Toccata 03/2022

es schneller oder langsamer gespielt wird, dass der eine es auf einer Sopran-, der andere auf einer Tenorblockflöte spielt und solche Sachen. Es steht dann auch darunter, wer das Spiel, auf welcher Flöte, von welchen Flötenbauer und so weiter. Wie fein die Hörer das dann differenzieren, hängt natürlich vom Einzelnen ab. Wie weit sind Sie da inzwischen? Gut bei der Hälfte der Themen, gespielt von etwa 60 Blockflötisten, denn alle waren ganz begeistert von der Idee. Und wo findet man das? Unter /. Das ist die Homepage, und wenn man da auf die einzelnen Stücke klickt, kommt man zu den Videos auf YouTube. Das ist wirklich eine gute Idee! Danke. Und ja, ich finde das auch wirklich interessant, dass wir Blockflötisten uns da eben auch gegenseitig hören können. Es kommen auch ganz überraschende Sachen; ein Flötist kommt zum Beispiel aus Südperu, von dem hatte ich noch nie gehört, er ist auch Autodidakt. Aber der hörte von der Aktion, fragte mich dann, ob er da auch mitmachen dürfte, und ich sagte ihm, er solle einfach mal etwas schicken. Das tat er dann – und er spielt wirklich fantastisch! Also haben wir ihn natürlich auch auf die Seite genommen. Und für mich war es auch eine große Freude, zu sehen, wie viele gute Spieler es eben überhaupt inzwischen gibt. Vor 60 Jahren, als ich anfing, da gab es fast gar keine guten Blockflötisten auf dieser Welt – vielleicht zehn oder 15 –, und inzwischen sind es hunderte! Wenn nicht mehr. Es machen ja allein jedes Jahr hunderte ihren Abschluss an einer Musikhochschule. Ja. Das ist also wirklich eine enorm erfolgreiche Entwicklung, von Kindertute zu einem auf der ganzen Welt geschätzten, professionell gespielten Instrument. Und ja, in diesem Sinne bin ich durchaus ein Pionier! Wo sehen Sie die Zukunft der Blockflöte: Mehr und mehr nur noch Virtuosität und zunehmender Starkult im Sinne des Mainstream-Musikbetriebs? Nein. Ich glaube, es liegt wenig Potenzial – und Auswahl – im Solo-Denken. Dafür war die Blockflöte auch niemals gedacht. Wobei sich die Festivalleiter und Programmatoren natürlich nicht unbedingt dafür interessieren, für was die Blockflöte gedacht war – sie wollen einzig den vermeintlichen Wünschen ihres Publikums nachkommen. Ja, aber zumindest bei den Festival für zeitgenössische Musik interessiert man sich doch sehr für die Blockflöte und ihr eigentliches Repertoire. Ich spiele heute freilich selbst kaum noch Konzerte, sondern ich gebe alles, was mehr angeboten wird, an ehemalige Studenten weiter. Das mache ich schon jahrelang. Aber ich sehe trotzdem eben auch, dass Barockfestival überhaupt nicht mehr an der Blockflöte interessiert sind. Oder vielleicht fragen mich die richtigen Barockfestivals auch einfach nicht, weil sie mich eben nicht als Barockspieler sehen. Verstehen Sie das als Kompliment oder als Fehleinschätzung (lacht)? Naja, ich finde das eigentlich dumm, wenn sie so in Entweder-oder-Kategorien denken. Wir denken in Und-und! Man kann noch alles machen, zeitgenössisch und Barock, mit der Blockflöte. Aber das finde ich ohnehin sehr, sehr traurig in der Barockszene, dass die mentale Trennung da immer weiter wächst, im Sinne einer Geschmackspolizei und eines: wir wissen, wie das sein muss. Das ist irgendwie lächerlich, denn niemand weiß, wie es sein muss. Dann ist Ihr Lusthof-Projekt auch etwas, was Sie dem entgegensetzen? Ja, auf jeden Fall. Aber auch da kam schon ein Musikwissenschaftler, der uns dann mitteilte, in diesem und jedem Stück müsse das f eigentlich ein c sein. Ja, was sage ich dann? In der ersten Ausgabe steht da ein f, in der zweiten ein c, oder wie auch immer – aber vielleicht will ich persönlich da ein e spielen...? Das ist nicht gestattet! Ja, offenbar (lacht)! Aber ja, niemand weiß es, niemandem gehört diese Musik, niemand hat sie gekauft. Natürlich muss ich hundertprozentigen Respekt vor dem Komponisten haben. Aber wenn ich mir die Variationen von van Eyck anschaue, und im Vergleich dazu andere Musik aus dieser Zeit, dann war er wirklich ein Avantgardist. Und diesen modernen Geist, den darf ich ja wohl heute auch haben. Ich verändere also keine Noten, ich spiele kaum mal eine zusätzliche Note, aber was Tempo oder Charakter betrifft – da muss ich etwas Persönliches daraus machen. Gibt es heute in der Blockflötenwelt noch bestimmte Schulen, bestimmte stilistische Eigenheiten hinsichtlich Ländern, Hochschulen, Lehrern? Können Sie da etwas unterscheiden, wenn Sie jemanden spielen hören? Nein, ich glaube es geht mehr darum, den französischen, den deutschen oder italienischen Klang zu verstehen, all diese Eigenheiten spielen zu können. Was ich in der Barockmusik zu häufig höre, besonders