Toccata 03/2022

TOCCATA - 119/2022 47 INTERVIEW schen zu präludieren und sich in einem Tonsystem spontan zu bewegen, muss diese Erfahrung doch vorhanden sein, denn das legt für meine Begriffe den Maßstab fest, wie man ein bestimmtes Repertoire spielt. Sie müssen einfach verstehen, dass das, was sie da in der Partitur sehen, nur ein Überlieferungssystem für einen lebendigen Klang ist, der die eigentliche Musik ausmacht. Und wenn sie lernen, sich selbst in diesem Tonsystem zu bewegen, wenn sie das verstehen, dann bewegen sie sich auch am Klavier sozusagen durch andere Kanäle, dann entstehen andere psychomotorische Verbindungen – was das Ergebnis des Spiels komplett verändert. In welche Richtung entwickelt sich das Spiel auf den historischen Tasteninstrumenten des 18. oder 19. Jahrhunderts Ihrer Meinung nach: geht das mehr in Richtung modernes Klavierspiel – dass moderne Pianisten sagen: Jetzt spiele ich auch mal ein bisschen Fortepiano – oder gibt es mehr in Richtung weiterer Spezialisierung, Ausrichtung auf die historische Aufführungspraxis? Ich glaube beides. Die zwei Welten koexistieren, wenn sie auch sicherlich sehr weit voneinander entfernt liegen. Es ist bei modernen Pianisten heute gewissermaßen in Mode, einen oberflächlichen Kontakt mit dem Instrument zu haben, und manchmal ergibt das interessante Ergebnisse, manchmal aber auch absolut nicht. Dann ist es einfach nur ein kommerzieller Kniff. Auf der anderen Seite gibt es aber auch musikhistorische Forschung, die sich wiederum zu stark auf die Frage konzentriert, wie die Musik seinerzeit gespielt wurde, in der Überzeugung: wenn wir es ebenso machen würden, wären wir auf dem richtigen Weg. Aber wenn dann die nötige künstlerische Qualität nicht vorhanden ist, wenn eine wirkliche Aufnahme und eine persönliche Verarbeitung der Botschaft der Musik fehlt, funktioniert auch das nicht immer. Die Balance ist also schwierig, denn auch wenn wir alles über den Stil und den Inhalt eines Stücks erforscht haben, müssen wir doch immer noch kreativ spielen, müssen wir Intuition mitbringen. Man muss sich also heutzutage wirklich vor einer zu oberflächlichen Aneignung der Musik, des historischen Instruments durch moderne Pianisten hüten, aber andererseits ist es natürlich auch verständlich, dass das Alte Instrument viele Musiker reizt. Viele junge Leute haben inzwischen eben auch verstanden, dass auch das beste moderne Instrument nicht für jedes Repertoire beste Dienste leistet. Ich habe allerdings im Laufe der Jahre auch viele moderne Pianisten gesehen, für die das historische Instrument, das historisch informierte Spiel geradezu ein Initiationserlebnis bedeutete, und gelegentlich beobachtete ich da auch ein Missverständnis: viele Pianisten glauben, dass der Reiz nur im Ton besteht, im Klang. Natürlich ist der Ton anders, besonders wenn es sich um frühere Instrumente handelt, um Wiener Flügel oder so. Aber andererseits glaube ich auch, dass viele Pianisten diese Instrumente schätzen, weil sie menschlichere Abmessungen in der Behandlung haben: das sind Instrumente, auf denen Nuancen, Schattierungen leichter, müheloser produziert werden können. Aber das ist ja nur ein Beleg für die übermäßige Schwere und nicht ausreichende Sensibilität mancher heutiger Mechaniken! Ich hätte jetzt eher vermutet, dass es auf späteren Instrumenten leichter geht, Schattierungen zu produzieren. Denn oft wird ja den alten Instrumenten vorgeworfen, sie seien weniger versatil beispielsweise hinsichtlich der Dynamik. Nein, in vielen Fällen ist das gerade umgekehrt. Wobei es natürlich immer davon abhängt, wie man das Instrument behandelt. Ja, es stimmt, es kann auf dem Fortepiano ein Gefühl von Unkontrollierbarkeit, von eigenartiger Reaktion entstehen, vor allem, wenn man auf eine Art spielt, die auf modernen Mechaniken beruht – die nicht nur viel tolerieren, sondern auch viel Kraft und Mühe erfordern, weil sie zu tief und zu schwer sind. Aber es gibt tatsächlich viele sensible Pianisten, die sich auch ohne Vorkenntnisse sehr schnell auf einem historischen Instrument zurechtfinden, weil sie das Gefühl haben, dass alles leichter geht; das Thema ist natürlich sehr subtil und nicht nur einseitig zu betrachten. Tatsächlich finde ich aber auch, dass manche moderne, große