Toccata 03/2022

lich gibt es nicht so viel wie für beispielsweise Tasteninstrumente, was wirklich gut ist. Eben. Und wenn man dann nicht immer dasselbe spielen will, muss man doch bei den anderen Instrumenten klauen, Dinge bearbeiten. Bach hat einfach nichts Solistisches für Blockflöte geschrieben, aber wenn ein Barockmusiker keinen Bach spielen kann: das ist undenkbar. Und das ist eben auch ein Problem: ich gehe auch nicht gerne in Konzerte, in denen Blockflötisten echte Barockliteratur spielen, die original für Blockflöte komponiert wurde – das finde ich einfach zu langweilig. Selbst wenn sie sehr gut spielen, ist die Musik nicht interessant, und ich habe sie nach 60 Jahren Beschäftigung damit vielleicht auch einmal zu oft gehört. Das mag ganz gut geschrieben sein, aber es ist doch zweit-oder gar drittrangig. Na gut, aber was die Blockflöte zumindest für meinen persönlichen Geschmack auch ein Stück weit ausmacht, ist doch ihre Qualität als Consort-Instrument. Und am Consortmusik gibt es ja nun wirklich unendlich viel, was auch wirklich gut ist, oder? Das stimmt natürlich. Nur wird das in Deutschland sehr wenig gespielt – auch wenig verlangt. In Holland kann man das spielen, da höre ich so etwas öfter. Ja, das haben wir in Amsterdam auch am Konservatorium viel gemacht. Noch heute sind die Studenten da verpflichtet, vier Jahre lang Consort zu spielen, denn da gibt es eben die gute Literatur, wie Sie sagen. Also, das wirklich gute Repertoire für die Blockflöte findet sich in der Renaissance, und dann wieder in der Moderne. Dazwischen gibt es gerade mal eine Handvoll interessanter Sachen. Telemann hat natürlich gute Stücke für Blockflöte geschrieben – aber dann auch kein Solo! Ja, das ist dann wie Vivaldi schon mit Orchester. Eben. Es herrscht also wirkliche Armut für die Blockflöte! Nun haben Sie ja selbst auch ein Lehrbuch für die Blockflöte geschrieben. Wie würden Sie das denn heute, im Nachhinein selbst beurteilen: was das ein wichtiger Punkt, dass es sowas dann überhaupt einmal auf hohem Niveau gab? Naja, sagen wir mal so: es verkauft sich noch heute enorm gut, obwohl es schon 40 Jahre alt ist (lacht)! Ja, das glaube ich! Aber vor 40 Jahren gab es eben auch noch nicht viel, und in letzter Zeit kommen doch deutlich mehr Lehrbücher für kleine Kinder heraus, in denen dann die bunten Bildchen wichtiger sind, als der eigentliche Inhalt. Sie waren also doch der erste, der in moderner Zeit so etwas auf ernsthaften Niveau veröffentlicht hat, oder? Ja. Und hatte das dann auch einen für Sie merklichen Effekt, dass etwa mehr Leute dann anfingen, professionell Blockflöte zu spielen? Naja, diese drei Bände sind in neun Sprachen übersetzt, aber sie wenden sich schon an professionelle Spieler, Dozenten und Studenten. Nicht an Kinder oder Anfänger. Da flossen auch meine Erfahrungen einen, die ich mit Studenten aus allerlei Ländern gemacht hatte, dass die Leute zum Beispiel eine falsche Armhaltung hatten, dass irgendwas mit dem Daumen nicht funktionierte, dies und das, dass sie schon mal nicht wussten, wie sie sie Flöte eigentlich halten müssen. Und so stand auch im ersten Band dann eben am Anfang: was man auch spielen möchte: die Erfahrung zeigt, dass dieses und jenes die beste Handhaltung ist. Bei anderen Instrumenten war man in dieser Hinsicht damals schon viel weiter –– denken Sie beispielsweise an die Geige: da gab es überhaupt keine Diskussion, wie man die Geige hält! Naja, da streiten sich die Geister heute noch, ob unterm Kinn oder an der Schulter und so weiter. Gut, ja, aber wie man eben mit der linken Hand greift, das ist glaube ich schon ziemlich lange klar, das hat sich auch kontinuierlich über hunderte von Jahren entwickelt. Bei der Blockflöte dagegen hat sich 150 Jahre lang gar nichts getan, die war einfach mehr oder weniger vergessen, und niemand wusste mehr, wie man sie korrekt hält. Schon gar dann sehr große oder sehr kleine Flöten: da muss man doch genau wissen, wie man sie hält, und auch die Artikulation muss angepasst werden, die Atmung. Aber das ist natürlich ein Thema für professionelle Spieler. Es gibt ja auch beispielsweise einen Unterschied zwischen der Geige und der Bratsche, aber beide Instrumente werden doch sehr häufig kombiniert, die Haltung ist ja sehr ähnlich. Aber es macht durchaus ein Unterschied, ob man auf einer Renaissanceflöte oder einer späteren spielt, auf einer viereckigen oder auf einer runden, auf einer Garkleinflöte oder einer Bassflöte: da muss man schon drüber nachdenken, wie man das Ding dann festhält – sonst kann man gleich zum Physiotherapeuten gehen... (Lacht) Ja, das ist richtig! Das kann man dann also auch in Ihrem Lehrbuch lernen? Oh ja. Da geht es um die ganze Vielfalt der Blockflöteninstrumente. Band 1 lehrt die Grundlagen, wie man blasen