bei Streichern, ist, dass der Barockklang vor allem kein romantischer Klang ist. Aber sie haben oft eine Art von Darmsaitenton mit so wenig wie möglich Vibrato, und mit dem spielen sie dann eigentlich alles. Das ist also gewissermaßen ihr Steinway-Flügel. Und was ich gerne hätte, ist, dass man schon am Auftakt hören könnte, ob das nun französischer, deutscher oder italienischer Stil ist, weil das eine andere Sprache, eine andere Textur der Musik ist, eine andere Artikulation. Also, Sie würden dann auch von den Leuten verlangen, dass sie all diese verschiedenen Stilarten beherrschen. Nun, ich verlange das nicht, aber sie sagen ja von sich selbst, sie seien Spezialisten für das barocke Repertoire. Und dann würde ich davon ausgehen, dass sie all diese verschiedenen Stilistik der Zeit beherrschen und dass es auch unterschiedlich klingt, wenn sie unterschiedliches Repertoire spielen, und eben nicht alles in der gleichen Weise artikuliert wird. Ich meine, wenn man als Blockflötist nur mit tü-dü-tü-dü-tü-dü artikulieren kann, oder te-ke-te-ke, oder was auch immer, dann ist das ein bisschen wenig, weil es eben mindestens 30 verschiedene Arten der Artikulation gibt – weil eben alle Länder, alle Stile etwas anderes verlangen. Und sehen Sie die Blockflötenwelt da auf einem guten Weg? Ja, es gibt schon viele Leute, die das wirklich können. Das muss man natürlich üben, und manche Blockflötisten sind da zu faul für, oder sie wollen es einfach nicht; aber tatsächlich gibt es viele, die es können. Das habe ich auch immer versucht, meinen Studenten in Amsterdam beizubringen. Wenn das jemand nicht macht, dann ist das natürlich auch okay, aber dann finde ich es eigentlich nicht angemessen, wenn er sich professioneller Blockflötist nennt. Ich meine, ich habe deswegen keine schlaflosen Nächte – aber für meine Begriffe passt das dann einfach nicht, wenn man quasi nur ein Drittel seines Faches beherrscht. Also, ich nehme meine Musik, mein Instrument einfach ernst, und deswegen wird es auch nie langweilig. Und ja, ich habe das auch immer wieder bei meinen Schülern, Studenten gesehen, dass die das ebenso handhaben. Sie sind also prinzipiell ziemlich optimistisch, was die weiteren Entwicklungen in der Blockflötenwelt betrifft? Ja, ich bin sehr optimistisch. Die Generation von Musikern, die jetzt studiert, oder gerade Examen gespielt hat – und nicht nur Blockflötisten, sondern alle die, die sich in der Alten Musik bewegen – die sind einfach so viel besser ausgebildet, als wir damals: das ist wirklich beeindruckend! Vielleicht kann man auch sagen, sie sind überhaupt ausgebildet. Denn so eine spezialisierte Ausbildung, die gab es ja eben vor 60 oder 40 oder teilweise auch noch 20 Jahren nicht. Genau. Wir wussten damals so vieles einfach nicht. Ich habe zum Beispiel auch Traversflöte gespielt, und wenn ich heute Aufnahmen von damals anhöre, denke ich: Mein Gott, das war so armselig! Da spielen die jungen Leute heute alle so viel besser! Das zeigt uns aber auch, dass diese Entwicklung wirklich sehr schnell vor sich ging. Ich habe Traverso erst so mit 25 oder 26 ausprobiert, und damals gab es sogar durchaus schon Flötenbauer, die sich auf hohem Niveau mit diesen Instrumenten beschäftigten – aber die waren viel weiter, als die Spieler damals. Und für die wenigen Spieler gab es keinen Unterricht. Ja, damals gab man sich einfach gegenseitig Unterricht. Ich hatte eben das große Glück, dass ich mit Frans Brüggen im Haus wohnte, und wenn wir beide zuhause waren, dann haben wir beispielsweise Duette auf der Traverse gespielt, von Mozart, oder von Wilhelm Friedemann Bach, und dabei haben wir dann gelernt. Vor allem voneinander; obwohl Frans auch niemals ein wirklich guter Traverso-Spieler war. Und dann natürlich von der Musik: wir mussten uns die Komponisten anschauen, die Musik, den Stil untersuchen, überlegen welche Artikulation da vonnöten war, all diese Dinge. Das muss man natürlich wirklich wollen – aber wenn man das tut, dann hat man auch verdient, sich seine eigene Meinung dazu zu bilden. Im Rahmen dieser Gegebenheiten. Was machen Sie – jetzt mal abgesehen von dem Lusthof-Projekt – dieser Tage? Spielen Sie noch, unterrichten Sie noch? Naja, offiziell bin ich ja schon 2013 in Rente gegangen, aber damals hat mich das Konservatorium noch nicht gehen lassen. Ich bin also immer noch in die Entwicklung das Curriculums involviert, ich coache, und ich bin Vorsitzender bei Abschlussprüfungen. Und dann kommen immer mal Master-Studenten vorbei, mit ihren Interpretationsfragen, auch im Hinblick auf Romantik, auf 44 TOCCATA - 119/2022 INTERVIEW

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