das früheste Werk im Programm ist das einzige Madrigal und eines der wenigen weltlichen Werke von Cristóbal de Morales. Auch im Programm ist Diego Ortiz, den wir vor allem wegen seiner Recercadas kennen, der aber auch Vokalmusik komponiert hat. Joan Brudieu war französischer Abstammung; von ihm hören wir zwei Stücke aus einer Sammlung von Madrigalen auf katalanischen und spanischen Texten. Weitere Komponisten im Programm sind Juan Navarro, Rodrigo Ceballos, Matteo Flecha und Pedro Ruimonte, sowie zwei Komponisten, die sich in Italien niederliessen: Sebastián Raval und Pedro Valenzuela. Schliesslich gibt es zwei geistliche Madrigale von Stefano Limido. Mit ihm sind wir dann schon im 17. Jahrhundert. Stilistisch macht das keinen Unterschied: alle Werke stehen im 'stile antico' der Renaissance. Von Einflüssen des neuen Stils, der sich um 1600 in Italien manifestierte, ist hier nichts zu spüren. Die Interpretation von Amystis lässt dieses Repertoire voll zur Geltung kommen. Diese Stücke erreichen vielleicht nicht das Niveau der italienischen Vorbilder, aber das tut der Bedeutung und dem musikalischen Wert dieser Einspielung keineswegs Abbruch. Diese CD ist ein wichtiger Beitrag zu unseren Kenntnissen des Madrigalrepertoires europaweit und der spanischen Musikgeschichte. Im 17. Jahrhundert manifestierte sich der italienische Einfluss vor allem in einem umfangreichen Repertoire von weltlichen Liedern für eine Solostimme und Basso continuo, den sogenannten 'tonos humanos'. Die wichtigste Quelle dieses Repertoires ist die sogenannte Guerra-Handschrift, die nach José Miguel de Guerra genannt ist. Er war als Kopist am Hofe angestellt und hat diese Sammlung wahrscheinlich um 1680 zusammengestellt. Die Namen der Komponisten werden nicht erwähnt, aber durch einen Vergleich mit anderen Quellen hat man die Komponisten einiger Lieder identifizieren können. Darunter finden sich einige der führenden Komponisten der Zeit, wie José Marín und Juan Hidalgo. Letzterer war vor allem als Komponist von Bühnenwerken bekannt, und mehrere Lieder mögen in erster Linie für eine Aufführung im Theater konzipiert worden sein. Der spanische Harfenist Manuel Vilas hat sich zur Aufgabe gestellt, die Guerra-Handschrift vollständig aufzunehmen. Bis dato liegen fünf CDs vor, die bei Naxos erschienen sind. Die beiden letzten stehen hier zur Rezension. Die Texte handeln meistens von der Liebe, wie auch die Madrigale der Renaissance und die Lieder und Arien, die im 17. Jahrhundert in Italien komponiert wurden. Auch mythologische Charaktere, wie Phyllis und Amaryllis, und antike Götter (Cupido, Apollo) mischen sich ein. Sie gehören zur Welt Arkadiens, die zu jener Zeit als das Ideal der höheren Gesellschaftsschichten galt, und eben in diesem Milieu wurden solche Lieder gesungen. Die meisten Lieder sind ernsthaft von Inhalt, aber es gibt auch einige humoristische und komische Lieder. In der vierten Folge gibt es ein Lied zu Ehren des Königs Karl II. Was die Interpretation anbetrifft, es gibt keinen Zweifel, dass Harfe und Gitarre die wichtigsten Instrumente zur Begleitung von 'tonos humanos' waren. Manuel Vilas wollte aber zeigen, wie vielfältig die Aufführungspraxis damals war, und deswegen kommt in der fünften Folge auch ein Cembalo zum Einsatz, in einigen Fällen neben der Harfe. Einige Lieder werden von Instrumentalstücken eingeleitet, und ein Lied erklingt hier in einer Transkription für Cembalo, denn das war damals eine gängige Praxis. Auch in der Vokalbesetzung strebte Vilas Abwechslung an. In den vorherigen Folgen hörten wir zwei Sopranistinnen sowie einen Tenor. In der vierten Folge teilen sich die Sopranistin Mercedes Hernández und der Tenor Francisco Fernández-Rueda die Lieder; zusammen singen sie die zwei einzigen Duette in der Guerra-Handschrift. Der Tenor ist die Überraschung dieser Aufnahme: er verfügt über eine sehr schöne Stimme und singt mit viel Einfühlungsvermögen. Mercedes Hernández hat ebenfalls eine schöne Stimme, und sie überzeugt insbesondere in den theatralischen Liedern. Dann und wann, vor allem in forte-Passagen, schleicht sich ein leichtes Vibrato ein. In der fünften Folge hören wir den Bariton José Antonio López, den ich nicht kannte und der vor allem in der Oper aktiv ist. Ich habe mich an seine Stimme und Singweise gewöhnen müssen. Auch hier ist oft ein leichtes Vibrato hörbar, aber das hat mich nicht allzu sehr gestört. Ich schätze die Art und Weise, wie er an diese Lieder herangeht, manchmal kräftig, und dann wieder mit Subtilität. Die Begleitung ist exzellent; Manuel Vilas gebührt Lob für die kreative Weise, in der er die Sänger auf der Harfe begleitet. Johan van Veen

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