Toccata 03/2022

Zusammenspiel, und auch nicht nur Blockflötisten, sondern auch beispielsweise Saxophonisten oder Streicher, Marimba – alles. Und dann reise ich doch noch jedes Jahr mal nach Japan, nach Wien für Meisterklassen. Aber eigentlich mache ich so wenig wie möglich, weil ich der neuen Generation Raum geben möchte. Das ist mir sehr wichtig. Fragen, Übersetzung aus dem Niederländischen und Übertragung: Andrea Braun Eduardo Torbianelli Herr Torbianelli, Sie haben sich als Tastenspieler auf ein auch für die Alte Musikszene eher ungewöhnliches Repertoire spezialisiert, nämlich das 18. und 19. Jahrhundert. Warum, wie kamen Sie dazu? Naja, eigentlich habe ich mich auf ein relativ breites Spektrum von Repertoire spezialisiert. Dafür durchlief ich eine ganz normale Ausbildung als Pianist, und habe auch noch lange als solcher gespielt; bis heute spiele ich gelegentlich auf modernen Instrumenten – als etwas ganz normales, was ich auch nicht verweigern oder ablehnen möchte. Denn ich finde, auch ein neues Instrument ist unbedingt ein interessantes Werkzeug, wenn es eine gewisse Qualität hat, obwohl es vielleicht eine andere Klangfarbe anbietet als ein historisches Instrument. Wenn auch nicht immer. Und ja, als moderner Pianist habe ich natürlich ein relativ breites Repertoire kultiviert, allerdings durchaus mit einer gewissen Liebe zu älterer Musik. Dabei fing ich aber bald an, auch Fragen zur Bedeutung und der inneren Botschaft dieser früheren Musik zu stellen, die mir so am Herzen lag und liegt, und in diesem Sinne begann ich dann schnell auch zu forschen, was diese Musik uns wirklich vermitteln will. Auch weil alle meine Intuitionen Fragen aufwarfen: die Intuition bezog sich immer auf die Sensibilität, das Seelische, dass Innerliche der Musik, aber natürlich musste ich auch irgendwie verifizieren, ob diese Intuitionen auch den Gedanken entsprachen, mit denen diese Musik geschaffen wurde. Da drängten sich die historischen Instrumente also geradezu auf... Ja, genau. Ich war aber auch schon immer begeistert von historischen Instrumenten, nachdem ich als Kind in einem Museum ein Instrument aus der Beethoven-Zeit gesehen hatte. Das übte auf mich damals schon einen unglaublichen Reiz aus. Damals gab es allerdings noch wenig Kultur rund um die alten Instrumente, auch wenig Kommunikations– und Informationsmöglichkeiten zu diesem Thema; die waren wirkliche Raritäten. Ein anderer wichtiger Aspekt, warum ich mich dann hauptsächlich den historischen Instrumenten zugewandt habe, war, dass ich die historischen Quellen für mich entdeckte. Das ist tatsächlich erst recht spät geschehen, als ich etwa 20 oder 21 war, und erstmals über entsprechende Traktate und ästhetische Zeugnisse fiel. Also nicht nur Instrumental- oder Vokalschulen, sondern auch Zeitschriften, Bücher zur Ästhetik, zur Kultur einer Zeit. Das hat das Panorama des Repertoires für mich sehr verbreitert und auch interessanter gemacht und mir wurde erst wirklich bewusst, wie unglaublich viele Zeugnisse und Quellen es eben auch zum romantischen Repertoire gibt – wovon in meiner pianistischen Ausbildung niemals auch nur die Rede gewesen war! Eine weitere große Entdeckung waren für mich die frühen Tondokumente: der größte Funke sprang tatsächlich über, als ich erstmals Aufnahmen vom Beginn des 19. Jahrhunderts gehört habe; nicht nur Klavier, sondern zum Beispiel auch Streichinstrumente und anderes. Das war etwas Ungehörtes, was mich wirklich tief beeindruckte – da hat sich eine Welt geöffnet! Und dann fingen Sie auch selber an zu forschen? Ja, genau. Und diese Forschung ist ja gewissermaßen unendlich, man hat nie alles gefunden, es hört nie auf. Die Koordination zwischen den historischen Tondokumenten, dem Hörbaren, und den Schriften, dem Lesbaren, das ist natürlich das Interessante, und damit kann man dann anfangen, zu verstehen, was die Werte der Musikausbildung im 18. und 19. Jahrhundert waren: die Werte der Instrumentalerziehung, der Stimmerziehung, im Ausdruck, in der Technik. Da geht es dann um die Ziele in der Musik und das ist eine Frage, die meiner Meinung nach in der heutigen Alte MusikWelt noch immer wieder gestellt werden müsste. Und warum geschieht das nicht? Das kann ich nur vermuten, das wissen Sie vielleicht besser als