Toccata 03/2022

INTERVIEW 48 TOCCATA - 119/2022 informieren beispielsweise auch über wichtige Interpreten aus der Alte Musik-Szene. Und da es ja in erster Linie als Radioformat begann, ist das Lexikon natürlich auch kein trockenes Informationsmedium, in dem Fakten und Daten referiert werden, sondern man hat einen Mehrwert dadurch, dass es O-Töne gibt, dass man die Leute, die Interpreten selbst sprechen und spielen hört, dass die Instrumente, die wir vorstellen, natürlich gespielt werden oder auch direkt Musik von den besprochenen Komponisten zu hören ist. Es ist also ein Lexikon, das unterschiedliche Sinne anspricht. Also keine staubtrocken wissenschaftliche Angelegenheit... Nein, der Ton ist so, dass jeder auch einen Zugang dazu findet, kein trockenes Referieren. Natürlich sollen die Fakten vorhanden sein und alles ist wissenschaftlich korrekt, aber die Stichworte sind auch ein Stück weit essayistisch angelegt, dürfen durchaus auch den subjektiven Blickwinkel eines Autors wiedergeben, bestimmte Aspekte ins Zentrum stellen. Also ein Lexikon nach dem alten Grundsatz: Belehren und Unterhalten zugleich. Wie kam es ursprünglich zu dieser Idee? Wir hatten im Händel-Jahr 2009 schon mal ein Drei-Minuten-Format gehabt, in dem wir Händels greatest hits vorgestellt haben. Das lief sehr gut, wurde von den Hörern sehr gut angenommen. Aber dann ging das Händel-Jahr zu Ende und es kam die Frage auf, was wir weiter machen – und da hatte ich die Idee, dass doch so ein informatives Lexikonformat eine schöne Sache wäre. Es gab natürlich noch andere Vorschläge in der Pipeline, aber letztendlich haben wir uns dann eben für das Lexikon entschieden. In welcher Sendung kamen, beziehungsweise kommen diese Stichworte dann? Das ist die Sendung Tafel-Confect auf BR Klassik – auf der Homepage mit dem schönen Untertitel Alte Musik zum Vernaschen –, die tatsächlich die älteste Hörfunkreihe innerhalb der ARD-Rundfunkanstalten ist: im November feiern wir unser 70 - jähriges Jubiläum, und sind damit ein bisschen älter als die Tagesschau (lacht)! Also nicht nur die älteste Alte Musik-Sendung, sondern insgesamt die älteste Sendung? Genau. Oha! Ja, wir gingen tatsächlich ein paar Wochen vor der Tagesschau erstmals on air. Und das TafelConfect ist eine Sendung, die damals, in den fünfziger Jahren, tatsächlich mit dem Impetus gegründet wurde, Laien anzuregen, Musik zu machen. Das war der Grund, warum seinerzeit die beiden Musiker Willy Spilling und Josef Ulsamer diese Sendung erdacht hatten: Sie wollten Leute anregen, zuhause zu musizieren, stellten auch Stücke vor, die sich dafür eigneten. Das haben sie so ungefähr anderthalb Jahre gemacht und dabei festgestellt, dass Alte Musik bei den Hörern besonders gut ankam – und so haben sie sich relativ rasch auf diese Alte Musik fokussiert. Die Sendung dauerte Anfangs immer eine halbe Stunde und lief am Sonntag Mittag, eben als Konfekt nach dem Sonntagsbraten, und sie hat im Grunde genommen die Originalklangbewegung in Deutschland von Anfang an begleitet, abgebildet. Josef Ulsamer nahm mit seinem Ulsamer-Collegium dann ja auch selber viel Musik auf, es gab eine enge Zusammenarbeit mit der Musikinstrumentensammlung des Germanischen Nationalmuseums, schon ab Anfang der Fünfzigerjahre auch die Musica Antiqua-Konzertreihe im Germanischen Nationalmuseum, die wir heute noch betreuen, und das lief immer so Hand in Hand: Aufnahmen im Museum, auf Museumsinstrumenten, später dann auch auf Nachbauten, aber immer noch mit der Expertise des Museums, und diese Geschichte des Forschens, des Ausprobierens, hat die Sendung im Grunde mit vollzogen. Und seither ist das Tafel-Confect ein fester Programmbestandteil am Sonntagmittag; lange im damaligen zweiten Programm des Bayerischen Rundfunks, und seit 1980, als BR Klassik gegründet wurde, auf diesem Sender. Inzwischen dauert die Sendung eine ganze Stunde und ist nach wie vor ein Treffpunkt für viele Freunde der Alten Musik. Wir bekommen ja auch immer wieder Hörerbriefe, beziehungsweise heute Hörer-E-Mails, und so können wir ganz gut sehen, dass es viele Leute gibt, die uns ganz dauerhaft treu sind: da sind immer wieder Nachrichten von Leuten, die sagen, sie hörten die Sendung seit den Anfängen, seit den fünfziger Jahren! Insofern haben wir eine große Fangemeinde, sprechen aber doch auch ein neues Publikum an, das jetzt vielleicht gar nicht so Alte Musik-spezifisch gepolt ist, denn wir versuchen durchaus, unterschiedliche Zielgruppen zu bedienen. Aber der Schwerpunkt Alte Musik ist jedenfalls gesetzt. Es gibt aber auch immer wieder Spezialsendungen... Ja, mehrfach im Jahr. Das sind dann Sendungen direkt von den Festivals der Alten Musik in Bayern, ganz besonders sind da natürlich die Tage Alter Musik