Toccata 03/2022

INTERVIEW 42 TOCCATA - 119/2022 zusagen eine fünftägige Masterclass. Dabei hört Jeder Jedem bei seinen Unterrichtsstunden zu, jeder Student bekommt in dieser Woche nur eine Stunde Privatunterricht, aber er ist bei all den anderen Stunden anwesend und hört zu. Ja, und bald hatte ich dann so ungefähr 40 Studenten. Und diese Umstrukturierung war möglich am Konservatorium in Amsterdam? Denn normalerweise haben die Studenten ja auch noch andere Fächer jede Woche. Naja..., ich habe das möglich gemacht (lacht). Das ging nicht einfach so, aber das ganze Konservatorium war in seiner Organisation vollkommen auf die symphonischen Instrumente fokussiert. Und die, sagen wir mal, peripheren Instrumente – Blockflöte, Saxophon, Gitarre, Akkordeon – das interessierte niemanden. Das heißt, die waren – und sind – einfach frei, die konnten auch damals tun, was sie wollten. Und insofern habe ich also mit dem Theorielehrern einen Deal gemacht und gesagt: einmal im Monat kommen meine Studenten nicht zu euch in den Unterricht, aber ich werde dafür sorgen, dass sie das aufholen, über ihre Mitstudenten, dass sie also nicht im Stoff zurückbleiben. Und meinen Studenten sagte ich dann eben, sie müssten das tun, sie müssten sich darum kümmern, den Stoff von ihren Kommilitonen zu bekommen, damit die Dozenten keine Probleme damit hätten, dass sie nicht kämen. Und das hat funktioniert. Und Sie hatten dann auch ausreichend Studenten? Kamen dann mehr, als bei Franz damals? Nun, ich hatte so 70 Anmeldungen pro Jahr, und ich konnte etwa 40 nehmen, die aus 16 verschiedenen Ländern kamen. 40 in einem Jahr? Das ist ja doch eine ganze Menge… Ja, obwohl die Aufnahmeprüfung relativ streng war. Aber ich nahm nicht immer die besten auf, sondern sie mussten zwar gut sein, aber vor allem auch interessante Menschen. Und die Erfahrung lehrte mich dann, dass sie, wenn sie von weit her kamen – beispielsweise aus Venezuela, Mexiko, Japan – damals gewöhnlich noch keinen sehr professionellen Unterricht gehabt hatten, so dass ich sie nach dieser Kategorie noch nicht wirklich beurteilen konnte. Aber ich witterte doch auf jeden Fall eine gewisse Musikalität oder ihr Interesse. Ich vermute, es gab damals auch noch nicht so viele Flecken auf der Welt, wo man professionell Blockflöte studieren konnte, oder? Genau. Inzwischen hat sich das zum Glück geändert, und es sitzen auch an sehr vielen Orten AltAmsterdamer und unterrichten. Es ist auch so, dass eigentlich jeder, der das Studium da absolviert hatte, dann als Blockflötist arbeiten konnte. Alle haben Arbeit gefunden, haben Ensembles gegründet, eine feste Stelle bekommen, was auch immer. Worauf führen Sie das zurück? Dass sie nicht nur so gut wie möglich gelernt haben, so gut wie möglich Blockflöte zu spielen, sondern auch, das Geschäftliche zu erledigen, Ensembles zu managen, neue Literatur zu suchen und so weiter. Als ich mein Abschlussexamen gespielt habe, konnte ich so ungefähr aus 40 Jahren Barockliteratur und sechs Jahren modernen Repertoires wählen, und ich spielte nur Alt– und Sopranblockflöte. Heute haben wir sechs Jahrhunderte, aus denen man sich etwas aussuchen kann, und zig verschiedene Flöten! Die Tenorblockflöte zum Beispiel, das gab es damals noch gar nicht! Wie kam es dann, dass Instrumentenbauer sich überhaupt mit Tenorflöten und all den anderen Modellen beschäftigten, wenn das noch gar nicht bekannt war? Weil wir danach fragten! Einer der besten Flötenbauer war damals Hans Coolsma in Utrecht, dann auch Friedrich von Huene in Boston, dann Frederick Morgan aus Melbourne… Ja, und dann gab es eben immer mehr Nachfrage von uns, aber eben auch Komponisten, die für diese Instrumente schreiben wollten – nicht zuletzt, weil wir mit unserem Publikum zu den Komponisten kamen. Das war also eine win-win-Situation für alle Beteiligten. Und je mehr gute Blockflötisten es gab, desto mehr gute Blockflöten brauchte man auch. Es dauerte natürlich ein bisschen, bis man leichter an wirklich gute Instrumente herankam, aber so nach 15 oder 20 Jahren war das überhaupt kein Problem mehr. Inzwischen haben wir mehr als 40 Blockflöten in allerlei Stimmungen... Ja, ein Blockflötist, der in einem Rezital mal ein bisschen was aus seiner Instrumentenfamilie bieten möchte, der muss heute mit dem Lastwagen anreisen. Genau! Und das begann alles damals, unter anderem eben auch in Amsterdam. Wir waren natürlich nicht das einzige Zentrum, sondern es gab zum Beispiel auch noch in Deutschland Leute, Hans Martin Linde, Gerhard Braun etwa, aber in Amsterdam waren wir einfach sehr gut organisiert. Und sicher war es auch nicht gerade schädlich, dass Frans Brüggen eben der erste Blockflötist war, der zu so einer Art Star wurde. Das trug sicherlich dazu bei, dass auch