ich. Es gibt natürlich eine Verschiebung der Werte der Kunst in der Gesellschaft, eine Kommerzialisierung, eine sehr breite Diffusion, die natürlich auch Konsequenzen hat, und meiner Meinung nach spielt auch mit, dass die Musik von früher ja heute in komplett anderen Kontexten aufgeführt wird als damals. Obwohl ein Teil der inneren Botschaft der Musik ja auch in Verbindung mit eben diesen Kontexten liegt, in denen sie erklingt. Doch wir spielen heute alles in denselben Räumen, wir nehmen alles auf CD auf, sei es religiöse Musik, sei es Kammermusik, sei es Musik, die nur für einen Salon oder ein privates Ambiente geschrieben wurde, oder solche, die für große Volksaufläufe gemeint war. Das alles rangiert für uns heute fast auf derselben Ebene, die Atmosphäre einer Aufführung ist damit also eine ganz andere, als bei der jeweiligen Uraufführung. Wo kommen Sie denn als Pianist mit Ihrem Repertoire her: eher von der früheren Musik, also aus Renaissance und Barock, oder von der späteren? Beides (lacht)! Sie haben sich also in der Mitte selbst getroffen (lacht)? Genau. Ich hatte eine im Prinzip relativ normale, klassische Ausbildung am Klavier, mit der Ausnahme vielleicht, dass ich schon als Kind begonnen hatte zu improvisieren und sogar zu komponieren. Letzteres habe ich allerdings bis zu einem gewissen Punkt nicht allzu ernst genommen, aber das Improvisieren ist immer da gewesen und das Aufschreiben von Musik war also immer Teil meines musikalischen Lebens. Insofern habe ich das normale Repertoire eines jungen Pianisten gespielt, allerdings habe ich mich gleichzeitig auch schon als Kind sehr für mittelalterliche und Renaissancemusik begeistert, habe damals auch viel Orgel gespielt, und schließlich im Familienkreis viel frühe Musik gemacht – obwohl ich nun nicht aus einer wirklich musikalischen Familie komme. Sondern? Naja, meine Eltern waren keine Musiker, aber mein Bruder hat auch gesungen und gespielt und wir beide haben unglaublich viel Alte Musik miteinander gemacht, noch als Kinder. Ich habe auch in einem Jugendchor Polyphonie gesungen – also, eigentlich kann ich nicht sagen, dass ich dezidiert aus der einen oder anderen Richtung kam. Ich habe jedenfalls relativ spät zum ersten Mal beispielsweise ein Cembalo ausprobiert, denn ein solches in Italien zu finden, war in meiner Jugend nicht so leicht wie heutzutage. Da haben sich die Zeiten unglaublich geändert! Erst kurz bevor ich zum Studium nach Belgien umzog, habe ich also in Italien noch ein Cembalo-Diplom gemacht; doch das war eigentlich nur die Offizialisierung dessen, was ich schon jahrelang für mich selbst, als Amateur betrieben hatte. Und wie hat sich Ihre Ausbildung dann in Flandern entwickelt? Ich habe dort acht Jahre studiert, am Konservatorium in Antwerpen, und in dieser Zeit ist sehr viel passiert: der Sprung von einer relativ kleinen Stadt in Norditalien nach Antwerpen, als – damals schon – Zentrum der Alten Musik, war ein sehr großer, Anfang der Neunzigerjahre! Das kann ich mir vorstellen! In Antwerpen habe ich Dinge zum ersten Mal gehört und gemacht, von denen ich vorher nur hätte träumen können (lacht)! Das war eine ganz andere Welt, hier waren Sachen selbstverständlich, von denen in Italien seinerzeit noch überhaupt nicht die Rede war. Aber im Nachhinein muss ich auch sagen, dass es vielleicht gar nicht so schlecht war, diesen etwas schwereren Weg zu gehen, um zu den eigenen Zielen zu gelangen, denn das hatte mit Sicherheit einen gewissen Einfluss auf meine Forschungslust. Ich habe viel gelernt bei diesen Schwierigkeiten, einen Weg zu finden. Sie mussten ja auch noch ganz altmodisch in Bibliotheken gehen, um etwas nachzuschlagen, Noten zu finden, Quellen einzusehen, während heutige junge Musiker da schnell mal eine Googlesuche losschicken. Ja, das ist schon deutlich komfortabler – ich will auch ganz bestimmt nicht zurück (lacht)! Was spielen Sie denn heute vor allem, was ist Ihr Hauptrepertoire, Ihre liebste Besetzung? Mein Repertoire ist ziemlich breit, das hängt davon ab, wofür ich eingeladen werde. Oder ob ein Programm, das ich zum Beispiel auf CD aufgenommen habe, nochmal für ein Festival angefragt wird INTERVIEW TOCCATA - 119/2022 45 Eduardo Torbianellli

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