in Regensburg an Pfingsten wichtig, aber jetzt hatten wir beispielsweise auch mal Bayreuth Barock oder das Musikfest Eichstätt. Und in der Sendung gibt es eben zwei Wortbeiträge: das eine ist ein CD-Tipp, die so genannte Kostprobe, in der die Alte Musik-CD der Woche vorgestellt wird, das andere ist das Stichwort der Alten Musik. Und die Stichworte stehen dann auch im online-Lexikon, wo die Hörer jederzeit auf die Podcasts zugreifen können. Wie viele Leute hören das denn jeweils, wie viele greifen darauf zu? Also, es werden sicher mehr Leute im Radio hören, als dann im online-Lexikon surfen, aber da haben wir jedenfalls im Monat ungefähr 30.000 Abrufe und die Sendung Tafel-Confect hören jede Woche so zwischen 10.000 und 20.000 Menschen. Auf der Tafel-Confect-Webseite gibt es ungefähr 10.000 Besucher pro Monat und laut Statistik unserer Medienforschung liegen die Abrufzahlen auch eines durchschnittlichen älteren StichwortArtikels pro Quartal im dreistelligen Bereich. Das klingt ja ganz gut – warum haben Sie die Frequenz der neuen Stichworte dann reduziert? Naja, 2019 war mit über 500 Lemmas so ein Punkt erreicht, an dem die wichtigsten Begriffe abgedeckt waren, also die Themen doch immer spezieller, immer exotischer wurden. Und damit für ein größeres Publikum naturgemäß immer weniger interessant. Da sah man dann auch Fragezeichen in den Augen der Autoren, wenn man ihnen ein neues Stichwort vorschlug, und auch die Kollegen aus anderen Redaktionen fragten manchmal sehr erstaunt, was das denn bitte sei. Da habe ich dann gemerkt: zu den gängigen Schlagworten der Alten Musik ist jetzt eigentlich schon alles da; wenn wir auch einzelne Aspekte übersehen haben mögen. Was wir aber von Anfang an nicht machen wollten, war so ein Biografien-Lexikon: das könnte man natürlich ins Unendliche auswalzen, aber ich denke, die wesentlichen Komponistennamen einer jeden Epoche haben wir doch abgedeckt. Wenn wir da nun ins Mittelfeld gehen würden, könnte das langweilig werden, weil es eben immer wieder Biografien sind – aber wir wollten ja unbedingt Abwechslung. Deshalb haben wir dann zwei Jahre im Tafel-Confect die Top 99 der Alten Musik vorgestellt, während das Stichwort im Forum Alte Musik am Samstagabend um 22 Uhr weiterlief, also in der zweiten Spezialsendung für Alte Musik, die wir auf BR Klassik anbieten. Mittlerweile ist das Stichwort aber wieder ins Tafel-Confect zurückgekehrt, allerdings mit vielen Wiederholungen, weil das Problem der Spezialisierung ja nach wie vor besteht. Aber es gibt auch neue Beiträge? Ja, durchaus, oft auch an Jubiläen gekoppelt. Aber die überwiegende Zahl der Stichworte sind nun Wiederholungen. Was wir momentan machen ist, das Lexikon online auszubauen. Denn während der ersten Jahre, ungefähr 2010-2014, war das Lexikon ein reines Audio-Produkt. Seither haben wir aber zu jedem Stichwort auch eine Textversion online gestellt, und momentan sind wir dabei, auch die älteren Beiträge nach und nach zu verschriftlichen, damit es wirklich ein Lexikon wird, in dem man nachlesen kann, nicht nur nachhören. Hatten Sie am Anfang schon gedacht, dass dieses Lexikon so lange laufen würde? Nein, wir hatten damals überhaupt nicht festgelegt, dass es eben über zwei oder fünf oder zehn Jahre laufen sollte. Es hat sich einfach so entwickelt, dass es gut lief, gut angenommen wurde, und deswegen haben wir es so lange weiterbetrieben – bis heute ja eigentlich, wenn auch mit leicht sinkender Frequenz. Was waren besonders abstruse Themen? Oh, zum Beispiel hat sich eine Kollegin mal mit der Frage beschäftigt, wie viele Tiere eigentlich in der Alten Musik stecken, wie zum Beispiel Knochen, Fell und Federn verarbeitet wurden. Solche Sachen sind dann immer sehr lustig und kurios – und überhaupt gibt es auch ein paar Themen, die man nicht ganz bierernst nehmen darf (lacht), PDQ Bach zum Beispiel... Also, wir haben durchaus auch Stichworte, die man in einem klassischen Musiklexikon so nicht finden würde, die sich aber bestens für Radiobeiträge eignen. Und wie lange planen Sie das Radiolexikon nun noch weiterzuführen? Naja, wir haben kein Enddatum; also, solange es angenommen wird, wird es weiterlaufen. Das war nämlich auch so eine Erfahrung, die wir gemacht haben, als wir es ins Forum Alte Musik verschoben haben: da gab es durchaus eine Reihe von Hörern, die uns schrieben und mitteilten, ihnen fehle das, sie hätten es gerne wieder im Tafel-Confect. Es hat sich aber auch noch keiner beschwert, dass nun eben einzelne Beiträge wiederholt werden, im Sinne von: schon wieder Allemande, die hatten wir doch schon vor acht Jahren... Also, solange die Leute es gerne hören, solange wird das Lexikon auch weiterlaufen!

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