andere Leute dachten: Okay, ich kann auch als Blockflötist meine Brötchen verdienen, oder? Ja. Das war schon so. Das Problem war allerdings, dass Frans so eine Art Playboy war, ein gut aussehender Mann in einem Porsche (lacht). Und das konnte natürlich nicht jeder so nachahmen! O nein, zweifelsohne (lacht)… Und natürlich hat Frans, als er 1972 das Unterrichten aufgab, ein Stück weit auch aufgehört, als Blockflötist zu denken. Er fing damals ja auch schon mit seinem Orchester an. Wir wohnten in den siebziger Jahren zehn Jahre lang im gleichen Haus, und so konnte ich den Prozess, dass er eigentlich gar kein Blockflötist mehr sein wollte, wirklich sehr direkt verfolgen. Er sagte einfach: mach du das mal. Nach 1972 wurden auch gar keine zeitgenössischen Stücke mehr für ihn geschrieben. Aber ein Stück weit dann natürlich auch, weil er wusste, dass Sie und Kees Boeke da waren und sein Erbe ein Stück weit weiterführten, oder? Ja, exakt. Das meinte er, wenn er sagte, macht Ihr damit mal weiter, und er konnte für sein Gefühl sicher und ungefährdet damit aufhören. Was ich meinerseits dann inzwischen ja auch gemacht habe: ich habe 2006 aufgehört, als Blockflötist. Aber doch nicht so ganz und gar: Sie geben noch Meisterklassen, sie konzertieren sogar noch... Nein, nicht so ganz und gar. Aber ich habe meine Stelle in Amsterdam auf jeden Fall aufgegeben. Ich hatte 2002 den größten niederländischen Musikpreis verliehen bekommen, für meine Arbeit, und sicher auch für das, was ich als Lehrer getan habe. Und damals kam das Konservatorium Amsterdam auf mich zu und fragte, ob ich nicht die gesamte Einrichtung in der Art umbauen könnte, wie ich das mit der Blockflötenabteilung gemacht hatte, mit Team-Teaching, mit Dozenten, mit dem schlaueren Gruppenunterricht. Ja, und dann sagte ich: na gut, wenn ich da mehr oder weniger machen darf, was ich will, wenn ihr dann umsetzt, was ich vorschlage, dann würde ich das machen. Aber damit war für mich doch der Zeitpunkt gekommen, zu dem ich keine Studenten mehr annehmen wollte, und die 40 Jahre, die ich unterrichtet hatte, das waren natürlich auch zehn oder zwölf Studentengenerationen. Die alle meinen Job nicht bekommen konnten. Das fand ich nicht fair, und ich sah natürlich auch all die älteren Kollegen, die so ein bisschen nur noch dasaßen und auf ihre Pensionierung warteten, eigentlich nicht mehr inspiriert waren. Da beschloss ich, dass würde ich nicht so machen, und so gab ich also meine Blockflötenklasse an andere ab, die dann auch wieder ganz andere Sachen mit ihren Studenten gemacht haben, einen anderen Fokus gelegt haben. Inzwischen gibt es ja auch so viele professionelle Blockflötenzentren! Ich bin ganz begeistert zum Beispiel von dem, was sich da in der Alpenregion abspielt, in Wien, in Zürich, in Basel, Genf, Frankfurt: da gibt es überall fantastische Blockflötenausbildungen! Die Leute müssen also heute nicht mehr nach Amsterdam kommen. Aber haben Sie nicht in Holland doch noch eine besondere Situation, was das Publikum betrifft? Dieses so Blockflöten-affine Publikum, das hat man in anderen Ländern noch nicht so ausgeprägt, finde ich. Naja, gut, aber ich würde sagen, auch in Holland gibt es noch keinen Vater, der seine Tochter gerne mit einem Blockflötisten nachhause kommen sieht... (lacht). In bestimmten Kreisen vielleicht schon, und sicher ist die Blockflöte auch so im Bereich der Improvisation und der zeitgenössischen Musik sehr populär, und da braucht man auch wirklich Blockflötisten – vergleichbar mit dem Saxophon, würde ich sagen. Aber im Durchschnitt – nein. Holland hat ja auch keine Musikschulen mehr, die wurden alle wegrationalisiert, es gibt keinen Nachwuchs mehr. Auch in den Schulen gibt es ja immer weniger Musikunterricht in Holland, oder? Ja, das ist wirklich katastrophal! Wenn Leute nachkommen, dann also eher aus dem Ausland, aus Deutschland und so weiter. Auf der anderen Seite gibt es in Deutschland vergleichsweise wenige Konzerte, auch wenig Auftrittsmöglichkeiten etwa für Blockflöten-Consorts; das ist zumindest mein Eindruck. Ja, das mag so sein. Das hat natürlich mehrere Gründe: einerseits hat sich das professionelle Blockflötenspiel natürlich weiterentwickelt, aber es gibt eben auch eine Entwicklung hinsichtlich der Literatur, der Programmierung. Und wie man es auch dreht und wendet: wenn man wirklich originale Blockflötenmusik zum Beispiel aus dem Barock haben will, da existiert einfach nur sehr wenig. Es gibt durchaus Stücke, aber das ist fast niemals Top-Musik. Die Stücke sind gut, aber nicht meisterlich. Naja, gut, es gibt so ein paar Highlights wie meinetwegen die Händelsonaten, die das Publikum dann ständig hören will – oder muss. Aber natür-

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