muss, wie man die Flöten hält und diese Dinge, und es gibt entsprechende Übungen. In Band 2 geht es darum, die ungefähr 500 verschiedenen Griffe zu verstehen, wie das organisiert ist, und in Band 3 geht es um zeitgenössische Musik und die dafür nötige zusätzliche Technik. Und wie wäre es mit einem künftigen Band 4, über Improvisation…? Naja, ich bin nun 73 Jahre alt; ich denke, das lasse ich dann doch jemand anderen machen. Wenn ich nun – 40 Jahre nach Teil drei – einen vierten Band schreiben würde, dann wäre das glaube ich eher über Ensemblespiel. Aber das muss eigentlich auch nicht sein, denn das wird heute so gut gemacht, so gut auch gelehrt, und ich kenne einige Ensembles, die da wirklich alles drüber wissen: da brauche ich kein Lehrbuch mehr schreiben. Ich glaube, unser Problem ist eher, das es zwar unglaublich viele Flötisten gibt, die unglaublich viel wissen, aber wir kennen einander nicht. Wir wissen nicht, wer was weiß, und es gibt keinen Kanal, wo man sich darüber austauscht. So etwas wie das jährliche Symposium der Dermatologen oder so? Zum Beispiel, ja. Und so etwas haben wir eben nicht. Deshalb habe ich vor ein paar Monaten beschlossen, ich müsste doch mal einen Catalogous of interpretation begründen, der zeigt, auf wie viele unterschiedliche Arten man Blockflöte spielen kann. Analog zu dem Catalogue of contemporary recorder music, den sie schon aufgesetzt haben? Ja, aber dann grundlegender. Ich habe mir gedacht: ich habe in den sechziger Jahren studiert, und damals waren die symphonischen Instrumente – insbesondere die Bläser, die Holzbläser – so ein bisschen geteilt: man hatte eine deutsche Art des Spielens, einen französischen Klang, einen niederländischen Klang und so weiter. Heute haben die alle denselben Klang, denn die Musiker müssen theoretisch in jedem Symphonieorchester der Welt spielen können. Insofern müssen sie so eine Art allgemeinen Facebook-Klang haben. (Lacht) Oh ja, ich verstehe was Sie meinen! Das gleiche gilt beispielsweise für Pianisten: so gut das auch ist, was die spielen – man hört ausschließlich Steinway-Klaviere, bei Klavierabenden. Egal ob die Leute Bach oder Beethoven oder Fauré spielen. Also, die sogenannten wichtigsten Instrumente in der klassischen Musik Ausbildung sind gewissermaßen implodiert; nicht explodiert, sondern implodiert. Was aber doch einfach an unseren modernen Mainstreamgegebenheiten im Musikbetrieb liegt: wenn man als Pianist heute eben jeden zweiten oder dritten Tag in einem andern Land mit einem anderen Orchester anderes Repertoire spielt, hat man einfach keine Zeit und Muse mehr, sich auf neue Instrumente einzulassen. Ja, genau. Aber das finde ich unglaublich schade! Immerhin: die gewissermaßen peripheren Instrumente, wie eben Blockflöte, Saxophon, Panflöte und so, sind immer frei gewesen, und da sieht man dann eine enorm breite Entwicklung. Die waren einfach niemanden lästig, niemand hat sich dafür interessiert (lacht)! Ja, in dieser Hinsicht ist das ein echter Vorteil… Eben! Und deshalb dachte ich, all die professionellen Blockflötisten in allen Ländern kennen doch die Sammlung Der Fluyten Lusthof von Jacob van Eyck. Das hat jeder einmal gespielt, zumindest einzelne Stücke daraus. Und das Gute daran ist, dass man schon in seiner dritten Blockflötenstunde, wenn man acht Jahre alt ist, alle Themen daraus spielen kann; die fünfte Variation dagegen muss man doch üben, auch wenn man schon 80 ist. Das heißt aber eben, man hat in dieser Sammlung wirklich alle Schwierigkeitsgrade vertreten. So dachte ich also, wenn ich alle Spieler, die ich kenne – und das sind so vielleicht 150 – bitte, eines dieser 143 Stücke zu spielen, dann haben wir alle beisammen. Ich habe ihnen also eine E-Mail geschickt, ob sie nicht jeweils drei der Themen einfach zuhause, in ihrem Wohnzimmer oder Musikzimmer mit ihrem Smartphone als Video aufnehmen könnten, und ich setze die dann auf YouTube und jeder kann sich das da anhören. Die Idee war, dass jeder dafür sein besonderes Lieblingsthema spielt und dazu zwei andere, die er noch nie gespielt hat, jeweils mit allen Variationen. So ist das also nun ein Katalog all der Arten und Weisen, wie Musiker spielen können – und ganz nebenbei auch noch einen Katalog dieser Stücke von van Eyck. Und geben Sie dann jeweils noch Erklärungen dazu? Denn ich würde befürchten, dass ziemlich viele Hörer da einfach keinen Unterschied feststellen werden, sondern nur finden, dass das alles ganz schön ist. Naja, man sieht da den Titel stehen und bei manchen steht dann eben auch der Verweis, dass es von diesem Stück zwei, drei oder mehr Aufnahmen gibt, und dann kann man direkt vergleichen. Und auf jeden Fall kann man nur feststellen, dass 43 INTERVIEW TOCCATA - 119/2022

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