Instrumente heutzutage so konstruiert sind, dass sie wirklich nicht mehr auf feine, subtile Impulse ansprechen. Ich hatte erst kürzlich ein Konzert gespielt auf einem Instrument mit einem Tiefgang von 12, fast 13 mm! Das ist schon sehr viel und das macht zarte Nuancen wirklich kompliziert. Aber das ist doch auch eine Frage der Tastengewichtung, und es gab ja gerade Anfang des 20. Jahrhunderts Tastengewichtungen, die fünfmal so hoch waren, wie bei heutigen Flügeln. Vom 19. Jahrhundert ganz zu schweigen. Naja, das Problem der Koordination zwischen Gewichtung, Tiefgang und Anschlagspunkt der Tasten ist ein sehr komplexes, und wir sind auch heute noch weit entfernt von einer Lösung! Sowohl, was die historischen Instrumente betrifft, als auch die neuen. Ich versuche deshalb soweit möglich, diese Diskussion immer wieder zu führen, auch mit Kollegen, die moderne Instrumente spielen, doch für einen ein wenig historischeren Blick offen sind. Und ich glaube, das ist ein Thema, das ich in Zukunft auch gerne mit einer Art Gremium weiterentwickeln möchte, mit viel Austausch. Denn man kann da vielleicht noch viel, viel entdecken und die Situation entschieden verbessern. Was wünschen Sie sich für die Ausbildung von – nicht nur historischen – Pianisten für die Zukunft? Unter anderem, dass man die Bedeutung von Kreativität als Teil der Interpretationsforschung, als Teil der Kenntnis eines Pianisten, der frühe Musik spielt, begreift. Und dass sich auch die Ausbildungen eben langsam in diese Richtungen entwickeln, damit die Fähigkeit, selbst Musik zu schaffen, mehr und mehr Raum bekommt. Ich unterrichte ja unter anderem an der Hochschule im schweizerischen Bern Fortepiano und Aufführungspraxis, aber seit einigen Jahren gebe ich dort auch Kurse – also beschränkte Module – für Improvisation im historischen Stil für moderne Pianisten. Und ich merke dabei immer wieder, wie ungemein interessant diese Konfrontation für die Studierenden ist. Das Potenzial eines solchen Erlebnisses – also der Fähigkeit, die Literatur anders zu spielen – ist enorm, und das ästhetische Resultat, dass man bekommt, ist erstaunlich. Die Erfahrung des Spielers beim Spiel wird durch die eigene Kreativität eine ganz andere. Und eigentlich mehr im Sinne von Vertrauen und Beglückung als im Sinne von Komplikation: die Erfahrung, selbst Musik zu machen, zu kreieren, macht gleichzeitig die Literatur der Vergangenheit zugänglicher. Das liegt mir wirklich am Herzen. Und, dass die Musik noch immer eine ernsthafte Aktivität bleibt, die geistige Erhebung und menschliche Verbindung bringt; dass sie dazu dient, Menschen einander näher zubringen, sich einander zu öffnen. Fragen und Übertragung: Andrea Braun Interview mit Thorsten Preuß vom Bayerischen Rundfunk, BR Klassik Herr Preuß, in unserer kleinen Serie über Podcasts, beziehungsweise Rundfunksendungen zur Alten Musik geht es heute um das sogenannte Radiolexikon Alte Musik – zu finden auf https://www.br-klassik.de/programm/sendungena-z/stichwort-lexikon-alte-musik100.html –, das Sie bei BR Klassik, dem Klassikangebot des Bayerischen Rundfunks betreuen. Wie lange gibt es das schon, wie viele Stichworte hat das Lexikon? Der erste Beitrag unseres Radiolexikons lief genau am 3. Januar 2010 und lautete Basso Continuo. Seither lief die Reihe weiter bis Ende 2019, mit einem neuen Stichwort jede Woche am Sonntag, und teilweise auch an Feiertagen. Seither gibt es nicht mehr jede Woche ein neues Lemma, sondern auch Wiederholungen, aber auf jeden Fall geht es mit dem Radiolexikon noch weiter. Und ja, das waren also zehn volle Jahre mit im Schnitt einem Stichwort pro Woche – also verzeichnen wir inzwischen über 500 Folgen. Und was hört man in diesem Lexikon, was ist die Idee dahinter, wie sind diese Stichworte aufgemacht? Es geht um alle Themen der Alten Musik, und wir wollen damit ein Lexikon bieten, das musikinteressierten Laien, Alte Musik-Fans, diese Themen, diese Stichworte in etwa drei– bis vierminütigen Beiträgen erklärt. Dabei fokussieren wir uns aber nicht nur wie in einem normalen Lexikon auf Komponisten und Fachbegriffe – wie eben Basso Continuo, Allemande oder Fortepiano – sondern informieren beispielsweise auch über wichtige InThorsten Preuß

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